Denkbares http://undenkbar.blogsport.de ...nichts zu gewinnen ausser dem an den kopf geworfenen blumentopf... Thu, 07 Mar 2019 17:45:00 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Ergänzung zum toitschen Karneval bei dame.von.welt http://undenkbar.blogsport.de/2019/03/07/ergaenzung-zum-toitschen-karneval-bei-dame-von-welt/ http://undenkbar.blogsport.de/2019/03/07/ergaenzung-zum-toitschen-karneval-bei-dame-von-welt/#comments Thu, 07 Mar 2019 07:40:05 +0000 undenkbar AllgemeinAntideutscheHaiti http://undenkbar.blogsport.de/2019/03/07/ergaenzung-zum-toitschen-karneval-bei-dame-von-welt/ Kann den Erörterungen auf https://dvwelt.wordpress.com/2019/03/04/ich-als-unschuldige-frau/ nur beipflichten. Wie eine Antiutopie im Sinn- und Bedeutungssystem des Candomblé kürzlich auf arte die Doku «Alles Karneval» aus Salvador da Bahia:

https://www.arte.tv/de/videos/053916-000-A/alles-karneval/

Arany von der Ilê Aiyê bringt die Sache gleich zu Beginn auf den Punkt: „Als ich jung war, da nahmen farbige Tucada-Gruppen und Samba-Schulen noch nicht am Karneval in Bahia teil, den der, der war Weiss. Wir haben den Karneval in unseren Vierteln gefeiert, aber 1975 wagten sich Ilê Aiyê zum ersten mal ins Zentrum vor und schlossen sich einfach dem Weissen Karneval an. Die Gruppe, ausschliesslich junge Schwarze, stammten aus dem Stadtteil Liberdade, in dem die Bevölkerung hauptsächlich Schwarz ist. Wir wurden ausgepfiffen. Die Polizei ging direkt neben uns. Das war ja noch zu Zeiten der Militärdiktatur. Die Zeitungen der Stadt kritisierten uns scharf. Sie schrieben, im Bundesstaat Bahia herrsche eine grosse Demokratie der sogenannten Rassen, und wir würden den Karneval für eine rassistische Aktion ausnutzen. Aber so war das nicht. Wir wollten einfach unsere Wurzeln feiern. Mutter Afrika und unsere Kultur – sonst nichts.“ Voilà der von Seiten pi-news.net wie redaktion-bahamas.org oder auch dem NZZ-Feuilleton bauernschlau und ad nauseam wiederholte Rassismusvorwurf an alles Nichtweisse im Original.

Die bei dame.von.welt erläuterte Tradition des «Nubbelverbrennens» war mir bis dato unbekannt, nicht aber das vormoderne katholische Original des «Bwile Jwif» (kreol., frz. «brûler juif»), das sich in ländlichen Gegenden von Haiti offenbar ganz unverfroren lebendig gehalten hat: «I looked up and noticed a straw dummy sitting on the roof of the house across the street. It was a “Jew”. He was sitting in a chair in the open air, on top of this one-story tin-roofed house. Made of straw and dressed in blue jeans, a shirt, suit jacket, and sneakers, this “Jew” wore a tie and had a pen sticking out of his shirt pocket. His legs were crossed, and over them sat what looked to be a laptop computer fashioned out of cardboard. A cord seemed to run from the computer down into a briefcase that sat by his chair.» (S. 83) Nach Komplimenten für die schöne Puppe erklärte der «mèt Jwif-la» (der Besitzer): «“Oh yes, we leave it up for the Rara band to pass by. Tomorrow afternoon we’ll burn it,” he said. ”Aha … well … great …” said my research partners an I, flaring our eyes at each other. I guess nobody told the guy that Jean-Claude Duvalier banned the practice in the 1970s, around the time of a rush of tourism and foreign industrial investment. I bet other people still do it, here and there.» (S. 83) Soviel zur nützlichen Fiktion des «christlich-jüdischen Abendlandes» von Seiten der C-Parteien und pi-news.net oder auch der aktuellen Ausgabe der Bahamas.

Quelle

Elizabeth A. McAlister: The „Jew“ in the Haitian Imagination. Pre-Modern Anti-Judaism in the Post-Modern Caribbean. In:
Claudine Michel, Patrick Bellegarde-Smith (Ed.): Invisible Powers. Vodou in Haitian Life and Culture. Palgrave Macmillan, New York 2006.

]]>
http://undenkbar.blogsport.de/2019/03/07/ergaenzung-zum-toitschen-karneval-bei-dame-von-welt/feed/
Ergänzung zu «Oh Broder, where art thou?» auf nichtidentisches.de http://undenkbar.blogsport.de/2019/02/10/ergaenzung-zu-oh-broder-where-art-thou-auf-nichtidentisches-de/ http://undenkbar.blogsport.de/2019/02/10/ergaenzung-zu-oh-broder-where-art-thou-auf-nichtidentisches-de/#comments Sun, 10 Feb 2019 14:10:49 +0000 undenkbar AllgemeinAntideutsche http://undenkbar.blogsport.de/2019/02/10/ergaenzung-zu-oh-broder-where-art-thou-auf-nichtidentisches-de/ Der Beitrag Oh Broder, where art thou? wurde auf nichtidentisches.de postwendend von “Ich” und “Ruth Spicker” niedergemacht. In ihrem pawlowschen Schreibreflex ist den Kommentierenden aber offensichtlich entgangen, dass mit der dort als «Trash» betitelten Konklusion «einfach Verfall in eitlen Altherren-Gestus, ins Bescheidwissertum» Henryk Broder – wider die logisch stringente Argumentation der Analyse selbst – aufgrund früherer Texte (namentlich die «tiefe, materialreiche Kritik an antiisraelischer Medienkultur») gerade in Schutz genommen wird. Broder zeigt für mich aber keinerlei Anzeichen von Senilität, die das «berechnende Kalkül» des «neurechter Agitator(s)» irgendwie entschuldigen könnten, sondern einen hellwachen Geist, der als langjährig erfahrener Polemiker jedes Wort, jede Wendung der Sprachmelodie und jeden Applaus im Hinblick auf die beabsichtigte Wirkung bei ganz genau diesem Publikum, der AfD-Fraktion im Bundestag und gleichzeitig der berichtenden Presse, sorgfältig abgewogen und geplant hat.

Zunächst eine Ergänzung zur Analyse von Broders Satz: «Ich bin für eine Verschärfung des Tatbestands „Kindesmissbrauch“, um auch solche Fälle verfolgen zu können, wie den der bereits erwähnten Greta aus Schweden, die von den Klimarettern zur Ikone ihrer Bewegung erkoren wurde.» Bei nichtidentisches:

«Warum Broder vor der AFD hier eine 16-jährige erst als Gegnerin, dann als Opfer von Kindesmissbrauch inszeniert, ist aus propagandistischer Sicht logisch: Er objektiviert sie zunächst, um ihr für alte Männer und autoritär geprägte Frauen beängstigendes Selbstbewusstsein lächerlich zu machen, und dann die entstandene Aggression auf jene zu lenken, die Greta Thunberg angeblich „missbrauchen“ würden.»

Sehr richtig, es geht darum, «die entstandene Aggression auf jene zu lenken, die Greta Thunberg angeblich „missbrauchen“ würden»: Also erstens die Aggressionen bewusst zu erzeugen und zweitens ins gewünschte Ziel zu lenken, im Wissen darum, dass das Wunschziel mit der ursprünglichen Aggression gar nichts zu tun haben muss. Zu ergänzen ist aus meiner Sicht: Broder wusste bei der Wahl des Ausdrucks «Kindesmissbrauch» haargenau, dass er vor Publikum spricht, welches an einschlägigen Kundegebungen gerne und lautstark die «Todesstrafe für Kinderschänder» fordert. Diese unausgesprochene Bestrafungs-Assoziation nahm er nicht einfach billigend in Kauf («Versehen» gibt es beim Polemiker-Vollprofi Broder nicht), sie war Absicht.

Hier die Rede in Bild und Ton von der Original-Quelle, dem Youtube-Kanal der «AfD-Fraktion Bundestag»: Henryk M. Broder zu Gast bei der AfD-Fraktion! Nebst hunderten von begeisterten Kommentaren von Seiten der AfD-Gefolgschaft darunter hat das Video gegenüber dem veröffentlichten Transkript den Vorteil grösserer Vollständigkeit. Ich greife hier stellvertretend für das Ganze zwei prominente Stellen heraus, Broders «Kritik» an der AfD und sein Schlusswort.

Das «allfällige(m) Schimpfen auf extremistische Auswüchse» (nichtidentisches) zu Handen der bürgerlichen Presse muss mit der Lupe gesucht werden und konkretisiert sich in folgender Erörterung zu Gaulands «Vogelschiss»-These: «Das ist nicht nur aus der Sicht der Nazi-Opfer – der Juden, der Zigeuner, der Homosexuellen, der Widerstandskämpfer, der Deserteure – eine schwere Sünde. Es muss auch ein No-Go für jeden Deutschen sein, der kein Jude, kein Zigeuner, nicht schwul ist und keine Angehörigen hat, die von den Nazis verfolgt wurden.»

Broder kommentiert den geplanten Applaus in der Kunstpause: «Ich merke schon, wie Sie ihren Beifall sorgfältig dosieren» (29:45) und wird dabei von Martin Renner (MdB) wie zum Trost sanft am Oberarm gestreichelt. Dabei hatte Broder doch zwei Sätze zuvor mit dem überbreit betonten Ausdruck «PC-mäßig unverdorbenen Eltern» den Fusstritt en passant gegen die verhasste «political correctness» mit der wiederholten Verwendung des Z-Schimpfwort zur Bezeichnung einer Opfergruppe der Shoa bereits vorgespurt. Ist kaum jemandem aufgefallen (Ausnahme: Leander Sukov in Broder, Zigeuner und die AfD) – auch nicht, dass Broder zur Verteidigung dieser pejorativen Bezeichnungen an sich manipulativ verharmlosend ausschliesslich(!) von Zuckergebäck spricht («Ich will meine Jodenkoeken wiederhaben!»), diese Bezeichnungen aber selbst Zustimmung erheischend als herabsetzenden Bezeichnung von Menschengruppen verwendet.

