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René Scheu und Bassam Tibi in der NZZ: Die Barbaren berufen sich auf Adorno

„Die Barbaren, sie lauern überall – auch der Antirassismus taugt zum Rassismus“ titelte René Scheu am 28.10.2017, seines Zeichens Chefredaktor des Feuilletons der Zürcher NZZ und in dieser Funktion kausal mitverantwortlich für das „Klima der untergründigen Angst“, welches dort seit einiger Zeit das Arbeitsverhältnis prägt (WoZ vom 12.10.2017). In seinem ummauerten Gärtchen simulierte er kürzlich eine intellektuelle Debatte, welche über die zu dem Zwecke logisch notwendige handzahme Replik von Dieter Thomä, „Was ist das Erbe der Aufklärung?“, in der umfassenden Bestätigung von Scheus Weltanschauung gipfelte durch den notorischen „Adorno-Schüler“ Bassam Tibi, welcher „über das merkwürdige Bündnis von Progressiven und Islamisten“ einmal mehr öffentlich schwadronieren durfte.

Um die Sache von hinten aufzurollen zunächst dieser Satz aus dem WoZ-Artikel zum Hintergrund des gegenwärtigen journalistischen Arbeitsklimas bei der NZZ: „Die Gefahr stand im Raum, dass die rechtspopulistische Medienoffensive der Milliardäre Tito Tettamanti und Christoph Blocher nach der «Weltwoche» und der «Basler Zeitung» auch die «Neue Zürcher Zeitung» erreichen könnte: wenn nicht über die Aktien, dann über die Köpfe.“

Die rechtspopulistische „Basler Zeitung“ ist bazonline.ch – in diesem Kontext die sehr professionell SEO („search engine optimized“) Google-Top-Ergebnisseite zu Bassam Tibi, zumindest in der Schweiz:

Bassam Tibi

…und darüber gleich zum Kulminationspunkt von Tibis Argumentation:

„Die «Progressiven» sind in der Tat kulturrelativistisch und postmodern; sie ersetzen das individuelle «Subjektivitätsprinzip» (Habermas) durch Minderheitenrechte. Setzte sich diese Haltung durch, würde dies das Ende von Europa als Kontinent der Aufklärung und als «Insel der Freiheit in einem Ozean der Gewaltherrschaft» (Horkheimer) bedeuten.“

Tibi gibt die Quelle des Horkheimer zugeschriebenen Zitats nicht an, Ofenschlot hatte vor einiger Zeit in seinem Blog-Beitrag „Der alte Mann und der Krieg“ eindrücklich belegt, auf welchen Horkheimer der hochdekorierte Adorno-Schüler Tibi sich beruft:

„Ganz Asien würde chinesisch werden. Aber die Intellektuellen sehen nur das Grauen dieses Krieges, die unglücklichen Vietnamesen, die scorched earth policy [Verbrannte Erde. Es ist ein pikantes Detail, dass Horkheimer resp. sein Chronist auf den englischen Ausdruck ausweicht, um bloß keine Wehrmachts-Assoziation aufkommen zu lassen? Anm. Ofenschlot] der amerikanischen Kriegsführung. Was sie nicht sehen, ist die Hölle einer chinesischen Weltherrschaft.“ (Gesammelte Schriften Bd.18, Frankfurt 1996, S. 646f.)

