Denkbares http://undenkbar.blogsport.de ...nichts zu gewinnen ausser dem an den kopf geworfenen blumentopf... Sun, 11 Feb 2018 09:09:06 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Max Frisch, der CIA und Adorno http://undenkbar.blogsport.de/2018/02/11/max-frisch-der-cia-und-adorno/ http://undenkbar.blogsport.de/2018/02/11/max-frisch-der-cia-und-adorno/#comments Sun, 11 Feb 2018 09:07:12 +0000 undenkbar AllgemeinAdornoAntideutscheHabermas http://undenkbar.blogsport.de/2018/02/11/max-frisch-der-cia-und-adorno/ Eigentlich nichts Neues, dass nach WK 2 die deutschsprachige Hochkultur umfassend vom Geheimdienst CIA gesponsert und damit inhaltlich determiniert wurde. Dieser Satz aus der Sonntagszeitung war mir noch unverdächtiges Allgemeinwissen: „Die Amerikaner pushten die abstrakte Kunst, darunter die Tröpfelbilder eines Jackson Pollock, die politisch so unverdächtig sind, dass sie in einer Grossbank hängen können.“ – doch dieser Satz aus darauf folgenden Telepolis-Artikel zündete mir eine Idee: „Das wohl effizienteste Instrument der CIA war die politische Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Export von Kultur wie Jazz und Spielfilmen, die für ein positives Verhältnis zur atombombenwerfenden Supermacht sorgten.“ (Telepolis).

Marcuse war angeblich der Einzige, der zu Lebzeiten zugegeben hatte, auf der Payroll des CIA zu stehen, und dass Horkheimer sich als CIA-Agent im Interesse der US-militärisch-industriellen Komplexes verstand und pflichtbewusst danach handelte, war eigentlich offensichtlich („es ist im Grunde die Verteidigung der Verfassung, die Verteidigung der Menschenrechte, und Sie können heute sagen: ja, und was passiert denn da in Vietnam? (…) sie verteidigen die Welt, in der es noch ein bißchen so etwas wie Freiheit gibt, gegen das Gegenteil, selbst wenn man dazu auch totalitäre Mächte leider benutzen muß.“, Horkheimer), und warum sonst hätte er die akademische Karriere des durch und durch bürgerlich-konservativen Habermas als „zu links“ verhindern wollen?

Doch der Ausdruck „Atombombe“ ist untrennbar verbunden mit dem Lebenswerk von Günther Anders, dessen akademische Karriere zu verhindern Adorno angeblich ein Anliegen war (zitiert nach Wikipedia): „Es gibt Gerüchte, dass Theodor W. Adorno wegen einer vermeintlichen Heidegger-Nähe Sterns und aus qualitativen Gründen heftigen Einspruch gegen dessen Arbeit erhoben habe und die Habilitation bei Tillich in Frankfurt deshalb gescheitert sei.“, Ofenschlot zitierte die Sachlage konzentriert auf den Punkt: „Günther Anders, das muss man noch erwähnen, war Antimilitarist. Und Adorno doch irgendwie auch, oder?“ – »Einmal habe ich ihn gebeten, auf einer Ostermarsch-Kundgebung zu sprechen. Ich war krank geworden. Da sagte er am Telefon: ’Sie wissen doch, dass ich hinter keiner Fahne herlaufe.‘ – ’Dann laufen Sie doch vor der Fahne‘, entgegnete ich. Er legte auf.«

Nicht zwei, nicht drei, nicht vier, nein eine (1) Fundstelle zum Stichwort „Atombombe“ findet sich in den abertausenden von Seiten der kompletten gesammelten Schriften von Adorno (der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es zu „atom bomb“ immerhin sieben (7) Fundstellen auf 3 Seiten der in den USA entstandenen „Qualitative Studies of Ideology“ gibt): „Man wird weiter die Erwägung nicht von sich abweisen können, daß die Erfindung der Atombombe, die buchstäblich mit einem Schlag Hunderttausende auslöschen kann, in denselben geschichtlichen Zusammenhang hineingehört wie der Völkermord. Die sprunghafte Bevölkerungszunahme heute nennt man gern Bevölkerungsexplosion: es sieht aus, als ob die historische Fatalität für die Bevölkerungsexplosion auch Gegenexplosionen, die Tötung ganzer Bevölkerungen, bereit hätte. Das nur, um anzudeuten, wie sehr die Kräfte, gegen die man angehen muß, solche des Zuges der Weltgeschichte sind.“

Der ohne Rücksicht auf eigene Verluste öffentlich ausgelebten leidenschaftlichen Inbrunst, mit der Adorno unermüdlich und direkt gegen diese „Kräfte“ anging, die öffentlich ganz selbstverständlich mit der atomaren Vernichtung der Menschheit im Ganzen (bei Adorno verniedlichend „auf einen Schlag Hunderttausende auslöschen“) zur Verhinderung des Kommunismus drohten, verdankte er seine ungefährdete Stellung als Medien-Star im öffentlich-rechtlichen Radio. Mensch muss nicht buchhalterisch auf der Payroll des CIA stehen, um dessen imaginierte Pistole an der Schläfe, die doch nur die unsichtbare Hand am Stecker der eigenen Erfolgsmaschine ist, verschämt zur Grundlage des eigenen Handelns zu machen.

Ende der 90er schenkte mir Adorno-Schüler Detlev Claussen an diesen immergleichen akademischen Einführungsvorlesungen zur Kritischen Theorie jenen unvergesslichen Blickkontakt, beim Erörtern der Mitarbeit Horkheimers beim OSS (Vorgängerorganisation des CIA), diesen kurzen, herausfordernd prüfenden Blick, der meinerseits nicht auf die vielleicht erhoffte komplizenhaft-hoffnungsvolle Faszination, sondern auf fassungslose Entgeisterung traf. Ein Blick, der endgültig klärte: Nein, ich würde an seinem Institut in Hannover, einer veritablen Brutstätte das antideutschen US-Militarismus, niemals geduldet werden.

Quellen

Max Frisch und die CIA. TagesAnzeiger/Sonntagszeitung, 4.2.2018
https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/max-frisch-und-die-cia/story/21051959

Die Max Frisch-Identität, Telepolis, 7.2.2018
https://www.heise.de/tp/news/Die-Max-Frisch-Identitaet-3962024.html

Zum Horkheimer-Zitat:
http://ofenschlot.blogsport.de/2010/07/26/der-alter-mann-und-der-krieg/
http://undenkbar.blogsport.de/2017/11/26/rene-scheu-und-bassam-tibi-in-der-nzz-die-barbaren-berufen-sich-auf-adorno/

Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. C. H. Beck, München 1956
https://de.wikipedia.org/wiki/Günther_Anders

Ofenschlot: Anders vs. Adorno
http://ofenschlot.blogsport.de/2009/07/11/anders-vs-adorno/

Adorno: Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Erziehung nach Auschwitz. Digitale Bibliothek Band 97: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 8518 (vgl. GS 10.2, S. 675)

Adorno: Band 9: Soziologische Schriften II: Part IV: Qualitative Studies of Ideology. Digitale Bibliothek Band 97: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 6488 (vgl. GS 9.1, S. 419)

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http://undenkbar.blogsport.de/2018/02/11/max-frisch-der-cia-und-adorno/feed/
Zum autoritären Welt- und Menschenbild (verwertbarer) esoterisch ausgerichteter Heilverfahren http://undenkbar.blogsport.de/2018/01/14/zum-autoritaeren-welt-und-menschenbild-verwertbarer-esoterisch-ausgerichteter-heilverfahren/ http://undenkbar.blogsport.de/2018/01/14/zum-autoritaeren-welt-und-menschenbild-verwertbarer-esoterisch-ausgerichteter-heilverfahren/#comments Sun, 14 Jan 2018 12:40:40 +0000 undenkbar AllgemeinCultural Appropriation http://undenkbar.blogsport.de/2018/01/14/zum-autoritaeren-welt-und-menschenbild-verwertbarer-esoterisch-ausgerichteter-heilverfahren/ „Das ist unsoziologisch gedacht“ als der „schlimmste Vorwurf“ war vor einiger Zeit an einem Vortrag in der SWR-Tele-Akademie zu hören. Aber der Text hier ist nicht als Vorwurf gedacht, sondern als Ergänzung, denn auf der Ergänzung „verwertbar“ im Sinne von kapitalistischer In-Wert-Setzung zum Originaltitel des Beitrags von Ingrid Tomkowiak im sehr lesenswerten Blog Geschichte der Gegenwart soll hier etwas herumgeritten werden: Tomkowiak selbst beginnt mit: „Esoterische Heilverfahren haben seit den 1980er Jahren Konjunktur. (…) Entsprechende Ratgeberliteratur findet sich in nahezu jeder Buchhandlung, Bildungsträger bieten zahlreiche Therapiekurse an, Messen und Gesundheitsmärkte boomen.“

Richtig bemerkt sie, dass diese Therapien auf eine „Veränderung der Grundanschauungen“ zielen und damit „auch politisch zu beurteilen“ sind. Ungesagt und ungedacht bleibt im Folgenden aber, dass die von ihr treffend beschriebenen Phänomene an (und primär an) derjenigen Spitze des Eisbergs nachgewiesen werden, die in den vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnissen von ungefährdeter öffentlicher Sichtbarkeit profitiert.

Ein Beispiel: „Als Wert an sich wird ‚Natur‘ bestimmt. Dabei erfährt sie eine Reihe positiver Zuschreibungen: Sie gilt als sanft und zugleich als sicher, als harmonisch, rein und – wie selbstverständlich – als gesund.“ Wird das so als Kritik formuliert, wird ungesagt vorausgesetzt, dass diese verabsolutierende Aussage in erster Linie die absoluter Entfremdung dokumentiert, die im bürgerlichen Begriff von „Natur“ als etwas „Anderem“ bzw. gesellschaftlich „Geandertem“ bereits angelegt ist. Wer „Natur“ einfach nur als „sanft und zugleich sicher“ wahrnimmt, nimmt die eigene sinnliche Wahrnehmung der Sanftheit und Sicherheit des Polstersessels in der geheizten Stube vor dem Fernseher während der Naturdoku irrtümlich für das Ganze.

