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Grobschächtige Ignoranz bei Feynsinn: Zur Problematik selbsterklärter Meritokratie bei den Macher*n Freier Software

Zustimmung erheischend polemisiert Feinsynn mit dem identifizierenden Slogan «Idiotäre von rechts bis links» gegen das erst in den Akklamationen verlinkte postmeritokratische Manifest. Den Manifestant*en unterstellt er kontrafaktisch, sie würden die Welt universal in «Gut®» und «Böse®» einteilen, um diese so der Lächerlichkeit preiszugeben: «Eine Aktivistin der Pseudolinken hat jüngst eine ganz schlimme Sache entdeckt, die sie „Meritocracy“ nennt, also die Dominanz der Verdienten und Fähigen, hier im Zusammenhang mit Programmieren. Das Schlimme daran sei, dass diese „Böse Leute dafür belohnt, dass sie guten Code schreiben“.» Ganz manichäisch lokalisiert Feynsinn bei sich und seinem Kommentariat die Intelligenz der «Verdienten und Fähigen», also der «Guten®» (sic), die sich der Pappkameradenarmee der Dummen mit ihrem «verrotteten Denken», welche «beleidigen, mobben und ggf. sogar Gewalt ausüben» darf, also dem «Bösen®» (sic) schlechthin, heldenhaft entgegenstellt.

Das nicht weiter belegte Zitat der «Aktivistin» lässt sich aber entgegen Feinsynns Ansinnen aus dem Manifest eben gerade nicht ableiten: Die Problematisierung des Begriffs der Meritokratie selbst macht nämlich explizit den Kern des Manifests aus: «Falls dir die Kritikpunkte von Meritokratie nicht bekannt sind, mache dich bitte auf dieser Seite mit ihnen vertraut.» Das haben Fenysinn wie auch zustimmendes Kommentariat nachweislich nicht getan und verstossen damit gegen Feynsinn eigenes Impressum: «Wenn du keine Ironie verstehst, den Artikel nicht gelesen hast, Probleme bei sinnentnehmendem Lesen hast oder humorbefreit die Welt über deine Prinzipien belehren willst, bist du hier nicht richtig».

Implizit bedient Feynsinn sich eines akademisch durchaus hegemonialen Vulgärhabermasianismus, welcher die soziale Welt in «System» und «Lebenswelt» einteilt, wobei die habermasianische Lebenswelt die alleinige Domäne von Diskurs im Sinne eines wechselseitigen Anerkennens und Abwägens von Geltungsansprüchen, also von Politik schlechthin darstellt, das «System» als Domäne der Naturwissenschaften dagegen in sich selbst vollständig determiniert sei. Das «Programmieren» wird in diesem Paradigma umstandslos dem «System» zugerechnet, was eine eindimensionale und damit eindeutige Bestimmung von «guten Code» erst möglich machen würde.

Diese Bestimmung ist jedoch auf mehreren Ebenen objektiv falsch und offenbart ganz einfach Unkenntnis der Materie: Das Machen von Software generell besteht längst nicht nur aus dem Schreiben von «Code», sondern ist immer auch ein soziales Unternehmen mit vielfältigen Aushandlungsprozessen, sowohl innerhalb von Konzernen wie Microsoft, IBM oder Google wie auch in Open Source Projekten wie dem Linux-Kernel (welches eng mit solchen Konzernen verbandelt ist), OpenOffice/LibreOffice, der Debian/Ubuntu-Distribution oder dem OwnCloud/Nextcloud-Server. Die Schrägstriche sind als Chiffren für ein jeweiliges Schisma (aus je eigenen Gründen) im entsprechenden Projekt zu verstehen und problemlos im Internet auffindbar.

Doch selbst die analytische Beschränkung auf das Artefakt «Code» im engsten Sinne offenbart eine Indeterminiertheit der Sache selbst: das juristische Konzept der «Freien Software» basiert auf dem Ergebnis eines politischen Aushandlungsprozesses mit dem Resultat, Programmcode nicht dem Patentrecht zu unterstellen wie etwa Konzepte von Maschinen oder chemischen Verbindungen, sondern dem Urheberrecht, also derselben Rechtsprechung, der die materiellen Ergebnisse der Arbeit von «Dichtern und Denkern®» wie Feynsinn und Gefolge unterliegen. Dieser Umstand machte Richard Stallmans GNU General Public License materiell erst möglich: In Schritt 1 wird rechtsverbindlich das eigene Urheberrecht am «Code» objektiv festgestellt, in Schritt 2 auf dieser Basis irreversibel eine Menge an Freiheiten zugesichert, wie Andere mit diesen rechtlich geschützten Arbeitsergebnissen weiter verfahren dürfen.

Es gibt genauso wenig den «guten Code» wie es das «gute Gedicht», das «brillante Essay», den «bedeutenden Roman» gibt. Es gibt ganz unterschiedliche Paradigmen, die koexistieren, einander ablösen, überlagern, sich ergänzen oder sich widersprechen (aktuell etwas die Debatte um «die Symboliker und die Konnektionisten» in der KI), und es gibt ganz unterschiedliche Auffassungen von «Schönheit» im Sinne des «Schönen Wahren, und Guten» im Code selbst.

Tux‘ Frotzelei in seinem Kommentar: «Klar schmieren zwei von drei Installationen dauernd ab, aber wenigstens wurde mit Liebe programmiert.» ist daher ganz und gar unangebracht: Entwickler*-Profis erkennen intuitiv sofort, ob – unabhängig vom zugrundeliegenden Paradigma – «mit Liebe programmiert» oder eben «lieblos programmiert» wurde, auch und gerade an den eigenen Arbeitsergebnissen, die nach Monaten oder Jahren überarbeitet werden müssen. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: «Programmiere immer so, als ob dein* Nachfolger* ein* antisoziale* gewaltbereite* Psychopath* wäre, der/die weiss, wo du wohnst!» – die Erkenntnis, dass diese imaginäre Person höchstwahrscheinlich «Ich selbst!!!» sein wird, ist das Ergebnis jahrelanger Berufserfahrung.

Das Konzept der «Meritokratie» ist irreduzibel eingebettet in soziale Kontexte und daher zutiefst problematisch, wie in den bei postmeritocracy verlinkten, aber bei Feynsinn & Co. aktiv ignorierten Texten ausführlich dargelegt wird, vor allem dann, wenn eine soziale Gruppe die «Meritokratie» als Selbstdeklaration verwendet: Damit wird nämlich (ganz mechanistisch gedacht) genau dasjenige Verhalten durch soziale Anerkennung belohnt, welches die soziale Wahrnehmung von «Meriten» optimiert. Diese zweckrational optimierbare Fremdwahrnehmung kann und wird selbst dann den tatsächlichen «Meriten» krass widersprechen, wenn das Wahrheitskriterium dieser Meriten selbst gar nicht zur Diskussion steht.

