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W. D. Wright: Diunitale Kognition

Dass der durch William D. Wright popularisierte Begriff „diunital cognition“ im Deutschen bisher keinerlei Rezeption erfuhr, erstaunt nicht, bezeichnet er doch eine Denklogik, deren Träger von Primarschule bis Universität, auch und gerade im akademisch organisiertem Adornitentum, als Feind bekämpft werden. Besonders tragisch, dass Adorno selbst mit seinem Begriff des Nichtidentischen programmatisch in sorgfältigem darum herum Schreiben eine Leerstelle offen hielt, die inzwischen durch seine akademischen Adepten vollständig zubetoniert wurde. Wright setzt den Begriff der diunitalen Kognition synonym zu Schwarzer Kognition („Black cognition“). Es handelt sich um eine aufgeklärte, im besten Sinne rationale Denklogik, und Wrights Zugang ist weit entfernt von einem andernden „so ticken die Schwarzen halt“ – aber diese Form der Rezeption ist innerhalb des Weissen Kognition („White cognition“) letztlich die einzig Mögliche. Umgekehrt hingegen wird auf dem Boden der diunitalen Kognition die Weisse Kognition erst als ein „so ticken die Weissen halt“ erfass- und erfahrbar. Zum Vergleich: Akademische Kritische Theoretiker* sind institutionell sehr stolz darauf, dass ihre Gründerväter (Horkheimer, Marcuse) im und nach dem Zweiten Weltkrieg im Auftrag des Office of Strategic Services (OSS, dann CIA) dieses „so ticken die Deutschen halt“ als „Feindanalyse“ ausarbeiteten. Die Antideutsche Feindschaft gegen das, was sie als (relativ zu ihnen selbst) Nichtidentisches identifizieren, wurzelt in dieser historisch gewachsenen Zusammenarbeit von Wissenschaft, Politik und Militär: Weisse Kognition halt.

Weisse Kognition

Wright identifiziert vier Denklogiken, die Weissen ausschliesslich zur Verfügung stehen (Wright: 60-61), wie ein Taschenrechner mit nur vier Grundrechenarten:

1. Vertikale Kognition („simple vertical cognition“)
2. Dualistische Kognition (dualistic cognition“)
3. Dominanz-Subordinations-Kognition („domination-subordination cognition“)
4. Dialektische Kognition („dialectical cognition“)

Zur Veranschaulichung hier ein eigenes Beispiel, die Zürcher Drogenpolitik seit den Achtzigerjahren:

1. Vertikale Kognition

„The reasoning or analytical logic of this system is directed by ideational and psychological traits to see only incompatibilities, contradictions, or dichotomies in a reality or realities, with the understanding that one of these incompatible, contradictory, or dichotomous elements must go.“ (Wright: 60)
Dafür steht paradigmatisch der Züricher Kantonsarzt Gonzague Kistler: „Als du anfingst hatte Zürich eine extrem repressive Drogenpolitik. Schlimm war, dass der damalige Kantonsarzt Gonzague Kistler die Abgabe von sauberen Spritzen verhinderte, worauf sich der HIV Virus explosionsartig unter den Fixern ausbreitete. (…) Der ganze Konflikt war ja nicht ruckzuck erledigt sondern zog sich hin, während immer mehr Fixer sich mit Aids ansteckten. Die Schweiz hatte Mitte der 80er Jahre die höchste HIV Ansteckungsrate in ganz Europa.“ (Vieli) Die intravenös Heroin- und Kokainkonsumierenden wurden als das bedrohliche Andere schlechthin identifiziert, das wie die Pest physisch eliminiert werden müsse, und die damals für das Spritzen-Abgabeverbot Argumentierenden kokettierten im persönlichen Umgang ganz offen damit, dass sich so dank HIV/AIDS das Problem bald ganz von selbst lösen würde. Dumm nur, dass sich unter den so Geanderten viele Söhnchen und Töchterchen von der reichen Goldküste befanden, deren Eltern über öffentliche Diskursmacht verfügten, was für Kistler letztlich unschön endete: „Kistler hätte höchstwahrscheinlich viele Todesfälle vermeiden können. Das hat ihn fast den Job gekostet und er ging so bald möglich in Pension.“ (Seidenberg in: Kantonsarzt Kistler hätte Tote vermeiden können. Infosperber, 14.3.2013)

2. Dualistische Kognition

„Like vertical cognition, this form also perceives physical, cultural or social realities in an incompatible, contradictory, and dichotomous manner. But this system, owing to its ideational orientation, seeks go keep contradictory realities in existence, because it sees various kinds of value in that. (…) the organizational logic of this cognitive system is called upon to organize these realities in a way that they remain totally separate from each other, having no practical contact with each other, and only enough intellectual contact to discern the differences, and the need to keep the different realities separate.“ (Wright: 60)
Nachdem das (gar nicht so still-)schweigende Ziel der physischen Vernichtung durch AIDS als unrealistisch sich erwies und die offenen Drogenszenen den Geldwert der umliegenden Liegenschaften zählbar zu vermindern begannen, wurden diese mit massiver Polizeigewalt geschlossen. Das neue, bis heute gültige Ziel war und ist, die Konsument*en voneinander zu isolieren und den Drogenhandel in Privatwohnungen zu verdrängen. Die Geanderten tauchen zwar noch ab und an im ÖV auf, wo dann die organisatorische Logik des dualistischen kognitiven Systems wunderbar sich beobachten lässt: Wer als Junkie gelesen wird, braucht keiner der berüchtigten „Gangsitzer“ zu sein, um im vollen Bus zwei Plätze zu belegen. Das kann je nach Tagesform einmal als verletzend empfunden werden, ein andermal als höhnischer Triumph, wenn die arme alte SVP-Dame am freien Sitz vorbei sich stolpernd durch den Gang (dt. Flur) kämpft, vor allem, wenn Umstehende das kognitives System, das da am Werke ist, genau erkennen…