Vorausahnend, dass diese Doppelbödigkeit kaum verstanden würde, nimmt er seine «Kritik» sofort und explizit zurück: «Meine Damen und Herren, ich bin nicht hierhergekommen, um Ihnen eine Predigt zu halten oder Ihnen zu sagen, was Sie tun oder was Sie lassen sollten.» Mit anderen Worten: Broders «No-Go» gilt erklärtermassen nicht für die AfD und deren Anhänger*, sondern war ausschliesslich als Zitiervorlage für die beschwichtigende Berichterstattung geplant. Dieser gelungenen Doppelbödigkeit galt Renners Streicheln und wohl auch das nur für einen kurzen Augenblick im rechten unteren Bildwinkel sichtbare begeisterte «Daumen hoch» der Person neben ihm.

Als Martin Renner die Veranstaltung beenden will (1:15:10), unterbricht ihn Broder, um seine ihm wichtigste Kernbotschaft loszuwerden: «Ich wollte nur eins klären. Wir haben über Antisemitismus gesprochen, das ist eine üble Geschichte. Ich will das auch gar nicht runterspielen. Aber es ist politisch weitgehend irrelevant. Auch wenn es schrecklich ist, wenn jemand ne Kippa trägt, zusammengeschlagen wird, das ist alles unentschuldbar. Aber im Grossen und Ganzen ist es politisch irrelevant. Das einzige, was heute politisch relevant ist, ist die Existenz Israels.» Es folgt eine personalisierte Breitseite gegen den namentlich ungenannten Heiko Maas/SPD wegen des Handels mit dem Iran. Der hier geplante Applaus seitens der AfD galt selbstverständlich nur dem Angriff gegen die SPD, keineswegs (aus Sicht der AfD) etwaigem Firlefanz mit dem Iran.

Broder schliesst (1:17:48): «Es ist nicht der klassische Antisemitismus, der ist weitgehend ein Polizeiproblem. Egal ober von den Linken oder der Rechten, den Muslimen, den Vegetariern oder den Radfahrern ausgeht, das ist völlig egal. Entscheidend ist die Haltung der Politik gegenüber Israel. Das ist die einzige Art des Antisemitismus, die ich wirklich für gefährlich halte, aktuell wie potentiell. Und deswegen bin ich ihnen dankbar, wenn Sie sich für das Existenzrecht Israels aussprechen. (…) Aber wie gesagt, Sie müssen noch eine Schippe drauflegen.» Herzlicher Schlussapplaus und weihevolle Worte von Martin Renner.

Auf gut Deutsch: Im Wissen um die mittlerweile plakativ vor sich hergetragene Israelsolidarität der politischen Rechten in den USA und Europa, die mitnichten dem Ziel «Israel garantiert die Sicherheit der Juden in der Diaspora» (Broder 1:15:50) geschuldet ist, sondern primär der Bewunderung für den israelischen Militärapparat im Einsatz gegen als solche erklärte «Musels» (Diktion auf pi-news), in diesem Wissen erteilt Broder jeder Manifestation des Antisemitismus in- und ausserhalb der AfD die generelle Absolution, sowohl im mehrfach wiederholten, mittels Handgestik und langsamen Sprechen überbetont ernsten «politisch irrelevant» wie auch im spöttischen von «den Vegetariern oder den Radfahrern», als Inbegriff der Harmlosigkeit ganz bewusst gewählt, um die zuvor in flapsig Silben verschluckendem Ton gefallenen Wörter «schrecklich» «Kippa» «zusammengeschlagen» aus dem Gedächtnis zu verdrängen.

Denselben Gedächtnistilgungs-Mechanismus hat Broder mit dem in diesem Kontext geplanten Schlusssatz «Sie müssen noch eine Schippe drauflegen» bewusst angestrebt: der sollte im Schlussapplaus als psychische Wunscherfüllung so und genau so in Isolation hängenbleiben, dass es dabei eigentlich um das Existenzrechts Israels und mitnichten um das Ziel, die das Bundeskanzler*amt besetzende Regierungspartei zu werden ging, sollte gar nicht wahrgenommen werden, weder von innen noch von aussen.

Und das ist ihm, wie mensch sieht, umfassend gelungen.

]]>
http://undenkbar.blogsport.de/2019/02/10/ergaenzung-zu-oh-broder-where-art-thou-auf-nichtidentisches-de/feed/
Grobschächtige Ignoranz bei Feynsinn: Zur Problematik selbsterklärter Meritokratie bei den Macher*n Freier Software http://undenkbar.blogsport.de/2018/09/23/grobschaechtige-ignoranz-bei-feynsinn-zur-problematik-selbsterklaerter-meritokratie-bei-den-machern-freier-software/ http://undenkbar.blogsport.de/2018/09/23/grobschaechtige-ignoranz-bei-feynsinn-zur-problematik-selbsterklaerter-meritokratie-bei-den-machern-freier-software/#comments Sun, 23 Sep 2018 12:09:48 +0000 undenkbar AllgemeinHabermas http://undenkbar.blogsport.de/2018/09/23/grobschaechtige-ignoranz-bei-feynsinn-zur-problematik-selbsterklaerter-meritokratie-bei-den-machern-freier-software/ Zustimmung erheischend polemisiert Feinsynn mit dem identifizierenden Slogan «Idiotäre von rechts bis links» gegen das erst in den Akklamationen verlinkte postmeritokratische Manifest. Den Manifestant*en unterstellt er kontrafaktisch, sie würden die Welt universal in «Gut®» und «Böse®» einteilen, um diese so der Lächerlichkeit preiszugeben: «Eine Aktivistin der Pseudolinken hat jüngst eine ganz schlimme Sache entdeckt, die sie „Meritocracy“ nennt, also die Dominanz der Verdienten und Fähigen, hier im Zusammenhang mit Programmieren. Das Schlimme daran sei, dass diese „Böse Leute dafür belohnt, dass sie guten Code schreiben“.» Ganz manichäisch lokalisiert Feynsinn bei sich und seinem Kommentariat die Intelligenz der «Verdienten und Fähigen», also der «Guten®» (sic), die sich der Pappkameradenarmee der Dummen mit ihrem «verrotteten Denken», welche «beleidigen, mobben und ggf. sogar Gewalt ausüben» darf, also dem «Bösen®» (sic) schlechthin, heldenhaft entgegenstellt.

Das nicht weiter belegte Zitat der «Aktivistin» lässt sich aber entgegen Feinsynns Ansinnen aus dem Manifest eben gerade nicht ableiten: Die Problematisierung des Begriffs der Meritokratie selbst macht nämlich explizit den Kern des Manifests aus: «Falls dir die Kritikpunkte von Meritokratie nicht bekannt sind, mache dich bitte auf dieser Seite mit ihnen vertraut.» Das haben Fenysinn wie auch zustimmendes Kommentariat nachweislich nicht getan und verstossen damit gegen Feynsinn eigenes Impressum: «Wenn du keine Ironie verstehst, den Artikel nicht gelesen hast, Probleme bei sinnentnehmendem Lesen hast oder humorbefreit die Welt über deine Prinzipien belehren willst, bist du hier nicht richtig».

Implizit bedient Feynsinn sich eines akademisch durchaus hegemonialen Vulgärhabermasianismus, welcher die soziale Welt in «System» und «Lebenswelt» einteilt, wobei die habermasianische Lebenswelt die alleinige Domäne von Diskurs im Sinne eines wechselseitigen Anerkennens und Abwägens von Geltungsansprüchen, also von Politik schlechthin darstellt, das «System» als Domäne der Naturwissenschaften dagegen in sich selbst vollständig determiniert sei. Das «Programmieren» wird in diesem Paradigma umstandslos dem «System» zugerechnet, was eine eindimensionale und damit eindeutige Bestimmung von «guten Code» erst möglich machen würde.

Diese Bestimmung ist jedoch auf mehreren Ebenen objektiv falsch und offenbart ganz einfach Unkenntnis der Materie: Das Machen von Software generell besteht längst nicht nur aus dem Schreiben von «Code», sondern ist immer auch ein soziales Unternehmen mit vielfältigen Aushandlungsprozessen, sowohl innerhalb von Konzernen wie Microsoft, IBM oder Google wie auch in Open Source Projekten wie dem Linux-Kernel (welches eng mit solchen Konzernen verbandelt ist), OpenOffice/LibreOffice, der Debian/Ubuntu-Distribution oder dem OwnCloud/Nextcloud-Server. Die Schrägstriche sind als Chiffren für ein jeweiliges Schisma (aus je eigenen Gründen) im entsprechenden Projekt zu verstehen und problemlos im Internet auffindbar.

Doch selbst die analytische Beschränkung auf das Artefakt «Code» im engsten Sinne offenbart eine Indeterminiertheit der Sache selbst: das juristische Konzept der «Freien Software» basiert auf dem Ergebnis eines politischen Aushandlungsprozesses mit dem Resultat, Programmcode nicht dem Patentrecht zu unterstellen wie etwa Konzepte von Maschinen oder chemischen Verbindungen, sondern dem Urheberrecht, also derselben Rechtsprechung, der die materiellen Ergebnisse der Arbeit von «Dichtern und Denkern®» wie Feynsinn und Gefolge unterliegen. Dieser Umstand machte Richard Stallmans GNU General Public License materiell erst möglich: In Schritt 1 wird rechtsverbindlich das eigene Urheberrecht am «Code» objektiv festgestellt, in Schritt 2 auf dieser Basis irreversibel eine Menge an Freiheiten zugesichert, wie Andere mit diesen rechtlich geschützten Arbeitsergebnissen weiter verfahren dürfen.

Es gibt genauso wenig den «guten Code» wie es das «gute Gedicht», das «brillante Essay», den «bedeutenden Roman» gibt. Es gibt ganz unterschiedliche Paradigmen, die koexistieren, einander ablösen, überlagern, sich ergänzen oder sich widersprechen (aktuell etwas die Debatte um «die Symboliker und die Konnektionisten» in der KI), und es gibt ganz unterschiedliche Auffassungen von «Schönheit» im Sinne des «Schönen Wahren, und Guten» im Code selbst.