„Wenn in Amerika es gilt, einen Krieg zu führen – und nun hören Sie wohl zu – einen Krieg zu führen, so ist es nicht so sehr die Verteidigung des Vaterlandes, sondern es ist im Grunde die Verteidigung der Verfassung, die Verteidigung der Menschenrechte, und Sie können heute sagen: ja, und was passiert denn da in Vietnam? Sie können mit Recht all das Furchtbare darstellen – wenn Sie es können – was in Vietnam sich ereignet. Aber diese jungen Menschen, die da hinausgehen, glauben, sie verteidigen die Welt, in der es noch ein bißchen so etwas wie Freiheit gibt, gegen das Gegenteil, selbst wenn man dazu auch totalitäre Mächte leider benutzen muß.“ (Antwortschreiben Horkheimer vom 18.5. 1967 an den Frankfurter SDS)

Das also ist Bassam Tibis Horkheimer. Natürlich könnte man sich lustig machen über den öffentlich zur Schau gestellten Primitivismus von jemdandem, der sich in symbolischem Ahnenkult vor dem Schrein bzw. säkular „vor dem Schreibtisch von Theodor W. Adorno an der Goethe-Universität in Frankfurt fotografieren“ lässt, in jovial herablassender Pose des hochdekorierten Intellektuellen, laut Wikipedia Träger des „Bundesverdienstkreuz erster Klasse“ und des „Jahrespreis der Stiftung für Abendländische Besinnung“, kurz: Deutscher als Deutsch. Natürlich ist es absolut lächerlich, wenn er sich in dieser objektiv obrigkeitsdeutschen sozialen Position geriert als „ein gelbhäutiger muslimischer Westasiate aus Damaskus“, der sich über irrationale „Dritte-Welt-Propheten“ (sic) mokiert.

Doch das trifft den Kern der Sache nicht. Tibi dekliniert den Kalauer „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“ folgendermassen: „In meinen jungen Jahren als linker Student in Frankfurt und aktiver 68er habe ich selbst den «tiers-mondisme» von Frantz Fanon vertreten und sass als «Progressiver» im Beirat der damals einflussreichsten marxistischen Berliner Zeitschrift «Das Argument». Schon damals wehrte ich mich allerdings gegen die im Gedeihen befindliche Verherrlichung des Fremden, die auf der Umkehrung der Verteufelung des Fremden, nicht aber auf deren Überwindung basiert.“ (NZZ a.a.O.)

Die grammatische Vergangenheitsform in Sachen Frantz Fanon ist nämlich nicht nur intellektuell unredlich, sie ist eine glatte Lüge, liefert Frantz Fanon doch den Schlüssel zum Verständnis von Tibis gegenwärtigem Wirken: Er hat sowohl „Scharze Haut, weisse Masken“ wie auch „die Verdammten dieser Erde“ grundsätzlich nicht verstanden und gleichzeitig zutiefst verinnerlicht. Seine idiomatische Deutsche Farbenlehre zu Syrer*n, mit der er kokettiert, liest sich bei Fanon so:

„Im Übrigen, fügen sie hinzu, sprechen wir den Schwarzen keineswegs jeden Wert ab, aber wissen Sie, es ist besser, wenn man weiss ist. Kürzlich unterhielten wir uns mit einer von ihnen. Als ihr die Puste ausging, warf sie uns an den Kopf: «Übrigens pocht Césaire nur deshalb so auf seine schwarze Hautfarbe, weil er sie wirklich als Fluch empfindet. Pochen etwa die Weissen auf die ihre? In jedem von uns steckt ein weisses Potential, manche wolle nichts davon wissen oder kehren es einfach um. Ich persönlich würde im keinen Preis der Welt einen Neger heiraten.»“ (Fanon: Schwarze Haut, weisse Masken: 42).

„Es liegt auf der Hand – und ich werde nicht müde, es zu wiederholen – dass der Anstrengung des Arztes aus Guadeloupe, seine Entfremdung aufzuheben, wesentlich andere Motive zugrunde liegen als der des Negers, der am Bau des Hafens von Abidjan mitarbeitet. Beim Ersteren ist die Entfremdung fast intellektueller Art. Insofern er die europäische Kultur als ein Mittel begreift, sich von seiner Rasse zu lösen, setzt er sich als Entfremdeter. Der Letztere tut dies, insofern ein Opfer eines Regimes ist, das auf der Ausbeutung einer bestimmten Rasse durch eine andere beruht, auf der Verachtung einer bestimmten Menschheit durch eine Form der Zivilisation, die als überlegen gilt.“ (Fanon: Schwarze Haut, weisse Masken: 169).