3. Dominanz-Subordinations-Kognition

„The third system of White cognition is domination-subordination cognition. The latter, like the other two systems of cognition, looks upon reality in a contradictory and dichotomous manner, but not in a fully incompatible manner. Reasoning logic, aided by other components of the cognitive system, discerns realities in their contradictions and differences, but this cognitive system seeks to organize the contradictory and different aspects of realities in a domination-subordination relationship.“ (Wright: 61)
Die Schliessung der offenen Drogenszenen in Zürich wäre ohne eine weitere Änderung der Drogenpolitik wohl nur mit einer an Besatzung erinnernde Militarisierung der Polizeiarbeit praktikabel gewesen: Von Opiaten Schwerstabhängige werden nun in medizinischen Einrichtungen mit dem Stoff, wonach sie so sehr hungern, versorgt und betroit – die Slang-Schreibweise für „betreut“ bezeichnet das klare Bewusstsein der Betroiten darüber, dass es sich mit dieser Institution um die praktische Verwirklichung dieser spezifischen Dominanz-Subortinations-Kognition handelt: Im Begriff der Drogenkranken wird mensch als ganzer Mensch anerkannt und respektiert, als vernünftigen Gesprächen prinzipiell zugänglich behandelt, aber dennoch autoritär dominiert – ein Übel, mit dem mensch sich Ruhe vom unerträglichen Horror des Entzugs erkauft.

4. Dialektische Kognition

„The dialectical cognitive method also perceives reality as dichotomous and contradictory, with the contradictions acutely antagonistic toward each other. This cognitive method upon perceiving, by its functioning, the contradictory and antagonistic character of reality, pits the antagonistic elements in a fierce struggle with each other, so that one of the elements has to overcome and subdue the other and put the subdued aspect of reality in a subordinate position, whereby its reality is diminished by the absorbing activities of the dominant reality, which increases in size. This more or less makes the two different realities a single reality, from a process of synthesis (absorption), that will then find itself in an antagonistic relationship with another reality. This will lead to an overcoming process and another synthesis, which will lead to a new, synthetic reality that will interact with an opposite and antagonistic reality that will lead to an overcoming and synthesis – ad infinitum. (…) Dialectical cognition, like vertical cognition, seeks monism. But the approaches are different. Vertical cognition seeks monism, or a one-dimensional reality be excluding or eliminating an aspect of reality from a situation. Dialectical cognition seeks an essentially one-dimensional or monistic reality by bringing two aspects of reality into a domination-subordination relationship in which the dominant aspect enlarges itself at the expense of the subordinate aspect.“ (Wright: 61)
These, Antithese, Synthese: Drogenkonsument, Arzt, Dr. House. Das Beispiel muss fiktiv bleiben: Eine US-Fernsehserie über einen Arzt, aufgrund chronischer Schmerzen abhängig vom synthetischen Opiat-Medikament Vicodin (Hydrocodon), das ihm einerseits die Berufsausübung erst ermöglicht und andererseits durch die Nebenwirkungen gleichzeitig erschwert. Die sehr dramatische Folge Widerspiel thematisiert diese Dialektik direkt: „Cuddy hat veranlasst, dass der Chirurg House mit Ketamin behandelt, dies hat die Verbesserung des Zustandes seines Beins bewirkt. Dieser ist damit nicht einverstanden, da er die eventuell das Gehirn beeinflussende Ketaminbehandlung als Angriff auf seine Psyche betrachtet; er legt sich mit Cuddy und Wilson an und schlägt letzteren, als er plötzlich realisiert, dass er in seinem Krankenbett liegt und halluziniert. (…) House erwacht auf einer Rettungsliege, mit Schusswunden in Hals und Bauch; seine letzten Worte an Cameron sind, dass Cuddy veranlassen möge, ihn mit Ketamin zu behandeln.“ (Wikia) – genau das ist Wrights „ad infinitum“, in dem House gefangen bleibt, notwendig gefangen bleiben muss, bis zur allerletzten Folge Reichenbachfall, eine Befreiung aus der letztlich unerträglichen monistischen Realitätskonzeption ist innerhalb Weisser Kognition nur im (zumindest symbolischen) Tod möglich:
„In der Rahmenhandlung liegt House im Obergeschoss eines brennenden Hauses neben einer Leiche und halluziniert Gespräche mit toten Weggefährten (Kutner, Volakis). In Rückblenden behandelt House einen Drogenabhängigen was ihn dazu zwingt, sein eigenes Leben zu überdenken. (…) Durch verschiedene Hinweise kommen Foreman und Wilson darauf, wo House ist, erreichen das brennende Haus und sehen einen Umriss, der gerade auf die Tür zugeht, als eine Explosion das Haus in Schutt und Asche legt. Anhand der zahnärztlichen Akte wird die im Haus gefundene Leiche als House identifiziert. Während der Trauerfeier findet jeder der Anwesenden gute Worte über House, außer Wilson, der ihn als „Scheusal“ und „verbitterten Sadist[en]“ bezeichnet. Während dieser Tirade empfängt Wilson eine Nachricht auf seinem Handy: “Shut up, you idiot” (deutsch: „Halt die Klappe, Idiot“). (…) Wilson macht House ein paar Vorhaltungen, dass er nie wieder als Arzt arbeiten könne und sein Leben nie wieder wird aufnehmen können, freut sich aber sichtlich. In der finalen Szene sind Wilson und House auf Motorrädern im Land unterwegs.“ (Wikipedia)

Weisse Kognition zu „Multikulturalismus“

Der Artikel „Trügerische Toleranz“ von Matthias Heitmann (NZZ 17.2.2016, S.39) ist ein Paradebeispiel Weisser Kognition in Aktion. Zur Wiederholung: Wie mit einem Taschenrechner mit nur vier Grundrechenarten stehen Heitmann wirklich nur die grundlegenden vier Weissen Kognitionslogiken zur Verfügung:

1. „Seit der Silvesternacht gilt „Köln“ als Synonym für das Ende des politischen Multikulturalismus in Deutschland. (…) Die populäre Diagnose lautet: Einwanderer aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum sind kaum integrierbar, schon gar nicht in grosser Anzahl.“ Simple vertikale Kognition, die Heitmann selbst zwar nicht teilt, aber darauf verweist, dass sie von Pegida und Co. ausgiebig gepflegt wird: „incompatible, contradictory, or dichotomous elements must go“ (Wright: 60).