Tux‘ Frotzelei in seinem Kommentar: «Klar schmieren zwei von drei Installationen dauernd ab, aber wenigstens wurde mit Liebe programmiert.» ist daher ganz und gar unangebracht: Entwickler*-Profis erkennen intuitiv sofort, ob – unabhängig vom zugrundeliegenden Paradigma – «mit Liebe programmiert» oder eben «lieblos programmiert» wurde, auch und gerade an den eigenen Arbeitsergebnissen, die nach Monaten oder Jahren überarbeitet werden müssen. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: «Programmiere immer so, als ob dein* Nachfolger* ein* antisoziale* gewaltbereite* Psychopath* wäre, der/die weiss, wo du wohnst!» – die Erkenntnis, dass diese imaginäre Person höchstwahrscheinlich «Ich selbst!!!» sein wird, ist das Ergebnis jahrelanger Berufserfahrung.

Das Konzept der «Meritokratie» ist irreduzibel eingebettet in soziale Kontexte und daher zutiefst problematisch, wie in den bei postmeritocracy verlinkten, aber bei Feynsinn & Co. aktiv ignorierten Texten ausführlich dargelegt wird, vor allem dann, wenn eine soziale Gruppe die «Meritokratie» als Selbstdeklaration verwendet: Damit wird nämlich (ganz mechanistisch gedacht) genau dasjenige Verhalten durch soziale Anerkennung belohnt, welches die soziale Wahrnehmung von «Meriten» optimiert. Diese zweckrational optimierbare Fremdwahrnehmung kann und wird selbst dann den tatsächlichen «Meriten» krass widersprechen, wenn das Wahrheitskriterium dieser Meriten selbst gar nicht zur Diskussion steht.

Doch das zitierte Manifest geht noch weiter: Es ist mitnichten nur das Verhalten einer Person, es ist auch der unabänderliche Teil des Seins einer Person wie Muttersprache, Hautfarbe oder Geschlecht, welches die soziale Wahrnehmung von Meriten determiniert: «Tatsächlich ist die Idee von anerkennenswerter Leistung niemals klar definiert; stattdessen scheint sie eine Form der Bestätigung zu sein, eine Anerkennung, dass “diese Person insofern wertvoll sei, als dass sie so sei wie ich.”» Die weitverbreitete und in der In-Group geradezu sozial erwartete Misogynie in Informatiker-Kreisen ist nur ein Aspekt von vielen.

Wer nur schon das Thematisieren dieser offen darliegenden Probleme als «Idiotär» brandmarkt, verwechselt das Faktische mit dem Normativen, hält das So-Sein von gegenwärtig manifesten Freie-Software-Ökosystemen für den Beleg gegen jedes Hätte-auch-ganz-anders-sein-Können und hat sich damit selbst der Imagination beraubt, welche die Idee von Software zur Zeit ihres Noch-nicht-Seins überhaupt erst möglich gemacht hatte.

Quellen

Feynsinn: Idiotäre von rechts bis links
http://feynsinn.org/?p=10566

Das postmeritokratische Manifest
https://postmeritocracy.org/de/

Stefan Betschon: Die im Dunkeln Pfeifen. NZZ vom 22.9.2018, S.12
https://www.nzz.ch/meinung/die-im-dunkeln-pfeifen-ld.1422140

]]>
http://undenkbar.blogsport.de/2018/09/23/grobschaechtige-ignoranz-bei-feynsinn-zur-problematik-selbsterklaerter-meritokratie-bei-den-machern-freier-software/feed/
Das Weltbild des zeitgenössischen Reaktionärs http://undenkbar.blogsport.de/2018/08/09/das-weltbild-des-zeitgenoessischen-reaktionaers/ http://undenkbar.blogsport.de/2018/08/09/das-weltbild-des-zeitgenoessischen-reaktionaers/#comments Thu, 09 Aug 2018 13:51:38 +0000 undenkbar AllgemeinAntideutsche http://undenkbar.blogsport.de/2018/08/09/das-weltbild-des-zeitgenoessischen-reaktionaers/ Der generische Maskulin «des» ist dem Zusammenhang genauso inhaltlich geboten wie etwas beim im Wesentlichen identischen generischen Antideutschen: Vom Artikel «Was Amerikas Einheit untergräbt» (in der Online-Ausgabe nachträglich verschämt umgeändert in «Was Amerikas republikanisches Erbe untergräbt», die permanente URL ist so verräterisch wie Druckerschwärze auf Papier) von Jonathan Haidt in der NZZ-Wochenendausgabe vom 4.8.2018 sei hier die Rede. Der Artikel reiht sich unter Feuilleton-Chefredaktor Rene Scheu ein in die endlose Folge von inhaltlich identischen Hetzartikeln gegen die von ihnen selbst so definierte «Identitätspolitik», die an den Universitäten hegemonial um sich greife und so die Nation zu zerstören drohe. Vielleicht durch die schiere Menge der Wiederholung notwendig geworden ist aber mittlerweile eine Überdeutlichkeit des zugrundeliegenden Weltbilds, das im Narrativ einer einheitlichen, gleichzeitig verleugneten «grossen Erzählung» (Lyotard) aufscheint.

Das Narrativ hebt an mit den die universale physikalische Kosmologie allegorisch widerspiegelnden «Gründervätern Amerikas»: «Es gibt in der Physik ungefähr zwanzig Naturkonstanten (…) Diese Konstanten gelten überall in unserem Universum, aber die Möglichkeit besteht, dass manche von ihnen in anderen Universen andere Werte aufweisen. Und Forscher gewinnen zusehends den Eindruck, dass viele dieser Naturkonstanten in unserem Universum genau so kalibriert sind, dass sie die Verdichtung von Materie und die Entstehung von Leben überhaupt erst möglich machen. Manche sehen darin einen Beweis für die Existenz Gottes. Das wäre ein Gottesbild von der Art, wie Thomas Jefferson, James Madison und anderen Gründervätern Amerikas vorschwebte – ein Gott, der das Universum wie eine gigantische Präzisionsuhr erschaffen hat. Meine Auffassung ist das nicht (…)» – hebt er an und dementiert das später nur insofern, als dass er den idealisierten Gründervater, in dem er sich narzisstisch selbst spiegelt, an Gottes vakante Stelle setzt.

Die grosse Erzählung geht weiter über die Genesis des Menschen als Affe – nicht als allgemeiner Affe oder etwa als Orang Utan, sondern (natürlich ungesagt und biologisch kontrafaktisch) als Pavian mit dessen konkreten Eigenschaften, was schon Murray Bookchin in «Die Ökologie der Freiheit» aufgefallen ist. Dieser Pavian als Inbegriff des Menschen an und für sich muss mit einer von den gottgleichen Gründervätern für «alle Ewigkeit» erschaffenen Maschine im Zaum gehalten werden: «Hier setzt nun die Hypothese der Feinabstimmung an. Als tribale Primaten sind Menschen ungeeignet für ein Leben in grossen, kulturell diversen, säkularen Demokratien – es sei denn, gewisse Dinge liessen sich so präzise justieren, dass die Entwicklung eines stabilen politischen Lebens möglich ist. Genau daran scheinen die Gründerväter geglaubt zu haben. Die Verfassung war für sie jenes gigantische Uhrwerk, das – wenn es denn wirklich perfekt war – bis in alle Ewigkeit funktionieren würde».

Dieses göttliche Uhrwerk kommt in der Gegenwart ins Stottern: «Und wie steht es um die Ausbildung unserer künftigen Uhrmacher? Was würden unsere Vorfahren sagen, wenn sie unsere renommiertesten Universitäten besuchten und dort von Mikroaggressionen, «trigger warnings» und «safe spaces» hörten, wenn sie die von Konflikten, Einschüchterung und Ängsten geschwängerte Luft atmen müssten?» Mensch schaudert mitfühlend fast körperlich beim Gedanken an die kristallklare Bergluft unter dem stahlblauen Himmel der «Gründerväter» und der davon übriggebliebenen «geschwängerten», also verweibten und damit dreckigen Stickluft des gegenwärtigen konkreten Lebens.

Diese wahrgenommene weibische Degeneration wird «mit Bezug auf eine ebenfalls aus der Physik abgeleiteten Metapher dargestellt (…): die zentrifugalen und zentripetalen Kräfte». Wobei das Zentrum recht explizit im stahlblauen Himmel der Gründerväter verortet wird, die Peripherie dagegen ungesagt in der undurchsichtigen, bedrohlichen Welt da draussen (US-Jargon).

Zuallererst wird das kontrafaktisch behauptete Fehlen von aktuellen Weltkriegen bemängelt. «Amerikas Beteiligung an den zwei Weltkriegen und der darauffolgende Kalte Krieg festigten den nationalen Zusammenhalt enorm. Der Vietnamkrieg zeitigte dann andere Wirkungen; aber grundsätzlich ist Krieg die stärkste unter den bekannten zentripetalen Kräften.» Ziemlich unverhohlen werden also Ernst Jüngers «Stahlgewitter» aus dem stahlblauen Himmel herbeigesehnt.