Bassam Tibi hat in seinem Leben in der durch und durch rassistischen bürgerlichen Deutschen Bildungselite daraus die doppelte Konsequenz gezogen, dass er sich zunächst die Deutsch-“europäische Kultur“ karikaturesk über-aneignen muss, das aber bei weitem nicht genügt: Zusätzlich muss er sich öffentlichkeitswirksam zum Komplizen eines Regimes machen, das auf der gewaltsamen Ausbeutung einer bestimmten Rasse (Horkheimers „Ozean der Gewaltherrschaft“) durch eine andere beruht (Horkheimers „Insel der Freiheit“).

Darin gründet sein tatkräftiges Engagement für den europäischen nationalistischen Rechtspopulismus bei Zeitungen wie BaZ, NZZ oder auch online beim Rechtsaussen-Blog „Achse des Guten“, daher ist ihm die unter Historikern unbestrittene Wahrheit undenkbar, dass Horkheimers „Ozean der Gewaltherrschaft“ seine kausale Ursache grossteils in der selbstproklamierten „Insel der Freiheit“ hat, von den Kolonialkriegen des 19. Jh. über die beiden von Deutschland und dessen Leitkultur kausal verursachten Weltkriege, den Algerienkrieg, den Vietnamkrieg, die Golfkriege, der Libyenkrieg, usw. usf. Bei Fanon liest sich das von Tibi im Sinne der „cultural appropriation“ enteignete und ins Europäisch-Deutschnationale umgekehrte Argument für die Nation so:

„Die Verantwortung des kolonisierten Intellektuellen ist keine Verantwortung gegenüber der nationalen Kultur, sondern eine allgemeine Verantwortung gegenüber der ganzen Nation, von der die Kultur letztlich nur ein Aspekt ist. Der kolonisierte Intellektuelle darf sich nicht damit beschäftigen, sich die Ebene seines Kampfes auszusuchen, den Sektor, in dem er den nationalen Kampf zu führen gedenkt. Sich für die nationale Kultur schlagen, heisst zunächst, sich für die Befreiung der Nation, der materiellen Stammutter schlagen, durch die die Kultur erst möglich wird“. (Fanon: Die verdammten dieser Erde: 178)

Das ist, pervertiert angeeignet von den Deutschnationalen, das politische Programm der Achse des Guten, der Bassam Tibi mit seiner Leitkultur tatkräftig zuarbeitet. Er hat seinen Fanon schon gelesen… Die Kritische Theorie ist mittels der Negation des Negativen in Adornos Negativer Dialektik endgültig in Deutschland bzw. Deutsch-Europa angekommen. Doch ohne Negation bleibt davon nur der klassische Deutschnationale Rechts-Hegelianismus mit den bekannten Folgen.

Der Faschismus in statu nascendi beruft heute auf Adorno sich.

Quellen

Die Angst geht um an der Falkenstrasse, WoZ, 12.10.2017
https://www.woz.ch/1741/nzz/die-angst-geht-um-an-der-falkenstrasse

René Scheu, Die Barbaren, sie lauern überall, NZZ, 28.10.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/die-barbaren-sie-lauern-ueberall-ld.1324642

Dieter Thomä, Was ist das Erbe der Aufklärung?, NZZ, 3.11.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/was-ist-das-erbe-der-aufklaerung-ld.1325909

Bassam Tibi, Aufklärung und Kulturrelativismus vertragen sich nicht, NZZ, 22.11.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/aufklaerung-und-relativismus-vertragen-sich-nicht-ld.1330627

Ofenschlot: Der alte Mann und der Krieg
http://ofenschlot.blogsport.de/2010/07/26/der-alter-mann-und-der-krieg/

Fanon, Frantz: Schwarze Haut, weisse Masken. Tunia + Kant, Wien 2013, 2016.

Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1966, 2008.

Bahamas: Mit christlichem Fundamentalismus gegen Critical Whiteness

Alter Ego und Geanderte*

Jurek Molnar (in der Vorversion auf dieweltohneuns.wordpress.com als Alleinautor) und Sabine Schulzendorf in der aktuellen Bahamas 74, „Der postmoderne Systemabsturz. Über die „Critical Whiteness“ und ihre Folgen“: „Es war das Christentum mit seiner Mehrsprachigkeit, das diesen Universalismus ermöglichte, und, anders als der Islam, von einem „Anderen“ ganz prinzipiell auch ausging.“ (75-2) „Nun ist der Rassismus zwar tatsächlich eine bestimmte Dimension des „Othering“, aber viel grundlegender ist „Othering“ schlicht eine Grundbedingung menschlichen Sozialverhaltens: Ohne das Konzept des „Anderen“ ist es gar nicht denkbar, Menschen überhaupt sinnvoll wahrzunehmen.“ (75-3)

Frantz Fanon zu diesem begrifflichen Konzept des „Anderen“: „Dr. H.-L. Gordon, Arzt an der psychiatrischen Klinik von Nairobi, schreibt in einem Aufsatz in der Presse médicale von Ostafrika: „Exakte Forschungen an einer Reihe von hundert normalen Eingeborenen-Gehirnen zeigen dem blossen Auge das Fehlen von Teilen der Grosshirnrinde, die bekanntlich durch Zellen des jüngsten Entwicklungsstadiums charakterisiert sind.“ Und er fügt hinzu: „Die Inferiorität beträgt quantitativ 14.8%.“ (Zitiert von Alan Burns, [Le préjugé de race et de couleur …, Paris 1949])“ (Fanon: 27)

Ihr nach eigenen Angaben christlich eingehauchter Superioritätskomplex verunmöglicht Molnar/Schulzendorf epistemologisch a priori, die simple begriffliche Unterscheidung zwischen dem prinzipiell gleichen Andern als Alter Ego und dem im obigen Sinne von Gordon subaltern „“Geanderten“, wie der scheussliche Neologismus lautet“ (75-2). Im Kern ihres Begriffsapparats liegt offensichtlich das vor, was sie in ihren eigenen Worten als „pauschales Dagegensein ohne jedes begriffliche Unterscheidungsvermögen“ (72-3) bezeichnen, das vorsätzliche Unvermögen, den von ihnen selbst wiederholt angemahnten „Unterschied ums Ganze“ auch nur erkennen zu wollen.

Dieses begriffliche Unvermögen ist nicht akzidentiell, sondern in aufklärerischem Sinne in voller Verantwortlichkeit selbstverschuldet, die abwehrreflexhafte Denunziation des Begriffs des Geanderten als „scheusslicher Neologismus“ hat die objektive gesellschaftliche Funktion, letztlich die so Geanderten selbst als „scheusslich“ zu denunzieren und zu entmenschlichen zum Zwecke, sich selbst als intellektuelle Retter des „christlichen Abendlands“ (75-1) zu überhöhen, das „seit dem Auftauchen des Islam im 7. Jahrhundert mit dem Orient höchst real in Kriege, aber auch in kulturellen Austausch verstrickt war, und der Islam bis ins 17. Jahrhundert eine veritable kriegerische Bedrohung darstellte.“ (75-2) Die Türken stehen wieder vor Wien – auf zum letzten Gefecht. Die völlig entgrenzte Gewaltbereitschaft der Transatlantiker nicht bitter ernst zu nehmen, ist nur denkbar in „schlichter Unkenntnis der historischen Fakten“ (75-2).

