Tag-Archiv für 'antideutsche'

Das Weltbild des zeitgenössischen Reaktionärs

Der generische Maskulin «des» ist dem Zusammenhang genauso inhaltlich geboten wie etwas beim im Wesentlichen identischen generischen Antideutschen: Vom Artikel «Was Amerikas Einheit untergräbt» (in der Online-Ausgabe nachträglich verschämt umgeändert in «Was Amerikas republikanisches Erbe untergräbt», die permanente URL ist so verräterisch wie Druckerschwärze auf Papier) von Jonathan Haidt in der NZZ-Wochenendausgabe vom 4.8.2018 sei hier die Rede. Der Artikel reiht sich unter Feuilleton-Chefredaktor Rene Scheu ein in die endlose Folge von inhaltlich identischen Hetzartikeln gegen die von ihnen selbst so definierte «Identitätspolitik», die an den Universitäten hegemonial um sich greife und so die Nation zu zerstören drohe. Vielleicht durch die schiere Menge der Wiederholung notwendig geworden ist aber mittlerweile eine Überdeutlichkeit des zugrundeliegenden Weltbilds, das im Narrativ einer einheitlichen, gleichzeitig verleugneten «grossen Erzählung» (Lyotard) aufscheint.

Das Narrativ hebt an mit den die universale physikalische Kosmologie allegorisch widerspiegelnden «Gründervätern Amerikas»: «Es gibt in der Physik ungefähr zwanzig Naturkonstanten (…) Diese Konstanten gelten überall in unserem Universum, aber die Möglichkeit besteht, dass manche von ihnen in anderen Universen andere Werte aufweisen. Und Forscher gewinnen zusehends den Eindruck, dass viele dieser Naturkonstanten in unserem Universum genau so kalibriert sind, dass sie die Verdichtung von Materie und die Entstehung von Leben überhaupt erst möglich machen. Manche sehen darin einen Beweis für die Existenz Gottes. Das wäre ein Gottesbild von der Art, wie Thomas Jefferson, James Madison und anderen Gründervätern Amerikas vorschwebte – ein Gott, der das Universum wie eine gigantische Präzisionsuhr erschaffen hat. Meine Auffassung ist das nicht (…)» – hebt er an und dementiert das später nur insofern, als dass er den idealisierten Gründervater, in dem er sich narzisstisch selbst spiegelt, an Gottes vakante Stelle setzt.

Die grosse Erzählung geht weiter über die Genesis des Menschen als Affe – nicht als allgemeiner Affe oder etwa als Orang Utan, sondern (natürlich ungesagt und biologisch kontrafaktisch) als Pavian mit dessen konkreten Eigenschaften, was schon Murray Bookchin in «Die Ökologie der Freiheit» aufgefallen ist. Dieser Pavian als Inbegriff des Menschen an und für sich muss mit einer von den gottgleichen Gründervätern für «alle Ewigkeit» erschaffenen Maschine im Zaum gehalten werden: «Hier setzt nun die Hypothese der Feinabstimmung an. Als tribale Primaten sind Menschen ungeeignet für ein Leben in grossen, kulturell diversen, säkularen Demokratien – es sei denn, gewisse Dinge liessen sich so präzise justieren, dass die Entwicklung eines stabilen politischen Lebens möglich ist. Genau daran scheinen die Gründerväter geglaubt zu haben. Die Verfassung war für sie jenes gigantische Uhrwerk, das – wenn es denn wirklich perfekt war – bis in alle Ewigkeit funktionieren würde».

Dieses göttliche Uhrwerk kommt in der Gegenwart ins Stottern: «Und wie steht es um die Ausbildung unserer künftigen Uhrmacher? Was würden unsere Vorfahren sagen, wenn sie unsere renommiertesten Universitäten besuchten und dort von Mikroaggressionen, «trigger warnings» und «safe spaces» hörten, wenn sie die von Konflikten, Einschüchterung und Ängsten geschwängerte Luft atmen müssten?» Mensch schaudert mitfühlend fast körperlich beim Gedanken an die kristallklare Bergluft unter dem stahlblauen Himmel der «Gründerväter» und der davon übriggebliebenen «geschwängerten», also verweibten und damit dreckigen Stickluft des gegenwärtigen konkreten Lebens.

Diese wahrgenommene weibische Degeneration wird «mit Bezug auf eine ebenfalls aus der Physik abgeleiteten Metapher dargestellt (…): die zentrifugalen und zentripetalen Kräfte». Wobei das Zentrum recht explizit im stahlblauen Himmel der Gründerväter verortet wird, die Peripherie dagegen ungesagt in der undurchsichtigen, bedrohlichen Welt da draussen (US-Jargon).

Zuallererst wird das kontrafaktisch behauptete Fehlen von aktuellen Weltkriegen bemängelt. «Amerikas Beteiligung an den zwei Weltkriegen und der darauffolgende Kalte Krieg festigten den nationalen Zusammenhalt enorm. Der Vietnamkrieg zeitigte dann andere Wirkungen; aber grundsätzlich ist Krieg die stärkste unter den bekannten zentripetalen Kräften.» Ziemlich unverhohlen werden also Ernst Jüngers «Stahlgewitter» aus dem stahlblauen Himmel herbeigesehnt.

Weiter werden monopolisierte Medien angemahnt, also genau das, was Jürgen Habermas in «Strukturwandel der Öffentlichkeit» noch als existenzielle Gefahr für eine liberale, republikanische Demokratie identifiziert hat: «Aber als Mitte des 20. Jahrhunderts das Fernsehen seinen Siegeszug antrat, erlebte Amerika etwas Aussergewöhnliches: Die Medien wurden zu einer gigantischen zentripetalen Kraft. Die Amerikaner bezogen ein Gutteil ihrer Informationen aus drei Fernseh-Netzwerken, die reguliert und auf eine ausgewogene politische Berichterstattung verpflichtet waren.» Welch schöne heile Welt der 50er-Jahre, also der goldenen McCarthy-Ära aus Donald Trumps «Make America great again»…

Weiter geht es mit dem ungesagten Slogan «Assimilation statt Integration» in Bezug auf Immigration: «Ein politisch heikler und komplizierter Punkt sind Immigration und Diversität. (…) Ökonomen scheinen sich einig zu sein, das Immigration der Wirtschaftsleistung äussert zuträglich ist. Um die Zahl amerikanischer Nobelpreisträger ebenso wie um die Vorrangstellung der USA im kulturellen Bereich und im Technologiesektor wäre es weniger gut bestellt, hätte sich das Land nicht Einwanderern aus aller Welt geöffnet.» Und: «Aber Putnams Befunde machen klar, dass diejenigen, die mehr Diversität wünschen, sich noch wesentlich intensiver darum bemühen sollten, auch die zentripetalen Kräfte zu stärken.» Der universelle Weg zu mehr «zentripetalen Kräften» wurde zuvor mit McCarthy und Stahlgewittern immerhin so eingängig charakterisiert, dass das Problem sogar Haidt selbst auffallen musste, also wird der Joker «Identitätspolitik» aus dem Ärmel gezaubert.

Dabei bedient er sich einer künstlichen Opposition: «(…) können wir zwei Ausprägungen der Identitätspolitik unterscheiden: eine gute, die auf lange Sicht als zentripetale Kraft wirkt, und eine schlechte mit gegenteiligem Effekt.» «Die damalige Bürgerrechtsbewegung war Identitätspolitik, aber ihr Ziel war, einen Fehler zu bereinigen und Amerika zu einer besseren und stärkeren Nation zu machen». Er vergisst dabei, klarzustellen, dass das «Gute» an der «guten Identitätspolitik» für ihn primär darin liegt, dass sie ausschliesslich in der Vergangenheit zu verorten ist, analog zu «toter Indianer = guter Indianer» – und so unwidersprochen auf die Haben-Seite der glorreichen Nation geschlagen werden kann: «Stellen wir nun (Martin Luther) Kings Identitätspolitik diejenige gegenüber, die heute an den Universitäten gelehrt wird – insbesondere in einer neuen Variante, die seit fünf Jahren auf dem Vormarsch ist. Sie heisst Intersektionalität» – zu seinem Leidwesen in der Gegenwart.

