Rolf Dobelli warnt vor dem Pakt mit dem Teufel

…teasert die aktuelle schmale Weihnachtsausgabe der NZZ vom 23.12.2017 (S.39/S.41, „Der Kreis der Würde III“). Dobelli amtet dort seit Längerem als Ratgeber in Sachen „gutes Leben“, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf seinen einzigen intellektuellen Übervater Warren Buffett sich berufend. Auffällt daher die für seine Verhältnisse innovative Leere in seiner weihnachtlichen Predigt wider den Teufelspakt, wo zum Teufel bleibt denn da der notorische Warren Buffett?

Nur Rhetorik? Soweit schon, bei Dobelli lautet ein ähnlicher Kalauer zu Johann Georg Faust: „Goethe hat ihn in den Rang eines Klassikers gehoben und damit auf die Liste der Schulpflichtlektüren. Seither wünschen ihn die Schüler zur Hölle. Seine Seele verkaufen – was bedeutet das?“

Dobelli antwortet: „Zu einem guten Leben gehört (…) ein kleiner, aber klar definierter Kreis der Würde. (…) Wir müssen diesen Kreis vor drei Arten von Angriffen schützen: a) vor dem besseren Argument, b) vor der Gefahr für Ihr physisches Leben und c) vor dem Deal. (…) Wer seinen Kreis der Würde nicht klar genug abzirkelt, wird bei jedem verlockenden Angebot, jedem Deal neu überlegen müssen. Das ist nicht nur eine grosse Zeitverschwendung. Es erodiert auch Ihren Selbstrespekt und Ihre Reputation – was Sie anfälliger macht für zukünftige Angebote. Ein wahrer Teufelskreis also.“

Et voilà – c) ist von Rolf Dobelli auf den Punkt gebracht seine Kernthese nach Warren Buffett, das Einzige, was er hat, der Fels, auf den seine gesamte Serie zur „Kunst des guten Lebens“ gebaut ist: Eine als „Würde“ getarnte wöchentliche Lüge, die mittels der Methode der endlosen Wiederholung „vor dem besseren Argument“ zu „schützen“ er besinnungslos verurteilt ist. Welcome to hell.

Eingeführt hat Dubelli das Thema freilich – ganz der rechtspopulistischen Partei SVP verpflichtet – mit dem schweizerischen Nationalmythos der Teufelsbrücke über die Schöllenenschlucht am Gotthardpass: „Immer wieder waren die Urner am Bau einer Brücke gescheitert. (…) Die Urner hatten ihre Seele verkauft und kamen mit einem blauen Auge und einer verkehrstechnisch revolutionären Brücke davon.“

Anlässlich der TV-Übertragung der Eröffnungsfeier zum neuen Gotthard-Basistunnel fragte mich eine Kenyanerin – in Unkenntnis des Teufelsbrücken-Mythos, aber natürlich sehr wohl in Kenntnis von Sachen wie Schwarzgeld auf Schweizer Banken – das für sie Offensichtliche (in meiner Erinnerung sinngemäss so verallgemeinernd): „Haben die Schweizer mit dem Teufel gedealt für diesen Tunnel – und feiern das auch noch öffentlich?“ Mit diesem (Miss-)Verständnis hatte sie in fragender Verständnislosigkeit mehr verstanden, als Dobelli jemals denkbar sein wird.

Zum Einen: Der Mythos transzendiert Raum und Zeit: „Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“ schliessen die klassischen Märchen. Bei Dobelli: „Der Brocken donnerte die Schöllenenschlucht hinab, verfehlte die neue Brücke nur knapp und blieb erst unterhalb des Dorfes Göschenen liegen. Dort sieht man ihn heute noch – man nennt ihn seither den Teufelsstein.“

Zum Anderen: Der Mythos transzendiert psychische Innen- und Aussenwelt und ist irreduzibel Bestandteil des kollektiven Unbewussten, dermassen omnipräsent und gleichzeitig verborgen, dass er beispielsweise für eine in der Schweiz lebende Kenyanerin unverschämt offensichtlich ist, nicht aber für die Sujbekte selbst.