Rassistischer Universalismus

Die programmatische Gleichsetzung von Alter Ego und Geanderte* setzt sich fort in der programmatischen Gleichsetzung von vermeintlich universalem „wisssenschaftlichem Interesse“ und dem in der angestrebten lukrativen Symbiose von Wissenschaft und Krieg historisch sich herausbildenden Orientalismus: „Die Tatsache, dass es im arabisch-muslimischen Raum keinen „Okzidentalismus“ gibt, liegt nicht daran, dass der „Orientalismus“ sich einen „Anderen“ konstruiert, sondern daran, dass es im arabisch-muslimischen Raum niemals einen säkularen Wissenschaftsbegriff gab, der es ermöglicht hätte, einen „Anderen“ überhaupt als solchen wahrzunehmen.“ (75-2) Zu ergänzen wäre hier, dass es auch im Subsaharischen Afrika, unabhängig davon, ob christianisiert oder islamisiert, niemals eine mit dem Militär amalgamierte Wissenschaft gab, welche die Inferiorität von Weissen universalistisch zu objektivieren und damit deren Vernichtung ideologisch zu legitimieren zum Ziel sich gesetzt hätte.

Ein Hohn, dass Molnar/Schulzendorf denselben Okzidentalismus in Abgrenzung zum Islam auf ihre christlich-abendländischen Fahnen sich schreiben, den sie doch entschieden bekämpfen: Röggla führt im von ihnen selbst zitierten Texte den Begriff des Okzidentalismus ein als Generalisierung der Critical Whiteness: „Rassismus in Deutschland orientiert sich nicht allein an rassifizierten Merkmalen wie z.B. Hautfarbe, sondern hängt mit Nationalität, Herkunft und kulturellen Praktiken, wie etwa Sprache, Religion oder Traditionen zusammen.“ (Röggla: 38) „Der Okzidentalismus bietet damit eine Figur hegemonialer Selbstreflexion, die analog zu der der Whiteness besteht, und die sich auf Europa bezieht.“ (Röggla: 40) Der Modus Operandi der intellektuellen Unredlichkeit von Molnar/Schulzendorf ist hier die Cultural Appropriation, zu übersetzen als kulturelle Enteignung: Eine Denkfigur wird einer geanderten kulturellen Praxis (hier einfach die der Critical Whiteness bei Röggla) entnommen, sich im Modus des transformierenden sich Anverwandelns angeeignet, die so entfremdete Quelle verleugnet und schliesslich in feindlicher Absicht gegen die geanderten Subjekte gerichtet. „Nsi a moyo kazolele o Nzambi a Mpungu“ – Es ist einzig die Absicht, die Gott verlangt. (Dona Beatriz Kimpa Vita, Kongo, 1684-1706).

Die infame Volte des ideellen Gesamt-Antideutschen besteht darin, für sich selbst etwas in Anspruch zu nehmen und gleichzeitig universalisierend von Anderen einzufordern, was ihm bei Erfüllung der Forderung erst die ideologische Legitimation zu deren Vernichtung liefern würde: Erstens wird der behauptete Universalismus letztlich religiös und für sich selbst exklusiv in Abgrenzung vom Geanderten und eben nicht dem Alter Ego begründet („Es war das Christentum mit seiner Mehrsprachigkeit, das diesen Universalismus ermöglichte, und, anders als der Islam…“, 75-2), und zweitens wird dessen Negativ Dialektisches Umschlagen in Barbarei (Orientalismus in Symbiose mit militärischem Kolonialismus) von den dadurch Geanderten auch noch schnöde eingefordert: sollen sie doch mit einem konkurrierend religiös fundierten „säkularen Wissenschaftsbegriff“ einen den Orientalismus imitierenden Okzidentalismus betreiben – gefordert im höhnisch lachenden zweckrationalen Wissen darum, dass die so in die Enge Getriebenen gar nicht über die militärische Macht verfügen, diesen Okzidentalismus mit den erprobten und bewährten technisch-wissenschaftlichen Mitteln der Massenvernichtung, die gegen sie in Anschlag gebracht werden, auch tatsächlich in Europa und den USA hegemonial durchzusetzen.