Weiter werden monopolisierte Medien angemahnt, also genau das, was Jürgen Habermas in «Strukturwandel der Öffentlichkeit» noch als existenzielle Gefahr für eine liberale, republikanische Demokratie identifiziert hat: «Aber als Mitte des 20. Jahrhunderts das Fernsehen seinen Siegeszug antrat, erlebte Amerika etwas Aussergewöhnliches: Die Medien wurden zu einer gigantischen zentripetalen Kraft. Die Amerikaner bezogen ein Gutteil ihrer Informationen aus drei Fernseh-Netzwerken, die reguliert und auf eine ausgewogene politische Berichterstattung verpflichtet waren.» Welch schöne heile Welt der 50er-Jahre, also der goldenen McCarthy-Ära aus Donald Trumps «Make America great again»…

Weiter geht es mit dem ungesagten Slogan «Assimilation statt Integration» in Bezug auf Immigration: «Ein politisch heikler und komplizierter Punkt sind Immigration und Diversität. (…) Ökonomen scheinen sich einig zu sein, das Immigration der Wirtschaftsleistung äussert zuträglich ist. Um die Zahl amerikanischer Nobelpreisträger ebenso wie um die Vorrangstellung der USA im kulturellen Bereich und im Technologiesektor wäre es weniger gut bestellt, hätte sich das Land nicht Einwanderern aus aller Welt geöffnet.» Und: «Aber Putnams Befunde machen klar, dass diejenigen, die mehr Diversität wünschen, sich noch wesentlich intensiver darum bemühen sollten, auch die zentripetalen Kräfte zu stärken.» Der universelle Weg zu mehr «zentripetalen Kräften» wurde zuvor mit McCarthy und Stahlgewittern immerhin so eingängig charakterisiert, dass das Problem sogar Haidt selbst auffallen musste, also wird der Joker «Identitätspolitik» aus dem Ärmel gezaubert.

Dabei bedient er sich einer künstlichen Opposition: «(…) können wir zwei Ausprägungen der Identitätspolitik unterscheiden: eine gute, die auf lange Sicht als zentripetale Kraft wirkt, und eine schlechte mit gegenteiligem Effekt.» «Die damalige Bürgerrechtsbewegung war Identitätspolitik, aber ihr Ziel war, einen Fehler zu bereinigen und Amerika zu einer besseren und stärkeren Nation zu machen». Er vergisst dabei, klarzustellen, dass das «Gute» an der «guten Identitätspolitik» für ihn primär darin liegt, dass sie ausschliesslich in der Vergangenheit zu verorten ist, analog zu «toter Indianer = guter Indianer» – und so unwidersprochen auf die Haben-Seite der glorreichen Nation geschlagen werden kann: «Stellen wir nun (Martin Luther) Kings Identitätspolitik diejenige gegenüber, die heute an den Universitäten gelehrt wird – insbesondere in einer neuen Variante, die seit fünf Jahren auf dem Vormarsch ist. Sie heisst Intersektionalität» – zu seinem Leidwesen in der Gegenwart.

Also wird erneut der Pavian in Haidt herbeizitiert: «Wenn man den tribalen Primaten in uns mit solchen binären Vorstellungen füttert, wo immer eine Seite gut und die andere böse ist, dann versetzt man ihn fast automatisch in Kampfmodus». Dass die «binäre Vorstellung» der «Intersektionalität» eine dreiste Lüge ist, sieht er wenigstens gleich selbst und ergänzt in Kriegsrhetorik: «Dazu kommt der strategisch brillante Schachzug der Intersektionalität: All diese binären Unterdrückungsszenarien, so heisst es, hängen zusammen und überlappen sich.» Also: «Die Identitätspolitik von heute ist damit völlig anders als diejenige, für die Martin Luther King stand. Sie verwirft Amerika und amerikanische Werte. Sie spricht nicht von Vergebung und Versöhnung. Sie ist eine massive zentrifugale Kraft, die mittlerweile auch Mittelschulen affiziert, insbesondere die progressiven Privatschulen.»

Reaktionär glorifiziert er die dagegen guten alten Zeiten der Reaganomics: «Als ich in den 1980er Jahren in Yale studierte, wurden mir die unterschiedlichsten Instrumente an die Hand gegeben, um die Welt zu verstehen. Ich konnte sie als Utilitarier oder als Kantianer betrachten, als Freudianer oder als Behaviorist, als Informatiker oder als Humanwissenschaftler. Jeden Sachverhalt konnte ich durch vielerlei Linsen in den Blick nehmen.» So harmonisch können die «vielerlei Linsen» (US-Jargon «lenses» i.S.v. Kameraobjektive) nur zusammenwirken, wenn das betrachtende Subjekt sich als überlegener neutraler Beobachter halluziniert, der sich dieser im fototechnischen Sinne austauschbaren Objektive rein instrumentell bedient. In diesem homogenen technizistischen Weltbild können keine Aporien existieren, keine Antagonismen, ist keine Erkenntnis möglich, welche das Subjekt selbst verändert, und schon gar nicht die politische Verfasstheit der Gesellschaft, die ja explizit und im engen Wortsinne reaktionär als ein von den Gründervätern-Göttern perfekt und für alle Ewigkeit geschaffenes Uhrwerk halluziniert wird. Selbstredend, dass in seinem als umfangreich präsentierten Objektiv-Patronengürtel «als Marxist sehen» logisch zwingend fehlten muss – und er schliesst folgerichtig: «Noch haben wir die Chance, eine Generation aufzuziehen, die mit dem kostbaren Uhrwerk umzugehen weiss».

Quelle:

Jonathan Haidt: Was Amerikas Einheit untergräbt. NZZ vom 4. August 2018, S.42:
https://www.nzz.ch/feuilleton/was-amerikas-einheit-untergraebt-ld.1407532

]]>
http://undenkbar.blogsport.de/2018/08/09/das-weltbild-des-zeitgenoessischen-reaktionaers/feed/
Antideutscher «Privilegiencheck» http://undenkbar.blogsport.de/2018/08/04/antideutscher-privilegiencheck/ http://undenkbar.blogsport.de/2018/08/04/antideutscher-privilegiencheck/#comments Sat, 04 Aug 2018 15:15:54 +0000 undenkbar AllgemeinAntideutsche http://undenkbar.blogsport.de/2018/08/04/antideutscher-privilegiencheck/ Folgendes hier in Gänze wiedergegebenes Zitat stammt vom ansonsten immer wieder positiv überraschenden Textsnippet-Scout s((i))ghts Blog für relevante Sichtweisen zum Zeitgeschehen:

«Suchte die Mikropolitik noch die Aneignung eines, und die Verbindung mit einem Außen, eben dem, was man nun mal nicht ist (Arthur Rimbauds „Ich ist ein Anderer“ könnte als der Wahlspruch des Minoritär-Werdens gelten), lautet der Appell der Selbst-Kritisch Weißen: „Bleibe der, der du nun einmal bist und trage schwer an deinem Privilegien-Päckchen!“. Zu diesem Zweck findet eine narzisstische Nabelschau statt, die in eine anti-politische, individualistische Sackgasse führt, die sich ideal mit der neoliberal atomisierenden Gesellschaft verträgt. (…) Hinter der Kritik am status quo verbirgt sich dessen Affirmation. Es ist darin kein großes „NEIN! Schluss damit! So soll es nicht länger sein!“ enthalten – vielleicht DIE Voraussetzung aller Emanzipation.»
ad calendas graecas Blog, 02.08.2018
Privilegiencheck als unendliches Gerichtsverfahren. Über die Rückkehr der Bürde des weißen Mannes in der Postmoderne

Anhand der zitierenden Quelle könnte vermutet werden, es handle sich dabei um im Grunde genommen solidarische Kritik. Stutzig machen müsste aber allein schon das an erster Stelle platzierte Schlüsselwort «Privilegiencheck», wird es doch von den Schreiber*n immer im pejorativ-abwertenden Sinne verwendet, der eine Begriffsbestimmung selbstredend überflüssig macht. Die im Text zustimmend verlinkte Vortragsankündigung Die feine Gesellschaft und ihre Freunde von Bahamas-Autor Clemens Nachtmann, als wortgewaltiger «Antideutscher» ebenso selbstredend sicher verankert im akademischen Mittelbau einer staatlichen deutschsprachigen Universität (Graz), stellt die Sache klar: Die Vortragsankündigung hebt schon kontrafaktisch an mit «Antirassismus, früher ein Steckenpferd linker Kleingruppen, ist längst deutsche Staatsraison geworden: moralische Empörung gegen vermeintliche Rassisten und die Solidarisierung mit Flüchtlingen gehören zum guten Ton der Berliner Republik.» und endet ebenso kontrafaktisch mit «Die als „Willkommenskultur“ vermarktete Massenmobilisierung von 2015/16 war in dieser Perspektive eine Mischung aus islamophilem Kindergeburtstag und antirassistischer Volksfront, bei der es natürlich nicht um Flüchtlinge ging, sondern um die Selbstdarstellung der guten Deutschen und um einen weiteren Anlauf im endlosen Bemühen, die postnazistische Gesellschaft zum multikulturellen Stammesverband umzurüsten.»

Abgesehen von der akademisierenden Sprache und geringfügigen Patzern wie «postnazisitische Gesellschaft» ist die gesamte Ankündigung so gehalten, dass sie so und genau so auch in einem Parteiorgan der AfD erscheinen könnte. Auf nichtidentisches.de wurde bereits gesagt, was dazu zu sagen ist: «Die Solidarisierung mit der AFD hatte eine Vorgeschichte, die an anderer Stelle diskutiert wird. Wer Thomas Maul (oder auch Justus Wertmüller, Clemens Nachtmann, Magnus Klaue, Sören Pünjer, Felix Perrefort) 2018 noch einlädt und sich überrascht gibt über AFD-positive Äußerungen vor dem Vortrag, dem kann man zumindest Naivität oder Lesefaulheit vorwerfen. Nichts, was Maul zur AFD von sich gab, steht in Widerspruch zu den Ausgaben der Zeitschrift „Bahamas“ der letzten Jahre.»

Doch vom Kontext (also sinnbildlich der AfD) zum Text: Vordergründig inszeniert snoozinsontag sowas wie eine solidarische Kritik an sozialen Phänomenen der «Critical Whiteness» am Beispiel einer polemischen Twitter-Äusserung der US-Schauspielerin Anne Hathaway: «White people – including me, including you – must take into the marrow of our privileged bones the truth that ALL black people fear for their lives DAILY in America and have done so for GENERATIONS. White people DO NOT have equivalence for this fear of violence.»