Doch das zitierte Manifest geht noch weiter: Es ist mitnichten nur das Verhalten einer Person, es ist auch der unabänderliche Teil des Seins einer Person wie Muttersprache, Hautfarbe oder Geschlecht, welches die soziale Wahrnehmung von Meriten determiniert: «Tatsächlich ist die Idee von anerkennenswerter Leistung niemals klar definiert; stattdessen scheint sie eine Form der Bestätigung zu sein, eine Anerkennung, dass “diese Person insofern wertvoll sei, als dass sie so sei wie ich.”» Die weitverbreitete und in der In-Group geradezu sozial erwartete Misogynie in Informatiker-Kreisen ist nur ein Aspekt von vielen.

Wer nur schon das Thematisieren dieser offen darliegenden Probleme als «Idiotär» brandmarkt, verwechselt das Faktische mit dem Normativen, hält das So-Sein von gegenwärtig manifesten Freie-Software-Ökosystemen für den Beleg gegen jedes Hätte-auch-ganz-anders-sein-Können und hat sich damit selbst der Imagination beraubt, welche die Idee von Software zur Zeit ihres Noch-nicht-Seins überhaupt erst möglich gemacht hatte.

Quellen

Feynsinn: Idiotäre von rechts bis links
http://feynsinn.org/?p=10566

Das postmeritokratische Manifest
https://postmeritocracy.org/de/

Stefan Betschon: Die im Dunkeln Pfeifen. NZZ vom 22.9.2018, S.12
https://www.nzz.ch/meinung/die-im-dunkeln-pfeifen-ld.1422140

Max Frisch, der CIA und Adorno

Eigentlich nichts Neues, dass nach WK 2 die deutschsprachige Hochkultur umfassend vom Geheimdienst CIA gesponsert und damit inhaltlich determiniert wurde. Dieser Satz aus der Sonntagszeitung war mir noch unverdächtiges Allgemeinwissen: „Die Amerikaner pushten die abstrakte Kunst, darunter die Tröpfelbilder eines Jackson Pollock, die politisch so unverdächtig sind, dass sie in einer Grossbank hängen können.“ – doch dieser Satz aus darauf folgenden Telepolis-Artikel zündete mir eine Idee: „Das wohl effizienteste Instrument der CIA war die politische Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Export von Kultur wie Jazz und Spielfilmen, die für ein positives Verhältnis zur atombombenwerfenden Supermacht sorgten.“ (Telepolis).

Marcuse war angeblich der Einzige, der zu Lebzeiten zugegeben hatte, auf der Payroll des CIA zu stehen, und dass Horkheimer sich als CIA-Agent im Interesse der US-militärisch-industriellen Komplexes verstand und pflichtbewusst danach handelte, war eigentlich offensichtlich („es ist im Grunde die Verteidigung der Verfassung, die Verteidigung der Menschenrechte, und Sie können heute sagen: ja, und was passiert denn da in Vietnam? (…) sie verteidigen die Welt, in der es noch ein bißchen so etwas wie Freiheit gibt, gegen das Gegenteil, selbst wenn man dazu auch totalitäre Mächte leider benutzen muß.“, Horkheimer), und warum sonst hätte er die akademische Karriere des durch und durch bürgerlich-konservativen Habermas als „zu links“ verhindern wollen?

Doch der Ausdruck „Atombombe“ ist untrennbar verbunden mit dem Lebenswerk von Günther Anders, dessen akademische Karriere zu verhindern Adorno angeblich ein Anliegen war (zitiert nach Wikipedia): „Es gibt Gerüchte, dass Theodor W. Adorno wegen einer vermeintlichen Heidegger-Nähe Sterns und aus qualitativen Gründen heftigen Einspruch gegen dessen Arbeit erhoben habe und die Habilitation bei Tillich in Frankfurt deshalb gescheitert sei.“, Ofenschlot zitierte die Sachlage konzentriert auf den Punkt: „Günther Anders, das muss man noch erwähnen, war Antimilitarist. Und Adorno doch irgendwie auch, oder?“ – »Einmal habe ich ihn gebeten, auf einer Ostermarsch-Kundgebung zu sprechen. Ich war krank geworden. Da sagte er am Telefon: ’Sie wissen doch, dass ich hinter keiner Fahne herlaufe.‘ – ’Dann laufen Sie doch vor der Fahne‘, entgegnete ich. Er legte auf.«

Nicht zwei, nicht drei, nicht vier, nein eine (1) Fundstelle zum Stichwort „Atombombe“ findet sich in den abertausenden von Seiten der kompletten gesammelten Schriften von Adorno (der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es zu „atom bomb“ immerhin sieben (7) Fundstellen auf 3 Seiten der in den USA entstandenen „Qualitative Studies of Ideology“ gibt): „Man wird weiter die Erwägung nicht von sich abweisen können, daß die Erfindung der Atombombe, die buchstäblich mit einem Schlag Hunderttausende auslöschen kann, in denselben geschichtlichen Zusammenhang hineingehört wie der Völkermord. Die sprunghafte Bevölkerungszunahme heute nennt man gern Bevölkerungsexplosion: es sieht aus, als ob die historische Fatalität für die Bevölkerungsexplosion auch Gegenexplosionen, die Tötung ganzer Bevölkerungen, bereit hätte. Das nur, um anzudeuten, wie sehr die Kräfte, gegen die man angehen muß, solche des Zuges der Weltgeschichte sind.“

Der ohne Rücksicht auf eigene Verluste öffentlich ausgelebten leidenschaftlichen Inbrunst, mit der Adorno unermüdlich und direkt gegen diese „Kräfte“ anging, die öffentlich ganz selbstverständlich mit der atomaren Vernichtung der Menschheit im Ganzen (bei Adorno verniedlichend „auf einen Schlag Hunderttausende auslöschen“) zur Verhinderung des Kommunismus drohten, verdankte er seine ungefährdete Stellung als Medien-Star im öffentlich-rechtlichen Radio. Mensch muss nicht buchhalterisch auf der Payroll des CIA stehen, um dessen imaginierte Pistole an der Schläfe, die doch nur die unsichtbare Hand am Stecker der eigenen Erfolgsmaschine ist, verschämt zur Grundlage des eigenen Handelns zu machen.