Und auch nicht für Dobelli und den zustimmenden Teil seiner Leser*schaft: „Der Deal infiltriert unser Leben. Vermeiden Sie auf jeden Fall den Teufelspakt.“ – so der Untertitel. Und das individualisierende Fazit: „Hunderte solche Beispiele zeigen, dass die Geldwirtschaft ihre Angriffe auf ehemals heilige Gebiete ausdehnt. Sie können nicht erwarten, dass der Gesetzgeber diesen Teufelsritt der wirtschaftlichen Logik stoppt. Es liegt an Ihnen, (…) Definieren Sie Ihren Kreis der Würde scharf. Lassen Sie sich nicht infizieren, wenn das ökonomische Virus versucht, in Ihr Werteimmunsystem einzudringen. Die Dinge innerhalb ihres Würdekreises sind nicht verhandelbar – egal, wie viel Geld dafür geboten wird.“ – schreibt ein unermüdlicher Warren Buffett-Bewunderer ohne Geldsorgen, der exakt aus diesem Grunde dazu verurteilt ist, in einer erklärtermassen bürgerlich-liberalen, gemäss Selbstdeklaration der Aufklärung verpflichteten Traditionszeitung, an erster Stelle(!) das „bessere Argument“ als „Angriff“ auf seine „Würde“ zu bezeichnen, von dem ihn vorgeblich sein persönliches „Werteimmunsystem“ schütze.

Notwendig undenkbar muss ihm bleiben, dass es mitnichten sein öffentlich vor sich her getragenes, von Warren Buffett inspiriertes individualisiertes „Werteimmunsystem“ ist, welches ihn vor „Angriffen“ auf seine „Würde“ durch das „bessere Argument“ schützt, sondern primär die Blocher- und Tettamanti-Milliarden, welche bei der NZZ auch im Feuilleton via Chefredaktor René Scheu ein „Klima der untergründigen Angst“ geschaffen haben, welches sukzessive alle guten Geister mit vorhandenem bürgerlichem Restverstand zugunsten von Leuten wie Rolf Dobelli aus der NZZ vertreibt.

q.e.d.

Quellen

Rold Dobelli: Der Kreis der Würde III. NZZ, 23.12.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/der-kreis-der-wuerde-iii-ld.1342080

Daniel Gerni: Allah am Gotthard. NZZ, 7.6.2016
https://www.nzz.ch/schweiz/gotthardtunnel-eroeffnung-allah-am-gotthard-ld.87196

Spektakel am Gotthard: „Die merkwürdigste Zeremonie der Welt“
https://www.srf.ch/kultur/buehne/spektakel-am-gotthard-die-merkwuerdigste-zeremonie-der-welt

Kaspar Surber: Die Angst geht um an der Falkenstrasse, WoZ, 12.10.2017
https://www.woz.ch/1741/nzz/die-angst-geht-um-an-der-falkenstrasse

René Scheu und Bassam Tibi in der NZZ: Die Barbaren berufen sich auf Adorno

„Die Barbaren, sie lauern überall – auch der Antirassismus taugt zum Rassismus“ titelte René Scheu am 28.10.2017, seines Zeichens Chefredaktor des Feuilletons der Zürcher NZZ und in dieser Funktion kausal mitverantwortlich für das „Klima der untergründigen Angst“, welches dort seit einiger Zeit das Arbeitsverhältnis prägt (WoZ vom 12.10.2017). In seinem ummauerten Gärtchen simulierte er kürzlich eine intellektuelle Debatte, welche über die zu dem Zwecke logisch notwendige handzahme Replik von Dieter Thomä, „Was ist das Erbe der Aufklärung?“, in der umfassenden Bestätigung von Scheus Weltanschauung gipfelte durch den notorischen „Adorno-Schüler“ Bassam Tibi, welcher „über das merkwürdige Bündnis von Progressiven und Islamisten“ einmal mehr öffentlich schwadronieren durfte.