Also wird erneut der Pavian in Haidt herbeizitiert: «Wenn man den tribalen Primaten in uns mit solchen binären Vorstellungen füttert, wo immer eine Seite gut und die andere böse ist, dann versetzt man ihn fast automatisch in Kampfmodus». Dass die «binäre Vorstellung» der «Intersektionalität» eine dreiste Lüge ist, sieht er wenigstens gleich selbst und ergänzt in Kriegsrhetorik: «Dazu kommt der strategisch brillante Schachzug der Intersektionalität: All diese binären Unterdrückungsszenarien, so heisst es, hängen zusammen und überlappen sich.» Also: «Die Identitätspolitik von heute ist damit völlig anders als diejenige, für die Martin Luther King stand. Sie verwirft Amerika und amerikanische Werte. Sie spricht nicht von Vergebung und Versöhnung. Sie ist eine massive zentrifugale Kraft, die mittlerweile auch Mittelschulen affiziert, insbesondere die progressiven Privatschulen.»

Reaktionär glorifiziert er die dagegen guten alten Zeiten der Reaganomics: «Als ich in den 1980er Jahren in Yale studierte, wurden mir die unterschiedlichsten Instrumente an die Hand gegeben, um die Welt zu verstehen. Ich konnte sie als Utilitarier oder als Kantianer betrachten, als Freudianer oder als Behaviorist, als Informatiker oder als Humanwissenschaftler. Jeden Sachverhalt konnte ich durch vielerlei Linsen in den Blick nehmen.» So harmonisch können die «vielerlei Linsen» (US-Jargon «lenses» i.S.v. Kameraobjektive) nur zusammenwirken, wenn das betrachtende Subjekt sich als überlegener neutraler Beobachter halluziniert, der sich dieser im fototechnischen Sinne austauschbaren Objektive rein instrumentell bedient. In diesem homogenen technizistischen Weltbild können keine Aporien existieren, keine Antagonismen, ist keine Erkenntnis möglich, welche das Subjekt selbst verändert, und schon gar nicht die politische Verfasstheit der Gesellschaft, die ja explizit und im engen Wortsinne reaktionär als ein von den Gründervätern-Göttern perfekt und für alle Ewigkeit geschaffenes Uhrwerk halluziniert wird. Selbstredend, dass in seinem als umfangreich präsentierten Objektiv-Patronengürtel «als Marxist sehen» logisch zwingend fehlten muss – und er schliesst folgerichtig: «Noch haben wir die Chance, eine Generation aufzuziehen, die mit dem kostbaren Uhrwerk umzugehen weiss».

Quelle:

Jonathan Haidt: Was Amerikas Einheit untergräbt. NZZ vom 4. August 2018, S.42:
https://www.nzz.ch/feuilleton/was-amerikas-einheit-untergraebt-ld.1407532

Antideutscher «Privilegiencheck»

Folgendes hier in Gänze wiedergegebenes Zitat stammt vom ansonsten immer wieder positiv überraschenden Textsnippet-Scout s((i))ghts Blog für relevante Sichtweisen zum Zeitgeschehen:

«Suchte die Mikropolitik noch die Aneignung eines, und die Verbindung mit einem Außen, eben dem, was man nun mal nicht ist (Arthur Rimbauds „Ich ist ein Anderer“ könnte als der Wahlspruch des Minoritär-Werdens gelten), lautet der Appell der Selbst-Kritisch Weißen: „Bleibe der, der du nun einmal bist und trage schwer an deinem Privilegien-Päckchen!“. Zu diesem Zweck findet eine narzisstische Nabelschau statt, die in eine anti-politische, individualistische Sackgasse führt, die sich ideal mit der neoliberal atomisierenden Gesellschaft verträgt. (…) Hinter der Kritik am status quo verbirgt sich dessen Affirmation. Es ist darin kein großes „NEIN! Schluss damit! So soll es nicht länger sein!“ enthalten – vielleicht DIE Voraussetzung aller Emanzipation.»
ad calendas graecas Blog, 02.08.2018
Privilegiencheck als unendliches Gerichtsverfahren. Über die Rückkehr der Bürde des weißen Mannes in der Postmoderne

Anhand der zitierenden Quelle könnte vermutet werden, es handle sich dabei um im Grunde genommen solidarische Kritik. Stutzig machen müsste aber allein schon das an erster Stelle platzierte Schlüsselwort «Privilegiencheck», wird es doch von den Schreiber*n immer im pejorativ-abwertenden Sinne verwendet, der eine Begriffsbestimmung selbstredend überflüssig macht. Die im Text zustimmend verlinkte Vortragsankündigung Die feine Gesellschaft und ihre Freunde von Bahamas-Autor Clemens Nachtmann, als wortgewaltiger «Antideutscher» ebenso selbstredend sicher verankert im akademischen Mittelbau einer staatlichen deutschsprachigen Universität (Graz), stellt die Sache klar: Die Vortragsankündigung hebt schon kontrafaktisch an mit «Antirassismus, früher ein Steckenpferd linker Kleingruppen, ist längst deutsche Staatsraison geworden: moralische Empörung gegen vermeintliche Rassisten und die Solidarisierung mit Flüchtlingen gehören zum guten Ton der Berliner Republik.» und endet ebenso kontrafaktisch mit «Die als „Willkommenskultur“ vermarktete Massenmobilisierung von 2015/16 war in dieser Perspektive eine Mischung aus islamophilem Kindergeburtstag und antirassistischer Volksfront, bei der es natürlich nicht um Flüchtlinge ging, sondern um die Selbstdarstellung der guten Deutschen und um einen weiteren Anlauf im endlosen Bemühen, die postnazistische Gesellschaft zum multikulturellen Stammesverband umzurüsten.»

Abgesehen von der akademisierenden Sprache und geringfügigen Patzern wie «postnazisitische Gesellschaft» ist die gesamte Ankündigung so gehalten, dass sie so und genau so auch in einem Parteiorgan der AfD erscheinen könnte. Auf nichtidentisches.de wurde bereits gesagt, was dazu zu sagen ist: «Die Solidarisierung mit der AFD hatte eine Vorgeschichte, die an anderer Stelle diskutiert wird. Wer Thomas Maul (oder auch Justus Wertmüller, Clemens Nachtmann, Magnus Klaue, Sören Pünjer, Felix Perrefort) 2018 noch einlädt und sich überrascht gibt über AFD-positive Äußerungen vor dem Vortrag, dem kann man zumindest Naivität oder Lesefaulheit vorwerfen. Nichts, was Maul zur AFD von sich gab, steht in Widerspruch zu den Ausgaben der Zeitschrift „Bahamas“ der letzten Jahre.»

Doch vom Kontext (also sinnbildlich der AfD) zum Text: Vordergründig inszeniert snoozinsontag sowas wie eine solidarische Kritik an sozialen Phänomenen der «Critical Whiteness» am Beispiel einer polemischen Twitter-Äusserung der US-Schauspielerin Anne Hathaway: «White people – including me, including you – must take into the marrow of our privileged bones the truth that ALL black people fear for their lives DAILY in America and have done so for GENERATIONS. White people DO NOT have equivalence for this fear of violence.»

Diese Polemik wird als wissenschaftliche Tatsachenfeststellung genommen und als Pappkameraden-Argument mit einer statistischen Manipulation umgekehrt: «Die Schau auf den weißen Nabel ist so durch und durch narzisstisch, dass die so Schauenden nicht bemerken, dass sie den Afro-Amerikanern die Angst nicht nimmt, sondern eher im Gegenteil: Dazu beiträgt, dass sich diese wie ein Alpdruck auf die Gehirne legt.» Er beschuldigt also die Proponenten der Critical Whiteness, eine nicht so bezeichnete Todesangstneurose bei «Afro-Amerikanern» kausal zu verursachen, anstatt sie im Sinne einer fernpsychiatrischen Therapie wegzunehmen, im Text: «Laut eines Berichts der Washington Post, der Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, wurden 2017 von der US-Polizei 958 Menschen erschossen, davon waren 68 Personen unbewaffnet. Der Anteil an Afro-Amerikanern betrug dabei 22 Prozent, davon 19 Prozent unbewaffnet. Beide Werte sind zwar hoch, wenn man bedenkt, dass Afro-Amerikaner nur 6% der Gesamtbevölkerung ausmachen, aber die Behauptung Hathaways, dass lediglich Afro-Amerikaner um ihr Leben, und sei es lediglich im Falle einer Polizeikontrolle, fürchten müssten, ist schlicht unhaltbar.»