Ende der 90er schenkte mir Adorno-Schüler Detlev Claussen an diesen immergleichen akademischen Einführungsvorlesungen zur Kritischen Theorie jenen unvergesslichen Blickkontakt, beim Erörtern der Mitarbeit Horkheimers beim OSS (Vorgängerorganisation des CIA), diesen kurzen, herausfordernd prüfenden Blick, der meinerseits nicht auf die vielleicht erhoffte komplizenhaft-hoffnungsvolle Faszination, sondern auf fassungslose Entgeisterung traf. Ein Blick, der endgültig klärte: Nein, ich würde an seinem Institut in Hannover, einer veritablen Brutstätte das antideutschen US-Militarismus, niemals geduldet werden.

Quellen

Max Frisch und die CIA. TagesAnzeiger/Sonntagszeitung, 4.2.2018
https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/max-frisch-und-die-cia/story/21051959

Die Max Frisch-Identität, Telepolis, 7.2.2018
https://www.heise.de/tp/news/Die-Max-Frisch-Identitaet-3962024.html

Zum Horkheimer-Zitat:
http://ofenschlot.blogsport.de/2010/07/26/der-alter-mann-und-der-krieg/
http://undenkbar.blogsport.de/2017/11/26/rene-scheu-und-bassam-tibi-in-der-nzz-die-barbaren-berufen-sich-auf-adorno/

Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. C. H. Beck, München 1956
https://de.wikipedia.org/wiki/Günther_Anders

Ofenschlot: Anders vs. Adorno
http://ofenschlot.blogsport.de/2009/07/11/anders-vs-adorno/

Adorno: Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Erziehung nach Auschwitz. Digitale Bibliothek Band 97: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 8518 (vgl. GS 10.2, S. 675)

Adorno: Band 9: Soziologische Schriften II: Part IV: Qualitative Studies of Ideology. Digitale Bibliothek Band 97: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 6488 (vgl. GS 9.1, S. 419)

Rolf Dobelli warnt vor dem Pakt mit dem Teufel

…teasert die aktuelle schmale Weihnachtsausgabe der NZZ vom 23.12.2017 (S.39/S.41, „Der Kreis der Würde III“). Dobelli amtet dort seit Längerem als Ratgeber in Sachen „gutes Leben“, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf seinen einzigen intellektuellen Übervater Warren Buffett sich berufend. Auffällt daher die für seine Verhältnisse innovative Leere in seiner weihnachtlichen Predigt wider den Teufelspakt, wo zum Teufel bleibt denn da der notorische Warren Buffett?

Nur Rhetorik? Soweit schon, bei Dobelli lautet ein ähnlicher Kalauer zu Johann Georg Faust: „Goethe hat ihn in den Rang eines Klassikers gehoben und damit auf die Liste der Schulpflichtlektüren. Seither wünschen ihn die Schüler zur Hölle. Seine Seele verkaufen – was bedeutet das?“

Dobelli antwortet: „Zu einem guten Leben gehört (…) ein kleiner, aber klar definierter Kreis der Würde. (…) Wir müssen diesen Kreis vor drei Arten von Angriffen schützen: a) vor dem besseren Argument, b) vor der Gefahr für Ihr physisches Leben und c) vor dem Deal. (…) Wer seinen Kreis der Würde nicht klar genug abzirkelt, wird bei jedem verlockenden Angebot, jedem Deal neu überlegen müssen. Das ist nicht nur eine grosse Zeitverschwendung. Es erodiert auch Ihren Selbstrespekt und Ihre Reputation – was Sie anfälliger macht für zukünftige Angebote. Ein wahrer Teufelskreis also.“

Et voilà – c) ist von Rolf Dobelli auf den Punkt gebracht seine Kernthese nach Warren Buffett, das Einzige, was er hat, der Fels, auf den seine gesamte Serie zur „Kunst des guten Lebens“ gebaut ist: Eine als „Würde“ getarnte wöchentliche Lüge, die mittels der Methode der endlosen Wiederholung „vor dem besseren Argument“ zu „schützen“ er besinnungslos verurteilt ist. Welcome to hell.

Eingeführt hat Dubelli das Thema freilich – ganz der rechtspopulistischen Partei SVP verpflichtet – mit dem schweizerischen Nationalmythos der Teufelsbrücke über die Schöllenenschlucht am Gotthardpass: „Immer wieder waren die Urner am Bau einer Brücke gescheitert. (…) Die Urner hatten ihre Seele verkauft und kamen mit einem blauen Auge und einer verkehrstechnisch revolutionären Brücke davon.“

Anlässlich der TV-Übertragung der Eröffnungsfeier zum neuen Gotthard-Basistunnel fragte mich eine Kenyanerin – in Unkenntnis des Teufelsbrücken-Mythos, aber natürlich sehr wohl in Kenntnis von Sachen wie Schwarzgeld auf Schweizer Banken – das für sie Offensichtliche (in meiner Erinnerung sinngemäss so verallgemeinernd): „Haben die Schweizer mit dem Teufel gedealt für diesen Tunnel – und feiern das auch noch öffentlich?“ Mit diesem (Miss-)Verständnis hatte sie in fragender Verständnislosigkeit mehr verstanden, als Dobelli jemals denkbar sein wird.

Zum Einen: Der Mythos transzendiert Raum und Zeit: „Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“ schliessen die klassischen Märchen. Bei Dobelli: „Der Brocken donnerte die Schöllenenschlucht hinab, verfehlte die neue Brücke nur knapp und blieb erst unterhalb des Dorfes Göschenen liegen. Dort sieht man ihn heute noch – man nennt ihn seither den Teufelsstein.“

Zum Anderen: Der Mythos transzendiert psychische Innen- und Aussenwelt und ist irreduzibel Bestandteil des kollektiven Unbewussten, dermassen omnipräsent und gleichzeitig verborgen, dass er beispielsweise für eine in der Schweiz lebende Kenyanerin unverschämt offensichtlich ist, nicht aber für die Sujbekte selbst.

Und auch nicht für Dobelli und den zustimmenden Teil seiner Leser*schaft: „Der Deal infiltriert unser Leben. Vermeiden Sie auf jeden Fall den Teufelspakt.“ – so der Untertitel. Und das individualisierende Fazit: „Hunderte solche Beispiele zeigen, dass die Geldwirtschaft ihre Angriffe auf ehemals heilige Gebiete ausdehnt. Sie können nicht erwarten, dass der Gesetzgeber diesen Teufelsritt der wirtschaftlichen Logik stoppt. Es liegt an Ihnen, (…) Definieren Sie Ihren Kreis der Würde scharf. Lassen Sie sich nicht infizieren, wenn das ökonomische Virus versucht, in Ihr Werteimmunsystem einzudringen. Die Dinge innerhalb ihres Würdekreises sind nicht verhandelbar – egal, wie viel Geld dafür geboten wird.“ – schreibt ein unermüdlicher Warren Buffett-Bewunderer ohne Geldsorgen, der exakt aus diesem Grunde dazu verurteilt ist, in einer erklärtermassen bürgerlich-liberalen, gemäss Selbstdeklaration der Aufklärung verpflichteten Traditionszeitung, an erster Stelle(!) das „bessere Argument“ als „Angriff“ auf seine „Würde“ zu bezeichnen, von dem ihn vorgeblich sein persönliches „Werteimmunsystem“ schütze.