Antideutscher Antisemitismus

Notwendig unterschlagen wird in dieser antideutschen Forderung nach einer faktisch christlich-abendländischen Leitkultur für Deutschland und die ganze Welt auch die Kriege, die um die beiden konkurrierenden Universalismen des Katholizismus versus des technisch-wissenschaftlichen Weltbilds innerhalb Europas ausgefochten wurden. Bezogen auf die Schweiz: Natürlich hat die „Christliche Volkspartei“ CVP das „C“ gegenwärtig nur noch aus marketingtechnischen Gründen im Namen und ist ansonsten auf nationaler Ebene eine rein neoliberale Fortschrittspartei, aber die Gründung des bürgerlichen Bundesstaates 1848 nach dem Vorbild der USA beinhaltete eben gerade den historischen Kompromiss, dass der Staat zwar liberal verfasst und zunächst auf Bundesebene rein ein Staat der Freisinnigen war (heute FDP, „Freisinnig-Demokratische Partei“) – das erste katholisch-konservative Bundesratsmitglied wurde erst 1892 gewählt – aber viele Teilstaaten („Stände“) blieben die ganze Zeit katholisch-konservativ und beharrten auf ihrem dem Freisinn widersprechenden Universalismus.

Ideologisch (wenn auch nicht strukturell) vergleichbar die Integrationsleistung, welche der ideale Vorzeigestaat des ideellen Gesamt-Antideutschen, Israel, zu leisten hat: Einerseits handelt es sich um einen modernen, den europäischen Idealen der Aufklärung verpflichteten modernen bürgerlich-demokratischen Staat, gleichzeitig definiert er sich aber selbst religiös als den Staat der Juden. Der bürgerliche Universalismus ist aber nicht identisch mit dem viel älteren jüdischen Universalismus, und auch nicht einfach eine lineare Ableitung davon. An der Fremdbezeichnung der „Ultraorthodoxen“ kristallisiert sich der Widerspruch, in den diese beiden Universalismen notwendig geraten, und der immer wieder nach politischen Kompromissen verlangt, etwas in Fragen von Militärdienstzwang oder dem Zwang zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft in kapitalistischer Erwerbsarbeit. Diese a priori unauflöslichen Aporien durch akademisch ansozialisierte atheistische Negation des orthodoxen Universalismus (und damit auch dessen Träger*n) zu negieren und kontrafaktisch die Alleinherrschaft eines demokratischen bürgerlich-aufgeklärten Liberalismus in Israel zu postulieren, ist ein Element des spezifisch antideutschen Antisemitismus, worin dieser immerhin dem traditionellen Deutschen Antisemitismus widerspricht, welcher das mit ihm Nichtidentische zwar ontologisch anerkennt, aber auf spezifisch christliche Weise dämonisiert und so universal andert.

Schwarze Kognition

Röggla selbst deutet die Problematik, die mit der Generalisierung der Critical Whitness als Okzidentialismus verbunden ist, nur an: „Sich aber anzusehen, welche Folgen sich aus dem Bezug auf den Kritischen Okzidentalismus für die europäischen Whiteness Studies ergeben könnten/müssten wäre Thema einer eigenen Arbeit und würde meinen Rahmen bei weitem sprengen. Ohne diese Auseinandersetzung ist es mir aber nicht möglich, das Konzept auf die Frage nach Weißen Privilegien anzuwenden. Ich denke nicht, dass alle diesbezüglichen Fragen bereits geklärt sind.“ (Röggla: 42) Sie benennt zwar die genealogische Herkunft der Critical Whiteness: „Ursprünglich sind die Critical Whiteness Studies in den USA entstanden. In diesem Kapitel gehe ich den Wurzeln der Critical Whiteness nach, die ich mit der Kulturwissenschaftlerin Gabriele Dietze in afroamerikanischer und in feministischer Theorie verorte (vgl. Dietze 2006:224).“ (Röggla: 18).