Dieselbe Entfremdung wird sichtbar in der eklektizistischen Aneignung von (u.a.) „Elemente(n) aus der mittelalterlichen Mystik, der Alchemie, der Ur- und Stammeskulturrezeption, exotische medizinische und paramedizinische Techniken, Anleihen aus der Naturheilkunde und Kräutermedizin verschiedener Kulturen und Epochen.“ Damit „liefern VerfasserInnen esoterisch ausgerichteter Gesundheitsratgeber triviale Erklärungsmuster komplexer Zusammenhänge und Sachverhalte“. Ja, das tun sie: aber das ist nur möglich im Modus der enteignenden und anschliessend ökonomisch in-Wert-setzenden „cultural appropriation“.

Denn wenn es einen Konsens unter Ethnolog*en und Anthropolog*n der Gegenwart gibt, dann diesen: Die oben angedeuteten „Elemente“ sind jedes einzeln an und für sich unendlich kompliziert und erfordern jahrelanges ernsthaftes Studium zur Erlangung von Kompetenz in dem Fachgebiet. Und dann der Erkenntnis-Schock: diese Kompetenz lässt sich schon linguistisch gerade nicht einfach in die Sprache der Forscher* übersetzen – im Gegenteil: sie kann die eigene, vermeintlich vertraute Sprache ins Unverständliche verfremden! Diese Tatsache ist aber unter den gegebenen Verhältnissen nur solchen Leuten zugänglich, die sich – weil des Lesens mächtig – angewidert abwenden von Regalmetern von Eso-Literatur, die „sich in nahezu jeder Buchhandlung“ finden – um anschliessend festzustellen, dass der extra aus den USA eingeschiffte Klassiker im Kaufbeleg unter „Esoterik“ einsortiert ist…

Ein Gedankenexperiment: 100 Jahre zurückspulen, und es fallen die Sätze: „Der Vorwurf an die Schulmedizin lautet, sie sei gegen die Natur des Menschen gerichtet. Entsprechend wird ein ‚neues Paradigma‘ im Beziehungsgefüge von Gesundheit, Krankheit und Heilung postuliert.“ Soweit, so selbstverständlich ohne Kontext – aber die Diskussion dreht sich um eine manifest psychisch kranke Person, welche schon dutzende von teuren medikamentösen Therapien gegen die damals wissenschaftlich erwiesene Krankheit der Homosexualität hinter sich hat. Wieder 100 Jahre vorspulen, und die zitierten Sätze leuchten in ganz anderen Farben.

Der rhetorische Trick mit den hundert Jahren vereinfacht das schnelle oberflächliche Verständnis, verschleiert aber (und das ist das Entscheidende), dass damals genau dieselben Regalmeter strukturell derselben Literatur „sich in nahezu jeder Buchhandlung“ fanden, die damals unter den von Tomkowiak selbst zitierten „Denkmuster der Reformbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts“ firmierten. Mensch muss nicht Thomas Manns Zauberberg zitieren, um für die damalige Zeit festzustellen: „Bildungsträger bieten zahlreiche Therapiekurse an, Messen und Gesundheitsmärkte boomen.“ – aber eben: als Spitze des Eisbergs, die in den vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnissen von ungefährdeter öffentlicher Sichtbarkeit profitiert. Dass in derselben Epoche im Unverstandenen und Verborgenen das zu reifen begann, was heute als poststrukturalistische Ethnologie und Anthropologie einer Minderheit langsam verständlich zu werden beginnt, war damals noch nicht abzusehen.

Aber eine solche Argumentationsform wäre doch das titelgebende Programm der Geschichte der Gegenwart?

Ingrid Tomkowiak: Zum autoritären Welt- und Menschenbild esoterisch ausgerichteter Heilverfahren
Geschichte der Gegenwart, 14.1.2018
http://geschichtedergegenwart.ch/sanfte-alternativen-zum-autoritaeren-welt-und-menschenbild-esoterisch-ausgerichteter-heilverfahren/

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Rolf Dobelli warnt vor dem Pakt mit dem Teufel http://undenkbar.blogsport.de/2017/12/23/rolf-dobelli-warnt-vor-dem-pakt-mit-dem-teufel/ http://undenkbar.blogsport.de/2017/12/23/rolf-dobelli-warnt-vor-dem-pakt-mit-dem-teufel/#comments Sat, 23 Dec 2017 16:29:06 +0000 undenkbar AllgemeinHabermasKant http://undenkbar.blogsport.de/2017/12/23/rolf-dobelli-warnt-vor-dem-pakt-mit-dem-teufel/ …teasert die aktuelle schmale Weihnachtsausgabe der NZZ vom 23.12.2017 (S.39/S.41, „Der Kreis der Würde III“). Dobelli amtet dort seit Längerem als Ratgeber in Sachen „gutes Leben“, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf seinen einzigen intellektuellen Übervater Warren Buffett sich berufend. Auffällt daher die für seine Verhältnisse innovative Leere in seiner weihnachtlichen Predigt wider den Teufelspakt, wo zum Teufel bleibt denn da der notorische Warren Buffett?

Nur Rhetorik? Soweit schon, bei Dobelli lautet ein ähnlicher Kalauer zu Johann Georg Faust: „Goethe hat ihn in den Rang eines Klassikers gehoben und damit auf die Liste der Schulpflichtlektüren. Seither wünschen ihn die Schüler zur Hölle. Seine Seele verkaufen – was bedeutet das?“

Dobelli antwortet: „Zu einem guten Leben gehört (…) ein kleiner, aber klar definierter Kreis der Würde. (…) Wir müssen diesen Kreis vor drei Arten von Angriffen schützen: a) vor dem besseren Argument, b) vor der Gefahr für Ihr physisches Leben und c) vor dem Deal. (…) Wer seinen Kreis der Würde nicht klar genug abzirkelt, wird bei jedem verlockenden Angebot, jedem Deal neu überlegen müssen. Das ist nicht nur eine grosse Zeitverschwendung. Es erodiert auch Ihren Selbstrespekt und Ihre Reputation – was Sie anfälliger macht für zukünftige Angebote. Ein wahrer Teufelskreis also.“

Et voilà – c) ist von Rolf Dobelli auf den Punkt gebracht seine Kernthese nach Warren Buffett, das Einzige, was er hat, der Fels, auf den seine gesamte Serie zur „Kunst des guten Lebens“ gebaut ist: Eine als „Würde“ getarnte wöchentliche Lüge, die mittels der Methode der endlosen Wiederholung „vor dem besseren Argument“ zu „schützen“ er besinnungslos verurteilt ist. Welcome to hell.

Eingeführt hat Dubelli das Thema freilich – ganz der rechtspopulistischen Partei SVP verpflichtet – mit dem schweizerischen Nationalmythos der Teufelsbrücke über die Schöllenenschlucht am Gotthardpass: „Immer wieder waren die Urner am Bau einer Brücke gescheitert. (…) Die Urner hatten ihre Seele verkauft und kamen mit einem blauen Auge und einer verkehrstechnisch revolutionären Brücke davon.“

Anlässlich der TV-Übertragung der Eröffnungsfeier zum neuen Gotthard-Basistunnel fragte mich eine Kenyanerin – in Unkenntnis des Teufelsbrücken-Mythos, aber natürlich sehr wohl in Kenntnis von Sachen wie Schwarzgeld auf Schweizer Banken – das für sie Offensichtliche (in meiner Erinnerung sinngemäss so verallgemeinernd): „Haben die Schweizer mit dem Teufel gedealt für diesen Tunnel – und feiern das auch noch öffentlich?“ Mit diesem (Miss-)Verständnis hatte sie in fragender Verständnislosigkeit mehr verstanden, als Dobelli jemals denkbar sein wird.

Zum Einen: Der Mythos transzendiert Raum und Zeit: „Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“ schliessen die klassischen Märchen. Bei Dobelli: „Der Brocken donnerte die Schöllenenschlucht hinab, verfehlte die neue Brücke nur knapp und blieb erst unterhalb des Dorfes Göschenen liegen. Dort sieht man ihn heute noch – man nennt ihn seither den Teufelsstein.“

Zum Anderen: Der Mythos transzendiert psychische Innen- und Aussenwelt und ist irreduzibel Bestandteil des kollektiven Unbewussten, dermassen omnipräsent und gleichzeitig verborgen, dass er beispielsweise für eine in der Schweiz lebende Kenyanerin unverschämt offensichtlich ist, nicht aber für die Sujbekte selbst.

Und auch nicht für Dobelli und den zustimmenden Teil seiner Leser*schaft: „Der Deal infiltriert unser Leben. Vermeiden Sie auf jeden Fall den Teufelspakt.“ – so der Untertitel. Und das individualisierende Fazit: „Hunderte solche Beispiele zeigen, dass die Geldwirtschaft ihre Angriffe auf ehemals heilige Gebiete ausdehnt. Sie können nicht erwarten, dass der Gesetzgeber diesen Teufelsritt der wirtschaftlichen Logik stoppt. Es liegt an Ihnen, (…) Definieren Sie Ihren Kreis der Würde scharf. Lassen Sie sich nicht infizieren, wenn das ökonomische Virus versucht, in Ihr Werteimmunsystem einzudringen. Die Dinge innerhalb ihres Würdekreises sind nicht verhandelbar – egal, wie viel Geld dafür geboten wird.“ – schreibt ein unermüdlicher Warren Buffett-Bewunderer ohne Geldsorgen, der exakt aus diesem Grunde dazu verurteilt ist, in einer erklärtermassen bürgerlich-liberalen, gemäss Selbstdeklaration der Aufklärung verpflichteten Traditionszeitung, an erster Stelle(!) das „bessere Argument“ als „Angriff“ auf seine „Würde“ zu bezeichnen, von dem ihn vorgeblich sein persönliches „Werteimmunsystem“ schütze.

Notwendig undenkbar muss ihm bleiben, dass es mitnichten sein öffentlich vor sich her getragenes, von Warren Buffett inspiriertes individualisiertes „Werteimmunsystem“ ist, welches ihn vor „Angriffen“ auf seine „Würde“ durch das „bessere Argument“ schützt, sondern primär die Blocher- und Tettamanti-Milliarden, welche bei der NZZ auch im Feuilleton via Chefredaktor René Scheu ein „Klima der untergründigen Angst“ geschaffen haben, welches sukzessive alle guten Geister mit vorhandenem bürgerlichem Restverstand zugunsten von Leuten wie Rolf Dobelli aus der NZZ vertreibt.

q.e.d.