Notwendig undenkbar muss ihm bleiben, dass es mitnichten sein öffentlich vor sich her getragenes, von Warren Buffett inspiriertes individualisiertes „Werteimmunsystem“ ist, welches ihn vor „Angriffen“ auf seine „Würde“ durch das „bessere Argument“ schützt, sondern primär die Blocher- und Tettamanti-Milliarden, welche bei der NZZ auch im Feuilleton via Chefredaktor René Scheu ein „Klima der untergründigen Angst“ geschaffen haben, welches sukzessive alle guten Geister mit vorhandenem bürgerlichem Restverstand zugunsten von Leuten wie Rolf Dobelli aus der NZZ vertreibt.

q.e.d.

Quellen

Rold Dobelli: Der Kreis der Würde III. NZZ, 23.12.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/der-kreis-der-wuerde-iii-ld.1342080

Daniel Gerni: Allah am Gotthard. NZZ, 7.6.2016
https://www.nzz.ch/schweiz/gotthardtunnel-eroeffnung-allah-am-gotthard-ld.87196

Spektakel am Gotthard: „Die merkwürdigste Zeremonie der Welt“
https://www.srf.ch/kultur/buehne/spektakel-am-gotthard-die-merkwuerdigste-zeremonie-der-welt

Kaspar Surber: Die Angst geht um an der Falkenstrasse, WoZ, 12.10.2017
https://www.woz.ch/1741/nzz/die-angst-geht-um-an-der-falkenstrasse

W. D. Wright: Diunitale Kognition

Dass der durch William D. Wright popularisierte Begriff „diunital cognition“ im Deutschen bisher keinerlei Rezeption erfuhr, erstaunt nicht, bezeichnet er doch eine Denklogik, deren Träger von Primarschule bis Universität, auch und gerade im akademisch organisiertem Adornitentum, als Feind bekämpft werden. Besonders tragisch, dass Adorno selbst mit seinem Begriff des Nichtidentischen programmatisch in sorgfältigem darum herum Schreiben eine Leerstelle offen hielt, die inzwischen durch seine akademischen Adepten vollständig zubetoniert wurde. Wright setzt den Begriff der diunitalen Kognition synonym zu Schwarzer Kognition („Black cognition“). Es handelt sich um eine aufgeklärte, im besten Sinne rationale Denklogik, und Wrights Zugang ist weit entfernt von einem andernden „so ticken die Schwarzen halt“ – aber diese Form der Rezeption ist innerhalb des Weissen Kognition („White cognition“) letztlich die einzig Mögliche. Umgekehrt hingegen wird auf dem Boden der diunitalen Kognition die Weisse Kognition erst als ein „so ticken die Weissen halt“ erfass- und erfahrbar. Zum Vergleich: Akademische Kritische Theoretiker* sind institutionell sehr stolz darauf, dass ihre Gründerväter (Horkheimer, Marcuse) im und nach dem Zweiten Weltkrieg im Auftrag des Office of Strategic Services (OSS, dann CIA) dieses „so ticken die Deutschen halt“ als „Feindanalyse“ ausarbeiteten. Die Antideutsche Feindschaft gegen das, was sie als (relativ zu ihnen selbst) Nichtidentisches identifizieren, wurzelt in dieser historisch gewachsenen Zusammenarbeit von Wissenschaft, Politik und Militär: Weisse Kognition halt.

Weisse Kognition

Wright identifiziert vier Denklogiken, die Weissen ausschliesslich zur Verfügung stehen (Wright: 60-61), wie ein Taschenrechner mit nur vier Grundrechenarten:

1. Vertikale Kognition („simple vertical cognition“)
2. Dualistische Kognition (dualistic cognition“)
3. Dominanz-Subordinations-Kognition („domination-subordination cognition“)
4. Dialektische Kognition („dialectical cognition“)

Zur Veranschaulichung hier ein eigenes Beispiel, die Zürcher Drogenpolitik seit den Achtzigerjahren:

1. Vertikale Kognition

„The reasoning or analytical logic of this system is directed by ideational and psychological traits to see only incompatibilities, contradictions, or dichotomies in a reality or realities, with the understanding that one of these incompatible, contradictory, or dichotomous elements must go.“ (Wright: 60)
Dafür steht paradigmatisch der Züricher Kantonsarzt Gonzague Kistler: „Als du anfingst hatte Zürich eine extrem repressive Drogenpolitik. Schlimm war, dass der damalige Kantonsarzt Gonzague Kistler die Abgabe von sauberen Spritzen verhinderte, worauf sich der HIV Virus explosionsartig unter den Fixern ausbreitete. (…) Der ganze Konflikt war ja nicht ruckzuck erledigt sondern zog sich hin, während immer mehr Fixer sich mit Aids ansteckten. Die Schweiz hatte Mitte der 80er Jahre die höchste HIV Ansteckungsrate in ganz Europa.“ (Vieli) Die intravenös Heroin- und Kokainkonsumierenden wurden als das bedrohliche Andere schlechthin identifiziert, das wie die Pest physisch eliminiert werden müsse, und die damals für das Spritzen-Abgabeverbot Argumentierenden kokettierten im persönlichen Umgang ganz offen damit, dass sich so dank HIV/AIDS das Problem bald ganz von selbst lösen würde. Dumm nur, dass sich unter den so Geanderten viele Söhnchen und Töchterchen von der reichen Goldküste befanden, deren Eltern über öffentliche Diskursmacht verfügten, was für Kistler letztlich unschön endete: „Kistler hätte höchstwahrscheinlich viele Todesfälle vermeiden können. Das hat ihn fast den Job gekostet und er ging so bald möglich in Pension.“ (Seidenberg in: Kantonsarzt Kistler hätte Tote vermeiden können. Infosperber, 14.3.2013)