Diese Polemik wird als wissenschaftliche Tatsachenfeststellung genommen und als Pappkameraden-Argument mit einer statistischen Manipulation umgekehrt: «Die Schau auf den weißen Nabel ist so durch und durch narzisstisch, dass die so Schauenden nicht bemerken, dass sie den Afro-Amerikanern die Angst nicht nimmt, sondern eher im Gegenteil: Dazu beiträgt, dass sich diese wie ein Alpdruck auf die Gehirne legt.» Er beschuldigt also die Proponenten der Critical Whiteness, eine nicht so bezeichnete Todesangstneurose bei «Afro-Amerikanern» kausal zu verursachen, anstatt sie im Sinne einer fernpsychiatrischen Therapie wegzunehmen, im Text: «Laut eines Berichts der Washington Post, der Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, wurden 2017 von der US-Polizei 958 Menschen erschossen, davon waren 68 Personen unbewaffnet. Der Anteil an Afro-Amerikanern betrug dabei 22 Prozent, davon 19 Prozent unbewaffnet. Beide Werte sind zwar hoch, wenn man bedenkt, dass Afro-Amerikaner nur 6% der Gesamtbevölkerung ausmachen, aber die Behauptung Hathaways, dass lediglich Afro-Amerikaner um ihr Leben, und sei es lediglich im Falle einer Polizeikontrolle, fürchten müssten, ist schlicht unhaltbar.»

Die statistische Manipulation besteht nur schon darin, den vielen «68 Menschen» die unbewaffnet erschossen wurden, nur wenige «19% Schwarze» (also nur 13 Personen) gegenüberzustellen. Kein Grund zur Besorgnis, alles nur Neurose, und es ist «White Man’s Burden» (sic), diese Angstneurose beim Schwarzen Mann mit antideutscher Indoktrination zu therapieren? Ein kurzer Gegencheck mit den Originaldaten und hier nur mit der einen Zeile für «unbewaffnet» (gerechnet mit GNU R):

dat < - read.csv(file="fatal-police-shootings-data.csv",head=TRUE,sep=",")
ar <- table(dat$armed, dat$race)
                              A   B   H   N   O   W
unarmed                   2   1  20  13   1   1  30

Von 987 Getöteten waren 68 unbewaffnet (also die Fälle irgendwo zwischen Mord und fahrlässiger Tötung), darunter waren 20 Schwarze und 30 Weisse. 20 von 68 sind nach Adam Riese 29% und nicht 19% – wenn es zahlenmässig nicht so gelegen käme, könnte das als Abschreibfehler durchgehen. Aber in der vom Antideutschen natürlich bevorzugten Deutschen Quelle (Die Zeit) stand wörtlich: «Dem Bericht zufolge waren 22 Prozent der Erschossenen männliche Afroamerikaner, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung der USA nur sechs Prozent ausmacht. 19 von ihnen waren demnach unbewaffnet, als sie von der Polizei getötet wurden. Dies waren zwei mehr als 2016, aber deutlich weniger als 2015.» 19 Personen – und eben nicht 19% bzw. 13 Personen!

Bei Gleichbehandlung wären 6% Schwarze Ermordete zu erwarten, tatsächlich waren es 2017 aber 29% – die Wahrscheinlichkeit, in den von den Antideutschen heissgeliebten USA von den Agenten des staatlichen Gewaltmonopols unbewaffnet erschossen zu werden, war also für Schwarze fast fünf mal höher als für Nichtschwarze. Das «deutlich weniger als 2015» gibt einen Hinweis, hier die Zahlen über den gesamten Datensatz (2015 – 2018):

                                A   B   H   N   O   W
unarmed                     4   1  89  45   3   5  99

Von gesamthaft 246 unbewaffnet Getöteten waren 89 Schwarze, was einen Anteil von gut 36% ergibt, also sechs mal höher. Diese 6x höhere Wahrscheinlichkeit veranlasst snoozinsontag, gegen Hathaway zu höhnen: «die Behauptung Hathaways, dass lediglich Afro-Amerikaner um ihr Leben, und sei es lediglich im Falle einer Polizeikontrolle, fürchten müssten, ist schlicht unhaltbar.» Mensch stelle sich diese Zahlen (Faktor 6) und derartige Behauptungen im Zusammenhang mit eventuell krebserregenden Medikamenten vor…

Bekanntlich sind MINT-Fächer die Sache des Antideutschen nicht, also weiter zum geisteswissenschaftlichen Teil von snoozinsontags Polemik: «Hinter der Kritik am status quo verbirgt sich dessen Affirmation. Es ist darin kein großes „NEIN! Schluss damit! So soll es nicht länger sein!“ enthalten – vielleicht DIE Voraussetzung aller Emanzipation.» Diese dreiste Lüge unter Auslassung von «Black Lives Matter» bedürfte eigentlich keines Kommentars, sprechen für Nicht-Antideutsche die Zahlen doch für sich, ganz im Sinne von Frantz Fanon: «Diese Dinge werde ich sagen, nicht schreien. Denn schon lange ist der Schrei aus meinem Leben gewichen.» (Schwarze Haut, weisse Masken, Einleitung) Aber wir haben es bei Antideutschen eben mit autochthon Deutschen zu tun, mit authochthon Deutschem Umgang mit Bevölkerungsstatistik und damit autochthon Deutscher Banalität des Bösen.

Aus dem zitierten Zeit-Artikel: «Das große öffentliche Bewusstsein habe dafür gesorgt, dass die Beamten bei ihren Einsätzen vorsichtiger auf unbewaffnete Personen reagierten, sagte der Polizei-Experte Chuck Wexler der Washington Post.» Dieses gewachsene Bewusstsein mit allen rhetorischen Mitteln zu torpedieren, ist das offensichtliche unerklärt-erklärte Ziel snoozinsontags, indem er hinsichtlich der empirisch leicht gesunkenen Bedrohung kontrafaktisch psychologisierend schwadroniert: «Die Behauptung, Schwarze müssten immer und überall Todesangst haben, verstärkt die Bedrohung nur noch und steht damit jedem aufklärerischen, antifaschistischem, antirassistischem Empowerment entgegen. Freiheit von Angst müsste das Ideal sein, nicht ihre Beschwörung.» Was um Himmels Willen tut denn snoozinsontags anderes, als mit den gezeigten statistischen Manipulationen, also neudeutsch «alternativen Fakten», eine heile Welt zu beschwören?

Der auf die «Critival Whiteness» laienpsychoanalysierend gemünzte Schlusssatz: «Machen wir den Titel zum Programm: SCHLUSS MIT DEM GERICHT!» ist in dem gezeigten Antideutschen Zusammenhang leider autochthon Deutsch zu verstehen, denn die Schlussstrich-Metaphorik zieht sich durch den ganzen universalhistorisierenden Teil des Textes: «Die Narben, die 500+ Jahre Kolonialismus hinterlassen haben, reichen offenbar immer noch tief in die Gefühlshaushalte hinein.» (Was denn sonst?) «Allemal ist es begrüßenswert, dass eine wachsende Zahl von Menschen ein Bewusstsein für die Verwerfungen entwickelt, die das imperiale Zeitalter produziert hat, und welches Leid die westlichen Nationen einst über den Rest der Welt brachten.» («einst», also im märchenhaften «es war einmal», irgendwann in grauer Vorzeit, es gibt keinen Neokolonialismus, es gibt keine für den Trikont ökonomisch selbstmörderische «Freihandelsverträge», keine Militärinterventionen, nichts). «Die historische Schuld kann nicht im Individuellen abgetragen werden, da der Kolonialismus als historische Phase in der weltweiten Expansion des Kapitalverhältnisses ein gesellschaftliches Phänomen ist, das zu gesellschaftlichen Verwerfungen führte, die bis heute nachwirken und die nach gesellschaftlichen, politischen Lösungen verlangen.» (immerhin doch schwammig «nachwirken») «Dabei ist daran zu erinnern, dass im Schatten dieser Verwerfungen zugleich auch erstmals in der Geschichte der Menschheit die Möglichkeit am Horizont aufschien, dass der Mensch sich endgültig von den Fesseln des Naturzwangs löse.» (Die vielen positiven Seiten des Kolonialismus nicht zu vergessen, wie war das noch mit den Autobahnen in Deutschland?):

Also: Schlussstrich unter die fortdauernde mörderische Geschichte das Rassismus in den USA, damit (noch!) unsagbar mit Gauland und der AfD: Schlussstrich unter den «Vogelschiss der Deutschen Geschichte»!

]]>
http://undenkbar.blogsport.de/2018/08/04/antideutscher-privilegiencheck/feed/
Max Frisch, der CIA und Adorno http://undenkbar.blogsport.de/2018/02/11/max-frisch-der-cia-und-adorno/ http://undenkbar.blogsport.de/2018/02/11/max-frisch-der-cia-und-adorno/#comments Sun, 11 Feb 2018 09:07:12 +0000 undenkbar AllgemeinAdornoAntideutscheHabermas http://undenkbar.blogsport.de/2018/02/11/max-frisch-der-cia-und-adorno/ Eigentlich nichts Neues, dass nach WK 2 die deutschsprachige Hochkultur umfassend vom Geheimdienst CIA gesponsert und damit inhaltlich determiniert wurde. Dieser Satz aus der Sonntagszeitung war mir noch unverdächtiges Allgemeinwissen: „Die Amerikaner pushten die abstrakte Kunst, darunter die Tröpfelbilder eines Jackson Pollock, die politisch so unverdächtig sind, dass sie in einer Grossbank hängen können.“ – doch dieser Satz aus darauf folgenden Telepolis-Artikel zündete mir eine Idee: „Das wohl effizienteste Instrument der CIA war die politische Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Export von Kultur wie Jazz und Spielfilmen, die für ein positives Verhältnis zur atombombenwerfenden Supermacht sorgten.“ (Telepolis).

Marcuse war angeblich der Einzige, der zu Lebzeiten zugegeben hatte, auf der Payroll des CIA zu stehen, und dass Horkheimer sich als CIA-Agent im Interesse der US-militärisch-industriellen Komplexes verstand und pflichtbewusst danach handelte, war eigentlich offensichtlich („es ist im Grunde die Verteidigung der Verfassung, die Verteidigung der Menschenrechte, und Sie können heute sagen: ja, und was passiert denn da in Vietnam? (…) sie verteidigen die Welt, in der es noch ein bißchen so etwas wie Freiheit gibt, gegen das Gegenteil, selbst wenn man dazu auch totalitäre Mächte leider benutzen muß.“, Horkheimer), und warum sonst hätte er die akademische Karriere des durch und durch bürgerlich-konservativen Habermas als „zu links“ verhindern wollen?