2. „Auf der Ebene der politischen Zielsetzungen ist „Multikulti“ jedoch Ausdruck des Niedergangs linker Ideale: An die Stelle einer universalistischen Entwicklungsperspektive ist die defensive Ansicht getreten, man könne über die Betonung der Gleichwertigkeit aller Kulturen die Eindämmung der westlichen Dominanz erreichen. (…) Das gleichberechtigte Nebeneinander verschiedener – und auch archaischer und enorm rückschrittlicher – Kulturen gilt als Maximum des Möglichen.“ Multikulti als rein dualistische Kognition, „only enough intellectual contact to discern the differences, and the need to keep the different realities separate.“ (Wright: 60)

3. „Dabei wäre es gerade heute zwingend notwendig, offen und kontrovers über eine „Leitkultur“ zu reden, die ja durchaus aufgeklärte und sinnvolle Leitplanken für eine gelungene Integration definieren könnte. Doch alle Versuche, diese Diskussion zu führen, scheitern seit Jahren an der linken Verteufelung des Begriffes und an der rechten Unfähigkeit, Standards zu definieren, ohne dabei in ausgrenzende Reflexe zurückzufallen.“ Dominanz-Subortinations-Kognition, denn wer „führt“ die Diskussion, wer „definiert Leitplanken“? „This cognitive system seeks to organize the contradictory and different aspects of realities in a domination-subordination relationship.“ (Wright: 61)

4. „(…) in den USA populären Version des „Schmelztiegels“, die vom Verschmelzen der Kulturen ausgeht. (…)“ Die im Deutschen Bildungsbürgertum übliche Scheinübersetzung des „melting pot“, ähnlich sinnvoll wie „Fels‘n'Rollen“, wird nur als Stichwort gegeben, gegen Schluss spricht er von der „Idee einer progressiven, offenen und integrationsbereiten Leitkultur, wie man sie auch heute noch in grossen Metropolen wie New York, London oder Paris erspüren kann“ – und eben nicht in Mumbai (Bollywood) oder Lagos (Nollywood), denn es handelt sich um Weisse, daher letztlich monistische dialektische Kognition, die: „(…) put the subdued aspect of reality in a subordinate position, whereby its reality is diminished by the absorbing activities of the dominant reality, which increases in size.“ (Wright: 61)

Obwohl Heitmann zum Schluss beteuert: „Stattdessen arbeiten die Verfechter der Multikultur wie auch die Anhänger der Monokultur daran, Menschen entlang ihres vermeintlichen „kulturellen Erbes“ einzusortieren und zu kasernieren. Es wird Zeit, diese Dominanz der so missverstandenen Kultur zu durchbrechen.“ konterkariert er seine vorgebliche Intention mit der eben demonstrierten kulturspezifischen Limitation seiner kognitiven Möglichkeiten: „Was die beiden Pole des Meinungsspektrums eint, sind die Betonung der Prägekraft der Kultur und das Verneinen der menschlichen Fähigkeit, sich ebendieser Kraft zu entledigen.“

Monointeraktive Kognition

Wright führt den Begriff der monointeraktiven Kognition („monointeractive cognition“) in Abgrenzung zur monistischen Weissen Kognition ein als Voraussetzung zum Verständnis der diunitalen (Schwarzen) Kognition. Während monistische (Weisse) Kognition Einheit herzustellen versucht unter Ausschluss alles Nichtidentischen, beharrt monointeraktive Kognition auf einer irreduziblen Pluralität von Realitäten, die je ihre eigene Logik, ihre eigene Konsistenz, ihre eigene Daseinsberechtigung haben. So und nur so kann zuverlässig vernünftige Interaktion unter Individuen hergestellt werden: Das Ziel liegt darin, die eine Interaktion zwischen integral als Ganzes aufgefassten Menschen zu ermöglichen. Habermas‘ Diskursethik wäre zumindest theoretisch ein kleiner Schritt in diese Richtung: der eine als universal aufgefasste Diskurs kann dann zustande kommen, wenn die beteiligten Subjekte ihre jeweiligen Geltungsansprüche mitdenken und offenlegen: „Die volle Universalisierbarkeit wird erst erreicht, wenn die Perspektiven von allen direkt oder indirekt von der Norm Betroffenen in ihre Bestimmung mit eingehen und sie ihr zustimmen können.Im Vergleich zu einer monologischen Beurteilung der Normen ist entscheidend, dass jeder Einzelne seine individuelle Perspektive in den Diskurs ungezwungen einbringen kann.“ (Wikipedia).

Wrights Herleitung der monointeraktiven Kognition ist viel umfassender und letztlich auch theologisch gedacht: er führt die Methode und Denklogik zurück auf die Ideengeschichte der Altägyptischen Hochkulturen, die (von der weissgewaschenen Europäischen Geschichtsschreibung weitgehend ignoriert) von Ägypten aus über den Sudan (Kusch) während Jahrtausenden ins ganze Subsaharische Afrika diffundiert ist. Jan Assmann beschrieb die historische Sachlage so: „Die Totenreligion der alten Ägypter bedeutet den größten Triumph der menschlichen Imagination über die harten Fakten der Existenz. (…) Dabei steht für Assmann fest, dass keine andere Kultur bisher die altägyptischen Gegenbilder zu Sterben und Tod an Kühnheit und Farbigkeit übertroffen oder auch nur von ferne erreicht hätte. Entscheidend sei, dass sie die Erfahrung des Todes keineswegs verdrängen oder verleugnen, sondern ihr umfassend und schonungslos Ausdruck verleihen würden, um alternative Wege und Räume zu erschließen. So sollen viele der Sprüche dem Toten helfen, göttlich zu werden, ein Leben im Jenseits wie vorher im Diesseits führen zu können und sogar in die Beziehungen zwischen Göttern einzugreifen.“ (Behrang Samsami in einer Rezension auf literaturkritik.de). Die Welt der Lebenden, die Welt der Toten, die Welt der Menschen, die Welt der Götter interagieren konkret in der einen, umfassend gedachten Welt – genau das meint das „mono“ in „monointeraktiv“:
„Indeed, for the ancient Egyptions, reality or existence was comprised of dualities, such as the body and soul, good and evil, life and death, strong and weak, science and religion, this life and the afterlife. These dualities were constant, but they were not static, or simply parallel or oppositional to each other. The opposite elements, or dualities, owing to the movement of the universal life force, interacted with each other in a dialectical manner that saw the oppositional elements, at moments, transcend their opposition and duality and trough a synthesis or union become one, a oneness that was a small manifestation of the absolute oneness or absolute reality.“ (Wright: 65)