Quellen

Rold Dobelli: Der Kreis der Würde III. NZZ, 23.12.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/der-kreis-der-wuerde-iii-ld.1342080

Daniel Gerni: Allah am Gotthard. NZZ, 7.6.2016
https://www.nzz.ch/schweiz/gotthardtunnel-eroeffnung-allah-am-gotthard-ld.87196

Spektakel am Gotthard: „Die merkwürdigste Zeremonie der Welt“
https://www.srf.ch/kultur/buehne/spektakel-am-gotthard-die-merkwuerdigste-zeremonie-der-welt

Kaspar Surber: Die Angst geht um an der Falkenstrasse, WoZ, 12.10.2017
https://www.woz.ch/1741/nzz/die-angst-geht-um-an-der-falkenstrasse

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http://undenkbar.blogsport.de/2017/12/23/rolf-dobelli-warnt-vor-dem-pakt-mit-dem-teufel/feed/
René Scheu und Bassam Tibi in der NZZ: Die Barbaren berufen sich auf Adorno http://undenkbar.blogsport.de/2017/11/26/rene-scheu-und-bassam-tibi-in-der-nzz-die-barbaren-berufen-sich-auf-adorno/ http://undenkbar.blogsport.de/2017/11/26/rene-scheu-und-bassam-tibi-in-der-nzz-die-barbaren-berufen-sich-auf-adorno/#comments Sun, 26 Nov 2017 12:28:40 +0000 undenkbar AllgemeinAdornoCultural Appropriation http://undenkbar.blogsport.de/2017/11/26/rene-scheu-und-bassam-tibi-in-der-nzz-die-barbaren-berufen-sich-auf-adorno/ „Die Barbaren, sie lauern überall – auch der Antirassismus taugt zum Rassismus“ titelte René Scheu am 28.10.2017, seines Zeichens Chefredaktor des Feuilletons der Zürcher NZZ und in dieser Funktion kausal mitverantwortlich für das „Klima der untergründigen Angst“, welches dort seit einiger Zeit das Arbeitsverhältnis prägt (WoZ vom 12.10.2017). In seinem ummauerten Gärtchen simulierte er kürzlich eine intellektuelle Debatte, welche über die zu dem Zwecke logisch notwendige handzahme Replik von Dieter Thomä, „Was ist das Erbe der Aufklärung?“, in der umfassenden Bestätigung von Scheus Weltanschauung gipfelte durch den notorischen „Adorno-Schüler“ Bassam Tibi, welcher „über das merkwürdige Bündnis von Progressiven und Islamisten“ einmal mehr öffentlich schwadronieren durfte.

Um die Sache von hinten aufzurollen zunächst dieser Satz aus dem WoZ-Artikel zum Hintergrund des gegenwärtigen journalistischen Arbeitsklimas bei der NZZ: „Die Gefahr stand im Raum, dass die rechtspopulistische Medienoffensive der Milliardäre Tito Tettamanti und Christoph Blocher nach der «Weltwoche» und der «Basler Zeitung» auch die «Neue Zürcher Zeitung» erreichen könnte: wenn nicht über die Aktien, dann über die Köpfe.“

Die rechtspopulistische „Basler Zeitung“ ist bazonline.ch – in diesem Kontext die sehr professionell SEO („search engine optimized“) Google-Top-Ergebnisseite zu Bassam Tibi, zumindest in der Schweiz:

Bassam Tibi

…und darüber gleich zum Kulminationspunkt von Tibis Argumentation:

„Die «Progressiven» sind in der Tat kulturrelativistisch und postmodern; sie ersetzen das individuelle «Subjektivitätsprinzip» (Habermas) durch Minderheitenrechte. Setzte sich diese Haltung durch, würde dies das Ende von Europa als Kontinent der Aufklärung und als «Insel der Freiheit in einem Ozean der Gewaltherrschaft» (Horkheimer) bedeuten.“

Tibi gibt die Quelle des Horkheimer zugeschriebenen Zitats nicht an, Ofenschlot hatte vor einiger Zeit in seinem Blog-Beitrag „Der alte Mann und der Krieg“ eindrücklich belegt, auf welchen Horkheimer der hochdekorierte Adorno-Schüler Tibi sich beruft:

„Ganz Asien würde chinesisch werden. Aber die Intellektuellen sehen nur das Grauen dieses Krieges, die unglücklichen Vietnamesen, die scorched earth policy [Verbrannte Erde. Es ist ein pikantes Detail, dass Horkheimer resp. sein Chronist auf den englischen Ausdruck ausweicht, um bloß keine Wehrmachts-Assoziation aufkommen zu lassen? Anm. Ofenschlot] der amerikanischen Kriegsführung. Was sie nicht sehen, ist die Hölle einer chinesischen Weltherrschaft.“ (Gesammelte Schriften Bd.18, Frankfurt 1996, S. 646f.)

„Wenn in Amerika es gilt, einen Krieg zu führen – und nun hören Sie wohl zu – einen Krieg zu führen, so ist es nicht so sehr die Verteidigung des Vaterlandes, sondern es ist im Grunde die Verteidigung der Verfassung, die Verteidigung der Menschenrechte, und Sie können heute sagen: ja, und was passiert denn da in Vietnam? Sie können mit Recht all das Furchtbare darstellen – wenn Sie es können – was in Vietnam sich ereignet. Aber diese jungen Menschen, die da hinausgehen, glauben, sie verteidigen die Welt, in der es noch ein bißchen so etwas wie Freiheit gibt, gegen das Gegenteil, selbst wenn man dazu auch totalitäre Mächte leider benutzen muß.“ (Antwortschreiben Horkheimer vom 18.5. 1967 an den Frankfurter SDS)

Das also ist Bassam Tibis Horkheimer. Natürlich könnte man sich lustig machen über den öffentlich zur Schau gestellten Primitivismus von jemdandem, der sich in symbolischem Ahnenkult vor dem Schrein bzw. säkular „vor dem Schreibtisch von Theodor W. Adorno an der Goethe-Universität in Frankfurt fotografieren“ lässt, in jovial herablassender Pose des hochdekorierten Intellektuellen, laut Wikipedia Träger des „Bundesverdienstkreuz erster Klasse“ und des „Jahrespreis der Stiftung für Abendländische Besinnung“, kurz: Deutscher als Deutsch. Natürlich ist es absolut lächerlich, wenn er sich in dieser objektiv obrigkeitsdeutschen sozialen Position geriert als „ein gelbhäutiger muslimischer Westasiate aus Damaskus“, der sich über irrationale „Dritte-Welt-Propheten“ (sic) mokiert.

Doch das trifft den Kern der Sache nicht. Tibi dekliniert den Kalauer „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“ folgendermassen: „In meinen jungen Jahren als linker Student in Frankfurt und aktiver 68er habe ich selbst den «tiers-mondisme» von Frantz Fanon vertreten und sass als «Progressiver» im Beirat der damals einflussreichsten marxistischen Berliner Zeitschrift «Das Argument». Schon damals wehrte ich mich allerdings gegen die im Gedeihen befindliche Verherrlichung des Fremden, die auf der Umkehrung der Verteufelung des Fremden, nicht aber auf deren Überwindung basiert.“ (NZZ a.a.O.)

Die grammatische Vergangenheitsform in Sachen Frantz Fanon ist nämlich nicht nur intellektuell unredlich, sie ist eine glatte Lüge, liefert Frantz Fanon doch den Schlüssel zum Verständnis von Tibis gegenwärtigem Wirken: Er hat sowohl „Scharze Haut, weisse Masken“ wie auch „die Verdammten dieser Erde“ grundsätzlich nicht verstanden und gleichzeitig zutiefst verinnerlicht. Seine idiomatische Deutsche Farbenlehre zu Syrer*n, mit der er kokettiert, liest sich bei Fanon so:

„Im Übrigen, fügen sie hinzu, sprechen wir den Schwarzen keineswegs jeden Wert ab, aber wissen Sie, es ist besser, wenn man weiss ist. Kürzlich unterhielten wir uns mit einer von ihnen. Als ihr die Puste ausging, warf sie uns an den Kopf: «Übrigens pocht Césaire nur deshalb so auf seine schwarze Hautfarbe, weil er sie wirklich als Fluch empfindet. Pochen etwa die Weissen auf die ihre? In jedem von uns steckt ein weisses Potential, manche wolle nichts davon wissen oder kehren es einfach um. Ich persönlich würde im keinen Preis der Welt einen Neger heiraten.»“ (Fanon: Schwarze Haut, weisse Masken: 42).

„Es liegt auf der Hand – und ich werde nicht müde, es zu wiederholen – dass der Anstrengung des Arztes aus Guadeloupe, seine Entfremdung aufzuheben, wesentlich andere Motive zugrunde liegen als der des Negers, der am Bau des Hafens von Abidjan mitarbeitet. Beim Ersteren ist die Entfremdung fast intellektueller Art. Insofern er die europäische Kultur als ein Mittel begreift, sich von seiner Rasse zu lösen, setzt er sich als Entfremdeter. Der Letztere tut dies, insofern ein Opfer eines Regimes ist, das auf der Ausbeutung einer bestimmten Rasse durch eine andere beruht, auf der Verachtung einer bestimmten Menschheit durch eine Form der Zivilisation, die als überlegen gilt.“ (Fanon: Schwarze Haut, weisse Masken: 169).

Bassam Tibi hat in seinem Leben in der durch und durch rassistischen bürgerlichen Deutschen Bildungselite daraus die doppelte Konsequenz gezogen, dass er sich zunächst die Deutsch-“europäische Kultur“ karikaturesk über-aneignen muss, das aber bei weitem nicht genügt: Zusätzlich muss er sich öffentlichkeitswirksam zum Komplizen eines Regimes machen, das auf der gewaltsamen Ausbeutung einer bestimmten Rasse (Horkheimers „Ozean der Gewaltherrschaft“) durch eine andere beruht (Horkheimers „Insel der Freiheit“).