Um die Sache von hinten aufzurollen zunächst dieser Satz aus dem WoZ-Artikel zum Hintergrund des gegenwärtigen journalistischen Arbeitsklimas bei der NZZ: „Die Gefahr stand im Raum, dass die rechtspopulistische Medienoffensive der Milliardäre Tito Tettamanti und Christoph Blocher nach der «Weltwoche» und der «Basler Zeitung» auch die «Neue Zürcher Zeitung» erreichen könnte: wenn nicht über die Aktien, dann über die Köpfe.“

Die rechtspopulistische „Basler Zeitung“ ist bazonline.ch – in diesem Kontext die sehr professionell SEO („search engine optimized“) Google-Top-Ergebnisseite zu Bassam Tibi, zumindest in der Schweiz:

Bassam Tibi

…und darüber gleich zum Kulminationspunkt von Tibis Argumentation:

„Die «Progressiven» sind in der Tat kulturrelativistisch und postmodern; sie ersetzen das individuelle «Subjektivitätsprinzip» (Habermas) durch Minderheitenrechte. Setzte sich diese Haltung durch, würde dies das Ende von Europa als Kontinent der Aufklärung und als «Insel der Freiheit in einem Ozean der Gewaltherrschaft» (Horkheimer) bedeuten.“

Tibi gibt die Quelle des Horkheimer zugeschriebenen Zitats nicht an, Ofenschlot hatte vor einiger Zeit in seinem Blog-Beitrag „Der alte Mann und der Krieg“ eindrücklich belegt, auf welchen Horkheimer der hochdekorierte Adorno-Schüler Tibi sich beruft:

„Ganz Asien würde chinesisch werden. Aber die Intellektuellen sehen nur das Grauen dieses Krieges, die unglücklichen Vietnamesen, die scorched earth policy [Verbrannte Erde. Es ist ein pikantes Detail, dass Horkheimer resp. sein Chronist auf den englischen Ausdruck ausweicht, um bloß keine Wehrmachts-Assoziation aufkommen zu lassen? Anm. Ofenschlot] der amerikanischen Kriegsführung. Was sie nicht sehen, ist die Hölle einer chinesischen Weltherrschaft.“ (Gesammelte Schriften Bd.18, Frankfurt 1996, S. 646f.)

„Wenn in Amerika es gilt, einen Krieg zu führen – und nun hören Sie wohl zu – einen Krieg zu führen, so ist es nicht so sehr die Verteidigung des Vaterlandes, sondern es ist im Grunde die Verteidigung der Verfassung, die Verteidigung der Menschenrechte, und Sie können heute sagen: ja, und was passiert denn da in Vietnam? Sie können mit Recht all das Furchtbare darstellen – wenn Sie es können – was in Vietnam sich ereignet. Aber diese jungen Menschen, die da hinausgehen, glauben, sie verteidigen die Welt, in der es noch ein bißchen so etwas wie Freiheit gibt, gegen das Gegenteil, selbst wenn man dazu auch totalitäre Mächte leider benutzen muß.“ (Antwortschreiben Horkheimer vom 18.5. 1967 an den Frankfurter SDS)

Das also ist Bassam Tibis Horkheimer. Natürlich könnte man sich lustig machen über den öffentlich zur Schau gestellten Primitivismus von jemdandem, der sich in symbolischem Ahnenkult vor dem Schrein bzw. säkular „vor dem Schreibtisch von Theodor W. Adorno an der Goethe-Universität in Frankfurt fotografieren“ lässt, in jovial herablassender Pose des hochdekorierten Intellektuellen, laut Wikipedia Träger des „Bundesverdienstkreuz erster Klasse“ und des „Jahrespreis der Stiftung für Abendländische Besinnung“, kurz: Deutscher als Deutsch. Natürlich ist es absolut lächerlich, wenn er sich in dieser objektiv obrigkeitsdeutschen sozialen Position geriert als „ein gelbhäutiger muslimischer Westasiate aus Damaskus“, der sich über irrationale „Dritte-Welt-Propheten“ (sic) mokiert.