Doch der Ausdruck „Atombombe“ ist untrennbar verbunden mit dem Lebenswerk von Günther Anders, dessen akademische Karriere zu verhindern Adorno angeblich ein Anliegen war (zitiert nach Wikipedia): „Es gibt Gerüchte, dass Theodor W. Adorno wegen einer vermeintlichen Heidegger-Nähe Sterns und aus qualitativen Gründen heftigen Einspruch gegen dessen Arbeit erhoben habe und die Habilitation bei Tillich in Frankfurt deshalb gescheitert sei.“, Ofenschlot zitierte die Sachlage konzentriert auf den Punkt: „Günther Anders, das muss man noch erwähnen, war Antimilitarist. Und Adorno doch irgendwie auch, oder?“ – »Einmal habe ich ihn gebeten, auf einer Ostermarsch-Kundgebung zu sprechen. Ich war krank geworden. Da sagte er am Telefon: ’Sie wissen doch, dass ich hinter keiner Fahne herlaufe.‘ – ’Dann laufen Sie doch vor der Fahne‘, entgegnete ich. Er legte auf.«

Nicht zwei, nicht drei, nicht vier, nein eine (1) Fundstelle zum Stichwort „Atombombe“ findet sich in den abertausenden von Seiten der kompletten gesammelten Schriften von Adorno (der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es zu „atom bomb“ immerhin sieben (7) Fundstellen auf 3 Seiten der in den USA entstandenen „Qualitative Studies of Ideology“ gibt): „Man wird weiter die Erwägung nicht von sich abweisen können, daß die Erfindung der Atombombe, die buchstäblich mit einem Schlag Hunderttausende auslöschen kann, in denselben geschichtlichen Zusammenhang hineingehört wie der Völkermord. Die sprunghafte Bevölkerungszunahme heute nennt man gern Bevölkerungsexplosion: es sieht aus, als ob die historische Fatalität für die Bevölkerungsexplosion auch Gegenexplosionen, die Tötung ganzer Bevölkerungen, bereit hätte. Das nur, um anzudeuten, wie sehr die Kräfte, gegen die man angehen muß, solche des Zuges der Weltgeschichte sind.“

Der ohne Rücksicht auf eigene Verluste öffentlich ausgelebten leidenschaftlichen Inbrunst, mit der Adorno unermüdlich und direkt gegen diese „Kräfte“ anging, die öffentlich ganz selbstverständlich mit der atomaren Vernichtung der Menschheit im Ganzen (bei Adorno verniedlichend „auf einen Schlag Hunderttausende auslöschen“) zur Verhinderung des Kommunismus drohten, verdankte er seine ungefährdete Stellung als Medien-Star im öffentlich-rechtlichen Radio. Mensch muss nicht buchhalterisch auf der Payroll des CIA stehen, um dessen imaginierte Pistole an der Schläfe, die doch nur die unsichtbare Hand am Stecker der eigenen Erfolgsmaschine ist, verschämt zur Grundlage des eigenen Handelns zu machen.

Ende der 90er schenkte mir Adorno-Schüler Detlev Claussen an diesen immergleichen akademischen Einführungsvorlesungen zur Kritischen Theorie jenen unvergesslichen Blickkontakt, beim Erörtern der Mitarbeit Horkheimers beim OSS (Vorgängerorganisation des CIA), diesen kurzen, herausfordernd prüfenden Blick, der meinerseits nicht auf die vielleicht erhoffte komplizenhaft-hoffnungsvolle Faszination, sondern auf fassungslose Entgeisterung traf. Ein Blick, der endgültig klärte: Nein, ich würde an seinem Institut in Hannover, einer veritablen Brutstätte das antideutschen US-Militarismus, niemals geduldet werden.

Quellen

Max Frisch und die CIA. TagesAnzeiger/Sonntagszeitung, 4.2.2018
https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/max-frisch-und-die-cia/story/21051959

Die Max Frisch-Identität, Telepolis, 7.2.2018
https://www.heise.de/tp/news/Die-Max-Frisch-Identitaet-3962024.html

Zum Horkheimer-Zitat:
http://ofenschlot.blogsport.de/2010/07/26/der-alter-mann-und-der-krieg/
http://undenkbar.blogsport.de/2017/11/26/rene-scheu-und-bassam-tibi-in-der-nzz-die-barbaren-berufen-sich-auf-adorno/

Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. C. H. Beck, München 1956
https://de.wikipedia.org/wiki/Günther_Anders

Ofenschlot: Anders vs. Adorno
http://ofenschlot.blogsport.de/2009/07/11/anders-vs-adorno/

Adorno: Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Erziehung nach Auschwitz. Digitale Bibliothek Band 97: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 8518 (vgl. GS 10.2, S. 675)

Adorno: Band 9: Soziologische Schriften II: Part IV: Qualitative Studies of Ideology. Digitale Bibliothek Band 97: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 6488 (vgl. GS 9.1, S. 419)

]]>
http://undenkbar.blogsport.de/2018/02/11/max-frisch-der-cia-und-adorno/feed/
Zum autoritären Welt- und Menschenbild (verwertbarer) esoterisch ausgerichteter Heilverfahren http://undenkbar.blogsport.de/2018/01/14/zum-autoritaeren-welt-und-menschenbild-verwertbarer-esoterisch-ausgerichteter-heilverfahren/ http://undenkbar.blogsport.de/2018/01/14/zum-autoritaeren-welt-und-menschenbild-verwertbarer-esoterisch-ausgerichteter-heilverfahren/#comments Sun, 14 Jan 2018 12:40:40 +0000 undenkbar AllgemeinCultural Appropriation http://undenkbar.blogsport.de/2018/01/14/zum-autoritaeren-welt-und-menschenbild-verwertbarer-esoterisch-ausgerichteter-heilverfahren/ „Das ist unsoziologisch gedacht“ als der „schlimmste Vorwurf“ war vor einiger Zeit an einem Vortrag in der SWR-Tele-Akademie zu hören. Aber der Text hier ist nicht als Vorwurf gedacht, sondern als Ergänzung, denn auf der Ergänzung „verwertbar“ im Sinne von kapitalistischer In-Wert-Setzung zum Originaltitel des Beitrags von Ingrid Tomkowiak im sehr lesenswerten Blog Geschichte der Gegenwart soll hier etwas herumgeritten werden: Tomkowiak selbst beginnt mit: „Esoterische Heilverfahren haben seit den 1980er Jahren Konjunktur. (…) Entsprechende Ratgeberliteratur findet sich in nahezu jeder Buchhandlung, Bildungsträger bieten zahlreiche Therapiekurse an, Messen und Gesundheitsmärkte boomen.“

Richtig bemerkt sie, dass diese Therapien auf eine „Veränderung der Grundanschauungen“ zielen und damit „auch politisch zu beurteilen“ sind. Ungesagt und ungedacht bleibt im Folgenden aber, dass die von ihr treffend beschriebenen Phänomene an (und primär an) derjenigen Spitze des Eisbergs nachgewiesen werden, die in den vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnissen von ungefährdeter öffentlicher Sichtbarkeit profitiert.

Ein Beispiel: „Als Wert an sich wird ‚Natur‘ bestimmt. Dabei erfährt sie eine Reihe positiver Zuschreibungen: Sie gilt als sanft und zugleich als sicher, als harmonisch, rein und – wie selbstverständlich – als gesund.“ Wird das so als Kritik formuliert, wird ungesagt vorausgesetzt, dass diese verabsolutierende Aussage in erster Linie die absoluter Entfremdung dokumentiert, die im bürgerlichen Begriff von „Natur“ als etwas „Anderem“ bzw. gesellschaftlich „Geandertem“ bereits angelegt ist. Wer „Natur“ einfach nur als „sanft und zugleich sicher“ wahrnimmt, nimmt die eigene sinnliche Wahrnehmung der Sanftheit und Sicherheit des Polstersessels in der geheizten Stube vor dem Fernseher während der Naturdoku irrtümlich für das Ganze.

Dieselbe Entfremdung wird sichtbar in der eklektizistischen Aneignung von (u.a.) „Elemente(n) aus der mittelalterlichen Mystik, der Alchemie, der Ur- und Stammeskulturrezeption, exotische medizinische und paramedizinische Techniken, Anleihen aus der Naturheilkunde und Kräutermedizin verschiedener Kulturen und Epochen.“ Damit „liefern VerfasserInnen esoterisch ausgerichteter Gesundheitsratgeber triviale Erklärungsmuster komplexer Zusammenhänge und Sachverhalte“. Ja, das tun sie: aber das ist nur möglich im Modus der enteignenden und anschliessend ökonomisch in-Wert-setzenden „cultural appropriation“.

Denn wenn es einen Konsens unter Ethnolog*en und Anthropolog*n der Gegenwart gibt, dann diesen: Die oben angedeuteten „Elemente“ sind jedes einzeln an und für sich unendlich kompliziert und erfordern jahrelanges ernsthaftes Studium zur Erlangung von Kompetenz in dem Fachgebiet. Und dann der Erkenntnis-Schock: diese Kompetenz lässt sich schon linguistisch gerade nicht einfach in die Sprache der Forscher* übersetzen – im Gegenteil: sie kann die eigene, vermeintlich vertraute Sprache ins Unverständliche verfremden! Diese Tatsache ist aber unter den gegebenen Verhältnissen nur solchen Leuten zugänglich, die sich – weil des Lesens mächtig – angewidert abwenden von Regalmetern von Eso-Literatur, die „sich in nahezu jeder Buchhandlung“ finden – um anschliessend festzustellen, dass der extra aus den USA eingeschiffte Klassiker im Kaufbeleg unter „Esoterik“ einsortiert ist…

Ein Gedankenexperiment: 100 Jahre zurückspulen, und es fallen die Sätze: „Der Vorwurf an die Schulmedizin lautet, sie sei gegen die Natur des Menschen gerichtet. Entsprechend wird ein ‚neues Paradigma‘ im Beziehungsgefüge von Gesundheit, Krankheit und Heilung postuliert.“ Soweit, so selbstverständlich ohne Kontext – aber die Diskussion dreht sich um eine manifest psychisch kranke Person, welche schon dutzende von teuren medikamentösen Therapien gegen die damals wissenschaftlich erwiesene Krankheit der Homosexualität hinter sich hat. Wieder 100 Jahre vorspulen, und die zitierten Sätze leuchten in ganz anderen Farben.