Darin gründet sein tatkräftiges Engagement für den europäischen nationalistischen Rechtspopulismus bei Zeitungen wie BaZ, NZZ oder auch online beim Rechtsaussen-Blog „Achse des Guten“, daher ist ihm die unter Historikern unbestrittene Wahrheit undenkbar, dass Horkheimers „Ozean der Gewaltherrschaft“ seine kausale Ursache grossteils in der selbstproklamierten „Insel der Freiheit“ hat, von den Kolonialkriegen des 19. Jh. über die beiden von Deutschland und dessen Leitkultur kausal verursachten Weltkriege, den Algerienkrieg, den Vietnamkrieg, die Golfkriege, der Libyenkrieg, usw. usf. Bei Fanon liest sich das von Tibi im Sinne der „cultural appropriation“ enteignete und ins Europäisch-Deutschnationale umgekehrte Argument für die Nation so:

„Die Verantwortung des kolonisierten Intellektuellen ist keine Verantwortung gegenüber der nationalen Kultur, sondern eine allgemeine Verantwortung gegenüber der ganzen Nation, von der die Kultur letztlich nur ein Aspekt ist. Der kolonisierte Intellektuelle darf sich nicht damit beschäftigen, sich die Ebene seines Kampfes auszusuchen, den Sektor, in dem er den nationalen Kampf zu führen gedenkt. Sich für die nationale Kultur schlagen, heisst zunächst, sich für die Befreiung der Nation, der materiellen Stammutter schlagen, durch die die Kultur erst möglich wird“. (Fanon: Die verdammten dieser Erde: 178)

Das ist, pervertiert angeeignet von den Deutschnationalen, das politische Programm der Achse des Guten, der Bassam Tibi mit seiner Leitkultur tatkräftig zuarbeitet. Er hat seinen Fanon schon gelesen… Die Kritische Theorie ist mittels der Negation des Negativen in Adornos Negativer Dialektik endgültig in Deutschland bzw. Deutsch-Europa angekommen. Doch ohne Negation bleibt davon nur der klassische Deutschnationale Rechts-Hegelianismus mit den bekannten Folgen.

Der Faschismus in statu nascendi beruft heute auf Adorno sich.

Quellen

Die Angst geht um an der Falkenstrasse, WoZ, 12.10.2017
https://www.woz.ch/1741/nzz/die-angst-geht-um-an-der-falkenstrasse

René Scheu, Die Barbaren, sie lauern überall, NZZ, 28.10.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/die-barbaren-sie-lauern-ueberall-ld.1324642

Dieter Thomä, Was ist das Erbe der Aufklärung?, NZZ, 3.11.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/was-ist-das-erbe-der-aufklaerung-ld.1325909

Bassam Tibi, Aufklärung und Kulturrelativismus vertragen sich nicht, NZZ, 22.11.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/aufklaerung-und-relativismus-vertragen-sich-nicht-ld.1330627

Ofenschlot: Der alte Mann und der Krieg
http://ofenschlot.blogsport.de/2010/07/26/der-alter-mann-und-der-krieg/

Fanon, Frantz: Schwarze Haut, weisse Masken. Tunia + Kant, Wien 2013, 2016.

Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1966, 2008.

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http://undenkbar.blogsport.de/2017/11/26/rene-scheu-und-bassam-tibi-in-der-nzz-die-barbaren-berufen-sich-auf-adorno/feed/
Polyrhythmus im madagassischen Salegy http://undenkbar.blogsport.de/2017/08/21/polyrhythmus-im-madagassischen-salegy/ http://undenkbar.blogsport.de/2017/08/21/polyrhythmus-im-madagassischen-salegy/#comments Mon, 21 Aug 2017 15:30:36 +0000 undenkbar AllgemeinPolyrhythmusWright http://undenkbar.blogsport.de/2017/08/21/polyrhythmus-im-madagassischen-salegy/ Fortsetzung zum Nicht-ganz-so-Selbstverständlichen in Polyrhythmus? Selbstverständlich!

Ist der ternäre 3/4 Takt traditionell und der binäre 4/4 Takt modern, was ist dann beides gleichzeitig? Das Pendant zu Roman Herzogs sprichwörtlicher „Symbiose aus Laptop und Lederhose“-Ideologie zwecks politischer Industriestandort-Förderung? Nein, soll hier gezeigt werden.

Zum Einstieg JAC‘S Gassenhauer DabSalegy, in Musik und Bild durch und durch 21. Jh., die Szenen könnten in jedem urbanen (Vor-)Ort der modernen Welt abspielen sich:

Aus folgendem mit zwei Instrumenten musikalisch aufs Bare-Bones-Minimum reduzierten optischen „Megamix Salegy Kawitry“ kann der Kern der polyrhythmischen Struktur herausgehört werden. Mensch konzentriere sich einmal auf das straighte 4/4 Four-to-the-Floor der Kickdrum in Isolation… …und dann nur auf die Handorgel unter geistiger Ausblendung der Drums – hörbar und vor allem spielbar nur in triolischem 6/8-Takt:

In der tänzerischen Bewegung der schweren, viel Gewicht tragenden Körperteile dominiert tendenziell der 4/4, doch dieser dominiert nie den ganzen Körper – es ist immer ein irreduzibel schwebendes, mäandrierendes Beides, was das Ganze zum geforderten „quelque chose qui bouge“ (etwas, was bewegt) vom Beginn des DabSalegy-Videos macht: ein Kontinuum von binär und ternär.

Und ein solches Kontinuum konstituiert auch den modernen Salegy als Solches: Als Musikstil mit modernen elektronischen Instrumenten entstanden in den 60ern, erforderte er eben gerade keinen radikalen Bruch mit traditioneller Handorgelmusik, ein Bruch, der bei einer hypothetischen Modernisierung des Schweizerischen Pendants, dem traditionellen Hudigääggeler, musikalisch inhärent zwingend wäre.

Im kleinen Rahmen, wie in Madagaskar die Handorgel traditionell gespielt wird – es ist für ungeübte Ohren aus genannten Gründen wenig intuitiv, die Rhythmen mitzugehen und nicht gleich auszuklinken:

Auf globalem Weltmusik-Niveau bot Toko Telo für das Publikum dieselbe Schwierigkeit diesen Sommer in Toulouse, von Afropop Wordlwide charakterisiert als: „It exemplifies the absolute best of polished, acoustic, African roots music—completely of its place, but open to the whole wide world, if only it would listen.“

Was Afropop Wordlwide als „roots music“ bezeichnet, erschliesst sich vielleicht bei allem unüberbrückbaren Kannitverstan ein wenig anhand von Roumbou-Videos wie diesem:

Wenn, dann gibt es im musikalischen Kontinuum von Tradition und Moderne nur eine fundamentale Differenz zum Eingangsvideo: die Absenz von Kommunikation von und mit dem Sakralen in Ersterem, welche bei Zweiterem ganz offensichtlich angestrebt und auch konkret realisiert wird.

Doch eine solche Ausschliesslichkeit offenbart in der Terminologie von W.D.Wright die aus Schwarzem Blickwinkel erkennbare Weisse Kognition am Werk, die von ausserhalb gesehen künstlich und unnötig erscheint – denn es handelt sich irreduzibel um ein Kontinuum:

Was die im Thumbnail abgebildete, outdoor sitzende sympathische Dame von den Umgebenden geschützt und gestützt macht, erinnert an die Besessenheiten im Roumbou-Video und wäre hierzulande nur unauffällig und normal als Headbangen an einem Slayer-Konzert, ausserhalb jedoch im besten Fall ungehörig, aber definitiv undenkbar und schlimmstenfalls wahrgenommen als Teufelsbeschwörung zur Kirchenmusik an einem offiziellen Gottesdienst.

Doch was wäre, wenn dieser von Slayer selbst (durchaus ambivalent) zelebrierte Antagonismus als Solcher nur erscheint aus Weissem Blickwinkel? Was wäre, wenn aus theologischer Sicht Jesus Christus die bei jedem Slayer-Konzert vor dem Eingang die Besucher* abfangenden und zu erretten versuchenden Scharen von frommen Christ*en genau so milde verlacht wie die Fans und Headbanger* selber das tun – weil das Kontinuum als Antagonismus zu sehen objektiv eine tragische Weisse Illusion ist – und der madagassische polyrhythmische Salegy diese Illusion offenbart?

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http://undenkbar.blogsport.de/2017/08/21/polyrhythmus-im-madagassischen-salegy/feed/
Reniss: La Sauce und Manamüh http://undenkbar.blogsport.de/2017/02/12/reniss-la-sauce-und-manamueh/ http://undenkbar.blogsport.de/2017/02/12/reniss-la-sauce-und-manamueh/#comments Sun, 12 Feb 2017 08:51:18 +0000 undenkbar AllgemeinPolyrhythmus http://undenkbar.blogsport.de/2017/02/12/reniss-la-sauce-und-manamueh/

„Die Männer lieben die Frauen wegen der Sauce. Ich lege ihn in die Sauce und umrrrühre die Sauce. (…) Die Situation hat sich geändert.“ Rauschhaft, orgiastisch, mensch wird fast besoffen nur schon vom zusehen. „Du redest auf mich ein – ich schreie. Noch einmal: schrei, schrei, schrei!“ Die über die missratene Tochter dauerempörte Mutter verfolgt die Sängerin bis ins Konzert, diese flüchtet noch rechtzeitig…

…und dann die Fortsetzung: Manamüh, zu buchstabieren als „Mon amour“ – ein zuckersüsses Liebeslied, „Bin ich krank, pflegst du mich wie ein Bébé, Bébé, nimm meine Hand, Bébé, gehe mit mir.“ Doch das Unglück braut sich schon zu Beginn zusammen, und dann am Schluss, welch schreckliches Erwachen! Hätte sie eventuell erwähnen sollen, dass es nötig werden würde, dem von der im Umgang etwas schwierigen prospektiven Schwiegermutter angeführten Hexenjagd-Lynchmob entgegenzustellen sich?