Doch das trifft den Kern der Sache nicht. Tibi dekliniert den Kalauer „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“ folgendermassen: „In meinen jungen Jahren als linker Student in Frankfurt und aktiver 68er habe ich selbst den «tiers-mondisme» von Frantz Fanon vertreten und sass als «Progressiver» im Beirat der damals einflussreichsten marxistischen Berliner Zeitschrift «Das Argument». Schon damals wehrte ich mich allerdings gegen die im Gedeihen befindliche Verherrlichung des Fremden, die auf der Umkehrung der Verteufelung des Fremden, nicht aber auf deren Überwindung basiert.“ (NZZ a.a.O.)

Die grammatische Vergangenheitsform in Sachen Frantz Fanon ist nämlich nicht nur intellektuell unredlich, sie ist eine glatte Lüge, liefert Frantz Fanon doch den Schlüssel zum Verständnis von Tibis gegenwärtigem Wirken: Er hat sowohl „Scharze Haut, weisse Masken“ wie auch „die Verdammten dieser Erde“ grundsätzlich nicht verstanden und gleichzeitig zutiefst verinnerlicht. Seine idiomatische Deutsche Farbenlehre zu Syrer*n, mit der er kokettiert, liest sich bei Fanon so:

„Im Übrigen, fügen sie hinzu, sprechen wir den Schwarzen keineswegs jeden Wert ab, aber wissen Sie, es ist besser, wenn man weiss ist. Kürzlich unterhielten wir uns mit einer von ihnen. Als ihr die Puste ausging, warf sie uns an den Kopf: «Übrigens pocht Césaire nur deshalb so auf seine schwarze Hautfarbe, weil er sie wirklich als Fluch empfindet. Pochen etwa die Weissen auf die ihre? In jedem von uns steckt ein weisses Potential, manche wolle nichts davon wissen oder kehren es einfach um. Ich persönlich würde im keinen Preis der Welt einen Neger heiraten.»“ (Fanon: Schwarze Haut, weisse Masken: 42).

„Es liegt auf der Hand – und ich werde nicht müde, es zu wiederholen – dass der Anstrengung des Arztes aus Guadeloupe, seine Entfremdung aufzuheben, wesentlich andere Motive zugrunde liegen als der des Negers, der am Bau des Hafens von Abidjan mitarbeitet. Beim Ersteren ist die Entfremdung fast intellektueller Art. Insofern er die europäische Kultur als ein Mittel begreift, sich von seiner Rasse zu lösen, setzt er sich als Entfremdeter. Der Letztere tut dies, insofern ein Opfer eines Regimes ist, das auf der Ausbeutung einer bestimmten Rasse durch eine andere beruht, auf der Verachtung einer bestimmten Menschheit durch eine Form der Zivilisation, die als überlegen gilt.“ (Fanon: Schwarze Haut, weisse Masken: 169).

Bassam Tibi hat in seinem Leben in der durch und durch rassistischen bürgerlichen Deutschen Bildungselite daraus die doppelte Konsequenz gezogen, dass er sich zunächst die Deutsch-“europäische Kultur“ karikaturesk über-aneignen muss, das aber bei weitem nicht genügt: Zusätzlich muss er sich öffentlichkeitswirksam zum Komplizen eines Regimes machen, das auf der gewaltsamen Ausbeutung einer bestimmten Rasse (Horkheimers „Ozean der Gewaltherrschaft“) durch eine andere beruht (Horkheimers „Insel der Freiheit“).