2. Dualistische Kognition

„Like vertical cognition, this form also perceives physical, cultural or social realities in an incompatible, contradictory, and dichotomous manner. But this system, owing to its ideational orientation, seeks go keep contradictory realities in existence, because it sees various kinds of value in that. (…) the organizational logic of this cognitive system is called upon to organize these realities in a way that they remain totally separate from each other, having no practical contact with each other, and only enough intellectual contact to discern the differences, and the need to keep the different realities separate.“ (Wright: 60)
Nachdem das (gar nicht so still-)schweigende Ziel der physischen Vernichtung durch AIDS als unrealistisch sich erwies und die offenen Drogenszenen den Geldwert der umliegenden Liegenschaften zählbar zu vermindern begannen, wurden diese mit massiver Polizeigewalt geschlossen. Das neue, bis heute gültige Ziel war und ist, die Konsument*en voneinander zu isolieren und den Drogenhandel in Privatwohnungen zu verdrängen. Die Geanderten tauchen zwar noch ab und an im ÖV auf, wo dann die organisatorische Logik des dualistischen kognitiven Systems wunderbar sich beobachten lässt: Wer als Junkie gelesen wird, braucht keiner der berüchtigten „Gangsitzer“ zu sein, um im vollen Bus zwei Plätze zu belegen. Das kann je nach Tagesform einmal als verletzend empfunden werden, ein andermal als höhnischer Triumph, wenn die arme alte SVP-Dame am freien Sitz vorbei sich stolpernd durch den Gang (dt. Flur) kämpft, vor allem, wenn Umstehende das kognitives System, das da am Werke ist, genau erkennen…

3. Dominanz-Subordinations-Kognition

„The third system of White cognition is domination-subordination cognition. The latter, like the other two systems of cognition, looks upon reality in a contradictory and dichotomous manner, but not in a fully incompatible manner. Reasoning logic, aided by other components of the cognitive system, discerns realities in their contradictions and differences, but this cognitive system seeks to organize the contradictory and different aspects of realities in a domination-subordination relationship.“ (Wright: 61)
Die Schliessung der offenen Drogenszenen in Zürich wäre ohne eine weitere Änderung der Drogenpolitik wohl nur mit einer an Besatzung erinnernde Militarisierung der Polizeiarbeit praktikabel gewesen: Von Opiaten Schwerstabhängige werden nun in medizinischen Einrichtungen mit dem Stoff, wonach sie so sehr hungern, versorgt und betroit – die Slang-Schreibweise für „betreut“ bezeichnet das klare Bewusstsein der Betroiten darüber, dass es sich mit dieser Institution um die praktische Verwirklichung dieser spezifischen Dominanz-Subortinations-Kognition handelt: Im Begriff der Drogenkranken wird mensch als ganzer Mensch anerkannt und respektiert, als vernünftigen Gesprächen prinzipiell zugänglich behandelt, aber dennoch autoritär dominiert – ein Übel, mit dem mensch sich Ruhe vom unerträglichen Horror des Entzugs erkauft.

4. Dialektische Kognition

„The dialectical cognitive method also perceives reality as dichotomous and contradictory, with the contradictions acutely antagonistic toward each other. This cognitive method upon perceiving, by its functioning, the contradictory and antagonistic character of reality, pits the antagonistic elements in a fierce struggle with each other, so that one of the elements has to overcome and subdue the other and put the subdued aspect of reality in a subordinate position, whereby its reality is diminished by the absorbing activities of the dominant reality, which increases in size. This more or less makes the two different realities a single reality, from a process of synthesis (absorption), that will then find itself in an antagonistic relationship with another reality. This will lead to an overcoming process and another synthesis, which will lead to a new, synthetic reality that will interact with an opposite and antagonistic reality that will lead to an overcoming and synthesis – ad infinitum. (…) Dialectical cognition, like vertical cognition, seeks monism. But the approaches are different. Vertical cognition seeks monism, or a one-dimensional reality be excluding or eliminating an aspect of reality from a situation. Dialectical cognition seeks an essentially one-dimensional or monistic reality by bringing two aspects of reality into a domination-subordination relationship in which the dominant aspect enlarges itself at the expense of the subordinate aspect.“ (Wright: 61)
These, Antithese, Synthese: Drogenkonsument, Arzt, Dr. House. Das Beispiel muss fiktiv bleiben: Eine US-Fernsehserie über einen Arzt, aufgrund chronischer Schmerzen abhängig vom synthetischen Opiat-Medikament Vicodin (Hydrocodon), das ihm einerseits die Berufsausübung erst ermöglicht und andererseits durch die Nebenwirkungen gleichzeitig erschwert. Die sehr dramatische Folge Widerspiel thematisiert diese Dialektik direkt: „Cuddy hat veranlasst, dass der Chirurg House mit Ketamin behandelt, dies hat die Verbesserung des Zustandes seines Beins bewirkt. Dieser ist damit nicht einverstanden, da er die eventuell das Gehirn beeinflussende Ketaminbehandlung als Angriff auf seine Psyche betrachtet; er legt sich mit Cuddy und Wilson an und schlägt letzteren, als er plötzlich realisiert, dass er in seinem Krankenbett liegt und halluziniert. (…) House erwacht auf einer Rettungsliege, mit Schusswunden in Hals und Bauch; seine letzten Worte an Cameron sind, dass Cuddy veranlassen möge, ihn mit Ketamin zu behandeln.“ (Wikia) – genau das ist Wrights „ad infinitum“, in dem House gefangen bleibt, notwendig gefangen bleiben muss, bis zur allerletzten Folge Reichenbachfall, eine Befreiung aus der letztlich unerträglichen monistischen Realitätskonzeption ist innerhalb Weisser Kognition nur im (zumindest symbolischen) Tod möglich:
„In der Rahmenhandlung liegt House im Obergeschoss eines brennenden Hauses neben einer Leiche und halluziniert Gespräche mit toten Weggefährten (Kutner, Volakis). In Rückblenden behandelt House einen Drogenabhängigen was ihn dazu zwingt, sein eigenes Leben zu überdenken. (…) Durch verschiedene Hinweise kommen Foreman und Wilson darauf, wo House ist, erreichen das brennende Haus und sehen einen Umriss, der gerade auf die Tür zugeht, als eine Explosion das Haus in Schutt und Asche legt. Anhand der zahnärztlichen Akte wird die im Haus gefundene Leiche als House identifiziert. Während der Trauerfeier findet jeder der Anwesenden gute Worte über House, außer Wilson, der ihn als „Scheusal“ und „verbitterten Sadist[en]“ bezeichnet. Während dieser Tirade empfängt Wilson eine Nachricht auf seinem Handy: “Shut up, you idiot” (deutsch: „Halt die Klappe, Idiot“). (…) Wilson macht House ein paar Vorhaltungen, dass er nie wieder als Arzt arbeiten könne und sein Leben nie wieder wird aufnehmen können, freut sich aber sichtlich. In der finalen Szene sind Wilson und House auf Motorrädern im Land unterwegs.“ (Wikipedia)

Weisse Kognition zu „Multikulturalismus“

Der Artikel „Trügerische Toleranz“ von Matthias Heitmann (NZZ 17.2.2016, S.39) ist ein Paradebeispiel Weisser Kognition in Aktion. Zur Wiederholung: Wie mit einem Taschenrechner mit nur vier Grundrechenarten stehen Heitmann wirklich nur die grundlegenden vier Weissen Kognitionslogiken zur Verfügung:

1. „Seit der Silvesternacht gilt „Köln“ als Synonym für das Ende des politischen Multikulturalismus in Deutschland. (…) Die populäre Diagnose lautet: Einwanderer aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum sind kaum integrierbar, schon gar nicht in grosser Anzahl.“ Simple vertikale Kognition, die Heitmann selbst zwar nicht teilt, aber darauf verweist, dass sie von Pegida und Co. ausgiebig gepflegt wird: „incompatible, contradictory, or dichotomous elements must go“ (Wright: 60).