Die statistische Manipulation besteht nur schon darin, den vielen «68 Menschen» die unbewaffnet erschossen wurden, nur wenige «19% Schwarze» (also nur 13 Personen) gegenüberzustellen. Kein Grund zur Besorgnis, alles nur Neurose, und es ist «White Man’s Burden» (sic), diese Angstneurose beim Schwarzen Mann mit antideutscher Indoktrination zu therapieren? Ein kurzer Gegencheck mit den Originaldaten und hier nur mit der einen Zeile für «unbewaffnet» (gerechnet mit GNU R):

dat < - read.csv(file="fatal-police-shootings-data.csv",head=TRUE,sep=",")
ar <- table(dat$armed, dat$race)
                              A   B   H   N   O   W
unarmed                   2   1  20  13   1   1  30

Von 987 Getöteten waren 68 unbewaffnet (also die Fälle irgendwo zwischen Mord und fahrlässiger Tötung), darunter waren 20 Schwarze und 30 Weisse. 20 von 68 sind nach Adam Riese 29% und nicht 19% – wenn es zahlenmässig nicht so gelegen käme, könnte das als Abschreibfehler durchgehen. Aber in der vom Antideutschen natürlich bevorzugten Deutschen Quelle (Die Zeit) stand wörtlich: «Dem Bericht zufolge waren 22 Prozent der Erschossenen männliche Afroamerikaner, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung der USA nur sechs Prozent ausmacht. 19 von ihnen waren demnach unbewaffnet, als sie von der Polizei getötet wurden. Dies waren zwei mehr als 2016, aber deutlich weniger als 2015.» 19 Personen – und eben nicht 19% bzw. 13 Personen!

Bei Gleichbehandlung wären 6% Schwarze Ermordete zu erwarten, tatsächlich waren es 2017 aber 29% – die Wahrscheinlichkeit, in den von den Antideutschen heissgeliebten USA von den Agenten des staatlichen Gewaltmonopols unbewaffnet erschossen zu werden, war also für Schwarze fast fünf mal höher als für Nichtschwarze. Das «deutlich weniger als 2015» gibt einen Hinweis, hier die Zahlen über den gesamten Datensatz (2015 – 2018):

                                A   B   H   N   O   W
unarmed                     4   1  89  45   3   5  99

Von gesamthaft 246 unbewaffnet Getöteten waren 89 Schwarze, was einen Anteil von gut 36% ergibt, also sechs mal höher. Diese 6x höhere Wahrscheinlichkeit veranlasst snoozinsontag, gegen Hathaway zu höhnen: «die Behauptung Hathaways, dass lediglich Afro-Amerikaner um ihr Leben, und sei es lediglich im Falle einer Polizeikontrolle, fürchten müssten, ist schlicht unhaltbar.» Mensch stelle sich diese Zahlen (Faktor 6) und derartige Behauptungen im Zusammenhang mit eventuell krebserregenden Medikamenten vor…

Bekanntlich sind MINT-Fächer die Sache des Antideutschen nicht, also weiter zum geisteswissenschaftlichen Teil von snoozinsontags Polemik: «Hinter der Kritik am status quo verbirgt sich dessen Affirmation. Es ist darin kein großes „NEIN! Schluss damit! So soll es nicht länger sein!“ enthalten – vielleicht DIE Voraussetzung aller Emanzipation.» Diese dreiste Lüge unter Auslassung von «Black Lives Matter» bedürfte eigentlich keines Kommentars, sprechen für Nicht-Antideutsche die Zahlen doch für sich, ganz im Sinne von Frantz Fanon: «Diese Dinge werde ich sagen, nicht schreien. Denn schon lange ist der Schrei aus meinem Leben gewichen.» (Schwarze Haut, weisse Masken, Einleitung) Aber wir haben es bei Antideutschen eben mit autochthon Deutschen zu tun, mit authochthon Deutschem Umgang mit Bevölkerungsstatistik und damit autochthon Deutscher Banalität des Bösen.

Aus dem zitierten Zeit-Artikel: «Das große öffentliche Bewusstsein habe dafür gesorgt, dass die Beamten bei ihren Einsätzen vorsichtiger auf unbewaffnete Personen reagierten, sagte der Polizei-Experte Chuck Wexler der Washington Post.» Dieses gewachsene Bewusstsein mit allen rhetorischen Mitteln zu torpedieren, ist das offensichtliche unerklärt-erklärte Ziel snoozinsontags, indem er hinsichtlich der empirisch leicht gesunkenen Bedrohung kontrafaktisch psychologisierend schwadroniert: «Die Behauptung, Schwarze müssten immer und überall Todesangst haben, verstärkt die Bedrohung nur noch und steht damit jedem aufklärerischen, antifaschistischem, antirassistischem Empowerment entgegen. Freiheit von Angst müsste das Ideal sein, nicht ihre Beschwörung.» Was um Himmels Willen tut denn snoozinsontags anderes, als mit den gezeigten statistischen Manipulationen, also neudeutsch «alternativen Fakten», eine heile Welt zu beschwören?

Der auf die «Critival Whiteness» laienpsychoanalysierend gemünzte Schlusssatz: «Machen wir den Titel zum Programm: SCHLUSS MIT DEM GERICHT!» ist in dem gezeigten Antideutschen Zusammenhang leider autochthon Deutsch zu verstehen, denn die Schlussstrich-Metaphorik zieht sich durch den ganzen universalhistorisierenden Teil des Textes: «Die Narben, die 500+ Jahre Kolonialismus hinterlassen haben, reichen offenbar immer noch tief in die Gefühlshaushalte hinein.» (Was denn sonst?) «Allemal ist es begrüßenswert, dass eine wachsende Zahl von Menschen ein Bewusstsein für die Verwerfungen entwickelt, die das imperiale Zeitalter produziert hat, und welches Leid die westlichen Nationen einst über den Rest der Welt brachten.» («einst», also im märchenhaften «es war einmal», irgendwann in grauer Vorzeit, es gibt keinen Neokolonialismus, es gibt keine für den Trikont ökonomisch selbstmörderische «Freihandelsverträge», keine Militärinterventionen, nichts). «Die historische Schuld kann nicht im Individuellen abgetragen werden, da der Kolonialismus als historische Phase in der weltweiten Expansion des Kapitalverhältnisses ein gesellschaftliches Phänomen ist, das zu gesellschaftlichen Verwerfungen führte, die bis heute nachwirken und die nach gesellschaftlichen, politischen Lösungen verlangen.» (immerhin doch schwammig «nachwirken») «Dabei ist daran zu erinnern, dass im Schatten dieser Verwerfungen zugleich auch erstmals in der Geschichte der Menschheit die Möglichkeit am Horizont aufschien, dass der Mensch sich endgültig von den Fesseln des Naturzwangs löse.» (Die vielen positiven Seiten des Kolonialismus nicht zu vergessen, wie war das noch mit den Autobahnen in Deutschland?):

Also: Schlussstrich unter die fortdauernde mörderische Geschichte das Rassismus in den USA, damit (noch!) unsagbar mit Gauland und der AfD: Schlussstrich unter den «Vogelschiss der Deutschen Geschichte»!