Alles doppelbödig und mehrdeutig, meinem Schulfranzösisch nur in Sprachfetzen zugänglich, das kulinarisch unangepasste Kameruner Restaurant hat wegen exorbitanter Miete bei eher subalternisiertem Publikum schon lange geschlossen, kann niemanden fragen mehr – doch die Leute in Kamerun haben Spass daran, einfach nur Spass:

Reniss – Tendon

http://newbellmusic.com/discography/reniss-tendon/

La Sauce : 5 choses à savoir sur le hit de la Camerounaise Reniss

http://fr.trace.tv/musique/la-sauce-5-choses-a-savoir-sur-le-hit-de-la-camerounaise-reniss/

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Identität von Eigennutz und Allgemeinnutzen im Voluntourismus http://undenkbar.blogsport.de/2017/01/15/identitaet-von-eigennutz-und-allgemeinnutzen-im-voluntourismus/ http://undenkbar.blogsport.de/2017/01/15/identitaet-von-eigennutz-und-allgemeinnutzen-im-voluntourismus/#comments Sun, 15 Jan 2017 11:09:17 +0000 undenkbar Allgemein http://undenkbar.blogsport.de/2017/01/15/identitaet-von-eigennutz-und-allgemeinnutzen-im-voluntourismus/ Der Artikel “Doing good” in an age of parody auf Africa is a Country offenbarte eine Schwäche in der Argumentation im Beitrag zur Immenseer Mission zu den inneren Widersprüchen des Voluntourismus mit dem „Ziel, „etwas Gutes tun“ zu wollen, „der Welt etwas zurückzugeben“ oder „sich selbst zu verwirklichen““ (Wikipedia) – und der eigenen Lebenslaufoptimierung, um sich gegen andere besser durchzusetzen. Den teilnehmenden Subjekten ist nämlich die Farce, an der sie sich aktiv beteiligen, sehr wohl bewusst, wie eine Befragung durch Elsa Gunnarsdottir in Marokko gezeigt hat: „Instead of finding volunteers blind to the multiple and complex ways in which “voluntourism” can be a neocolonial project, the Moroccan Children’s Trust was supported by young volunteers fully aware of the relation between their work and parodies of it, as well as the cultural and political critique of the “white savior complex.”“

Diese „Millenials“ entstammen einer Generation, die durch Schule, Universität und Qualitätsjournalismus nie etwas anderes vermittelt bekommen hat als die Ideologie des Neoliberalismus: „What might appear to be a paradox – that young people volunteer for NGO’s abroad while aware of the critique of such work – is not only built on a long history of such debates in philanthropy but in its contemporary iteration, and is a logical outcome of neoliberal subject-making.“

Gunnarsdottir/Mathers bestätigen ausdrücklich das Getriebensein dieser Subjekte: „Millennials are also encountering an increasingly stressful and limited job market, albeit one that is meant to offer freedom and flexibility not available to their parents. They have experienced waves of financial collapse and economic downturns leading to higher levels of unemployment, student debt and lower levels of income than preceding generations had achieved at a similar age. (…) Their job searches are characterized by employers’ desire for candidates with affective skills such as empathy and sympathy. (…) Volunteering has therefore become a worthwhile investment for millennials in periods of economic stringency and despite increasing criticism.“

Was als Paradox erscheinen könnte, ist im neoliberalen Bewusstsein a priori bereits versöhnt: „If, as neoliberal citizen-, their primary responsibility is towards their own advancement (because that is in itself a social good and globally responsible), there is no contradiction in being both critical of and a participant in voluntourism.“ Das neoliberale Subjekt kann a priori keinen Widerspruch erkennen, da der egoistische Eigennutz wissenschaftlich a priori identisch mit dem Nutzen für die Allgemeinheit ist.

Der Paradigmenwechsel in der akademischen Soziologie zu Beginn des 21. Jh. widerspiegelt diesen gesellschaftlichen Sachverhalt: In der paradigmatischen Moderne des 20. Jh. galt die Physik dank der Überzeugungskraft überirdischer Atombombentests als universale Leitwissenschaft für alle anderen Wissenschaften und brachte die statistikbasierte empirische Sozialforschung hervor, welche später durch die linguistische Wende relativiert wurde. Diese Geistesgeschichte ist heutzutage gründlich vergessen. Die alles übergreifende universale Leitwissenschaft aller Wissenschaften ist heutzutage unangefochten die Betriebswirtschaftslehre: Rational Choice, Gefangenendilemma, Pareto-Optimum sind heutzutage an den Universitäten die wissenschaftlichen Grundbegriffe a priori, womit sich alle nur denkbaren gesellschaftlichen Verhältnisse universal erklären lassen.

Die auf den Ökonomen Adam Smith zurückgeführte und neoliberal universalisierte Identität von Eigennutzen und Allgemeinnutzen ist auch für die heute übliche mobbingbasierte Personalführung grundlegend. Jede* Mitarbeiter* im auf der Firmenwebseite selbsterklärten „tollen Team“ steht in ständiger Konkurrenz zu allen anderen Mitarbeiter*n, Mobbing wird so zur überlebensnotwendigen Routinetätigkeit: Leute werden heutzutage nicht mehr entlassen, sie werden systematisch in den psychischen Zusammenbruch gemobbt. Dank der Universalität der Identität von Eigennutz und Allgemeinnutzen ist dabei für die beteiligten Subjekte a priori kein Problem erkennbar, sondern das Ganze wird stillschweigend als Win-Win-Situation interpretiert: Der Betrieb behält seine weisse Weste („Wir sind wie eine Familie: Hier wird niemand entlassen!“) und das Mobbingopfer profitiert vom Krankentaggeld fürs heitere Nichtstun. Die darauf folgende Langzeitarbeitslosigkeit aufgrund absolut vernichtender Referenz vom letzten Arbeitsplatz bleibt im Konkreten ausserhalb des Radars des weiterhin ach so „tollen Teams“ und fällt im Allgemeinen unter die neoliberalen Erklärungen a priori selbstverschuldeter Langzeitarbeitslosigkeit. Das sind die „affective skills such as empathy and sympathy“, welche die Arbeitgeber suchen und bei Volountouristen – wie hier gezeigt – völlig zu Recht gehäuft vermuten.

Das neoliberale Subjekt zeigt sich so zunächst immun gegen jegliche Einsicht, welche es auf innere Widersprüche hinweisen könnte. Zunächst. Wie in der kurzen Szene in einem Asterix & Obelix, wo die beiden verständnislos einem modernen absurden Theater beiwohnen, welches die Dekadenz der Römer persifliert: Selbstironisches Einverständnisgelächter bei den römischen Zuschauer*n, bis Obelix als Anderer aufsteht und vernehmen lässt: „Die spinnen, die Römer!“ Sofort schlägt die ungezwungene Fröhlichkeit jähzornig um in offene Aggression. Strukturell Gleiches ist von den selbstverwirklichenden Volountouristen im Trikont zu erwarten: Die heutzutage routinemässigen Massenmorde durch Bombenteppiche um Zuge vorgeblich altruistischer „Regime Change“ sind die historisch erwartbare Reaktion auf eine in Wahrheit unvermeidliche kollektive narzisstische Kränkung. Und, oh Wunder: Diese Massenmorde sind für das neoliberale Subjekt im „Kampf gegen den Terrorismus“ a priori von ethisch unanfechtbarem Allgemeinnutzen.

Quelle

Gunnarsdottir, Elsa und Mathers, Kathryn: “Doing good” in an age of parody
http://africasacountry.com/2017/01/doing-good-in-an-age-of-parody/

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Besinnliches zur Doku von Beat Bieri: Das Ende der Mission – Ein Stück Schweizer Weltgeschichte http://undenkbar.blogsport.de/2016/12/30/besinnliches-zur-doku-von-beat-bieri-das-ende-der-mission-ein-stueck-schweizer-weltgeschichte/ http://undenkbar.blogsport.de/2016/12/30/besinnliches-zur-doku-von-beat-bieri-das-ende-der-mission-ein-stueck-schweizer-weltgeschichte/#comments Fri, 30 Dec 2016 15:02:52 +0000 undenkbar AllgemeinKimpa Vita http://undenkbar.blogsport.de/2016/12/30/besinnliches-zur-doku-von-beat-bieri-das-ende-der-mission-ein-stueck-schweizer-weltgeschichte/ „Aus der Innerschweiz zogen die Missionare in die entlegensten, ärmsten Winkel der Erde, als Seelenretter und Entwicklungshelfer, christliche Haudegen und ja, auch verwegene Abenteurer.“ (4:25) Die Wirtschaftsflüchtlinge aus den damals ärmsten Winkeln der Schweiz, zugereist in Südrhodesien (heute Zimbabwe) wurden im SRF-Dokfilm „Das Ende der Mission“ kurz vor Weihnachten im Schweizer Fernsehen einfühlsam porträtiert.

Zwei dieser Haudegen sollen hier idealtypisierend herausgegriffen werden: John Burkhart und Gabriel Imstepf. Burkhart „wuchs als uneheliches Kind im Thurgauer Kloster Fischingen auf (…) ein gelernter Schlosser“ (23:47), Imstepf wuchs auf in Lalden, im „Wallis, ein[em] Eipzentrum des Schweizerischen Katholizismus“ (75:09) und fand keine genügend grosse Gemeinde, um seine Berufung auch zu praktizieren: „Es hat mir 1969 der Bischof damals hat mir gesagt, ja, Herr Pater, warum nicht hier bleiben? Es ist einer gewesen vom Grossen St. Bernhard, und er ist Bischof von Sitten gewesen und hat mir dann gesagt, warum nicht hier bleiben, warum wieder gehen? Da habe ich ihm eben gesagt: „Gebt mir Fiesch bis nach Oberwald, [das gibt was her], aber so eine kleine Pfarrei, ich würde wirklich nicht wissen, was machen.“" (76:07)

John Burkhard inszenierte sich mit Spendengeldern als Unternehmer, produzierte mit „gebrauchten Schweizer Gerätschaften in Driefontein“ (24:07) und vier Angestellten („zwei sind Lehrlinge gewesen, und zwei sind Arbeiter gewesen“, 24:34) im eigenen Bäckerei- und Metzgerei-Betrieb die gesamte Palette der in Sachen Haltbarkeit ans Schweizer Klima angepassten Fleisch- und Wurstwaren. Freilich widerspricht er selbst dieser Ökonomie: „Das sei nicht die ganze Wahrheit, wendet Burkhart ein, alle Betriebe seien selbsttragend gewesen, Kapitalspritzen aus der Schweiz seien nur ausnahmsweise eingesetzt worden. „Es ist die Misswirtschaft, das fängt damit an, dass niemand die Buchhaltung macht“, sagt Burkhart.“ (NZZ vom13.8.2013).

„Bruder John beim Aufbau der Mission. Das war vor 60 Jahren. Und stets packte er zuvorderst an, in der Hoffnung, seine Arbeit sei Beispiel genug, damit auch die Afrikaner sich Schweizerische Tugenden aneignen würden. Als Buschpilot brachte Bruder John medizinische Hilfe in die entlegensten Dörfer.“ (26:50) Das Fliegen war in der Schweiz immer nur den Reichen vorbehalten, selbst das Segelfliegen – erst der Gleitschirm brachte heute eine gewisse Demokratisierung. Hätte Burkhart selbst die anderen angemahnte Buchhaltung gemacht, seine abenteuerlichen Flüge wären das Gegenteil von finanzierbar gewesen.