In solidarischer Kritik mit Röggla muss hier ergänzt werden, dass sie – wohl dem „angestrebten Grad Magistra der Philosophie“ (Röggla: 1) geschuldet – mit dem Begriff der Critical Whiteness eben doch spezifisch Deutsche Terminologie verwendet: „Bemerkenswert ist, dass dieser akademische Begriff der erste war, der nach Deutschland gelangte, um die Kritik des Weißseins zu fassen – und nicht Bezeichnungen, die in der antirassistischen Praxis der USA üblicher sind (wie etwa white privilege, white supremacy oder accountability) und die zugleich die Rolle von Weißen in antirassistischen Kämpfen beschreiben.“ (Bee, Melanie).

Den intellektuellen Modus Operandi, der in den Bahamas aufs Entschiedenste negiert wird, bezeichnet Williams D. Wright synonym als Diunitale Kognition wie auch als spezifisch Schwarze Kognition in den USA. Diunital, zwei-einig im Sinne eines Sowohl-als-auch a priori. Bezogen auf das politische Selbstverständnis der Bahamas: Einerseits ist die liberale Verfassung der USA als universale Errungenschaft der Menschheit zu verteidigen, gleichzeitig garantierte dieselbe Verfassung erst die universale Gültigkeit der positiv rassendiskriminierenden Jim-Crow-Gesetze nach dem formalistisch liberalen „Separate but equal“-Prinzip. Beides gleichzeitig.

Schwarze Kognition in Wrights Worten: „Western civilization had run out of useful cognitive methods. But not totally. There was the Black Cognitive method of Western civilization. It had been forged, nourished, and developed in great complexity, and over a period of centuries. It lay at the center of Black ethnicity and Black intellectual and analytical activity. This was cognition that reached for wholeness, which accepted and related to realities that were similar or oppositional, which were different but not necessarily antagonistic, which insisted that aspects of reality interact with each other whether they were similar to each other, in opposition to each other, or different from each other but not oppositional, on a horizontal basis, so that they could interact individually and equally to each other.“ (Wright: 163) „[Robert] Franklin was saying what other Black intellectuals have said over the years, that the universality of human experience can be located in an analysis of Black history and in artistic portrayal of Black life. (…) The Black historical and social experience in America is the basis for constructing various kinds of social theories with universal implications and applications.“ (Wright: 169)

Und so ist der seitens Molnar/Schulzendorf unterstellte Vorwurf des Anti-Universalismus und Anti-Intellektualismus an die Critical Whiteness längst implodiert, sie wollen davon einfach nur nichts wissen…

Quellen

Molnar, Jurek; Schulzendorf, Sabine: Der postmoderne Systemabsturz. Über die Critical Whiteness und ihr Folgen. Bahamas 74
https://dieweltohneuns.wordpress.com/2016/03/02/der-postmoderne-systemabsturz-ueber-die-critical-whiteness-und-ihre-folgen/

Bee, Melanie: Das Problem mit „Critical Whiteness“
http://www.migrazine.at/artikel/das-problem-mit-critical-whiteness

Fanon, Frantz: Schwarze Haut, Weisse Masken. Turia + Kant, Wien 2013, 2016

Röggla, Katharina: Eine unsichtbare Kategorie zum Verschwinden bringen? Diplomarbeit, Wien 2011
http://othes.univie.ac.at/14962/1/2011-05-24_0101864.pdf

Wright, W D.: Black intellectuals, Black cognition, and a Black aesthetic. Praeger Publishers, Westport CT, 1997
http://undenkbar.blogsport.de/2016/02/28/w-d-wright-diunitale-kognition/

2. Soziokultureller Kontext zur „Diasporadical Trilogía“

Context matters“ schrieb bruja von the girlverse zum Video „I Put Spell On You“ der Dominikanerin Jarina De Marco: „When I pressed play I had no clue that I was going to be deathly offended in less that 20 seconds by the visceral images (…)“. Was daran so beleidigend ist, höre, sehe und lese mensch bitte bei ihr im Original nach, nur so wird verständlich, was Blitz ironisch bricht und so fundamental anders macht.