Max Frisch, der CIA und Adorno

Eigentlich nichts Neues, dass nach WK 2 die deutschsprachige Hochkultur umfassend vom Geheimdienst CIA gesponsert und damit inhaltlich determiniert wurde. Dieser Satz aus der Sonntagszeitung war mir noch unverdächtiges Allgemeinwissen: „Die Amerikaner pushten die abstrakte Kunst, darunter die Tröpfelbilder eines Jackson Pollock, die politisch so unverdächtig sind, dass sie in einer Grossbank hängen können.“ – doch dieser Satz aus darauf folgenden Telepolis-Artikel zündete mir eine Idee: „Das wohl effizienteste Instrument der CIA war die politische Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Export von Kultur wie Jazz und Spielfilmen, die für ein positives Verhältnis zur atombombenwerfenden Supermacht sorgten.“ (Telepolis).

Marcuse war angeblich der Einzige, der zu Lebzeiten zugegeben hatte, auf der Payroll des CIA zu stehen, und dass Horkheimer sich als CIA-Agent im Interesse der US-militärisch-industriellen Komplexes verstand und pflichtbewusst danach handelte, war eigentlich offensichtlich („es ist im Grunde die Verteidigung der Verfassung, die Verteidigung der Menschenrechte, und Sie können heute sagen: ja, und was passiert denn da in Vietnam? (…) sie verteidigen die Welt, in der es noch ein bißchen so etwas wie Freiheit gibt, gegen das Gegenteil, selbst wenn man dazu auch totalitäre Mächte leider benutzen muß.“, Horkheimer), und warum sonst hätte er die akademische Karriere des durch und durch bürgerlich-konservativen Habermas als „zu links“ verhindern wollen?

Doch der Ausdruck „Atombombe“ ist untrennbar verbunden mit dem Lebenswerk von Günther Anders, dessen akademische Karriere zu verhindern Adorno angeblich ein Anliegen war (zitiert nach Wikipedia): „Es gibt Gerüchte, dass Theodor W. Adorno wegen einer vermeintlichen Heidegger-Nähe Sterns und aus qualitativen Gründen heftigen Einspruch gegen dessen Arbeit erhoben habe und die Habilitation bei Tillich in Frankfurt deshalb gescheitert sei.“, Ofenschlot zitierte die Sachlage konzentriert auf den Punkt: „Günther Anders, das muss man noch erwähnen, war Antimilitarist. Und Adorno doch irgendwie auch, oder?“ – »Einmal habe ich ihn gebeten, auf einer Ostermarsch-Kundgebung zu sprechen. Ich war krank geworden. Da sagte er am Telefon: ’Sie wissen doch, dass ich hinter keiner Fahne herlaufe.‘ – ’Dann laufen Sie doch vor der Fahne‘, entgegnete ich. Er legte auf.«

Nicht zwei, nicht drei, nicht vier, nein eine (1) Fundstelle zum Stichwort „Atombombe“ findet sich in den abertausenden von Seiten der kompletten gesammelten Schriften von Adorno (der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es zu „atom bomb“ immerhin sieben (7) Fundstellen auf 3 Seiten der in den USA entstandenen „Qualitative Studies of Ideology“ gibt): „Man wird weiter die Erwägung nicht von sich abweisen können, daß die Erfindung der Atombombe, die buchstäblich mit einem Schlag Hunderttausende auslöschen kann, in denselben geschichtlichen Zusammenhang hineingehört wie der Völkermord. Die sprunghafte Bevölkerungszunahme heute nennt man gern Bevölkerungsexplosion: es sieht aus, als ob die historische Fatalität für die Bevölkerungsexplosion auch Gegenexplosionen, die Tötung ganzer Bevölkerungen, bereit hätte. Das nur, um anzudeuten, wie sehr die Kräfte, gegen die man angehen muß, solche des Zuges der Weltgeschichte sind.“

Der ohne Rücksicht auf eigene Verluste öffentlich ausgelebten leidenschaftlichen Inbrunst, mit der Adorno unermüdlich und direkt gegen diese „Kräfte“ anging, die öffentlich ganz selbstverständlich mit der atomaren Vernichtung der Menschheit im Ganzen (bei Adorno verniedlichend „auf einen Schlag Hunderttausende auslöschen“) zur Verhinderung des Kommunismus drohten, verdankte er seine ungefährdete Stellung als Medien-Star im öffentlich-rechtlichen Radio. Mensch muss nicht buchhalterisch auf der Payroll des CIA stehen, um dessen imaginierte Pistole an der Schläfe, die doch nur die unsichtbare Hand am Stecker der eigenen Erfolgsmaschine ist, verschämt zur Grundlage des eigenen Handelns zu machen.

Ende der 90er schenkte mir Adorno-Schüler Detlev Claussen an diesen immergleichen akademischen Einführungsvorlesungen zur Kritischen Theorie jenen unvergesslichen Blickkontakt, beim Erörtern der Mitarbeit Horkheimers beim OSS (Vorgängerorganisation des CIA), diesen kurzen, herausfordernd prüfenden Blick, der meinerseits nicht auf die vielleicht erhoffte komplizenhaft-hoffnungsvolle Faszination, sondern auf fassungslose Entgeisterung traf. Ein Blick, der endgültig klärte: Nein, ich würde an seinem Institut in Hannover, einer veritablen Brutstätte das antideutschen US-Militarismus, niemals geduldet werden.

Quellen

Max Frisch und die CIA. TagesAnzeiger/Sonntagszeitung, 4.2.2018
https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/max-frisch-und-die-cia/story/21051959

Die Max Frisch-Identität, Telepolis, 7.2.2018
https://www.heise.de/tp/news/Die-Max-Frisch-Identitaet-3962024.html

Zum Horkheimer-Zitat:
http://ofenschlot.blogsport.de/2010/07/26/der-alter-mann-und-der-krieg/
http://undenkbar.blogsport.de/2017/11/26/rene-scheu-und-bassam-tibi-in-der-nzz-die-barbaren-berufen-sich-auf-adorno/

Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. C. H. Beck, München 1956
https://de.wikipedia.org/wiki/Günther_Anders

Ofenschlot: Anders vs. Adorno
http://ofenschlot.blogsport.de/2009/07/11/anders-vs-adorno/

Adorno: Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Erziehung nach Auschwitz. Digitale Bibliothek Band 97: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 8518 (vgl. GS 10.2, S. 675)

Adorno: Band 9: Soziologische Schriften II: Part IV: Qualitative Studies of Ideology. Digitale Bibliothek Band 97: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 6488 (vgl. GS 9.1, S. 419)

Bahamas: Mit christlichem Fundamentalismus gegen Critical Whiteness

Alter Ego und Geanderte*

Jurek Molnar (in der Vorversion auf dieweltohneuns.wordpress.com als Alleinautor) und Sabine Schulzendorf in der aktuellen Bahamas 74, „Der postmoderne Systemabsturz. Über die „Critical Whiteness“ und ihre Folgen“: „Es war das Christentum mit seiner Mehrsprachigkeit, das diesen Universalismus ermöglichte, und, anders als der Islam, von einem „Anderen“ ganz prinzipiell auch ausging.“ (75-2) „Nun ist der Rassismus zwar tatsächlich eine bestimmte Dimension des „Othering“, aber viel grundlegender ist „Othering“ schlicht eine Grundbedingung menschlichen Sozialverhaltens: Ohne das Konzept des „Anderen“ ist es gar nicht denkbar, Menschen überhaupt sinnvoll wahrzunehmen.“ (75-3)

Frantz Fanon zu diesem begrifflichen Konzept des „Anderen“: „Dr. H.-L. Gordon, Arzt an der psychiatrischen Klinik von Nairobi, schreibt in einem Aufsatz in der Presse médicale von Ostafrika: „Exakte Forschungen an einer Reihe von hundert normalen Eingeborenen-Gehirnen zeigen dem blossen Auge das Fehlen von Teilen der Grosshirnrinde, die bekanntlich durch Zellen des jüngsten Entwicklungsstadiums charakterisiert sind.“ Und er fügt hinzu: „Die Inferiorität beträgt quantitativ 14.8%.“ (Zitiert von Alan Burns, [Le préjugé de race et de couleur …, Paris 1949])“ (Fanon: 27)

Ihr nach eigenen Angaben christlich eingehauchter Superioritätskomplex verunmöglicht Molnar/Schulzendorf epistemologisch a priori, die simple begriffliche Unterscheidung zwischen dem prinzipiell gleichen Andern als Alter Ego und dem im obigen Sinne von Gordon subaltern „“Geanderten“, wie der scheussliche Neologismus lautet“ (75-2). Im Kern ihres Begriffsapparats liegt offensichtlich das vor, was sie in ihren eigenen Worten als „pauschales Dagegensein ohne jedes begriffliche Unterscheidungsvermögen“ (72-3) bezeichnen, das vorsätzliche Unvermögen, den von ihnen selbst wiederholt angemahnten „Unterschied ums Ganze“ auch nur erkennen zu wollen.