2. „Auf der Ebene der politischen Zielsetzungen ist „Multikulti“ jedoch Ausdruck des Niedergangs linker Ideale: An die Stelle einer universalistischen Entwicklungsperspektive ist die defensive Ansicht getreten, man könne über die Betonung der Gleichwertigkeit aller Kulturen die Eindämmung der westlichen Dominanz erreichen. (…) Das gleichberechtigte Nebeneinander verschiedener – und auch archaischer und enorm rückschrittlicher – Kulturen gilt als Maximum des Möglichen.“ Multikulti als rein dualistische Kognition, „only enough intellectual contact to discern the differences, and the need to keep the different realities separate.“ (Wright: 60)

3. „Dabei wäre es gerade heute zwingend notwendig, offen und kontrovers über eine „Leitkultur“ zu reden, die ja durchaus aufgeklärte und sinnvolle Leitplanken für eine gelungene Integration definieren könnte. Doch alle Versuche, diese Diskussion zu führen, scheitern seit Jahren an der linken Verteufelung des Begriffes und an der rechten Unfähigkeit, Standards zu definieren, ohne dabei in ausgrenzende Reflexe zurückzufallen.“ Dominanz-Subortinations-Kognition, denn wer „führt“ die Diskussion, wer „definiert Leitplanken“? „This cognitive system seeks to organize the contradictory and different aspects of realities in a domination-subordination relationship.“ (Wright: 61)

4. „(…) in den USA populären Version des „Schmelztiegels“, die vom Verschmelzen der Kulturen ausgeht. (…)“ Die im Deutschen Bildungsbürgertum übliche Scheinübersetzung des „melting pot“, ähnlich sinnvoll wie „Fels‘n'Rollen“, wird nur als Stichwort gegeben, gegen Schluss spricht er von der „Idee einer progressiven, offenen und integrationsbereiten Leitkultur, wie man sie auch heute noch in grossen Metropolen wie New York, London oder Paris erspüren kann“ – und eben nicht in Mumbai (Bollywood) oder Lagos (Nollywood), denn es handelt sich um Weisse, daher letztlich monistische dialektische Kognition, die: „(…) put the subdued aspect of reality in a subordinate position, whereby its reality is diminished by the absorbing activities of the dominant reality, which increases in size.“ (Wright: 61)

Obwohl Heitmann zum Schluss beteuert: „Stattdessen arbeiten die Verfechter der Multikultur wie auch die Anhänger der Monokultur daran, Menschen entlang ihres vermeintlichen „kulturellen Erbes“ einzusortieren und zu kasernieren. Es wird Zeit, diese Dominanz der so missverstandenen Kultur zu durchbrechen.“ konterkariert er seine vorgebliche Intention mit der eben demonstrierten kulturspezifischen Limitation seiner kognitiven Möglichkeiten: „Was die beiden Pole des Meinungsspektrums eint, sind die Betonung der Prägekraft der Kultur und das Verneinen der menschlichen Fähigkeit, sich ebendieser Kraft zu entledigen.“

Monointeraktive Kognition

Wright führt den Begriff der monointeraktiven Kognition („monointeractive cognition“) in Abgrenzung zur monistischen Weissen Kognition ein als Voraussetzung zum Verständnis der diunitalen (Schwarzen) Kognition. Während monistische (Weisse) Kognition Einheit herzustellen versucht unter Ausschluss alles Nichtidentischen, beharrt monointeraktive Kognition auf einer irreduziblen Pluralität von Realitäten, die je ihre eigene Logik, ihre eigene Konsistenz, ihre eigene Daseinsberechtigung haben. So und nur so kann zuverlässig vernünftige Interaktion unter Individuen hergestellt werden: Das Ziel liegt darin, die eine Interaktion zwischen integral als Ganzes aufgefassten Menschen zu ermöglichen. Habermas‘ Diskursethik wäre zumindest theoretisch ein kleiner Schritt in diese Richtung: der eine als universal aufgefasste Diskurs kann dann zustande kommen, wenn die beteiligten Subjekte ihre jeweiligen Geltungsansprüche mitdenken und offenlegen: „Die volle Universalisierbarkeit wird erst erreicht, wenn die Perspektiven von allen direkt oder indirekt von der Norm Betroffenen in ihre Bestimmung mit eingehen und sie ihr zustimmen können.Im Vergleich zu einer monologischen Beurteilung der Normen ist entscheidend, dass jeder Einzelne seine individuelle Perspektive in den Diskurs ungezwungen einbringen kann.“ (Wikipedia).

Wrights Herleitung der monointeraktiven Kognition ist viel umfassender und letztlich auch theologisch gedacht: er führt die Methode und Denklogik zurück auf die Ideengeschichte der Altägyptischen Hochkulturen, die (von der weissgewaschenen Europäischen Geschichtsschreibung weitgehend ignoriert) von Ägypten aus über den Sudan (Kusch) während Jahrtausenden ins ganze Subsaharische Afrika diffundiert ist. Jan Assmann beschrieb die historische Sachlage so: „Die Totenreligion der alten Ägypter bedeutet den größten Triumph der menschlichen Imagination über die harten Fakten der Existenz. (…) Dabei steht für Assmann fest, dass keine andere Kultur bisher die altägyptischen Gegenbilder zu Sterben und Tod an Kühnheit und Farbigkeit übertroffen oder auch nur von ferne erreicht hätte. Entscheidend sei, dass sie die Erfahrung des Todes keineswegs verdrängen oder verleugnen, sondern ihr umfassend und schonungslos Ausdruck verleihen würden, um alternative Wege und Räume zu erschließen. So sollen viele der Sprüche dem Toten helfen, göttlich zu werden, ein Leben im Jenseits wie vorher im Diesseits führen zu können und sogar in die Beziehungen zwischen Göttern einzugreifen.“ (Behrang Samsami in einer Rezension auf literaturkritik.de). Die Welt der Lebenden, die Welt der Toten, die Welt der Menschen, die Welt der Götter interagieren konkret in der einen, umfassend gedachten Welt – genau das meint das „mono“ in „monointeraktiv“:
„Indeed, for the ancient Egyptions, reality or existence was comprised of dualities, such as the body and soul, good and evil, life and death, strong and weak, science and religion, this life and the afterlife. These dualities were constant, but they were not static, or simply parallel or oppositional to each other. The opposite elements, or dualities, owing to the movement of the universal life force, interacted with each other in a dialectical manner that saw the oppositional elements, at moments, transcend their opposition and duality and trough a synthesis or union become one, a oneness that was a small manifestation of the absolute oneness or absolute reality.“ (Wright: 65)