Diunitale Kognition

Wright leitet die Genese der diunitalen Kognition historisch ab aus der Geschichte der Sklaverei in den Amerikas: Während diese Menschen vom Kontinent ganz selbstverständlich die monointeraktive Kognition als psychologische Grundausstattung mitbrachten, wurden sie gewaltsam in eine Welt entführt, wo diese Logik null und nichts galt. Sie waren und sind umgeben von einer Welt, die von monistischer Weisser Kognition mit Wahrheitsmonopol bestimmt wird:
„Because of the way they were dominated an controlled in America, Blacks found themselves unable to do to Whites what Whites did to them. Whites could dominate and subordinate Blacks, but Blacks could not do that to them. (…) Blacks had to develop a new cognitive system, which had to be developed out of their monointeractive African heritage, their domination-subordination, exclusionary, and segregated (dualistic) interaction with Withes, out of the vast contradictor character of their life in America, and out of thier own needs and aspirations in the country.“ (Wright: 72)
„What Black Cognition did for Black people over their history in America was to make them a very conscious people. They had contradictions imposed upon them, and they had to be able to see these contradictions fully, or in their fullness. (…) But they had to have the cognitive means to do that, to be able to see and understand reality in its greater complexity or wholeness. This also became the preferred method of cognition. It made it possible to have a more critical perspective on reality, because more of it could be seen and understood and analyzed. There was greater knowledge and greater truth to be had.“ (Wright: 75)
Diunitale Kognition bezeichnet den gleichwertigen, gleichzeitigen Zugang zu Weisser, monistischer Kognition und monointeraktiver Kognition auf einer horizontalen Ebene: „Blacks were less aggressive toward reality; not out to dominate it, or to subdue it, or to control it – and certainly not like Whites. Blacks, owing to their method of cognition and other attributes, such as Blackcentrism ant the Blackcentric Perspective, were inclined to let reality, to let people, reveal themselves. Thus, quick judgements were not to be made about reality or about people. It was necessary to draw out as much information as possible and let things, or people, be revealed. Blacks have always been revelationists in America. This helped to inculcate a patience in them, with regard to realities and with people, especially white people – and with America.“ (Wright: 76)

Ein Beispiel aus der Arbeitshölle…

Weniger im Sinne von „das ist jetzt Schwarze Kognition“ (kann es auch nicht sein), sondern als ein weniger geandertes Denksystem das – ganz im Sinne des Psychoanalytikers und Theologen Eugen Drewermann – dem Kern westlicher Aufklärung entspringt und dennoch die Interaktion einer sichtbaren Welt (konkretes soziales Handeln) und einer unsichtbaren Welt (psychische Phänomene wie Übertragung) dem ansonsten blinden Weissen Denken zugänglich machen kann.

Personal
  • 666 (kokettiert offen mit der Zahl als Selbstbezeichnung), Inhaber und Geschäftsführer, ein Klon des aus Dilbert bekannten „pointy haired boss“.
  • Kaninchen, gemäss Peters-Prinzip zur Abteilungsleiterin Backoffice „nach oben gefallen“, nachdem innert kurzer Zeit alle ausser ihr wegen inakzeptablen Vorgesetztenverhaltens gekündigt hatten. Geniesst bedingungslose Protektion durch 666.
  • Gewöhnliches Personal, wer kann, kündigt. Genau aus diesem Grund stellt 666 strategisch intersektionell Benachteiligte an, die nicht einfach kündigen können, dafür von 666 umso besser erbarmungslos niedergemobbt werden können.