Dieses begriffliche Unvermögen ist nicht akzidentiell, sondern in aufklärerischem Sinne in voller Verantwortlichkeit selbstverschuldet, die abwehrreflexhafte Denunziation des Begriffs des Geanderten als „scheusslicher Neologismus“ hat die objektive gesellschaftliche Funktion, letztlich die so Geanderten selbst als „scheusslich“ zu denunzieren und zu entmenschlichen zum Zwecke, sich selbst als intellektuelle Retter des „christlichen Abendlands“ (75-1) zu überhöhen, das „seit dem Auftauchen des Islam im 7. Jahrhundert mit dem Orient höchst real in Kriege, aber auch in kulturellen Austausch verstrickt war, und der Islam bis ins 17. Jahrhundert eine veritable kriegerische Bedrohung darstellte.“ (75-2) Die Türken stehen wieder vor Wien – auf zum letzten Gefecht. Die völlig entgrenzte Gewaltbereitschaft der Transatlantiker nicht bitter ernst zu nehmen, ist nur denkbar in „schlichter Unkenntnis der historischen Fakten“ (75-2).

Rassistischer Universalismus

Die programmatische Gleichsetzung von Alter Ego und Geanderte* setzt sich fort in der programmatischen Gleichsetzung von vermeintlich universalem „wisssenschaftlichem Interesse“ und dem in der angestrebten lukrativen Symbiose von Wissenschaft und Krieg historisch sich herausbildenden Orientalismus: „Die Tatsache, dass es im arabisch-muslimischen Raum keinen „Okzidentalismus“ gibt, liegt nicht daran, dass der „Orientalismus“ sich einen „Anderen“ konstruiert, sondern daran, dass es im arabisch-muslimischen Raum niemals einen säkularen Wissenschaftsbegriff gab, der es ermöglicht hätte, einen „Anderen“ überhaupt als solchen wahrzunehmen.“ (75-2) Zu ergänzen wäre hier, dass es auch im Subsaharischen Afrika, unabhängig davon, ob christianisiert oder islamisiert, niemals eine mit dem Militär amalgamierte Wissenschaft gab, welche die Inferiorität von Weissen universalistisch zu objektivieren und damit deren Vernichtung ideologisch zu legitimieren zum Ziel sich gesetzt hätte.

Ein Hohn, dass Molnar/Schulzendorf denselben Okzidentalismus in Abgrenzung zum Islam auf ihre christlich-abendländischen Fahnen sich schreiben, den sie doch entschieden bekämpfen: Röggla führt im von ihnen selbst zitierten Texte den Begriff des Okzidentalismus ein als Generalisierung der Critical Whiteness: „Rassismus in Deutschland orientiert sich nicht allein an rassifizierten Merkmalen wie z.B. Hautfarbe, sondern hängt mit Nationalität, Herkunft und kulturellen Praktiken, wie etwa Sprache, Religion oder Traditionen zusammen.“ (Röggla: 38) „Der Okzidentalismus bietet damit eine Figur hegemonialer Selbstreflexion, die analog zu der der Whiteness besteht, und die sich auf Europa bezieht.“ (Röggla: 40) Der Modus Operandi der intellektuellen Unredlichkeit von Molnar/Schulzendorf ist hier die Cultural Appropriation, zu übersetzen als kulturelle Enteignung: Eine Denkfigur wird einer geanderten kulturellen Praxis (hier einfach die der Critical Whiteness bei Röggla) entnommen, sich im Modus des transformierenden sich Anverwandelns angeeignet, die so entfremdete Quelle verleugnet und schliesslich in feindlicher Absicht gegen die geanderten Subjekte gerichtet. „Nsi a moyo kazolele o Nzambi a Mpungu“ – Es ist einzig die Absicht, die Gott verlangt. (Dona Beatriz Kimpa Vita, Kongo, 1684-1706).

Die infame Volte des ideellen Gesamt-Antideutschen besteht darin, für sich selbst etwas in Anspruch zu nehmen und gleichzeitig universalisierend von Anderen einzufordern, was ihm bei Erfüllung der Forderung erst die ideologische Legitimation zu deren Vernichtung liefern würde: Erstens wird der behauptete Universalismus letztlich religiös und für sich selbst exklusiv in Abgrenzung vom Geanderten und eben nicht dem Alter Ego begründet („Es war das Christentum mit seiner Mehrsprachigkeit, das diesen Universalismus ermöglichte, und, anders als der Islam…“, 75-2), und zweitens wird dessen Negativ Dialektisches Umschlagen in Barbarei (Orientalismus in Symbiose mit militärischem Kolonialismus) von den dadurch Geanderten auch noch schnöde eingefordert: sollen sie doch mit einem konkurrierend religiös fundierten „säkularen Wissenschaftsbegriff“ einen den Orientalismus imitierenden Okzidentalismus betreiben – gefordert im höhnisch lachenden zweckrationalen Wissen darum, dass die so in die Enge Getriebenen gar nicht über die militärische Macht verfügen, diesen Okzidentalismus mit den erprobten und bewährten technisch-wissenschaftlichen Mitteln der Massenvernichtung, die gegen sie in Anschlag gebracht werden, auch tatsächlich in Europa und den USA hegemonial durchzusetzen.

Antideutscher Antisemitismus

Notwendig unterschlagen wird in dieser antideutschen Forderung nach einer faktisch christlich-abendländischen Leitkultur für Deutschland und die ganze Welt auch die Kriege, die um die beiden konkurrierenden Universalismen des Katholizismus versus des technisch-wissenschaftlichen Weltbilds innerhalb Europas ausgefochten wurden. Bezogen auf die Schweiz: Natürlich hat die „Christliche Volkspartei“ CVP das „C“ gegenwärtig nur noch aus marketingtechnischen Gründen im Namen und ist ansonsten auf nationaler Ebene eine rein neoliberale Fortschrittspartei, aber die Gründung des bürgerlichen Bundesstaates 1848 nach dem Vorbild der USA beinhaltete eben gerade den historischen Kompromiss, dass der Staat zwar liberal verfasst und zunächst auf Bundesebene rein ein Staat der Freisinnigen war (heute FDP, „Freisinnig-Demokratische Partei“) – das erste katholisch-konservative Bundesratsmitglied wurde erst 1892 gewählt – aber viele Teilstaaten („Stände“) blieben die ganze Zeit katholisch-konservativ und beharrten auf ihrem dem Freisinn widersprechenden Universalismus.

Ideologisch (wenn auch nicht strukturell) vergleichbar die Integrationsleistung, welche der ideale Vorzeigestaat des ideellen Gesamt-Antideutschen, Israel, zu leisten hat: Einerseits handelt es sich um einen modernen, den europäischen Idealen der Aufklärung verpflichteten modernen bürgerlich-demokratischen Staat, gleichzeitig definiert er sich aber selbst religiös als den Staat der Juden. Der bürgerliche Universalismus ist aber nicht identisch mit dem viel älteren jüdischen Universalismus, und auch nicht einfach eine lineare Ableitung davon. An der Fremdbezeichnung der „Ultraorthodoxen“ kristallisiert sich der Widerspruch, in den diese beiden Universalismen notwendig geraten, und der immer wieder nach politischen Kompromissen verlangt, etwas in Fragen von Militärdienstzwang oder dem Zwang zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft in kapitalistischer Erwerbsarbeit. Diese a priori unauflöslichen Aporien durch akademisch ansozialisierte atheistische Negation des orthodoxen Universalismus (und damit auch dessen Träger*n) zu negieren und kontrafaktisch die Alleinherrschaft eines demokratischen bürgerlich-aufgeklärten Liberalismus in Israel zu postulieren, ist ein Element des spezifisch antideutschen Antisemitismus, worin dieser immerhin dem traditionellen Deutschen Antisemitismus widerspricht, welcher das mit ihm Nichtidentische zwar ontologisch anerkennt, aber auf spezifisch christliche Weise dämonisiert und so universal andert.