Diunitale Kognition

Wright leitet die Genese der diunitalen Kognition historisch ab aus der Geschichte der Sklaverei in den Amerikas: Während diese Menschen vom Kontinent ganz selbstverständlich die monointeraktive Kognition als psychologische Grundausstattung mitbrachten, wurden sie gewaltsam in eine Welt entführt, wo diese Logik null und nichts galt. Sie waren und sind umgeben von einer Welt, die von monistischer Weisser Kognition mit Wahrheitsmonopol bestimmt wird:
„Because of the way they were dominated an controlled in America, Blacks found themselves unable to do to Whites what Whites did to them. Whites could dominate and subordinate Blacks, but Blacks could not do that to them. (…) Blacks had to develop a new cognitive system, which had to be developed out of their monointeractive African heritage, their domination-subordination, exclusionary, and segregated (dualistic) interaction with Withes, out of the vast contradictor character of their life in America, and out of thier own needs and aspirations in the country.“ (Wright: 72)
„What Black Cognition did for Black people over their history in America was to make them a very conscious people. They had contradictions imposed upon them, and they had to be able to see these contradictions fully, or in their fullness. (…) But they had to have the cognitive means to do that, to be able to see and understand reality in its greater complexity or wholeness. This also became the preferred method of cognition. It made it possible to have a more critical perspective on reality, because more of it could be seen and understood and analyzed. There was greater knowledge and greater truth to be had.“ (Wright: 75)
Diunitale Kognition bezeichnet den gleichwertigen, gleichzeitigen Zugang zu Weisser, monistischer Kognition und monointeraktiver Kognition auf einer horizontalen Ebene: „Blacks were less aggressive toward reality; not out to dominate it, or to subdue it, or to control it – and certainly not like Whites. Blacks, owing to their method of cognition and other attributes, such as Blackcentrism ant the Blackcentric Perspective, were inclined to let reality, to let people, reveal themselves. Thus, quick judgements were not to be made about reality or about people. It was necessary to draw out as much information as possible and let things, or people, be revealed. Blacks have always been revelationists in America. This helped to inculcate a patience in them, with regard to realities and with people, especially white people – and with America.“ (Wright: 76)

Ein Beispiel aus der Arbeitshölle…

Weniger im Sinne von „das ist jetzt Schwarze Kognition“ (kann es auch nicht sein), sondern als ein weniger geandertes Denksystem das – ganz im Sinne des Psychoanalytikers und Theologen Eugen Drewermann – dem Kern westlicher Aufklärung entspringt und dennoch die Interaktion einer sichtbaren Welt (konkretes soziales Handeln) und einer unsichtbaren Welt (psychische Phänomene wie Übertragung) dem ansonsten blinden Weissen Denken zugänglich machen kann.

Personal
  • 666 (kokettiert offen mit der Zahl als Selbstbezeichnung), Inhaber und Geschäftsführer, ein Klon des aus Dilbert bekannten „pointy haired boss“.
  • Kaninchen, gemäss Peters-Prinzip zur Abteilungsleiterin Backoffice „nach oben gefallen“, nachdem innert kurzer Zeit alle ausser ihr wegen inakzeptablen Vorgesetztenverhaltens gekündigt hatten. Geniesst bedingungslose Protektion durch 666.
  • Gewöhnliches Personal, wer kann, kündigt. Genau aus diesem Grund stellt 666 strategisch intersektionell Benachteiligte an, die nicht einfach kündigen können, dafür von 666 umso besser erbarmungslos niedergemobbt werden können.