Imstepf hingegen ist frei von den Schuldzuweisungen des gescheiterten Unternehmers. Heute ist er zwar zwar „fast blind“, doch umso offeneren Auges für die tatsächlichen Verhältnisse: Angereist als White Savior landete er zunächst brüsk auf dem Boden der Realität: „Wir haben keine richtige Einführung bekommen. Schnell-Bleiche und „geh arbeiten“!“ „Was war denn das Schwierigste, um hier Fuss zu fassen in Afrika?“ „Die Sprache, ja. Weil, die Sprache hat absolut nichts zu tun mit unserer Sprache. Und dann haben wir Tag und Nacht studiert. Und dann geht man reden und reden und Fehler machen, und das macht nichts, die Leute sehen, du hast sie gerne – und er versucht es ja. Und es ist eine schöne Sprache, schöne Sprache. Viel weicher zu beten, in der Sprache, in dieser Shona-Sprache als in, selbst in meinem Walliser Dialekt. Das ist die Nummer zwei Sprache, ja, Nummer eins ist jetzt das Shona.“ (16:22)

Eingebettet war das Ganze in die politische Ökonomie des in meiner Elterngeneration gerade auch an den staatlichen Schulen der katholischen Kantone promoteten Nicknegerleins der Missionsgesellschaft Bethlehem. Eingeschobene Übersetzungshilfe: Als in einer Bar ein Schweizer auf dem Gebrauch des N-Worts für eine Süssigkeit beharrte, fragte ich ihn, was für ihn das schlimmste Schimpfwort sei, dass man ihm an den Kopf werfen könne. „Schafseckel.“ Also klärte ich ihn auf: „Schafseckel“ ist das, was ankommt, wenn du das N-Wort in den Mund nimmst. Hier also zu lesen als: „Nickschafseckel“. Ernst Wildi dazu: „Ja ja, das erinnert man sich natürlich, als Kind, als das aufgestellt worden ist.“ „Das kann ich mich also auch erinnern.“ „Und es, die Lehrerin und Katechetin, erzählt hat von diesen armen, armen Heidenkindern, die man erlösen muss. Und wir haben das natürlich voll alles schön geglaubt und so.“ (7:34)

Natürlich wird das heute kritisch gesehen. Wildi: „Jetzt kann man sich auch vorstellen, wie Afrikaner und Afrikanerinnen natürlich das kritisieren. Sie sagen, mit dem Kolonialismus ist das Christentum gekommen, und die haben sich genau gleich aufgeführt. Haben uns als arm und dumm und eben als Heiden bezeichnet. (…) Wenn ich einfach versuche, mich selber zu sein, dann haben sie gesehen, die Missionare sind nicht, sind auch anders geworden. Die sind nicht mehr so wie unsere Grossmütter und Grossväter erzählt haben, die streng gewesen sind mit ihnen und ständig alles verboten haben, und alles was ihre Kultur gewesen ist, ist verboten gewesen, so dass die Leute gesagt haben, wenn ich ein guter Christ sein will, dann muss ich ein schlechter Afrikaner sein, also ein schlechter Bemba oder Ila oder Lala, zu dieser Volksgruppe, wo sie gehört haben. Das hat sich glücklicherweise schon sehr geändert.“ (8:41) Doch dieser gegenwärtig politisch korrekte common sense ist eben immer noch eine halbierte Vernunft.

Das Blatt hat sich gewendet, und Imstepf ist augenscheinlich in der Lage, das auch zu erkennen und zu praktizieren, etwa in der schambefreiten Selbstverständlichkeit, mit welcher er zum Schluss des Films auf dem Friedhof eindringlich und einzeln seine verstorbenen Berufskollegen mit Namen anruft: „Ihr alle, die ihr vorausgegangen seid, betet für uns. Und dann gibt es das Wiedersehen, dann gibt es das Fest wie in Afrika, wo das Leben gefeiert wird, nicht der Tod betrauert. Amen, Amen, Amen.“ (89:26). In Zürich wäre der Typ so einfach nur peinlich, ein Verrückter in Aktion – ist das Kunst oder soll der weg?

Anders als Burkhart zeigt Imstepf sich fähig, den Segen zu spenden (17:18): Ein Jugendlicher kniet vor ihm nur formal nieder in der emblematischen Stellung des Nicknegerleins – Imstepf selbst kniet in derselben Stellung vor Todkranken in der Fürbitte –, tatsächlich fordert der Junge von dem Priester souverän die Dienstleistung, deretwegen dieser überhaupt hierhergekommen ist, wie eine sanfte Dusche für Geist und Seele, im Wissen darum, dass Imstepf dazu auch tatsächlich in der Lage ist – eine seltene Gabe. „Ich kenne ihn nicht beim Namen, aber er kommt immer wieder, hier. Und er will immer wieder beten, oder, wenn er mich sieht, kommt er, auf die Knie, und jetzt ist beten. Das haben wir im katholischen Wallis – macht das niemand auf der Strasse. Niederknien und sagen, tue beten für mich. Und das kann ich dutzende male im Tag machen. Ist doch schön, nicht? Ja.“ (17:46)

Alafia Stewart von ORISHAconnect.com bringt die Doppelbödigkeit der Situation im Kontext der traditionellen Unterwerfungs-Rituale zirkumatlantischer Religionen der Moderne im typisch US-amerikanisch-selbstsicheren Habitus der Unternehmerin auf den Punkt: „The reason why we salute is to pay honor to our orisha.“ (0:39) „It’s like when you‘re being saluted, you‘re being saluted because of how long the orisha has been in your head. It’s not saluting you, it’s not saluting your ego, it’s not about you.“ (2:20) „I‘m very uncomfortable with elderly folks saluting me. I remember a woman three times my age, you know, trying to get down to salute me and I was on the ground with her, looking her eye in the eye. Because I cannot fathomably say to myself that you‘re saluting the orisha in me, and I‘m disregarding the years that you‘ve had in this life, on this earth. So, we were looking like this, because I was very uncomfortable with an elderly woman saluting me. So I was like: if we‘re going down, we‘re going down together.“ (3:02)

Begeistert feiert Imstepf auch den Kontrollverlust: „Wenn es so sieben, acht Monate trocken ist, oder, und alles geht kaputt, alles was sie gepflanzt haben geht kaputt durch die Sonne, verbrennt. Und dann kommt der Regen, und du bist da mit dem Blechdach. Und dann ist das ja wie eine Orgel ist das, zum Beispiel wenn in der Kirche drinnen, eine grosse Kirche mit Blechdach und du predigst, und dann sagt der Herrgott, jetzt hör mal auf zu predigen, jetzt predige ich. Und dann regnet es, und dann verstehst du kein Wort mehr. Und da sind tausend Leute sind da, und du solltest predigen, dann sagst du nach oben danke, danke, danke, und jetzt vorwärts mit dem Gottesdienst, und es wird gejubelt und gemacht. Das ist noch viel schöner als jetzt diese schöne Morgenstimmung.“ (18:19)

Zuerst in „Die Strukturen des Bösen“ präsentiert der psychoanalytische, streitbare und daher exkommunizierte Theologe Eugen Drewermann Himmel und Hölle als ausserweltliche Projektionen innerweltlicher psychischer Realitäten lebendiger Menschen. Erschreckend entfaltet sich die Tragödie, als der Journalist John Burkhart in seinem ehemaligen Betrieb vor den rostenden Maschinen fragt: „Ist nicht die Gefahr, dass man ein wenig verbittert, wenn man das sieht?“ „Nein, ich werde nicht, nur traurig, nur traurig, und sogar, Vorsicht sogar, ja, wie könnte man es besser machen. Nein, wenn jemand richtig verbittert wäre, dann müsste er heimgehen.“ (25:35) – und lässt sich prompt zu einer objektiv bösen Handlung hinreissen: „Der 89jährige ist verärgert darüber, wie das Vieh vernachlässigt wird.“ (28:39) – und öffnet doch tatsächlich das Gatter, auf dass das faktische Bankkonto der Eigentümer* sich leere: „Jetzt können sie [die Kühe] wenigstens ein bisschen was fressen, wo auch immer sie hingehen, oder.“ (28:51) Natürlich weiss er ganz genau, was er tut, und rechtfertigt sich sogar: „Siehst du jetzt, ich konnte das nicht mehr mit ansehen. Ich bin eben ein Tierfreund. Ich kann das nicht sehen. Die Kühe, wo eben die jetzt hingehen, die müssen die halt wieder finden.“ (28:59) Auf diese Art verbrämt nimmt er Rache für das eigene Scheitern.

„Es ist einzig die Absicht, die Gott verlangt“ predigte vor über 300 Jahren Dona Beatritz Kimpa Vita im heutigen M‘banza Kongo angesichts der Tätigkeit der damaligen italienischen Berufskollegen der Immenseer Missionare, ebenfalls Kapuziner. Tragisch, wie Burkhart über andere doziert, tatsächlich aber wohl sich selber meint: „Eben im Alter, bei den alten Kläusen da, kann man nicht mehr viel mehr erwarten, oder? Sie sind ja selber schon krank, oder? Und es ist nicht so leicht mit denen, mit denen, dass sie sich mit den Schwarzen mehr abgeben, oder? Ihre Zeit ist abgelaufen für das.“ (44:29)

Die White Supremacist Mission ist wirklich zu Ende – und das ist auch gut so. Doch das ist mitnichten das universale Ende, im Gegenteil: Das Blatt hat sich gewendet. Die Holschuld liegt nun in Europa, die Zukunft ist wieder offen.

Aber die heute offenbar sehr populäre Variante einer dystopischen Version manifestierte sich vor einiger Zeit im Lebenslauf einer neuen Mitarbeiterin im Büro: „Hohe interkulturelle Kompetenz“ attestierte die Dame sich, verdient in einigen Wochen Kambodscha auf Kosten der Eltern. „Keinerlei interkulturelle Kompetenz“ las ich statt dessen, sie durchschaut das Spiel nicht, dass sie getrieben treibt. „Es ist einzig die Absicht, die Gott verlangt“: Einerseits ist das Motiv der persönlichen Lebenslaufoptimierung auf dem Rücken anderer im Trikont eigensüchtig, andererseits wird es der jugendlichen „Generation Praktikum“ durch die allgemeine „Professionalisierung“ der HR sogar in Kleinstunternehmen als omnipräsentes Lebenslaufwettrüsten auch existenziell aufgezwungen.