Darin gründet sein tatkräftiges Engagement für den europäischen nationalistischen Rechtspopulismus bei Zeitungen wie BaZ, NZZ oder auch online beim Rechtsaussen-Blog „Achse des Guten“, daher ist ihm die unter Historikern unbestrittene Wahrheit undenkbar, dass Horkheimers „Ozean der Gewaltherrschaft“ seine kausale Ursache grossteils in der selbstproklamierten „Insel der Freiheit“ hat, von den Kolonialkriegen des 19. Jh. über die beiden von Deutschland und dessen Leitkultur kausal verursachten Weltkriege, den Algerienkrieg, den Vietnamkrieg, die Golfkriege, der Libyenkrieg, usw. usf. Bei Fanon liest sich das von Tibi im Sinne der „cultural appropriation“ enteignete und ins Europäisch-Deutschnationale umgekehrte Argument für die Nation so:

„Die Verantwortung des kolonisierten Intellektuellen ist keine Verantwortung gegenüber der nationalen Kultur, sondern eine allgemeine Verantwortung gegenüber der ganzen Nation, von der die Kultur letztlich nur ein Aspekt ist. Der kolonisierte Intellektuelle darf sich nicht damit beschäftigen, sich die Ebene seines Kampfes auszusuchen, den Sektor, in dem er den nationalen Kampf zu führen gedenkt. Sich für die nationale Kultur schlagen, heisst zunächst, sich für die Befreiung der Nation, der materiellen Stammutter schlagen, durch die die Kultur erst möglich wird“. (Fanon: Die verdammten dieser Erde: 178)

Das ist, pervertiert angeeignet von den Deutschnationalen, das politische Programm der Achse des Guten, der Bassam Tibi mit seiner Leitkultur tatkräftig zuarbeitet. Er hat seinen Fanon schon gelesen… Die Kritische Theorie ist mittels der Negation des Negativen in Adornos Negativer Dialektik endgültig in Deutschland bzw. Deutsch-Europa angekommen. Doch ohne Negation bleibt davon nur der klassische Deutschnationale Rechts-Hegelianismus mit den bekannten Folgen.

Der Faschismus in statu nascendi beruft heute auf Adorno sich.

Quellen

Die Angst geht um an der Falkenstrasse, WoZ, 12.10.2017
https://www.woz.ch/1741/nzz/die-angst-geht-um-an-der-falkenstrasse

René Scheu, Die Barbaren, sie lauern überall, NZZ, 28.10.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/die-barbaren-sie-lauern-ueberall-ld.1324642

Dieter Thomä, Was ist das Erbe der Aufklärung?, NZZ, 3.11.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/was-ist-das-erbe-der-aufklaerung-ld.1325909

Bassam Tibi, Aufklärung und Kulturrelativismus vertragen sich nicht, NZZ, 22.11.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/aufklaerung-und-relativismus-vertragen-sich-nicht-ld.1330627

Ofenschlot: Der alte Mann und der Krieg
http://ofenschlot.blogsport.de/2010/07/26/der-alter-mann-und-der-krieg/

Fanon, Frantz: Schwarze Haut, weisse Masken. Tunia + Kant, Wien 2013, 2016.

Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1966, 2008.

Polyrhythmus im madagassischen Salegy

Fortsetzung zum Nicht-ganz-so-Selbstverständlichen in Polyrhythmus? Selbstverständlich!

Ist der ternäre 3/4 Takt traditionell und der binäre 4/4 Takt modern, was ist dann beides gleichzeitig? Das Pendant zu Roman Herzogs sprichwörtlicher „Symbiose aus Laptop und Lederhose“-Ideologie zwecks politischer Industriestandort-Förderung? Nein, soll hier gezeigt werden.