Bei Schweizer*n meiner Generation als Kontext in die kulturelle DNA eingebrannt ist Polo Hofers Album „Giggerig“ mit „Wudu Lili“ (1985). Er ging damit offenbar nicht hausieren, daher kein Video – vielleicht war der mit Lili sich identifizierende Teil seines Publikums aus dem Hippie-Milieu nicht eben amüsiert. Wie auch immer, das bei the girlverse eingebettete “I Put A Spell On You”-Video (samt Original, von dem De Marco kulturell appropriiert) ist sprichwörtlich dasselbe Lied und demonstriert überzeugend: „Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich“ (Adorno nach metalust) – und so thematisiert Blitz als Einziger die offensichtliche Verständnislosigkeit und bricht sie filmisch in doppelter Ironie. Hier einige Textausschnitte:

Jarina De Marco: „I Put Spell On You“

Now you’re trapped cause I put a spell on you,
you got no control of your thoughts or any thing that you do,
so trapped don’t you ever fuck with me,
put my juju on your voodoo you ain’t badder than me

Polo Hofer: Wudu Lili

Voodo-Voodoo-Voodoo Lilly
Mit Voodoo-Voodoo fängt sie dich ein
Sie hört Stimmen und sieht Gespenster
Sie sagt wir seien alle Irre!
Sie macht Voodoo-Urlaub
In Haiti und Guadeloupe…
Macht Voodoo-Feste in Serie,
Sie plant einen Voodoo-Coup.

Blitz: Juju Girl

Then I step to you like, I never seen a goddess in the flesh till tonight,
the way you put your juju on me oh.
Make me wanna spend forever with you oh.
I conf like Tetteh Quashie traffic, cowry shells,
chicken bones girl its black magic.

Mehr Kontext

Zum Anfang von Blitz „Running“ überblendete mein Musikvideogedächtnis spontan Nightwish‘ „Amaranth“ (2009), seinerseits ein Kurzfilm zum „Verwundeten Engel“ von Hugo Simberg (1903):

The Wounded Angel - Hugo Simberg

Ganz im Gegensatz zur ironischen Distanzierung der Voodoo-Lieder teilt das Video mit Blitz the Ambassador die Ernsthaftigkeit in der Behandlung des Themas: Zwei Jungs (ebenfalls lesbar als Marassa) lesen einen bewusstlosen Engel auf, tragen sie nach Hause und pflegen sie. Doch schon hat das Dorf zum Lynchmob sich formiert – die (nicht nur) in unseren Breitengraden ganz selbstverständlich erwartbare Reaktion auf das Tabu, wovon die Voodoo-Lieder ironisch sich distanzieren, das Tabu, welches in Amaranth eben gerade nicht exotisierend geandert wird („othering“):

Uuiih, nun ist die Sache musikalisch entgleist, zum Trost gehört genau hierher – ich weiss nicht warum – Dobet Gnahoré mit Issa:

Und nun ist die Sache wiederum in Sachen „othering“ entgleist, daher zum Abschluss des Kontexts der Trailer zum Schweizer Dokumentarfilm „Winna“, zumindest für einige Schweizer* was zutiefst Eigenes, nur schon der Dialekt: „In jedem Dorf im Oberwallis kannte man früher den Gratzug, eine Prozession der Seelen von Verstorbenen – Arme Seelen –, die für ihre Sünden abbüssen müssen. Wer sie sah oder ihren Weg kreuzte, musste um sein eigenes Leben bangen – „Du bisch in d‘Winna cho, inu Wäg vo du Armu Seelä.

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