Schwarze Kognition

Röggla selbst deutet die Problematik, die mit der Generalisierung der Critical Whitness als Okzidentialismus verbunden ist, nur an: „Sich aber anzusehen, welche Folgen sich aus dem Bezug auf den Kritischen Okzidentalismus für die europäischen Whiteness Studies ergeben könnten/müssten wäre Thema einer eigenen Arbeit und würde meinen Rahmen bei weitem sprengen. Ohne diese Auseinandersetzung ist es mir aber nicht möglich, das Konzept auf die Frage nach Weißen Privilegien anzuwenden. Ich denke nicht, dass alle diesbezüglichen Fragen bereits geklärt sind.“ (Röggla: 42) Sie benennt zwar die genealogische Herkunft der Critical Whiteness: „Ursprünglich sind die Critical Whiteness Studies in den USA entstanden. In diesem Kapitel gehe ich den Wurzeln der Critical Whiteness nach, die ich mit der Kulturwissenschaftlerin Gabriele Dietze in afroamerikanischer und in feministischer Theorie verorte (vgl. Dietze 2006:224).“ (Röggla: 18).

In solidarischer Kritik mit Röggla muss hier ergänzt werden, dass sie – wohl dem „angestrebten Grad Magistra der Philosophie“ (Röggla: 1) geschuldet – mit dem Begriff der Critical Whiteness eben doch spezifisch Deutsche Terminologie verwendet: „Bemerkenswert ist, dass dieser akademische Begriff der erste war, der nach Deutschland gelangte, um die Kritik des Weißseins zu fassen – und nicht Bezeichnungen, die in der antirassistischen Praxis der USA üblicher sind (wie etwa white privilege, white supremacy oder accountability) und die zugleich die Rolle von Weißen in antirassistischen Kämpfen beschreiben.“ (Bee, Melanie).

Den intellektuellen Modus Operandi, der in den Bahamas aufs Entschiedenste negiert wird, bezeichnet Williams D. Wright synonym als Diunitale Kognition wie auch als spezifisch Schwarze Kognition in den USA. Diunital, zwei-einig im Sinne eines Sowohl-als-auch a priori. Bezogen auf das politische Selbstverständnis der Bahamas: Einerseits ist die liberale Verfassung der USA als universale Errungenschaft der Menschheit zu verteidigen, gleichzeitig garantierte dieselbe Verfassung erst die universale Gültigkeit der positiv rassendiskriminierenden Jim-Crow-Gesetze nach dem formalistisch liberalen „Separate but equal“-Prinzip. Beides gleichzeitig.

Schwarze Kognition in Wrights Worten: „Western civilization had run out of useful cognitive methods. But not totally. There was the Black Cognitive method of Western civilization. It had been forged, nourished, and developed in great complexity, and over a period of centuries. It lay at the center of Black ethnicity and Black intellectual and analytical activity. This was cognition that reached for wholeness, which accepted and related to realities that were similar or oppositional, which were different but not necessarily antagonistic, which insisted that aspects of reality interact with each other whether they were similar to each other, in opposition to each other, or different from each other but not oppositional, on a horizontal basis, so that they could interact individually and equally to each other.“ (Wright: 163) „[Robert] Franklin was saying what other Black intellectuals have said over the years, that the universality of human experience can be located in an analysis of Black history and in artistic portrayal of Black life. (…) The Black historical and social experience in America is the basis for constructing various kinds of social theories with universal implications and applications.“ (Wright: 169)

Und so ist der seitens Molnar/Schulzendorf unterstellte Vorwurf des Anti-Universalismus und Anti-Intellektualismus an die Critical Whiteness längst implodiert, sie wollen davon einfach nur nichts wissen…

Quellen

Molnar, Jurek; Schulzendorf, Sabine: Der postmoderne Systemabsturz. Über die Critical Whiteness und ihr Folgen. Bahamas 74
https://dieweltohneuns.wordpress.com/2016/03/02/der-postmoderne-systemabsturz-ueber-die-critical-whiteness-und-ihre-folgen/

Bee, Melanie: Das Problem mit „Critical Whiteness“
http://www.migrazine.at/artikel/das-problem-mit-critical-whiteness

Fanon, Frantz: Schwarze Haut, Weisse Masken. Turia + Kant, Wien 2013, 2016

Röggla, Katharina: Eine unsichtbare Kategorie zum Verschwinden bringen? Diplomarbeit, Wien 2011
http://othes.univie.ac.at/14962/1/2011-05-24_0101864.pdf

Wright, W D.: Black intellectuals, Black cognition, and a Black aesthetic. Praeger Publishers, Westport CT, 1997
http://undenkbar.blogsport.de/2016/02/28/w-d-wright-diunitale-kognition/

Lydia Platón Lázaro: Defiant Itineraries – zu Katherine Dunham und Maya Deren

„Trotzige Reisewege“ zweier Frauen, welche die US-amerikanische und europäische Moderne in Tanz und Film mit geprägt haben – von Platón Lázaro erklärtermassen und immanent notwendig aus zirkumatlantischer Perspektive beschrieben, denn die in Deutschland zumal für Adorno-Zitierer (aka Antideutsche) akademisch zwingend vorgeschriebene transatlantische Weltanschauung als die einzig Moderne reproduziert immanent notwendig das Unwahre. In den Worten von Lowell Fiet (Universität von Puerto Rico): „What fascinates about Defiant Itineraries is the deconstructive mediation and transformation of the normative ideology of colonial domination with its resultant cultural practices that invent the encased and categorized subject, the exotic Other. Underneath all else, Defiant Itineraries does more than trace the development of modern dance and film forms from fieldwork experiences in Haiti to the professional stage and the cult film archive. It asks, what can Haiti teach us? What should we be learning from the richness of Haitian – and Caribbean – culture?“ (Rückseitentext).

Platón Lázaro lehrt an der Universität von Río Piedras in Puerto Rico. Aus hiesiger Sicht erstaunt nur schon die entspannte Selbstverständlichkeit, mit der sie das, was in Deutschland als Critical Whiteness (pejorativ CW wie Chlor-Wasserstoff) von allen Seiten erbittert bekämpft wird, als universalen wissenschaftlichen Stand der Erkenntnis ganz einfach voraussetzt. Nicht als die andere Moderne, auch nicht als die Postmoderne, sondern einfach als die universale eine Moderne, die ohne Haiti undenkbar ist. Eine Moderne, die nicht arrogant auf der Globuskugel hockend von oben auf die karibischen Inseln herabsieht und ihnen die Schuhsolen zeigt, sondern neugierig von einem der vielen, vielen Rändern des als rund („zirkum“) gedachten Atlantiks aus für einmal dorthin hinaufsieht und respektvoll von dort lernt. Und das nicht im Sinne einer normativen utopischen Zukunftsperspektive, sondern als historische Analyse dessen, was im Modern Dance und im künstlerischen Avantgardefilm tatsächlich passiert ist, seither aber vergessen gemacht wurde.