Situation: Erneut hat die Hälfte des Backoffice-Personals aus genannten Gründen gekündigt. Schlussfolgerung von 666: diese Leute haben ein Problem. Es ist keinerlei Übergabe des spezifischen Know-how an Kaninchen erfolgt. Schlussfolgerung 666: Diese Leute waren das Problem und sind persönlich schuld an stockenden Betriebsabläufen. Soweit die eine, allein handlungsbestimmende und wirkmächtige firmeninterne Realität.
Doch küchentischpsychoanalytisch ist gleichzeitig eine zweite Realität am Werk: Eine Kollegin aus der ersten grossen Kündigungsrunde wies im vertraulichen Gespräch darauf hin, dass 666 sehr unter der Knute seiner energetischen Frau leide und ihr komplett hörig sei. Einem neueren Kollegen entfuhr, nachdem ich ihn auf Kaninchens Status als persönliche Protegée von 666 trotz (bzw. dank) erwiesener Unfähigkeit hinwies: „Ist das seine Frau, oder was?“
Die rhetorische Antwort lautet natürlich: „Ja.“ Es findet eine Übertragung statt, und Kaninchen nutzt diesen Umstand rücksichtslos zu ihrem Vorteil aus. Sie profitiert davon, ihre Untertanen in der Abteilung ständig bei 666 zu verpetzen und suhlt sich in ihrer Rolle als dominante Ehefrau von 666 im Betrieb. Ihr seit frühester Kindheit antrainiertes entwaffnend-engelssüsses Dauerlächeln ist ihre Stahlmaske im täglichen Arbeitskampf gegen ihre Kolleg*en – sooo unschuldig süss lächelt sie dich an – und kaum drehst du ihr den Rücken zu, steckt ihr Messer schon darin.
Diese zweite, parallel handlungsbestimmende Realität ist einerseits für einigermassen erwachsene Menschen offensichtlich, andererseits betrieblich gänzlich unkommunizierbar, schon eine dezente Andeutung wäre ein juristisch haltbarer Grund für eine fristlose Kündigung – mit entsprechenden finanziellen und sozialen Folgen für die Betroffenen. In der Mobbingforschung gilt so eine Situation als generell unlösbar: Die einzige gesellschaftlich zugelassene Kognitionslogik zur Situation ist die Weisse, monistische Kognition des dominanten 666-Kaninchen-Pärchens. Monointeraktive Kognition würde sich ganz selbstverständlich in mehreren Realitäten bewegen und einen Ausgleich suchen, diunitale Kognition unterscheidet zwischen gesellschaftlich dominanter hierarchischer Arbeitsorganisation („flache Hierarchien“ nennt sich das heute) und in diesem Fall kaputter, manipulativer Familienpsychologie, Realitäten, die in demselben Raum und zur selben Zeit miteinander interagieren. Diese Interaktion wäre sozial kommunizierbar zu machen und eben nicht generell „inakzeptabel“. Genau wie in der Psychoanalyse gelten beide Realitäten als in sich logisch, in sich wahr, und sie interagieren horizontal miteinander, es gibt keine rationalen Gründe, warum die eine dominant, also objektiv vernünftig und wahr, die andere ganz selbstverständlich subaltern, also unvernünftig, unwahr, mit der ultimativen Strafe: „one of these incompatible, contradictory, or dichotomous elements must go.“ (Wright: 60) belegt sein sollte.
Natürlich gibt es in der modernen Betriebswirtschaftslehre und deren „human resources speech“ den Begriff „ganzheitlicher“ Betrachtungsweise, doch gegenüber Wrights Begriff des „wholeness thinking, or holistic thinking“ (Wright: 66) ist das in er konkreten sozialen Praxis reiner Betrug: Mensch solle nicht nur das eigene egoistische Wohlergehen, sondern gleichberechtigt immer das Wohlergehen der ganzen Firma im Auge behalten, mensch solle gehäufte Krankheitsabwesenheiten nicht einfach als individuelle Ereignisse sehen, sondern die Betroffenen als ganzheitliche Menschen auffassen und ihnen deshalb im Wiederholungsfalle psychologische Betroiung in Form eines weisungsberechtigten „case managers“ der Krankentaggeldversicherung zur Seite stellen – es ist innerhalb der gesellschaftlich hegemonialen monistischen Weissen Kognition, nichts, aber auch gar nichts möglich in Richtung Fortschritt, nur schon Verbesserung oder gar Aufhebung verhängnisvoller Dynamiken – wie mit dem zitierten Taschenrechner mit nur den vier Grundrechenarten. Das universelle Versprechen diunitaler Kognition ist metaphorisch gesprochen die Herausbildung eines Taschenrechners mit symbolischer Algebra (CAS) als soziales Allgemeingut. Sicherlich, das macht das Leben zunächst komplizierter – aber es kann Probleme lösbar machen, an denen mensch sonst ausweglos scheitern muss, wie beim endlosen numerischen Rumpröbeln auf dem simplen Taschenrechner.

… und ein Lichtblick

Der Artikel „Freuds Rache“ (Titel der Printausgabe) von Oliver Burkemann im Freitag vom 21.1. 2016 weist in diese Richtung: „Lang sah es so aus, als habe die Psychoanalyse den Kampf gegen die Verhaltenstherapie verloren. Doch nun könnte sie ein Comeback feiern.“ (S.6) „Die Psychoanalyse sieht die Dinge viel komplizierter. Als Erstes gelte es, seelische Leiden nicht zu beseitigen, sondern sie zu verstehen. Aus dieser Perspektive ist eine Depression weniger wie ein Tumor, eher wie ein stechender Bauchschmerz – der sagt uns etwas, und wir müssen herausfinden, was. Auch mit dem Glück ist es nicht so einfach, denn wir kennen uns selbst nicht besonders gut. (…) Unsere Wünsche sind zutiefst widersprüchlich, unser Bewusstsein ist nur eine kleine Insel in einem dunklen Ozean.“(S.6) „Aber auch der Schluss, dass wir schlicht nicht wissen, welche Therapie am besten wirkt, ist bereits ein Sieg für Freud und seine Nachfolger. Denn die Psychoanalyse verkörpert ja gerade die ehrfürchtige Demut vor den Rätseln unseres Verstandes. (…) Sigmund Freud als Mensch mag zur Überheblichkeit geneigt haben. Doch er hinterliess uns die Mahnung, wir sollte nicht glauben, dass wir wissen können, was in uns vor sich geht. Zumal wir oft mit aller Kraft versuchen, uns die Unwissenheit zu erhalten – weil die Wahrheiten, die sonst ans Licht kämen, uns verstören würden.“ (S.7)

Literatur

Wright, W D.: Black intellectuals, Black cognition, and a Black aesthetic. Praeger Publishers, Westport CT, 1997

Zu Sigmund Freuds „Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken“

„Für die meisten Ethnologen indiskutabel“ war laut Wikipedia das Buch „Totem und Tabu“ schon 1920 nach der Kritik von Alfred Kroeber, also formale Triggerwarnung vor kolonialrassistischem Gedankengut – aber so ganz einfach ist m.E. die Sache dann doch nicht, daher noch eine ehrliche Triggerwarnung an PoC mit PTSD in Sachen Magie –
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- wobei in meiner wenigen (mündlichen) Erfahrung die Rücksichtnahme eher umgekehrt verläuft: Sie mauern souverän und versuchen umgekehrt, mich zu schützen vor Dingen, deren Abwesenheit in Form psychischen Terrors gerade die Lebensqualität ausmacht hierzulande (einmal wörtlich: „Wir haben anderes Blut, bei euch wirkt Juju nicht.“) – mässig effektiv, wenn sie mir gleichzeitig zu verstehen geben, da was zu sehen, was da nicht hingehört…

Item: Freud postuliert phylogenetisch eine hierarchische Rangfolge in der Menschheitsentwicklung vom animistischen über das religiöse zum wissenschaftlichen Weltverständnis. Ontogenetisch parallelisiert er diese Rangfolge mit der objektlos-autoerotischen Libido des Kindes, über die narzisstische Libido mit dem Ich als einzigem Objekt, zur erwachsenen, reifen Libido mit dem Alter als Objekt und Person unter rational-vernünftigem Verzicht auf das Lustprinzip.