Zum Einstieg JAC‘S Gassenhauer DabSalegy, in Musik und Bild durch und durch 21. Jh., die Szenen könnten in jedem urbanen (Vor-)Ort der modernen Welt abspielen sich:

Aus folgendem mit zwei Instrumenten musikalisch aufs Bare-Bones-Minimum reduzierten optischen „Megamix Salegy Kawitry“ kann der Kern der polyrhythmischen Struktur herausgehört werden. Mensch konzentriere sich einmal auf das straighte 4/4 Four-to-the-Floor der Kickdrum in Isolation… …und dann nur auf die Handorgel unter geistiger Ausblendung der Drums – hörbar und vor allem spielbar nur in triolischem 6/8-Takt:

In der tänzerischen Bewegung der schweren, viel Gewicht tragenden Körperteile dominiert tendenziell der 4/4, doch dieser dominiert nie den ganzen Körper – es ist immer ein irreduzibel schwebendes, mäandrierendes Beides, was das Ganze zum geforderten „quelque chose qui bouge“ (etwas, was bewegt) vom Beginn des DabSalegy-Videos macht: ein Kontinuum von binär und ternär.

Und ein solches Kontinuum konstituiert auch den modernen Salegy als Solches: Als Musikstil mit modernen elektronischen Instrumenten entstanden in den 60ern, erforderte er eben gerade keinen radikalen Bruch mit traditioneller Handorgelmusik, ein Bruch, der bei einer hypothetischen Modernisierung des Schweizerischen Pendants, dem traditionellen Hudigääggeler, musikalisch inhärent zwingend wäre.

Im kleinen Rahmen, wie in Madagaskar die Handorgel traditionell gespielt wird – es ist für ungeübte Ohren aus genannten Gründen wenig intuitiv, die Rhythmen mitzugehen und nicht gleich auszuklinken:

Auf globalem Weltmusik-Niveau bot Toko Telo für das Publikum dieselbe Schwierigkeit diesen Sommer in Toulouse, von Afropop Wordlwide charakterisiert als: „It exemplifies the absolute best of polished, acoustic, African roots music—completely of its place, but open to the whole wide world, if only it would listen.“

Was Afropop Wordlwide als „roots music“ bezeichnet, erschliesst sich vielleicht bei allem unüberbrückbaren Kannitverstan ein wenig anhand von Roumbou-Videos wie diesem:

Wenn, dann gibt es im musikalischen Kontinuum von Tradition und Moderne nur eine fundamentale Differenz zum Eingangsvideo: die Absenz von Kommunikation von und mit dem Sakralen in Ersterem, welche bei Zweiterem ganz offensichtlich angestrebt und auch konkret realisiert wird.

Doch eine solche Ausschliesslichkeit offenbart in der Terminologie von W.D.Wright die aus Schwarzem Blickwinkel erkennbare Weisse Kognition am Werk, die von ausserhalb gesehen künstlich und unnötig erscheint – denn es handelt sich irreduzibel um ein Kontinuum:

Was die im Thumbnail abgebildete, outdoor sitzende sympathische Dame von den Umgebenden geschützt und gestützt macht, erinnert an die Besessenheiten im Roumbou-Video und wäre hierzulande nur unauffällig und normal als Headbangen an einem Slayer-Konzert, ausserhalb jedoch im besten Fall ungehörig, aber definitiv undenkbar und schlimmstenfalls wahrgenommen als Teufelsbeschwörung zur Kirchenmusik an einem offiziellen Gottesdienst.

Doch was wäre, wenn dieser von Slayer selbst (durchaus ambivalent) zelebrierte Antagonismus als Solcher nur erscheint aus Weissem Blickwinkel? Was wäre, wenn aus theologischer Sicht Jesus Christus die bei jedem Slayer-Konzert vor dem Eingang die Besucher* abfangenden und zu erretten versuchenden Scharen von frommen Christ*en genau so milde verlacht wie die Fans und Headbanger* selber das tun – weil das Kontinuum als Antagonismus zu sehen objektiv eine tragische Weisse Illusion ist – und der madagassische polyrhythmische Salegy diese Illusion offenbart?

