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Polyrhythmus im madagassischen Salegy

Fortsetzung zum Nicht-ganz-so-Selbstverständlichen in Polyrhythmus? Selbstverständlich!

Ist der ternäre 3/4 Takt traditionell und der binäre 4/4 Takt modern, was ist dann beides gleichzeitig? Das Pendant zu Roman Herzogs sprichwörtlicher „Symbiose aus Laptop und Lederhose“-Ideologie zwecks politischer Industriestandort-Förderung? Nein, soll hier gezeigt werden.

Zum Einstieg JAC‘S Gassenhauer DabSalegy, in Musik und Bild durch und durch 21. Jh., die Szenen könnten in jedem urbanen (Vor-)Ort der modernen Welt abspielen sich:

Aus folgendem mit zwei Instrumenten musikalisch aufs Bare-Bones-Minimum reduzierten optischen „Megamix Salegy Kawitry“ kann der Kern der polyrhythmischen Struktur herausgehört werden. Mensch konzentriere sich einmal auf das straighte 4/4 Four-to-the-Floor der Kickdrum in Isolation… …und dann nur auf die Handorgel unter geistiger Ausblendung der Drums – hörbar und vor allem spielbar nur in triolischem 6/8-Takt:

In der tänzerischen Bewegung der schweren, viel Gewicht tragenden Körperteile dominiert tendenziell der 4/4, doch dieser dominiert nie den ganzen Körper – es ist immer ein irreduzibel schwebendes, mäandrierendes Beides, was das Ganze zum geforderten „quelque chose qui bouge“ (etwas, was bewegt) vom Beginn des DabSalegy-Videos macht: ein Kontinuum von binär und ternär.

Und ein solches Kontinuum konstituiert auch den modernen Salegy als Solches: Als Musikstil mit modernen elektronischen Instrumenten entstanden in den 60ern, erforderte er eben gerade keinen radikalen Bruch mit traditioneller Handorgelmusik, ein Bruch, der bei einer hypothetischen Modernisierung des Schweizerischen Pendants, dem traditionellen Hudigääggeler, musikalisch inhärent zwingend wäre.

Im kleinen Rahmen, wie in Madagaskar die Handorgel traditionell gespielt wird – es ist für ungeübte Ohren aus genannten Gründen wenig intuitiv, die Rhythmen mitzugehen und nicht gleich auszuklinken:

Auf globalem Weltmusik-Niveau bot Toko Telo für das Publikum dieselbe Schwierigkeit diesen Sommer in Toulouse, von Afropop Wordlwide charakterisiert als: „It exemplifies the absolute best of polished, acoustic, African roots music—completely of its place, but open to the whole wide world, if only it would listen.“

Was Afropop Wordlwide als „roots music“ bezeichnet, erschliesst sich vielleicht bei allem unüberbrückbaren Kannitverstan ein wenig anhand von Roumbou-Videos wie diesem:

Wenn, dann gibt es im musikalischen Kontinuum von Tradition und Moderne nur eine fundamentale Differenz zum Eingangsvideo: die Absenz von Kommunikation von und mit dem Sakralen in Ersterem, welche bei Zweiterem ganz offensichtlich angestrebt und auch konkret realisiert wird.

Doch eine solche Ausschliesslichkeit offenbart in der Terminologie von W.D.Wright die aus Schwarzem Blickwinkel erkennbare Weisse Kognition am Werk, die von ausserhalb gesehen künstlich und unnötig erscheint – denn es handelt sich irreduzibel um ein Kontinuum:

Was die im Thumbnail abgebildete, outdoor sitzende sympathische Dame von den Umgebenden geschützt und gestützt macht, erinnert an die Besessenheiten im Roumbou-Video und wäre hierzulande nur unauffällig und normal als Headbangen an einem Slayer-Konzert, ausserhalb jedoch im besten Fall ungehörig, aber definitiv undenkbar und schlimmstenfalls wahrgenommen als Teufelsbeschwörung zur Kirchenmusik an einem offiziellen Gottesdienst.

Doch was wäre, wenn dieser von Slayer selbst (durchaus ambivalent) zelebrierte Antagonismus als Solcher nur erscheint aus Weissem Blickwinkel? Was wäre, wenn aus theologischer Sicht Jesus Christus die bei jedem Slayer-Konzert vor dem Eingang die Besucher* abfangenden und zu erretten versuchenden Scharen von frommen Christ*en genau so milde verlacht wie die Fans und Headbanger* selber das tun – weil das Kontinuum als Antagonismus zu sehen objektiv eine tragische Weisse Illusion ist – und der madagassische polyrhythmische Salegy diese Illusion offenbart?