Charlott hat die Sachlage im Beitrag „In Afrika kann jede_r helfen (und was für den CV tun)“ auf dem Afrika Wissen Schaft-Blog anhand des ARD-Panorama-Beitrags „Abiturienten als Entwicklungshelfer: sinnlose Kurztrips ins Elend“ ausführlich beschrieben. Die Tragödie der Immenseer wiederholt sich im heutigen Entwicklungshilfe-Business nur noch als Farce. Doch dieser Gegensatz lässt erahnen, von welcher Tragödie die Bethlehem-Mission die Farce sein könnte: Vielleicht von der Tragödie der Maafa, die Kimpa Vita auch gegen die damaligen italienischen Kapuzinermönche kurz, nur ganz, ganz kurz aufzuhalten vermochte?

Quellen

Bieri, Beat: Das Ende der Mission – Ein Stück Schweizer Weltgeschichte. Dokumentarfilm.
http://www.srf.ch/play/tv/dok/video/das-ende-der-mission---ein-stueck-schweizer-weltgeschichte?id=e533ae21-cf14-48ec-93eb-a2d0f8540504
http://www.smb-immensee.ch/srf-doc-das-ende-der-mission/

Charlott: In Afrika kann jede_r helfen (und was für den CV tun)
https://afrikawissenschaft.wordpress.com/2013/12/21/in-afrika-kann-jede_r-helfen-und-was-fur-den-cv-tun/
http://www.ardmediathek.de/tv/Panorama/Abiturienten-als-Entwicklungshelfer-sin/Das-Erste/Video?bcastId=310918&documentId=18751184

Haefliger, Markus: Wir gehören den Simbabwern auch im Tod. NZZ vom 13.8.2013
http://www.nzz.ch/wir-gehoeren-den-simbabwern-auch-im-tod-1.18131781

Meier, Wolfgang: 20.06.1940 – Geburtstag von Eugen Drewermann. WDR Zeitzeichen.
http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/eugen-drewermann-theologe-104.html

Platón Lázaro, Lydia: Defiant Itineraries. Caribbean Paradigms in American Dance and Film. Palgrave Macmillan, New York 2015
http://undenkbar.blogsport.de/2016/09/14/lydia-platon-lazaro-defiant-itineraries-zu-katherine-dunham-und-maya-deren/

Stewart, Alafia:Receipts: How many years do you have?
https://www.facebook.com/0vivaalafia0/videos/234045980311714

Thornton, John K.: The Kongolese Saint Anthony. Dona Beatriz Kimpa Vita and the Antonian Movement, 1684 – 1706. Cambridge University Press, New York 1998
http://undenkbar.blogsport.de/2016/11/30/dona-beatriz-kimpa-vita-ein-huldrych-zwingli-der-indigenen-reformation-im-kongo/

Wippersperg, Walter: Der ethnologische Blick: „Das Fest des Huhnes“ und „Dunkles rätselhafte Österreich“, via ISD Giessen:
http://isdgiessen.blogsport.de/2016/12/29/der-ethnologische-blick-das-fest-des-huhnes-und-dunkles-raetselhafte-oesterreich/

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http://undenkbar.blogsport.de/2016/12/30/besinnliches-zur-doku-von-beat-bieri-das-ende-der-mission-ein-stueck-schweizer-weltgeschichte/feed/
Blitz The Ambassador: Diasporadical Trilogia als Kurzfilm und Album http://undenkbar.blogsport.de/2016/12/26/blitz-the-ambassador-diasporadical-trilogia-als-kurzfilm-und-album/ http://undenkbar.blogsport.de/2016/12/26/blitz-the-ambassador-diasporadical-trilogia-als-kurzfilm-und-album/#comments Mon, 26 Dec 2016 08:34:52 +0000 undenkbar AllgemeinDiaspora http://undenkbar.blogsport.de/2016/12/26/blitz-the-ambassador-diasporadical-trilogia-als-kurzfilm-und-album/ Die hier vor knapp einem Jahr als Einzelvideos vorgestellten drei Teile hat Samuel Bazawule alias Blitz the Ambassador nun zu einem Kurzfilm geremixt und auf seinem Youtube-Kanal publiziert. Das gleichnamige Album wurde am 16. Dezember beim Berliner/Kölner Label Jakarta Records veröffentlicht. Der Remix verschiebt etwas die durch Untertitel unterstrichene Bedeutung der nun ausdrücklich Yemaya, den Egun und Ibeji gewidmeten Teile, welche zirkumatlantisch in Accra/Ghana, Brooklyn/USA und Salvador/Brasilien spielen:
„I know the story I am about to tell you is hard to believe. Even me, sometimes, I‘m not sure if it was a dream, or it happened just like I am telling it. See, I met a woman who said, she had lived three different lives on three different continents. All at the same time. So I asked her, how can someone do that? This is the story she told me.“

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http://undenkbar.blogsport.de/2016/12/26/blitz-the-ambassador-diasporadical-trilogia-als-kurzfilm-und-album/feed/
Bahamas: Mit christlichem Fundamentalismus gegen Critical Whiteness http://undenkbar.blogsport.de/2016/12/17/bahamas-mit-christlichem-fundamentalismus-gegen-critical-whiteness/ http://undenkbar.blogsport.de/2016/12/17/bahamas-mit-christlichem-fundamentalismus-gegen-critical-whiteness/#comments Sat, 17 Dec 2016 14:48:53 +0000 undenkbar AllgemeinAntideutscheCultural Appropriation http://undenkbar.blogsport.de/2016/12/17/bahamas-mit-christlichem-fundamentalismus-gegen-critical-whiteness/ Alter Ego und Geanderte*

Jurek Molnar (in der Vorversion auf dieweltohneuns.wordpress.com als Alleinautor) und Sabine Schulzendorf in der aktuellen Bahamas 74, „Der postmoderne Systemabsturz. Über die „Critical Whiteness“ und ihre Folgen“: „Es war das Christentum mit seiner Mehrsprachigkeit, das diesen Universalismus ermöglichte, und, anders als der Islam, von einem „Anderen“ ganz prinzipiell auch ausging.“ (75-2) „Nun ist der Rassismus zwar tatsächlich eine bestimmte Dimension des „Othering“, aber viel grundlegender ist „Othering“ schlicht eine Grundbedingung menschlichen Sozialverhaltens: Ohne das Konzept des „Anderen“ ist es gar nicht denkbar, Menschen überhaupt sinnvoll wahrzunehmen.“ (75-3)

Frantz Fanon zu diesem begrifflichen Konzept des „Anderen“: „Dr. H.-L. Gordon, Arzt an der psychiatrischen Klinik von Nairobi, schreibt in einem Aufsatz in der Presse médicale von Ostafrika: „Exakte Forschungen an einer Reihe von hundert normalen Eingeborenen-Gehirnen zeigen dem blossen Auge das Fehlen von Teilen der Grosshirnrinde, die bekanntlich durch Zellen des jüngsten Entwicklungsstadiums charakterisiert sind.“ Und er fügt hinzu: „Die Inferiorität beträgt quantitativ 14.8%.“ (Zitiert von Alan Burns, [Le préjugé de race et de couleur …, Paris 1949])“ (Fanon: 27)

Ihr nach eigenen Angaben christlich eingehauchter Superioritätskomplex verunmöglicht Molnar/Schulzendorf epistemologisch a priori, die simple begriffliche Unterscheidung zwischen dem prinzipiell gleichen Andern als Alter Ego und dem im obigen Sinne von Gordon subaltern „“Geanderten“, wie der scheussliche Neologismus lautet“ (75-2). Im Kern ihres Begriffsapparats liegt offensichtlich das vor, was sie in ihren eigenen Worten als „pauschales Dagegensein ohne jedes begriffliche Unterscheidungsvermögen“ (72-3) bezeichnen, das vorsätzliche Unvermögen, den von ihnen selbst wiederholt angemahnten „Unterschied ums Ganze“ auch nur erkennen zu wollen.

Dieses begriffliche Unvermögen ist nicht akzidentiell, sondern in aufklärerischem Sinne in voller Verantwortlichkeit selbstverschuldet, die abwehrreflexhafte Denunziation des Begriffs des Geanderten als „scheusslicher Neologismus“ hat die objektive gesellschaftliche Funktion, letztlich die so Geanderten selbst als „scheusslich“ zu denunzieren und zu entmenschlichen zum Zwecke, sich selbst als intellektuelle Retter des „christlichen Abendlands“ (75-1) zu überhöhen, das „seit dem Auftauchen des Islam im 7. Jahrhundert mit dem Orient höchst real in Kriege, aber auch in kulturellen Austausch verstrickt war, und der Islam bis ins 17. Jahrhundert eine veritable kriegerische Bedrohung darstellte.“ (75-2) Die Türken stehen wieder vor Wien – auf zum letzten Gefecht. Die völlig entgrenzte Gewaltbereitschaft der Transatlantiker nicht bitter ernst zu nehmen, ist nur denkbar in „schlichter Unkenntnis der historischen Fakten“ (75-2).

Rassistischer Universalismus

Die programmatische Gleichsetzung von Alter Ego und Geanderte* setzt sich fort in der programmatischen Gleichsetzung von vermeintlich universalem „wisssenschaftlichem Interesse“ und dem in der angestrebten lukrativen Symbiose von Wissenschaft und Krieg historisch sich herausbildenden Orientalismus: „Die Tatsache, dass es im arabisch-muslimischen Raum keinen „Okzidentalismus“ gibt, liegt nicht daran, dass der „Orientalismus“ sich einen „Anderen“ konstruiert, sondern daran, dass es im arabisch-muslimischen Raum niemals einen säkularen Wissenschaftsbegriff gab, der es ermöglicht hätte, einen „Anderen“ überhaupt als solchen wahrzunehmen.“ (75-2) Zu ergänzen wäre hier, dass es auch im Subsaharischen Afrika, unabhängig davon, ob christianisiert oder islamisiert, niemals eine mit dem Militär amalgamierte Wissenschaft gab, welche die Inferiorität von Weissen universalistisch zu objektivieren und damit deren Vernichtung ideologisch zu legitimieren zum Ziel sich gesetzt hätte.