Reniss: La Sauce und Manamüh

„Die Männer lieben die Frauen wegen der Sauce. Ich lege ihn in die Sauce und umrrrühre die Sauce. (…) Die Situation hat sich geändert.“ Rauschhaft, orgiastisch, mensch wird fast besoffen nur schon vom zusehen. „Du redest auf mich ein – ich schreie. Noch einmal: schrei, schrei, schrei!“ Die über die missratene Tochter dauerempörte Mutter verfolgt die Sängerin bis ins Konzert, diese flüchtet noch rechtzeitig…

…und dann die Fortsetzung: Manamüh, zu buchstabieren als „Mon amour“ – ein zuckersüsses Liebeslied, „Bin ich krank, pflegst du mich wie ein Bébé, Bébé, nimm meine Hand, Bébé, gehe mit mir.“ Doch das Unglück braut sich schon zu Beginn zusammen, und dann am Schluss, welch schreckliches Erwachen! Hätte sie eventuell erwähnen sollen, dass es nötig werden würde, dem von der im Umgang etwas schwierigen prospektiven Schwiegermutter angeführten Hexenjagd-Lynchmob entgegenzustellen sich?

Alles doppelbödig und mehrdeutig, meinem Schulfranzösisch nur in Sprachfetzen zugänglich, das kulinarisch unangepasste Kameruner Restaurant hat wegen exorbitanter Miete bei eher subalternisiertem Publikum schon lange geschlossen, kann niemanden fragen mehr – doch die Leute in Kamerun haben Spass daran, einfach nur Spass:

Reniss – Tendon

http://newbellmusic.com/discography/reniss-tendon/

La Sauce : 5 choses à savoir sur le hit de la Camerounaise Reniss

http://fr.trace.tv/musique/la-sauce-5-choses-a-savoir-sur-le-hit-de-la-camerounaise-reniss/

Identität von Eigennutz und Allgemeinnutzen im Voluntourismus

Der Artikel “Doing good” in an age of parody auf Africa is a Country offenbarte eine Schwäche in der Argumentation im Beitrag zur Immenseer Mission zu den inneren Widersprüchen des Voluntourismus mit dem „Ziel, „etwas Gutes tun“ zu wollen, „der Welt etwas zurückzugeben“ oder „sich selbst zu verwirklichen““ (Wikipedia) – und der eigenen Lebenslaufoptimierung, um sich gegen andere besser durchzusetzen. Den teilnehmenden Subjekten ist nämlich die Farce, an der sie sich aktiv beteiligen, sehr wohl bewusst, wie eine Befragung durch Elsa Gunnarsdottir in Marokko gezeigt hat: „Instead of finding volunteers blind to the multiple and complex ways in which “voluntourism” can be a neocolonial project, the Moroccan Children’s Trust was supported by young volunteers fully aware of the relation between their work and parodies of it, as well as the cultural and political critique of the “white savior complex.”“

Diese „Millenials“ entstammen einer Generation, die durch Schule, Universität und Qualitätsjournalismus nie etwas anderes vermittelt bekommen hat als die Ideologie des Neoliberalismus: „What might appear to be a paradox – that young people volunteer for NGO’s abroad while aware of the critique of such work – is not only built on a long history of such debates in philanthropy but in its contemporary iteration, and is a logical outcome of neoliberal subject-making.“

Gunnarsdottir/Mathers bestätigen ausdrücklich das Getriebensein dieser Subjekte: „Millennials are also encountering an increasingly stressful and limited job market, albeit one that is meant to offer freedom and flexibility not available to their parents. They have experienced waves of financial collapse and economic downturns leading to higher levels of unemployment, student debt and lower levels of income than preceding generations had achieved at a similar age. (…) Their job searches are characterized by employers’ desire for candidates with affective skills such as empathy and sympathy. (…) Volunteering has therefore become a worthwhile investment for millennials in periods of economic stringency and despite increasing criticism.“

Was als Paradox erscheinen könnte, ist im neoliberalen Bewusstsein a priori bereits versöhnt: „If, as neoliberal citizen-, their primary responsibility is towards their own advancement (because that is in itself a social good and globally responsible), there is no contradiction in being both critical of and a participant in voluntourism.“ Das neoliberale Subjekt kann a priori keinen Widerspruch erkennen, da der egoistische Eigennutz wissenschaftlich a priori identisch mit dem Nutzen für die Allgemeinheit ist.