Weiter parallelisiert Freud anhand des Topos „Allmacht der Gedanken“ die magische Praxis der sogenannten „Primitiven“ mit den pathischen Projektionen des Zwangsneurotikers. Doch während z.B. in der antideutschen Ideologie (siehe Bahamas) diese Parallelisierung unidirektional ausschliesslich der Denunziation ihrer Gegner als geisteskrank und regressiv dient, ist diese Parallelisierung bei Freud durchaus bidirektional angelegt: Aus dem psychoanalytischen Verständnis von Zwangsneurosen als sowohl innerpsychisch-rational wie auch sekundär und objektiv rational erwächst ein Verständnis für die als animistisch bezeichneten Weltauffassungen als prinzipiell vertraute Denksysteme, und er schliesst:

„Wir täuschen uns wohl nicht darüber, dass wir uns durch solche Erklärungsversuche dem Vorwurfe aussetzen, dass wir den heutigen Wilden eine Feinheit der seelischen Tätigkeiten zumuten, die weit über die Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Allein ich meine, es könnte uns mit der Psychologie dieser Völker, die auf der animistischen Stufe stehen geblieben sind, leicht so ergehen wie mit dem Seelenleben des Kindes, das wir Erwachsenen nicht mehr verstehen, und dessen Reichhaltigkeit und Feinfühligkeit wir darum so sehr unterschätzt haben.“ (Freud: 111)

So schreibt Freud wenige Jahre nach dem Genozid der Deutschen an den Herero und Nama im heutigen Namibia (75 – 85′000 geplant und systematisch Ermordete), wenige Jahre nach dem öffentlichen Bewusstwerden der Kongo-Gräuel (8-10′000′000 Ermordete, etwa die Hälfte der damaligen Bevölkerung), zu einer Zeit, als der wissenschaftlich sanktionierte Rassismus als Folge und zur nachträglichen Legitimation der bereits abgeschafften Sklaverei erst recht in Mode kam.

Zu dieser Zeit schrieb Freud: „Man darf nicht annehmen, dass die Menschen sich aus reiner spekulativer Wissbegierde zur Schöpfung ihres ersten Weltsystems aufgeschwungen haben. Das praktische Bedürfnis, sich der Welt zu bemächtigen, muss seinen Anteil an dieser Bemühung haben.“ (Freud: 89) Und: „Die erste Weltauffassung, welche den Menschen gelang, die des Animismus, war also eine psychologische, sie bedurfte noch keiner Wissenschaft zu ihrer Begründung, denn Wissenschaft setzt erst ein, wenn man eingesehen hat, dass man die Welt nicht kennt und darum nach Wegen suchen muss, um sie kennen zu lernen.“ (Freud: 103)

Freuds eigener Weg, sich die unbekannte Seele zugänglich zu machen, war die analytische Trennung der zuvor atomar verstandenen einheitlichen Menschenseele in drei Teile: Ich, Über-Ich und Es. Diese Trennung wird als seine eigentliche wissenschaftliche Leistung anerkannt und – vor allem von ihm selbst – verstanden als die dritte narzisstische Kränkung der Menschheit: Die Erkenntnis, als bürgerliches Subjekt nicht Zentrum der Person, „nicht Herr im eigenen Hause“ zu sein: Das vermeintlich autonome Ich wird bedrängt und überwältigt von Aktionen des unbewussten Es (Libido) im Konflikt mit dem Über-Ich (personifizierte gesellschaftliche Moral).

Die Genese von Gedanken ist dem Denkenden selbst oft schleierhaft, ganz besonders, wenn sie mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt ist. Picasso wird der Ausspruch zugeschrieben: „Gute Künstler kopieren, grosse Künstler stehlen“ – konkret bezogen auf seine offensichtliche und selbsterklärte Praxis, Kunst wie im subsaharischen Afrika zu produzieren. Er erkannte und übernahm die zugrundeliegende Idee, das „Warum?“, nicht die oberflächlich sichtbare Form, das „Wie?“, gab das Ergebnis als sein Eigenes aus und wurde dafür berühmt. Ein Tun, welches als Cultural Appropriation zu bezeichnen ist.

Aus heutiger ethnologischer Sicht wirkt Freuds Psychoanalyse erstaunlich unoriginell: „In Vodou, persons are said to possess several „souls.“ In fact, there is no generic term in the Haitian Creole language that includes all of these spiritual entities or energies, even though each possesses some of the characteristics of what Westerners call soul.“ (McCarthy Brown: 8 ) „The nam, the gwo bonanj, the ti bonanj, and the zetwal are the constitutive parts of a Haitian view of personhood that is clearly derivative of what ethnographers call the „multiple soul complex“ in West Africa. The fact that Vodou contains European elements as well as African is also hinted at in this formulation.“ (McCarthy Brown: 9) „What complicates the understanding of personhood is the realization that individuals are not comprehensible apart from the Vodou spirits associated with them. It is easiest to discuss this in the urban setting, which I know best. Here, each person is said to have a mèt tet, master of the head. This is the main spirit served by that person, and if the person is one who serves as a „horse“ of the spirits, it will be the mèt tet who most often possesses that person. To a certain extent the personality of the individual human being mirrors that of his or her mèt tet. (…) In addition to a mèt tet, each individual has a smaller number of other spirits, usually two or three, from whom he or she receives special protection. This complex of spirits, which may consist of some that are known only in that family and others that are recognized throughout Haiti, differs from individual to individual. It is because of this that Vodou, though centrally concerned with morality, could never produce a codified moral law that would apply equally to all persons.“ (McCarthy Brown: 10).

Den Teilen ti bonanj/gro bonanj/mèt tet entsprechen nur vage Freuds Trinität Es/Ich/Über-Ich: einerseits sind die Haitianischen Begriffe universaler, d.h. weniger direkt auf bestimmte soziale Verhältnisse wie die autoritäre, sexuell repressive bürgerliche Kleinfamilie bezogen (es gibt sehr verschiedene mèt tet), andererseits sind sie dediziert nicht (neukantianisch gesprochen) analytische Kategorien a priori, sondern sie bezeichnen eher real existierende Wesenheiten, die einen einzelnen Menschenkörper (kòr kadav) konkret bewohnen und so als Menschen animieren.