Der rhetorische Trick mit den hundert Jahren vereinfacht das schnelle oberflächliche Verständnis, verschleiert aber (und das ist das Entscheidende), dass damals genau dieselben Regalmeter strukturell derselben Literatur „sich in nahezu jeder Buchhandlung“ fanden, die damals unter den von Tomkowiak selbst zitierten „Denkmuster der Reformbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts“ firmierten. Mensch muss nicht Thomas Manns Zauberberg zitieren, um für die damalige Zeit festzustellen: „Bildungsträger bieten zahlreiche Therapiekurse an, Messen und Gesundheitsmärkte boomen.“ – aber eben: als Spitze des Eisbergs, die in den vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnissen von ungefährdeter öffentlicher Sichtbarkeit profitiert. Dass in derselben Epoche im Unverstandenen und Verborgenen das zu reifen begann, was heute als poststrukturalistische Ethnologie und Anthropologie einer Minderheit langsam verständlich zu werden beginnt, war damals noch nicht abzusehen.

Aber eine solche Argumentationsform wäre doch das titelgebende Programm der Geschichte der Gegenwart?

Ingrid Tomkowiak: Zum autoritären Welt- und Menschenbild esoterisch ausgerichteter Heilverfahren
Geschichte der Gegenwart, 14.1.2018
http://geschichtedergegenwart.ch/sanfte-alternativen-zum-autoritaeren-welt-und-menschenbild-esoterisch-ausgerichteter-heilverfahren/

]]>
http://undenkbar.blogsport.de/2018/01/14/zum-autoritaeren-welt-und-menschenbild-verwertbarer-esoterisch-ausgerichteter-heilverfahren/feed/
Rolf Dobelli warnt vor dem Pakt mit dem Teufel http://undenkbar.blogsport.de/2017/12/23/rolf-dobelli-warnt-vor-dem-pakt-mit-dem-teufel/ http://undenkbar.blogsport.de/2017/12/23/rolf-dobelli-warnt-vor-dem-pakt-mit-dem-teufel/#comments Sat, 23 Dec 2017 16:29:06 +0000 undenkbar AllgemeinHabermasKant http://undenkbar.blogsport.de/2017/12/23/rolf-dobelli-warnt-vor-dem-pakt-mit-dem-teufel/ …teasert die aktuelle schmale Weihnachtsausgabe der NZZ vom 23.12.2017 (S.39/S.41, „Der Kreis der Würde III“). Dobelli amtet dort seit Längerem als Ratgeber in Sachen „gutes Leben“, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf seinen einzigen intellektuellen Übervater Warren Buffett sich berufend. Auffällt daher die für seine Verhältnisse innovative Leere in seiner weihnachtlichen Predigt wider den Teufelspakt, wo zum Teufel bleibt denn da der notorische Warren Buffett?

Nur Rhetorik? Soweit schon, bei Dobelli lautet ein ähnlicher Kalauer zu Johann Georg Faust: „Goethe hat ihn in den Rang eines Klassikers gehoben und damit auf die Liste der Schulpflichtlektüren. Seither wünschen ihn die Schüler zur Hölle. Seine Seele verkaufen – was bedeutet das?“

Dobelli antwortet: „Zu einem guten Leben gehört (…) ein kleiner, aber klar definierter Kreis der Würde. (…) Wir müssen diesen Kreis vor drei Arten von Angriffen schützen: a) vor dem besseren Argument, b) vor der Gefahr für Ihr physisches Leben und c) vor dem Deal. (…) Wer seinen Kreis der Würde nicht klar genug abzirkelt, wird bei jedem verlockenden Angebot, jedem Deal neu überlegen müssen. Das ist nicht nur eine grosse Zeitverschwendung. Es erodiert auch Ihren Selbstrespekt und Ihre Reputation – was Sie anfälliger macht für zukünftige Angebote. Ein wahrer Teufelskreis also.“

Et voilà – c) ist von Rolf Dobelli auf den Punkt gebracht seine Kernthese nach Warren Buffett, das Einzige, was er hat, der Fels, auf den seine gesamte Serie zur „Kunst des guten Lebens“ gebaut ist: Eine als „Würde“ getarnte wöchentliche Lüge, die mittels der Methode der endlosen Wiederholung „vor dem besseren Argument“ zu „schützen“ er besinnungslos verurteilt ist. Welcome to hell.

Eingeführt hat Dubelli das Thema freilich – ganz der rechtspopulistischen Partei SVP verpflichtet – mit dem schweizerischen Nationalmythos der Teufelsbrücke über die Schöllenenschlucht am Gotthardpass: „Immer wieder waren die Urner am Bau einer Brücke gescheitert. (…) Die Urner hatten ihre Seele verkauft und kamen mit einem blauen Auge und einer verkehrstechnisch revolutionären Brücke davon.“

Anlässlich der TV-Übertragung der Eröffnungsfeier zum neuen Gotthard-Basistunnel fragte mich eine Kenyanerin – in Unkenntnis des Teufelsbrücken-Mythos, aber natürlich sehr wohl in Kenntnis von Sachen wie Schwarzgeld auf Schweizer Banken – das für sie Offensichtliche (in meiner Erinnerung sinngemäss so verallgemeinernd): „Haben die Schweizer mit dem Teufel gedealt für diesen Tunnel – und feiern das auch noch öffentlich?“ Mit diesem (Miss-)Verständnis hatte sie in fragender Verständnislosigkeit mehr verstanden, als Dobelli jemals denkbar sein wird.

Zum Einen: Der Mythos transzendiert Raum und Zeit: „Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“ schliessen die klassischen Märchen. Bei Dobelli: „Der Brocken donnerte die Schöllenenschlucht hinab, verfehlte die neue Brücke nur knapp und blieb erst unterhalb des Dorfes Göschenen liegen. Dort sieht man ihn heute noch – man nennt ihn seither den Teufelsstein.“

Zum Anderen: Der Mythos transzendiert psychische Innen- und Aussenwelt und ist irreduzibel Bestandteil des kollektiven Unbewussten, dermassen omnipräsent und gleichzeitig verborgen, dass er beispielsweise für eine in der Schweiz lebende Kenyanerin unverschämt offensichtlich ist, nicht aber für die Sujbekte selbst.

Und auch nicht für Dobelli und den zustimmenden Teil seiner Leser*schaft: „Der Deal infiltriert unser Leben. Vermeiden Sie auf jeden Fall den Teufelspakt.“ – so der Untertitel. Und das individualisierende Fazit: „Hunderte solche Beispiele zeigen, dass die Geldwirtschaft ihre Angriffe auf ehemals heilige Gebiete ausdehnt. Sie können nicht erwarten, dass der Gesetzgeber diesen Teufelsritt der wirtschaftlichen Logik stoppt. Es liegt an Ihnen, (…) Definieren Sie Ihren Kreis der Würde scharf. Lassen Sie sich nicht infizieren, wenn das ökonomische Virus versucht, in Ihr Werteimmunsystem einzudringen. Die Dinge innerhalb ihres Würdekreises sind nicht verhandelbar – egal, wie viel Geld dafür geboten wird.“ – schreibt ein unermüdlicher Warren Buffett-Bewunderer ohne Geldsorgen, der exakt aus diesem Grunde dazu verurteilt ist, in einer erklärtermassen bürgerlich-liberalen, gemäss Selbstdeklaration der Aufklärung verpflichteten Traditionszeitung, an erster Stelle(!) das „bessere Argument“ als „Angriff“ auf seine „Würde“ zu bezeichnen, von dem ihn vorgeblich sein persönliches „Werteimmunsystem“ schütze.

Notwendig undenkbar muss ihm bleiben, dass es mitnichten sein öffentlich vor sich her getragenes, von Warren Buffett inspiriertes individualisiertes „Werteimmunsystem“ ist, welches ihn vor „Angriffen“ auf seine „Würde“ durch das „bessere Argument“ schützt, sondern primär die Blocher- und Tettamanti-Milliarden, welche bei der NZZ auch im Feuilleton via Chefredaktor René Scheu ein „Klima der untergründigen Angst“ geschaffen haben, welches sukzessive alle guten Geister mit vorhandenem bürgerlichem Restverstand zugunsten von Leuten wie Rolf Dobelli aus der NZZ vertreibt.

q.e.d.