Ein Hohn, dass Molnar/Schulzendorf denselben Okzidentalismus in Abgrenzung zum Islam auf ihre christlich-abendländischen Fahnen sich schreiben, den sie doch entschieden bekämpfen: Röggla führt im von ihnen selbst zitierten Texte den Begriff des Okzidentalismus ein als Generalisierung der Critical Whiteness: „Rassismus in Deutschland orientiert sich nicht allein an rassifizierten Merkmalen wie z.B. Hautfarbe, sondern hängt mit Nationalität, Herkunft und kulturellen Praktiken, wie etwa Sprache, Religion oder Traditionen zusammen.“ (Röggla: 38) „Der Okzidentalismus bietet damit eine Figur hegemonialer Selbstreflexion, die analog zu der der Whiteness besteht, und die sich auf Europa bezieht.“ (Röggla: 40) Der Modus Operandi der intellektuellen Unredlichkeit von Molnar/Schulzendorf ist hier die Cultural Appropriation, zu übersetzen als kulturelle Enteignung: Eine Denkfigur wird einer geanderten kulturellen Praxis (hier einfach die der Critical Whiteness bei Röggla) entnommen, sich im Modus des transformierenden sich Anverwandelns angeeignet, die so entfremdete Quelle verleugnet und schliesslich in feindlicher Absicht gegen die geanderten Subjekte gerichtet. „Nsi a moyo kazolele o Nzambi a Mpungu“ – Es ist einzig die Absicht, die Gott verlangt. (Dona Beatriz Kimpa Vita, Kongo, 1684-1706).

Die infame Volte des ideellen Gesamt-Antideutschen besteht darin, für sich selbst etwas in Anspruch zu nehmen und gleichzeitig universalisierend von Anderen einzufordern, was ihm bei Erfüllung der Forderung erst die ideologische Legitimation zu deren Vernichtung liefern würde: Erstens wird der behauptete Universalismus letztlich religiös und für sich selbst exklusiv in Abgrenzung vom Geanderten und eben nicht dem Alter Ego begründet („Es war das Christentum mit seiner Mehrsprachigkeit, das diesen Universalismus ermöglichte, und, anders als der Islam…“, 75-2), und zweitens wird dessen Negativ Dialektisches Umschlagen in Barbarei (Orientalismus in Symbiose mit militärischem Kolonialismus) von den dadurch Geanderten auch noch schnöde eingefordert: sollen sie doch mit einem konkurrierend religiös fundierten „säkularen Wissenschaftsbegriff“ einen den Orientalismus imitierenden Okzidentalismus betreiben – gefordert im höhnisch lachenden zweckrationalen Wissen darum, dass die so in die Enge Getriebenen gar nicht über die militärische Macht verfügen, diesen Okzidentalismus mit den erprobten und bewährten technisch-wissenschaftlichen Mitteln der Massenvernichtung, die gegen sie in Anschlag gebracht werden, auch tatsächlich in Europa und den USA hegemonial durchzusetzen.

Antideutscher Antisemitismus

Notwendig unterschlagen wird in dieser antideutschen Forderung nach einer faktisch christlich-abendländischen Leitkultur für Deutschland und die ganze Welt auch die Kriege, die um die beiden konkurrierenden Universalismen des Katholizismus versus des technisch-wissenschaftlichen Weltbilds innerhalb Europas ausgefochten wurden. Bezogen auf die Schweiz: Natürlich hat die „Christliche Volkspartei“ CVP das „C“ gegenwärtig nur noch aus marketingtechnischen Gründen im Namen und ist ansonsten auf nationaler Ebene eine rein neoliberale Fortschrittspartei, aber die Gründung des bürgerlichen Bundesstaates 1848 nach dem Vorbild der USA beinhaltete eben gerade den historischen Kompromiss, dass der Staat zwar liberal verfasst und zunächst auf Bundesebene rein ein Staat der Freisinnigen war (heute FDP, „Freisinnig-Demokratische Partei“) – das erste katholisch-konservative Bundesratsmitglied wurde erst 1892 gewählt – aber viele Teilstaaten („Stände“) blieben die ganze Zeit katholisch-konservativ und beharrten auf ihrem dem Freisinn widersprechenden Universalismus.

Ideologisch (wenn auch nicht strukturell) vergleichbar die Integrationsleistung, welche der ideale Vorzeigestaat des ideellen Gesamt-Antideutschen, Israel, zu leisten hat: Einerseits handelt es sich um einen modernen, den europäischen Idealen der Aufklärung verpflichteten modernen bürgerlich-demokratischen Staat, gleichzeitig definiert er sich aber selbst religiös als den Staat der Juden. Der bürgerliche Universalismus ist aber nicht identisch mit dem viel älteren jüdischen Universalismus, und auch nicht einfach eine lineare Ableitung davon. An der Fremdbezeichnung der „Ultraorthodoxen“ kristallisiert sich der Widerspruch, in den diese beiden Universalismen notwendig geraten, und der immer wieder nach politischen Kompromissen verlangt, etwas in Fragen von Militärdienstzwang oder dem Zwang zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft in kapitalistischer Erwerbsarbeit. Diese a priori unauflöslichen Aporien durch akademisch ansozialisierte atheistische Negation des orthodoxen Universalismus (und damit auch dessen Träger*n) zu negieren und kontrafaktisch die Alleinherrschaft eines demokratischen bürgerlich-aufgeklärten Liberalismus in Israel zu postulieren, ist ein Element des spezifisch antideutschen Antisemitismus, worin dieser immerhin dem traditionellen Deutschen Antisemitismus widerspricht, welcher das mit ihm Nichtidentische zwar ontologisch anerkennt, aber auf spezifisch christliche Weise dämonisiert und so universal andert.

Schwarze Kognition

Röggla selbst deutet die Problematik, die mit der Generalisierung der Critical Whitness als Okzidentialismus verbunden ist, nur an: „Sich aber anzusehen, welche Folgen sich aus dem Bezug auf den Kritischen Okzidentalismus für die europäischen Whiteness Studies ergeben könnten/müssten wäre Thema einer eigenen Arbeit und würde meinen Rahmen bei weitem sprengen. Ohne diese Auseinandersetzung ist es mir aber nicht möglich, das Konzept auf die Frage nach Weißen Privilegien anzuwenden. Ich denke nicht, dass alle diesbezüglichen Fragen bereits geklärt sind.“ (Röggla: 42) Sie benennt zwar die genealogische Herkunft der Critical Whiteness: „Ursprünglich sind die Critical Whiteness Studies in den USA entstanden. In diesem Kapitel gehe ich den Wurzeln der Critical Whiteness nach, die ich mit der Kulturwissenschaftlerin Gabriele Dietze in afroamerikanischer und in feministischer Theorie verorte (vgl. Dietze 2006:224).“ (Röggla: 18).

In solidarischer Kritik mit Röggla muss hier ergänzt werden, dass sie – wohl dem „angestrebten Grad Magistra der Philosophie“ (Röggla: 1) geschuldet – mit dem Begriff der Critical Whiteness eben doch spezifisch Deutsche Terminologie verwendet: „Bemerkenswert ist, dass dieser akademische Begriff der erste war, der nach Deutschland gelangte, um die Kritik des Weißseins zu fassen – und nicht Bezeichnungen, die in der antirassistischen Praxis der USA üblicher sind (wie etwa white privilege, white supremacy oder accountability) und die zugleich die Rolle von Weißen in antirassistischen Kämpfen beschreiben.“ (Bee, Melanie).

Den intellektuellen Modus Operandi, der in den Bahamas aufs Entschiedenste negiert wird, bezeichnet Williams D. Wright synonym als Diunitale Kognition wie auch als spezifisch Schwarze Kognition in den USA. Diunital, zwei-einig im Sinne eines Sowohl-als-auch a priori. Bezogen auf das politische Selbstverständnis der Bahamas: Einerseits ist die liberale Verfassung der USA als universale Errungenschaft der Menschheit zu verteidigen, gleichzeitig garantierte dieselbe Verfassung erst die universale Gültigkeit der positiv rassendiskriminierenden Jim-Crow-Gesetze nach dem formalistisch liberalen „Separate but equal“-Prinzip. Beides gleichzeitig.

Schwarze Kognition in Wrights Worten: „Western civilization had run out of useful cognitive methods. But not totally. There was the Black Cognitive method of Western civilization. It had been forged, nourished, and developed in great complexity, and over a period of centuries. It lay at the center of Black ethnicity and Black intellectual and analytical activity. This was cognition that reached for wholeness, which accepted and related to realities that were similar or oppositional, which were different but not necessarily antagonistic, which insisted that aspects of reality interact with each other whether they were similar to each other, in opposition to each other, or different from each other but not oppositional, on a horizontal basis, so that they could interact individually and equally to each other.“ (Wright: 163) „[Robert] Franklin was saying what other Black intellectuals have said over the years, that the universality of human experience can be located in an analysis of Black history and in artistic portrayal of Black life. (…) The Black historical and social experience in America is the basis for constructing various kinds of social theories with universal implications and applications.“ (Wright: 169)

Und so ist der seitens Molnar/Schulzendorf unterstellte Vorwurf des Anti-Universalismus und Anti-Intellektualismus an die Critical Whiteness längst implodiert, sie wollen davon einfach nur nichts wissen…

Quellen

Molnar, Jurek; Schulzendorf, Sabine: Der postmoderne Systemabsturz. Über die Critical Whiteness und ihr Folgen. Bahamas 74
https://dieweltohneuns.wordpress.com/2016/03/02/der-postmoderne-systemabsturz-ueber-die-critical-whiteness-und-ihre-folgen/

Bee, Melanie: Das Problem mit „Critical Whiteness“
http://www.migrazine.at/artikel/das-problem-mit-critical-whiteness

Fanon, Frantz: Schwarze Haut, Weisse Masken. Turia + Kant, Wien 2013, 2016

Röggla, Katharina: Eine unsichtbare Kategorie zum Verschwinden bringen? Diplomarbeit, Wien 2011
http://othes.univie.ac.at/14962/1/2011-05-24_0101864.pdf

Wright, W D.: Black intellectuals, Black cognition, and a Black aesthetic. Praeger Publishers, Westport CT, 1997
http://undenkbar.blogsport.de/2016/02/28/w-d-wright-diunitale-kognition/

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