Freud stellte seine Psychoanalyse in eine genealogische Folge grosser narzisstischer Kränkungen der Menschheit im Zuge fortschreitender wissenschaftlicher Erkenntnis: Das heliozentrische Weltbild als kosmologische 1. Kränkung degradierte die Erde vom Zentrum des Kosmos zu einem Trabanten unter vielen; die Evolutionstheorie als biologische 2. Kränkung degradierte den Menschen von Gottes physischem Ebenbild zu einer Variante von Säugetieren; die Psychoanalyse als psychologische 3. Kränkung degradierte das vernünftige Ich zu einem Getriebenen, das „nicht Herr im eigenen Hause“ ist.

Wenn auch (wie hier gezeigt) nicht völlig undenkbar, so doch in seinem sozialen Kontext gänzlich unkommunizierbar war ihm der Gedanke einer epistemologischen 4. Kränkung des narzisstischen Subjekts durch die Tatsache, dass es schon immer multidirektionale Diffusion von Ideen und Weltanschauungen gab (auch und gerade mit Haiti, dem zweiten unabhängigen Staat in den Amerikas nach den USA), die Kränkung, dass die Weisse mitteleuropäische Hochkultur keineswegs das Zentrum der Welt war und ist, von dem die narzisstischen Kränkungen für alle anderen auszugehen haben, der Schock, dass die N* schon immer gewusst haben könnten, was hier als neu und revolutionär erschien – letztlich mit der Konsequenz, dass es in einer globalen Perspektive seine 3. psychologische Kränkung gar nicht geben kann, da im so bezeichneten Animismus im Allgemeinen und dem Haitianischen Vodou der Moderne im Besonderen die narzisstische Vorstellung, dass das vernünftige „Ich“ (der gro bonanj) Alleinherrscher im „eigenen Haus“ (im kòr kadav) sei, gar nie existierte – und individuell im Sinne einer seelischen Gleichgewichtsstörung als professionell behandelbar galt und gilt, ganz ähnlich wie in der psychoanalytischen Therapie.

Literatur

Freud, Sigmund: Totem und Tabu. Fischer Bücherei 1956

McCarthy Brown, Karen: Afro-Caribbean Spirituality: A Haitian Case Study.
In: Claudine, Michel, Bellegarde-Smith Patrick: Invisible Powers, Vodou in Haitian Life and Culture. Palgrive/MacMillan, New York 2006

Atheistische Kirchliche Traumdeutung

Kürzlich publizierte „reformiert.“, die Zeitung der evangelisch-reformierten Schweizer Staatskirche, ein Dossier zum Thema „Träume“ mit einem Interview mit drei Leuten: einem Theologieprofessor, einem Liedermacher und Spieleerfinder und einer Medizinstudentin, die „die Kunst des luziden Träumens beherrscht“ (S. 6).

Womit bei letzterem schon das Stichwort gegeben ist: Die Kritische Theorie interpretiert Modernisierung als permanente Ausweitung menschlicher Naturbeherrschung, und zwar sowohl der äusseren Natur wie auch (vor allem bei Marcuse), notwendig damit einhergehend der inneren Natur des Menschen. War noch bei Freud der Traum ein „Königsweg zum Unbewussten“ (S. 8 ), welcher sich instrumenteller Beherrschung gerade entzieht und damit auf die verdrängte innere Natur verweist, planiert das modernistische luzide bzw. Klarträumen auch noch dieses Refugium: „Mit Training und gezielten Übungen kann man lernen, diesen Zustand gezielt auszulösen. Es wird möglich, die Umgebung, die Personen, die Handlung und den eigenen Körper direkt zu beeinflussen.“ (S. 6) – und damit der Herrschaft der instrumentellen Vernunft zu unterwerfen. Das kann einerseits als „das kulturelle und wissenschaftliche Bewusstsein der Moderne“ (S. 6) bezeichnet werden, andererseits kommt damit in Negativer Dialektik der Psychoanalyse und -Therapie ihr wichtigstes Instrument abhanden: Man denke an den Patienten mit unbestimmtem Juckreiz, der dem Dermatologen sein Mikroskop sabotiert. Die in natürlicher Umgebung putzmunter prosperierende Krätzekolonie wird das sein, was Freud als die „Wiederkehr des Verdrängten“ bezeichnete.

Theologisch und also wissenschaftlich dasselbe in Grün: Biblische Träume werden umdeklariert als „literarischer Kunstgriff, um Geschichten in der Geschichte zu erzählen“ (S, 7), welche der Theologe abgrenzt von „religiösen Träumen, die wir alle haben können: Träume mit religiösen Motiven wie etwa Kirchen, Licht oder Engel.“ (S. 7) In der Tradition antiautoritärer bürgerlicher Aufklärung bezeichnet der Liedermacher religiöse Träume als „unendlich gefährlich. Zum Beispiel Abrahams Traum, den er als eindeutige Aufforderung genommen hat, seinen Sohn Isaak zu opfern, sprich: ihn umzubringen.“ (S. 7) Der Theologe entgegnet: „Aber das ist doch eben gerade kein Traum. Was hat Abrahams Geschichte mit unserem Thema zu tun?“

Eugen Drewermann bringt in der ORF-Doku „Geister“ von Peter Beringer die Sache druckreif auf den Punkt: „Auf dem Boden der pharisäischen Glaubensbewegung, der auch Jesus angehört und auch Paulus im alten Testament, ist man davon überzeugt, dass solche Geister auch Besitz ergreifen können von der Seele der Menschen. Es ist sehr wichtig, dass wir die Wunderheilungen im neuen Testament, die von Jesus historisch glaubwürdig berichtet werden, von Teufelsaustreibungen, die dort erzählt werden, übersetzen in die Sprachebene der heutigen Psychoanalyse und Psychosomatik. Die psychoanalytische Erklärungsebene dürfte nicht verlassen werden. Sie bewahrt uns davor, dass wir Phänomene, die in unserer Seele sich ereignen, für etwas interpretieren, das von draussen auf uns zu kommt. Das ist psychologisch im Erleben sogar korrekt, es ist das Unbewusste, das Ich-Fremde, das hineindrängt in die Persönlichkeitsmitte.“ (ca. Min. 14)

Ideengeschichtlich ist die Aporie erklärlich: „Potentaten – gerade auch christliche – verkündeten immer wieder: Mein Volk muss in den Krieg, Gott hat es mir befohlen. Und Gott wird dafür sorgen, dass wir siegen.“ (S. 7) Also radikalisierten die Reformatoren den christlichen Monotheismus und dessen Bilderverbot: Gott west einzig und allein im geschriebenen Wort der Bibel. Keine Altäre, keine Heiligen, kein Weihrauch, nicht mal Kerzen mehr. Undenkbar in dieser Konstellation, dass der ewig Abwesende dadurch aktiv aus der Menschenwelt ausgeschlossen worden sein könnte, als nicht intendierte Nebenfolge universaler Modernisierung, als atheistische Theologie.