Der Paradigmenwechsel in der akademischen Soziologie zu Beginn des 21. Jh. widerspiegelt diesen gesellschaftlichen Sachverhalt: In der paradigmatischen Moderne des 20. Jh. galt die Physik dank der Überzeugungskraft überirdischer Atombombentests als universale Leitwissenschaft für alle anderen Wissenschaften und brachte die statistikbasierte empirische Sozialforschung hervor, welche später durch die linguistische Wende relativiert wurde. Diese Geistesgeschichte ist heutzutage gründlich vergessen. Die alles übergreifende universale Leitwissenschaft aller Wissenschaften ist heutzutage unangefochten die Betriebswirtschaftslehre: Rational Choice, Gefangenendilemma, Pareto-Optimum sind heutzutage an den Universitäten die wissenschaftlichen Grundbegriffe a priori, womit sich alle nur denkbaren gesellschaftlichen Verhältnisse universal erklären lassen.

Die auf den Ökonomen Adam Smith zurückgeführte und neoliberal universalisierte Identität von Eigennutzen und Allgemeinnutzen ist auch für die heute übliche mobbingbasierte Personalführung grundlegend. Jede* Mitarbeiter* im auf der Firmenwebseite selbsterklärten „tollen Team“ steht in ständiger Konkurrenz zu allen anderen Mitarbeiter*n, Mobbing wird so zur überlebensnotwendigen Routinetätigkeit: Leute werden heutzutage nicht mehr entlassen, sie werden systematisch in den psychischen Zusammenbruch gemobbt. Dank der Universalität der Identität von Eigennutz und Allgemeinnutzen ist dabei für die beteiligten Subjekte a priori kein Problem erkennbar, sondern das Ganze wird stillschweigend als Win-Win-Situation interpretiert: Der Betrieb behält seine weisse Weste („Wir sind wie eine Familie: Hier wird niemand entlassen!“) und das Mobbingopfer profitiert vom Krankentaggeld fürs heitere Nichtstun. Die darauf folgende Langzeitarbeitslosigkeit aufgrund absolut vernichtender Referenz vom letzten Arbeitsplatz bleibt im Konkreten ausserhalb des Radars des weiterhin ach so „tollen Teams“ und fällt im Allgemeinen unter die neoliberalen Erklärungen a priori selbstverschuldeter Langzeitarbeitslosigkeit. Das sind die „affective skills such as empathy and sympathy“, welche die Arbeitgeber suchen und bei Volountouristen – wie hier gezeigt – völlig zu Recht gehäuft vermuten.

Das neoliberale Subjekt zeigt sich so zunächst immun gegen jegliche Einsicht, welche es auf innere Widersprüche hinweisen könnte. Zunächst. Wie in der kurzen Szene in einem Asterix & Obelix, wo die beiden verständnislos einem modernen absurden Theater beiwohnen, welches die Dekadenz der Römer persifliert: Selbstironisches Einverständnisgelächter bei den römischen Zuschauer*n, bis Obelix als Anderer aufsteht und vernehmen lässt: „Die spinnen, die Römer!“ Sofort schlägt die ungezwungene Fröhlichkeit jähzornig um in offene Aggression. Strukturell Gleiches ist von den selbstverwirklichenden Volountouristen im Trikont zu erwarten: Die heutzutage routinemässigen Massenmorde durch Bombenteppiche um Zuge vorgeblich altruistischer „Regime Change“ sind die historisch erwartbare Reaktion auf eine in Wahrheit unvermeidliche kollektive narzisstische Kränkung. Und, oh Wunder: Diese Massenmorde sind für das neoliberale Subjekt im „Kampf gegen den Terrorismus“ a priori von ethisch unanfechtbarem Allgemeinnutzen.

Quelle

Gunnarsdottir, Elsa und Mathers, Kathryn: “Doing good” in an age of parody
http://africasacountry.com/2017/01/doing-good-in-an-age-of-parody/