Die „Dunham Technique“ ist bis heute Bestandteil der Ausbildung im zeitgenössischen Modern Dance, auch wenn die durch Martha Graham begründete „Graham Technique“ hierzulande in den Jazztanzschulen bekannter ist. „She [Dunham] proposes the idea of a shared past that ties the histories of the United States and the Caribbean together, both before and during, the imperialist incursions of the former into the latter. Maya Deren, on the other hand, proposes the notion of a possible erasure of difference through the perspective of a ritual aesthetic. Her films and „experimental“ outlook address the body and the gaze in a different language that questions markings of race, gender, and class in cinema.“ (S. 9)

Deren und Dunham – beide waren nicht wirklich akademisch sozialisiert, sondern primär Künstlerinnen, doch beide schrieben wissenschaftliche ethnographische Bücher. Beide machten in den 30er und 40er Jahren Forschungsreisen von den USA nach Haiti, inmitten des goldenen Zeitalters des Tourismus nach der bis heute nachwirkenden desaströsen US-Okkupation 1915-1934 durch die rassistischsten US-Marines, welche in den damals segregierten US-Südstaaten grad aufzutreiben waren. Nach der kollektiven Erfahrung dieser Hölle eine optimistische Zeit: „A Washington Post headline from 1936 states: „Haiti Today: The ‚Black Republic‘ is Making Progress.“ The word progress conjures the mixed emotions stirred by modernity in the Americas because it refers to the opposition of civilization and savagery in the light of imperial and colonial practices upon subjects. And yet, as the newspaper article reveals, progress in Haiti 1936 also referred to the excitement of change, transition, and potential stability after political turmoil.“ (S. 69) Beide waren als Teil der damaligen künstlerischen Avantgarde professionell des kommunikativen Handeln des Tanzens, der körperlichen Performance mächtig, und beide liessen sich rituell initiieren in das philosophische System des Haitianischen Vodou, erst seit Aristide im 21. Jh. auch formell eine der Staatsreligionen Haitis. Und beide haben dabei eben gerade nicht den Verstand verloren, sondern in einem kosmopolitischen Sinne erst wirklich gewonnen.

Von einem Ort immaterielle Güter zu nehmen, zu transformieren und an einem anderen Ort in den Kapitalkreislauf einzuspeisen ist zunächst mal einfach kulturelle Appropriation. Doch diese Gleichung enthält Variablen: Die Transformation kann mehr oder weniger appropriativ sein, Elvis Presleys Appropriation Schwarzer Musik als vorgeblich genuin innovativer Weisser Musik mag das eine Extrem illustrieren. Entsprechend wurde vor allem Maya Deren auch kritisiert: „Whereas Dunham has been explicitly identified with the Caribbean aesthetics she proposed and participated in, Maya Deren has been more often interpreted as following the modernist’s route of borrowing from premodern cultures, an interpretation she openly opposed in her own theoretical writing.“ (S. 29) Denn Deren selbst reflektierte die Geschichte ihres Haiti-Projekts gerade als Geschichte des Scheiterns ihres zunächst durchaus appropriativ geplanten Projekts: „Also among my papers was a carefully conceived plan for a film in which Haitian dance, as purely a dance form, would be combined (in montage principle) with various non-Haitian elements. I recite all these facts because they are evidence of a concrete, defined film project undertaken by one who was acknowledged as a resolute and even stubbornly willful individual.“ (Deren: 5) „I had begun as an artist, as one who would manipulate the elements of a reality into a work of art in the image of my creative integrity; I end by recording, as humbly and accurately as I can, the logics of a reality which had forced me to recognize its integrity, and to abandon my manipulations.“ (Deren: 6) Aus diesem Grunde nicht ganz zufällig kann der Vorwurf der kulturellen Appropriation an die Weisse Deren auch als unbeteiligte Aussensicht gesehen werden, wird ihr Buch doch in der Karibik selbst anscheinend gerne gelesen: „The book, Divine Horsemen: The Living Gods of Haiti (1953) was received with mixed reviews, but it is still considered an important contribution to the study of Vodou, particularly by those located in the Caribbean.“ (S. 41)

Die in der hegemonialen Lehre mit Lévi-Strauss assoziierte epistemologische Methode des Strukturalismus begibt sich selbst der Bedingung der Möglichkeit der Erkenntnis dessen, was hier erläutert werden soll. Ein Soziologie-Professor dozierte mir im Gespräch in Sachen Verweigerung jeglicher Zusammenarbeit seinerseits in einer Abhängigkeitssituation meinerseits, die Erforschung der Primitiven (ich war mitgemeint) wäre erstaunlich einfach: Sei ihr Symbolsystem einmal entschlüsselt, funktioniere dieses immer nach ganz einfachen Regeln, und damit seien diese primitiven Kulturen wissenschaftlich abschliessend verstanden. Insofern könnten Platón Lázaro, Dunham und Deren (wie auch Beliso-De Jesús) rein ex negativo dem von den eingangs erwähnten Adorno-Zitierer*n erbittert bekämpften Poststrukturalismus zugeordnet werden, denn sie alle fundieren Erkenntnis auch auf dem sich bewegenden, tanzenden menschlichen Körper als „dance as text“ (S.85), als einer Primärquelle, die eben gerade nicht im Symbolischen aufgeht, aber eben auch nicht nur körperlich bleibt, sondern als überschiessendes Moment weit über sich hinausweist, namentlich ins Herz des Symbolischen selbst, als Kafkas „Axt für das gefrorene Meer in uns.“

Dunham war zur Zeit ihres Master-Studiums in Anthropologie an der Universität von Chicago mit mehreren geschlossenen symbolischen Repräsentationssystemen zu Haiti konfrontiert, innerhalb von Haiti selbst basiert auf Differenzen von Klasse und Hautfarbe, wie sie im verbreiteten Haitianischen Sprichwort „Milat pòv se nèg, nèg rich se milat.“ dekonstruiert wird, ungefähr sinngemäss übersetzt als: „Ein* arme* Weisse* ist ein* Schwarze*, ein* reiche* Schwarze* ist ein* Weisse*.“ – die soziale Klasse macht die soziale Rasse. In den USA war das geschlossene Repräsentationssystem während der US-Besatzungszeit basiert auf impressionistischen Reiseberichten, welche in Literatur und Film die noch heute gängigen rassistischen Stereotypen mit Voodoo, Zombies, Sex und Magie pflegten – und die strukturalistische Anthropologie ihrer Zeit hatte dem nichts entgegenzusetzen, denn sie präsentierte sich selbst als geschlossenes Repräsentationssystem: „So her [Dunhams] subjectivity attempts to open a closed system of representation in Haiti based on class and color differences. Simultaneously, it opens the realm of anthropology, a field represented mostly by white males in that era, who considered dance inappropriate for scholarly endeavors. Dunham’s project can be viewed as a counterdiscourse to both of these closed systems of representations.“ (S. 70)

Platón Lázaro hebt hervor, wie Deren und Dunham mittels des Tanzes, der Performance diese geschlossenen Repräsentationssysteme ihrer Zeit durchbrachen: „The use of the body of the ethnographer becomes a tool for theory making from a different perspective – not only being in the field but also literally taking the field with them in the performances enacted by the body. This provokes a number of questions about ethnography, anthropology, dance, and film theory. As Trin T. Min-Ha states about the border between ethnographic film and anthropology, „To raise the question of representing the ‚Other‘ is therefore to reopen endlessly the fundamental issue of science and art; documentary and fiction; universal and personal; objectivity and subjectivity; masculine and feminine; outsider and insider“. The combination of artistic practice and formal writing challenges how these disciplines were conceived between the 1930s and 1950s. As will be shown in this study, Dunham and Deren can be credited for yet another transformation in altering the power structure of the representation of Others by becoming outsider-insiders in the complex semantics of Haitian Vodou, They incarnate a place of privileged observation that ultimately denotes alternative ways to empower resistance.“ (S. 15)