Reniss: La Sauce und Manamüh

„Die Männer lieben die Frauen wegen der Sauce. Ich lege ihn in die Sauce und umrrrühre die Sauce. (…) Die Situation hat sich geändert.“ Rauschhaft, orgiastisch, mensch wird fast besoffen nur schon vom zusehen. „Du redest auf mich ein – ich schreie. Noch einmal: schrei, schrei, schrei!“ Die über die missratene Tochter dauerempörte Mutter verfolgt die Sängerin bis ins Konzert, diese flüchtet noch rechtzeitig…

…und dann die Fortsetzung: Manamüh, zu buchstabieren als „Mon amour“ – ein zuckersüsses Liebeslied, „Bin ich krank, pflegst du mich wie ein Bébé, Bébé, nimm meine Hand, Bébé, gehe mit mir.“ Doch das Unglück braut sich schon zu Beginn zusammen, und dann am Schluss, welch schreckliches Erwachen! Hätte sie eventuell erwähnen sollen, dass es nötig werden würde, dem von der im Umgang etwas schwierigen prospektiven Schwiegermutter angeführten Hexenjagd-Lynchmob entgegenzustellen sich?

Alles doppelbödig und mehrdeutig, meinem Schulfranzösisch nur in Sprachfetzen zugänglich, das kulinarisch unangepasste Kameruner Restaurant hat wegen exorbitanter Miete bei eher subalternisiertem Publikum schon lange geschlossen, kann niemanden fragen mehr – doch die Leute in Kamerun haben Spass daran, einfach nur Spass:

Reniss – Tendon

http://newbellmusic.com/discography/reniss-tendon/

La Sauce : 5 choses à savoir sur le hit de la Camerounaise Reniss

http://fr.trace.tv/musique/la-sauce-5-choses-a-savoir-sur-le-hit-de-la-camerounaise-reniss/

Polyrhythmus? Selbstverständlich!

Die Diskussion um das Stichwort Polyrhythmus bei metalust erschien mir damals ein wenig als Rätselraten. Später empfahl mir youtube aufgrund der Browser-Cookies JAC‘S – und bescherte mir überraschend einen „This is it!“-Moment in Sachen Polyrhythmus.

Als Vorbereitung zunächst die Mathe: Ein Polyrhythmus ist die gleichzeitige Überlagerung mehrerer Zählweisen im Takt, ein einfacher Fall ist 6:4, hier in euklidischer Notation, doppeltes Tempo empfohlen („Zahnrädchen“-Einstellungen rechts unten->Geschwindigkeit->2):

Im Lehrbeispiel dominieren die 6/8, in den zwei Lektionen direkt aus Madagaskar tendenziell die 4/4, doch die Unbestimmtheit ist gerade der springende Punkt des Spiels. Zur Wiederholung: nicht die schnellen Breaks und Tempowechsel machen den Polyrhythmus, sondern die gleichzeitige Überlagerung. Einfach versuchen, die 1 zu finden und von dort mit den Fingern zu zählen, einmal die 1-2-3-4, einmal die 1-2-3-4-5-6 isolieren, hören und staunen. Ohne Gleichzeitigkeit entflieht zwar jeweils die andere Zählweise, aber irgendwo muss mensch ja anfangen, wir mitteleuropäischen Kartoffelsäcke (Sekunde 0:12 im ersten Video) sind kulturell halt einfach zu primitiv, zu wenig diunital…

Und genau diesen Umstand zelebriert JAC‘S genüsslich im offenen Zitieren der vor Jahren aus der Eurosport-Dauerwerbung bekannten Zumba-Fitness-Ästhetik. Kennen wir doch – und kennen wir doch nicht, fallen aus dem Takt, sind verwirrt und vielleicht gar ein wenig neidisch auf die Selbstverständlichkeit, wie in Madagaskar Kawitry-Party gemacht wird, so und genau so:

Lektion 1, à suivre

Die eingeblendeten Links sind www.alefamusic.net und gasymix.com.

Lesson number two

Süss (bei 2:10) die Sorte Kartoffel, die eben doch drauf anspricht…

Tradition und Moderne

Noch was Ethnomusikologisches: In einem Interview für Afropop Worldwide bezeichnet der bekannte Tsapiky-Musiker Damily aus Tulear (vom andern Ende der Insel) den ternären (3/4) Takt als traditionell, den binären (2/4) Takt jedoch als nicht wirklich traditionell, sondern beeinflusst von moderner afrikanischer Musik (ab 3:32):