Weniger naive und damit auch brachiale ideengeschichtliche Traditionen, wie etwa die Globale Subsaharische, betrachten Gott schon immer als den Grossen Abwesenden. Als universaler CEO ist er zu beschäftigt, um sich um kleinliche menschliche Belange zu kümmern, es wäre reine Hybris, zu glauben, Er*Sie hätte Zeit, Post persönlich zu beantworten. Aus diesem Grund beschäftigt Sie*Er Heerscharen von Mittelsleuten, die am virtuellen Schalter der spirituellen Gemeindeverwaltung unter Einhaltung der Öffnungszeiten direkt ansprechbar sind – oder ab und zu auch mal an der Wohnungstüre unangemeldet vorstellig werden.

Ein solches Empfangszimmer ist der Traum, und kultiviert werden ein anderes „Training und gezielte Übungen“, um überhaupt fähig zu werden, eine* Orisha (Brasilien) bzw. Lwa (Haiti) überhaupt als solche* zu erkennen und nach Möglichkeit das Kommunizierte auch zu entschlüsseln. Die erscheinen nämlich genauso in „präzisen Metaphern in den Traumbildern“ (S. 7), doch abverlangt wird den Menschen die zusätzliche analytische Trennung von Nicht-Ich in das freudianische „Es“ als das eigene, persönliche Unbewusste, und eine tatsächliche Begegnung mit etwas Ausserpersönlichem. In den Worten von Aunt Tansia zur Erklärung des Träumens, wobei der „Gwo Bonnanj“ (Kreyol, frz. „gros bon ange“, „grosser guter Engel“) sehr genau dem freudianischen „Ich“ entspricht, der „Ti Bonnanj“ (frz. „petit bon ange, „kleiner guter Engel“) jedoch umfassender gedacht ist als das unbewusste „Es“:

„Due to a whim of Ginen, we are made of two compartments separated by a line, which is the will. This line of separation is itself controlled by Intention. In order for the will to be able to impose its orders, it requires the support of Intention, which itself obeys the orders of Perception. Will and Intention go together and are indistinguishable. The compartment placed on the left side is set in reverse. It is summoned and directed by Ti Bonnanj, Lanvè, or Selidò (the spiritual body, a portion of God). It cannot be described; you know it, that is all. The other compartment, the one on the right side, is called Gwo Bonnanj, Landwat, or Sèmèdò. It is there where we find the mental world and the intellect with all their compartments. It is our Gwo Bonnanj who teaches us all the things in the known world and helps us to distinguish among them by means of Bon-konprann (reason). When you are in a dream state, you are automatically under the control of Ti Bonnanj. He it is who rules the unknown world. he is the master there. That is because he has his own rules. Entering into the unknown world is not without danger, just as a child cannot set out alone on a highway. We are on the brink of madness in the unknown world. Madness is the unforgiving, unforeseen event.“ (Beaubrun: 42)

„Seeing is being in a trance, and it brings joy. It must be said that there are different kinds of trances. There are some that are very deep, in which the initiate could spend a month and even more outside himself. This is the trance that the medium or chwal experiences. There is a trance conductive to inspiration familiar to writers, poets, painters and artists in general. There is the trance of dreamers enabling the seeing and hearing of spirits in which the initiate acts lucidly while at the same time his spirit is communicating with other spirits. The trance of ecstasy is one in which one travels to faraway lands, but in a state of consciousness. (…) His voyages resemble dreams, but dreams experienced in a wakened state. To enter Nan Dòmi is to have the capacity to see what others do not perceive. The joy felt be the seer is a gentle emotion. It brings peace. It is like a mail service. It sends the news to Sèmèdò while the chosen one is in Nan Dòmi. The joy of the seer does not come from the discovery of two parallel worlds – one where the individual I expresses itself and where the other, his integral being, begins to vibrate. Rather, it comes from the pleasure of having found the point of conjunction between the two worlds and of having been able to maintain itself there. (…) Seeing constitutes an extraordinary power, but there is another, still more extraordinary power – which is that of seeing the risks of Seeing.“ (Beaubrun: 227)

Das ist nicht „primitiv“, das ist hochkomplexe Analyse. Nur schon die Möglichkeit der Kommunikation mit Ausserpersönlichem wird bei Freud im kantianischen Sinne a priori ausgeschlossen, obwohl er angeblich z.B. persönlich an Telepathie glaubte, aber den freundschaftlichen Rat befolgte, das unter dem Deckel zu halten, um seine wissenschaftliche Reputation nicht zu beschädigen. Augenscheinlich existieren dieselben Zwänge wider die intellektuelle Redlichkeit auch in der modernen (staats-)kirchlichen Theologie. Mensch imaginiere Kants „Geistlichen“, der im „Privatgebrauch der Vernunft“ vor seiner Gemeinde in der Kirchenzeitung Sigmund Freud predigt und sich im „öffentlichen Gebrach der Vernunft“ als Primitiver outet. Salopp gesagt: Wem als Theolog* öffentlich an Gott glaubt, blüht Hartz IV.

Weiterführendes

Afropow Worldwide: After the Quake: Music, Politics, and Spirituality in Haiti

Beaubrun, Mimerose Manzé: Nan Dòmi. An Initiate’s Journey into Haitian Vodou. Translated by D.J. Walker. City Lights Books, San Francisco, 2013.