Und diese „Semantik des Haitianischen Vodou“ sperrt sich im kantianischen Sinne a priori gegen Ferdinand de Saussures strukturalistische Trennung a priori von Syntax und Semantik, Zeichen und Bedeutung, wenn ritueller Tanz, ein zentraler Bestandteil des Systems des Vodou, als Syntax verstanden werden soll. Dieser Tanz funktioniert eben nicht wie etwa die moderne Gebärdensprache, welche auch nur für Laien quasi-onomatopoetisch zu sein scheint. Platón Lázaro erklärt die Differenz anhand des hierzulande seit Jahrhunderten pathologisierten Phänomens der Besessenheit, also der Übernahme der motorischen Kontrolle des Körpers durch einen Geist, der nicht der eigene ist: „Even within a codified system of worship like Vodou, the centrality of possession – aside from creating asymmetry in the relationship of observant-observed – also subverts the logic of European dance, in which previously codified movements rule the outcome of the performance, and defines the relationship of the individual with the dance in a product-oriented goal. The „dispossessed“ body of Vodou makes for a very particular body politics, as Deren points out: „In Voudoun the cosmic drama of man consists not of a dualism, a conflict of the irreconcilable down/pull of flesh and the up/pull of spirit; it is, rather, an almost organic dynamic, a process by which all that which characterizes divinity – intelligence, power, energy, authority, wisdom – evolves out of the flesh itself. Instead of being eternally separated, the substance and the spirit of man are eternally and mutually committed: the flesh to the divinity within it and the divinity to the flesh of its origin“ (Divine Horsemen 27).“ (S. 66)

Platón Lázaro insistiert auf dem Tanz als kinästhetische historische Erinnerung: „memory, history, and the body come together in the performances of the circum-Atlantic world.“ (S. 81) Diese wurde für Dunham und auch für Deren erst als teilnehmende Beobachterinnen überhaupt zugänglich. „Aschenbrenner describes the Dunham phenomenon by underlining that anthropologists „learn through all senses and kinesthetically, through their bodies, as whole beings. Dunham has shown that in the Voudun dances, the entire body, as well as material objects, signifies, and all senses – sight, sound, touch, and smell – receive messages. Her accounts quiver with her sensuous responses: sights, but also smells, tastes, sounds, and somatic and kinetic experiences“. (S. 83) „The external representation of vodun is in dance.“ (zit. Dunham, S. 85)

Unter den diasporischen Afrikanischen Religionen ist das Insistieren auf der historischen Erinnerung im regleman nachgerade ein mit der im Jahre 1804 frühen Haitianischen Selbständigkeit verbundenes Alleinstellungsmerkmal, wie die aus dem Kanadischen TV bekannte exilhaitianische Mambo La Belle Deesse Dereale in Abgrenzung zum Brasilianischen Candomble selbst betont: „In Haiti, we serve more than 21 nations, in Brazil, they only serve one particular spirit, and you can chose which to serve. Once we‘re chosen, we serve all of them – Black, Hispanic, English, Latin.“ Jeder dieser 21 „Nationen“ entsprechen im regleman spezifische Gesänge, Rhythmen und Tänze, die untereinander genausowenig austauschbar sind wie etwa in christlichen Kirchen zu Ostern programmierte Weihnachtslieder deplatziert wirkten. Ihr Englisches „nations“ ist eine Übersetzung des kreyòlischen nanchon bzw. nasyon, welches nicht im geografischen Sinne moderne Nationen bezeichnet, sondern ein spezifisch historisierender Begriff ist – nach Benjamin Hebblethwaite zu verstehen wie schon zitiert im Beitrag zur Ästhetik der „Diasporadical Trilogía“ von Blitz the Ambassador: „Nation; a grouping, based on ethnic origins of Vodou lwa. Ibo, Rada, Nago, Kongo are examples of nanchon in Vodou. The nanchon also correspond to Vodou rites. In the colonial period, many West African nations were forced into slavery by African handlers, French slave traders, and colonialists in Saint-Domingue. In that context, nation-based Vodou emerged in many parts of Saint-Domingue. Today the term does not have a strong political or geographical meaning, even if some of the names of Vodou nanchon have ethnic and geographical etymologies.“ (Hebblethwaite: 269)

Diese historischen Erinnerung beinhaltet also auch das Vergessen, die getanzte Erinnerung ist notwendig unvollständig. Zirkumatlantische Performance ist nach Joseph Roach „a monumental study in the pleasures and torments of incomplete forgetting“ (S. 81). Dieses „unvollständige Vergessen“ eröffnet aber gerade Raum für Innovation durch Imagination: „For Roach, kinesthetic imagination remains „in the realm of the virtual“ because it refers to a place where „imagination and memory converge“, which he then compares to the quality of dance of „expressing the unthinkable“. (S. 83). Dieses „Undenkbare“, dieses „continuum of the sacred an the secular, myth and history, memory and invention particular to Caribbean aesthetics of performance“ (S. 2) in etwas Denkbares zu verwandeln, ist Maya Deren wie Katherine Dunham auf je eigene Weise historisch gelungen, was Lydia Platón Lázaro gegenwärtig überzeugend nachweist.

Doch dieses denkbare Undenkbare lässt sich nicht einfach wieder verdinglichen, bzw. wird es verdinglicht, hört es auf, zu existieren. Frei nach Goethes Faust: „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen“. Als Voraussetzung muss schon etwas von dem subjektiv und körperlich angenommen werden, was Platón Lázaro von Brenda Dixon Gottschild als Afrikaniesche Ästhetik und Perspektive zitiert, „an overall polyphonic feel to the dance/dancing body (encompassing a democratic equality of body parts, with the center of energy, focus, and gravity shifting through different body parts – polycentric; as well as different body parts moving to two or more meters or rhythms – polymetric and polyrhythmic); articulation of the separate units of the torso (pelvis, chest, rib cage, buttocks); and a primary value placed on both individual and group improvisation.“ (S. 67)

Ach, hätte Adorno doch nur dazu Zugang sich verschafft, anstatt auf kommodifizierte stampfende Jazzmaschine versus demokratische Zwölftonmusik zu beschränken sich, die Antideutschen könnten niemals ihn zitieren mehr, oh süsse historische Imagination… Aber auf Costa Rica gibt’s keine Antideutschen, denen De-Identifikation mit dem Deutschen an und für sich gepredigt werden müsste, keine auf eine imaginierte Adorno-Schüler-Dynastie sich berufende universitäre Kritische Theorie, die auf Gedeih und Verderb an die „transatlantische“, ergo US-nationale Perspektive gebunden sich sieht, um den Zugang zu nationalen Fördergeldern nicht postwendend zu verlieren. Die universalhistorisch notwendige zirkumatlantische Perspektive eröffnet dagegen antagonistisch einen Möglichkeitsraum realer Imagination, der als universal und irreduzibel Moderner erst noch zu realisieren ist. Maya Deren und Katherine Dunham haben es vorgemacht:

„The dancer separates from the role of moving object on stage to assume a multiple subjective identity. In some of Dunham’s choreographies, the intention of narrating the African diaspora through the appropriation of Caribbean movement and by storytelling corresponds with Paul Gilroy’s posterior analysis of „the Black Atlantic“ as a „non-traditional tradition, an irreducibly modern, ex-centric, unstable, and asymmetrical cultural ensemble“ (Gilroy 198). In this respect, Dunhams‘ kinesthetic memory creates innovation and change for the dance world by recreating Caribbean history, transforming movement to correspond to the reality of the stage, and the present moment of the spectator. This included the undoing of black/white essentialisms, interracial casting in segregated milieu, the experimental quality of the fusion of the contemporary and the traditional, and the deep respect for the origins of the dances.“ (S. 89)

Literatur

Platón Lázaro, Lydia: Defiant Itineraries. Caribbean Paradigms in American Dance and Film. Palgrave Macmillan, New York 2015

Deren, Maya: Divine Horsemen. The Living Gods of Haiti. McPherson & Company, New York 2004

Hebblethwaite, Benjamin: Vodou Songs in Haitian Creole and English – Chante Vodou an kreyòl aysyen ak angle. Temple University Press, Philadelphia 2012.

Film

Kudlácek, Martina: Im Spiegel der Maya Deren. 2002
http://www.imdb.com/title/tt0284203/
https://www.youtube.com/watch?v=LSw385jxr_Q

Berger, Anne-Marie: Katherine Dunham. 2006
https://www.youtube.com/watch?v=7vyx6ue7K6o

Sénécal, Richard: Katherine et Haïti. 2010
https://www.youtube.com/watch?v=Ag_oPScqjuo

La Belle Deesse Jr BET Interview
https://www.youtube.com/watch?v=u9_OEKawyLY
http://labelledeesse.com