Situation: Erneut hat die Hälfte des Backoffice-Personals aus genannten Gründen gekündigt. Schlussfolgerung von 666: diese Leute haben ein Problem. Es ist keinerlei Übergabe des spezifischen Know-how an Kaninchen erfolgt. Schlussfolgerung 666: Diese Leute waren das Problem und sind persönlich schuld an stockenden Betriebsabläufen. Soweit die eine, allein handlungsbestimmende und wirkmächtige firmeninterne Realität.
Doch küchentischpsychoanalytisch ist gleichzeitig eine zweite Realität am Werk: Eine Kollegin aus der ersten grossen Kündigungsrunde wies im vertraulichen Gespräch darauf hin, dass 666 sehr unter der Knute seiner energetischen Frau leide und ihr komplett hörig sei. Einem neueren Kollegen entfuhr, nachdem ich ihn auf Kaninchens Status als persönliche Protegée von 666 trotz (bzw. dank) erwiesener Unfähigkeit hinwies: „Ist das seine Frau, oder was?“
Die rhetorische Antwort lautet natürlich: „Ja.“ Es findet eine Übertragung statt, und Kaninchen nutzt diesen Umstand rücksichtslos zu ihrem Vorteil aus. Sie profitiert davon, ihre Untertanen in der Abteilung ständig bei 666 zu verpetzen und suhlt sich in ihrer Rolle als dominante Ehefrau von 666 im Betrieb. Ihr seit frühester Kindheit antrainiertes entwaffnend-engelssüsses Dauerlächeln ist ihre Stahlmaske im täglichen Arbeitskampf gegen ihre Kolleg*en – sooo unschuldig süss lächelt sie dich an – und kaum drehst du ihr den Rücken zu, steckt ihr Messer schon darin.
Diese zweite, parallel handlungsbestimmende Realität ist einerseits für einigermassen erwachsene Menschen offensichtlich, andererseits betrieblich gänzlich unkommunizierbar, schon eine dezente Andeutung wäre ein juristisch haltbarer Grund für eine fristlose Kündigung – mit entsprechenden finanziellen und sozialen Folgen für die Betroffenen. In der Mobbingforschung gilt so eine Situation als generell unlösbar: Die einzige gesellschaftlich zugelassene Kognitionslogik zur Situation ist die Weisse, monistische Kognition des dominanten 666-Kaninchen-Pärchens. Monointeraktive Kognition würde sich ganz selbstverständlich in mehreren Realitäten bewegen und einen Ausgleich suchen, diunitale Kognition unterscheidet zwischen gesellschaftlich dominanter hierarchischer Arbeitsorganisation („flache Hierarchien“ nennt sich das heute) und in diesem Fall kaputter, manipulativer Familienpsychologie, Realitäten, die in demselben Raum und zur selben Zeit miteinander interagieren. Diese Interaktion wäre sozial kommunizierbar zu machen und eben nicht generell „inakzeptabel“. Genau wie in der Psychoanalyse gelten beide Realitäten als in sich logisch, in sich wahr, und sie interagieren horizontal miteinander, es gibt keine rationalen Gründe, warum die eine dominant, also objektiv vernünftig und wahr, die andere ganz selbstverständlich subaltern, also unvernünftig, unwahr, mit der ultimativen Strafe: „one of these incompatible, contradictory, or dichotomous elements must go.“ (Wright: 60) belegt sein sollte.
Natürlich gibt es in der modernen Betriebswirtschaftslehre und deren „human resources speech“ den Begriff „ganzheitlicher“ Betrachtungsweise, doch gegenüber Wrights Begriff des „wholeness thinking, or holistic thinking“ (Wright: 66) ist das in er konkreten sozialen Praxis reiner Betrug: Mensch solle nicht nur das eigene egoistische Wohlergehen, sondern gleichberechtigt immer das Wohlergehen der ganzen Firma im Auge behalten, mensch solle gehäufte Krankheitsabwesenheiten nicht einfach als individuelle Ereignisse sehen, sondern die Betroffenen als ganzheitliche Menschen auffassen und ihnen deshalb im Wiederholungsfalle psychologische Betroiung in Form eines weisungsberechtigten „case managers“ der Krankentaggeldversicherung zur Seite stellen – es ist innerhalb der gesellschaftlich hegemonialen monistischen Weissen Kognition, nichts, aber auch gar nichts möglich in Richtung Fortschritt, nur schon Verbesserung oder gar Aufhebung verhängnisvoller Dynamiken – wie mit dem zitierten Taschenrechner mit nur den vier Grundrechenarten. Das universelle Versprechen diunitaler Kognition ist metaphorisch gesprochen die Herausbildung eines Taschenrechners mit symbolischer Algebra (CAS) als soziales Allgemeingut. Sicherlich, das macht das Leben zunächst komplizierter – aber es kann Probleme lösbar machen, an denen mensch sonst ausweglos scheitern muss, wie beim endlosen numerischen Rumpröbeln auf dem simplen Taschenrechner.

… und ein Lichtblick

Der Artikel „Freuds Rache“ (Titel der Printausgabe) von Oliver Burkemann im Freitag vom 21.1. 2016 weist in diese Richtung: „Lang sah es so aus, als habe die Psychoanalyse den Kampf gegen die Verhaltenstherapie verloren. Doch nun könnte sie ein Comeback feiern.“ (S.6) „Die Psychoanalyse sieht die Dinge viel komplizierter. Als Erstes gelte es, seelische Leiden nicht zu beseitigen, sondern sie zu verstehen. Aus dieser Perspektive ist eine Depression weniger wie ein Tumor, eher wie ein stechender Bauchschmerz – der sagt uns etwas, und wir müssen herausfinden, was. Auch mit dem Glück ist es nicht so einfach, denn wir kennen uns selbst nicht besonders gut. (…) Unsere Wünsche sind zutiefst widersprüchlich, unser Bewusstsein ist nur eine kleine Insel in einem dunklen Ozean.“(S.6) „Aber auch der Schluss, dass wir schlicht nicht wissen, welche Therapie am besten wirkt, ist bereits ein Sieg für Freud und seine Nachfolger. Denn die Psychoanalyse verkörpert ja gerade die ehrfürchtige Demut vor den Rätseln unseres Verstandes. (…) Sigmund Freud als Mensch mag zur Überheblichkeit geneigt haben. Doch er hinterliess uns die Mahnung, wir sollte nicht glauben, dass wir wissen können, was in uns vor sich geht. Zumal wir oft mit aller Kraft versuchen, uns die Unwissenheit zu erhalten – weil die Wahrheiten, die sonst ans Licht kämen, uns verstören würden.“ (S.7)

Literatur

Wright, W D.: Black intellectuals, Black cognition, and a Black aesthetic. Praeger Publishers, Westport CT, 1997

Das Private ist politisch

Kants analytische Kategorien a priori von privatem versus öffentlichem Gebrauch der Vernunft sind bis heute politisch prägend: „Der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muss jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter den Menschen zustande bringen; der Privatgebrauch derselben aber darf öfters sehr enge eingeschränkt sein, ohne doch darum den Fortschritt der Aufklärung sonderlich zu hindern.“ (Kant: 6)
Er entfaltet die Unterscheidung am Beispiel des Geistlichen, der als Angestellter der Organisation Kirche Privatgebrauch betreibt vor seiner Gemeinde, die „immer nur eine häusliche, obzwar noch so grosse Versammlung ist.“ (Kant: 7) Das TV-Millionenpublikum beim urbi et orbi ist also analytisch ein Häusliches.
Habermas hatte in seiner Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ das Problem erkannt: Kants öffentlicher Gebrauch der Vernunft, wo allein Freiheit und Aufklärung möglich sei, findet faktisch als Privatgebrauch der Medienkonzerne statt. Mit dem Take Off seiner Karriere als Deutscher Vorzeigeintellektueller nahm er folgerichtig alles zurück: „Damit will ich sagen, dass ich, wenn ich heute noch einmal an eine Untersuchung des Strukturwandels der Öffentlichkeit herangehen würde, nicht wüsste, welches Ergebnis sie für eine Demokratietheorie haben würde – vielleicht eines, das Anlass wäre für eine weniger pessimistische Einschätzung und für einen weniger trotzigen, bloss postulierenden Ausblick als seinerzeit.“ (Habermas: 50)
Was er wortreich verschweigt: Er spricht dabei entgegen dem selbstinszenierten Anschein nicht „als Gelehrter“ (Kant), sondern er betreibt Privatgebrauch der Vernunft in Diensten des neoliberalen Deutschen Staatsbetriebs vor der imaginären und auch realen „Versammlung“ dessen zukünftigen Middle Managements: der Studierendenschaft. Nicht anders als Kants Geistlicher vor seiner Gemeinde, nicht anders als die Angestellten, die per Weisung dem Betrieb auf kununu.com öffentlich Bestnoten ausstellen.

Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Suhrkamp 1990.

Kant, Immanuel: Was ist Aufklärung, 1784
http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/159_kant.pdf