Quellen

Rold Dobelli: Der Kreis der Würde III. NZZ, 23.12.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/der-kreis-der-wuerde-iii-ld.1342080

Daniel Gerni: Allah am Gotthard. NZZ, 7.6.2016
https://www.nzz.ch/schweiz/gotthardtunnel-eroeffnung-allah-am-gotthard-ld.87196

Spektakel am Gotthard: „Die merkwürdigste Zeremonie der Welt“
https://www.srf.ch/kultur/buehne/spektakel-am-gotthard-die-merkwuerdigste-zeremonie-der-welt

Kaspar Surber: Die Angst geht um an der Falkenstrasse, WoZ, 12.10.2017
https://www.woz.ch/1741/nzz/die-angst-geht-um-an-der-falkenstrasse

]]>
http://undenkbar.blogsport.de/2017/12/23/rolf-dobelli-warnt-vor-dem-pakt-mit-dem-teufel/feed/
René Scheu und Bassam Tibi in der NZZ: Die Barbaren berufen sich auf Adorno http://undenkbar.blogsport.de/2017/11/26/rene-scheu-und-bassam-tibi-in-der-nzz-die-barbaren-berufen-sich-auf-adorno/ http://undenkbar.blogsport.de/2017/11/26/rene-scheu-und-bassam-tibi-in-der-nzz-die-barbaren-berufen-sich-auf-adorno/#comments Sun, 26 Nov 2017 12:28:40 +0000 undenkbar AllgemeinAdornoCultural Appropriation http://undenkbar.blogsport.de/2017/11/26/rene-scheu-und-bassam-tibi-in-der-nzz-die-barbaren-berufen-sich-auf-adorno/ „Die Barbaren, sie lauern überall – auch der Antirassismus taugt zum Rassismus“ titelte René Scheu am 28.10.2017, seines Zeichens Chefredaktor des Feuilletons der Zürcher NZZ und in dieser Funktion kausal mitverantwortlich für das „Klima der untergründigen Angst“, welches dort seit einiger Zeit das Arbeitsverhältnis prägt (WoZ vom 12.10.2017). In seinem ummauerten Gärtchen simulierte er kürzlich eine intellektuelle Debatte, welche über die zu dem Zwecke logisch notwendige handzahme Replik von Dieter Thomä, „Was ist das Erbe der Aufklärung?“, in der umfassenden Bestätigung von Scheus Weltanschauung gipfelte durch den notorischen „Adorno-Schüler“ Bassam Tibi, welcher „über das merkwürdige Bündnis von Progressiven und Islamisten“ einmal mehr öffentlich schwadronieren durfte.

Um die Sache von hinten aufzurollen zunächst dieser Satz aus dem WoZ-Artikel zum Hintergrund des gegenwärtigen journalistischen Arbeitsklimas bei der NZZ: „Die Gefahr stand im Raum, dass die rechtspopulistische Medienoffensive der Milliardäre Tito Tettamanti und Christoph Blocher nach der «Weltwoche» und der «Basler Zeitung» auch die «Neue Zürcher Zeitung» erreichen könnte: wenn nicht über die Aktien, dann über die Köpfe.“

Die rechtspopulistische „Basler Zeitung“ ist bazonline.ch – in diesem Kontext die sehr professionell SEO („search engine optimized“) Google-Top-Ergebnisseite zu Bassam Tibi, zumindest in der Schweiz:

Bassam Tibi

…und darüber gleich zum Kulminationspunkt von Tibis Argumentation:

„Die «Progressiven» sind in der Tat kulturrelativistisch und postmodern; sie ersetzen das individuelle «Subjektivitätsprinzip» (Habermas) durch Minderheitenrechte. Setzte sich diese Haltung durch, würde dies das Ende von Europa als Kontinent der Aufklärung und als «Insel der Freiheit in einem Ozean der Gewaltherrschaft» (Horkheimer) bedeuten.“

Tibi gibt die Quelle des Horkheimer zugeschriebenen Zitats nicht an, Ofenschlot hatte vor einiger Zeit in seinem Blog-Beitrag „Der alte Mann und der Krieg“ eindrücklich belegt, auf welchen Horkheimer der hochdekorierte Adorno-Schüler Tibi sich beruft:

„Ganz Asien würde chinesisch werden. Aber die Intellektuellen sehen nur das Grauen dieses Krieges, die unglücklichen Vietnamesen, die scorched earth policy [Verbrannte Erde. Es ist ein pikantes Detail, dass Horkheimer resp. sein Chronist auf den englischen Ausdruck ausweicht, um bloß keine Wehrmachts-Assoziation aufkommen zu lassen? Anm. Ofenschlot] der amerikanischen Kriegsführung. Was sie nicht sehen, ist die Hölle einer chinesischen Weltherrschaft.“ (Gesammelte Schriften Bd.18, Frankfurt 1996, S. 646f.)

„Wenn in Amerika es gilt, einen Krieg zu führen – und nun hören Sie wohl zu – einen Krieg zu führen, so ist es nicht so sehr die Verteidigung des Vaterlandes, sondern es ist im Grunde die Verteidigung der Verfassung, die Verteidigung der Menschenrechte, und Sie können heute sagen: ja, und was passiert denn da in Vietnam? Sie können mit Recht all das Furchtbare darstellen – wenn Sie es können – was in Vietnam sich ereignet. Aber diese jungen Menschen, die da hinausgehen, glauben, sie verteidigen die Welt, in der es noch ein bißchen so etwas wie Freiheit gibt, gegen das Gegenteil, selbst wenn man dazu auch totalitäre Mächte leider benutzen muß.“ (Antwortschreiben Horkheimer vom 18.5. 1967 an den Frankfurter SDS)

Das also ist Bassam Tibis Horkheimer. Natürlich könnte man sich lustig machen über den öffentlich zur Schau gestellten Primitivismus von jemdandem, der sich in symbolischem Ahnenkult vor dem Schrein bzw. säkular „vor dem Schreibtisch von Theodor W. Adorno an der Goethe-Universität in Frankfurt fotografieren“ lässt, in jovial herablassender Pose des hochdekorierten Intellektuellen, laut Wikipedia Träger des „Bundesverdienstkreuz erster Klasse“ und des „Jahrespreis der Stiftung für Abendländische Besinnung“, kurz: Deutscher als Deutsch. Natürlich ist es absolut lächerlich, wenn er sich in dieser objektiv obrigkeitsdeutschen sozialen Position geriert als „ein gelbhäutiger muslimischer Westasiate aus Damaskus“, der sich über irrationale „Dritte-Welt-Propheten“ (sic) mokiert.

Doch das trifft den Kern der Sache nicht. Tibi dekliniert den Kalauer „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“ folgendermassen: „In meinen jungen Jahren als linker Student in Frankfurt und aktiver 68er habe ich selbst den «tiers-mondisme» von Frantz Fanon vertreten und sass als «Progressiver» im Beirat der damals einflussreichsten marxistischen Berliner Zeitschrift «Das Argument». Schon damals wehrte ich mich allerdings gegen die im Gedeihen befindliche Verherrlichung des Fremden, die auf der Umkehrung der Verteufelung des Fremden, nicht aber auf deren Überwindung basiert.“ (NZZ a.a.O.)

Die grammatische Vergangenheitsform in Sachen Frantz Fanon ist nämlich nicht nur intellektuell unredlich, sie ist eine glatte Lüge, liefert Frantz Fanon doch den Schlüssel zum Verständnis von Tibis gegenwärtigem Wirken: Er hat sowohl „Scharze Haut, weisse Masken“ wie auch „die Verdammten dieser Erde“ grundsätzlich nicht verstanden und gleichzeitig zutiefst verinnerlicht. Seine idiomatische Deutsche Farbenlehre zu Syrer*n, mit der er kokettiert, liest sich bei Fanon so:

„Im Übrigen, fügen sie hinzu, sprechen wir den Schwarzen keineswegs jeden Wert ab, aber wissen Sie, es ist besser, wenn man weiss ist. Kürzlich unterhielten wir uns mit einer von ihnen. Als ihr die Puste ausging, warf sie uns an den Kopf: «Übrigens pocht Césaire nur deshalb so auf seine schwarze Hautfarbe, weil er sie wirklich als Fluch empfindet. Pochen etwa die Weissen auf die ihre? In jedem von uns steckt ein weisses Potential, manche wolle nichts davon wissen oder kehren es einfach um. Ich persönlich würde im keinen Preis der Welt einen Neger heiraten.»“ (Fanon: Schwarze Haut, weisse Masken: 42).

„Es liegt auf der Hand – und ich werde nicht müde, es zu wiederholen – dass der Anstrengung des Arztes aus Guadeloupe, seine Entfremdung aufzuheben, wesentlich andere Motive zugrunde liegen als der des Negers, der am Bau des Hafens von Abidjan mitarbeitet. Beim Ersteren ist die Entfremdung fast intellektueller Art. Insofern er die europäische Kultur als ein Mittel begreift, sich von seiner Rasse zu lösen, setzt er sich als Entfremdeter. Der Letztere tut dies, insofern ein Opfer eines Regimes ist, das auf der Ausbeutung einer bestimmten Rasse durch eine andere beruht, auf der Verachtung einer bestimmten Menschheit durch eine Form der Zivilisation, die als überlegen gilt.“ (Fanon: Schwarze Haut, weisse Masken: 169).

Bassam Tibi hat in seinem Leben in der durch und durch rassistischen bürgerlichen Deutschen Bildungselite daraus die doppelte Konsequenz gezogen, dass er sich zunächst die Deutsch-“europäische Kultur“ karikaturesk über-aneignen muss, das aber bei weitem nicht genügt: Zusätzlich muss er sich öffentlichkeitswirksam zum Komplizen eines Regimes machen, das auf der gewaltsamen Ausbeutung einer bestimmten Rasse (Horkheimers „Ozean der Gewaltherrschaft“) durch eine andere beruht (Horkheimers „Insel der Freiheit“).

Darin gründet sein tatkräftiges Engagement für den europäischen nationalistischen Rechtspopulismus bei Zeitungen wie BaZ, NZZ oder auch online beim Rechtsaussen-Blog „Achse des Guten“, daher ist ihm die unter Historikern unbestrittene Wahrheit undenkbar, dass Horkheimers „Ozean der Gewaltherrschaft“ seine kausale Ursache grossteils in der selbstproklamierten „Insel der Freiheit“ hat, von den Kolonialkriegen des 19. Jh. über die beiden von Deutschland und dessen Leitkultur kausal verursachten Weltkriege, den Algerienkrieg, den Vietnamkrieg, die Golfkriege, der Libyenkrieg, usw. usf. Bei Fanon liest sich das von Tibi im Sinne der „cultural appropriation“ enteignete und ins Europäisch-Deutschnationale umgekehrte Argument für die Nation so:

„Die Verantwortung des kolonisierten Intellektuellen ist keine Verantwortung gegenüber der nationalen Kultur, sondern eine allgemeine Verantwortung gegenüber der ganzen Nation, von der die Kultur letztlich nur ein Aspekt ist. Der kolonisierte Intellektuelle darf sich nicht damit beschäftigen, sich die Ebene seines Kampfes auszusuchen, den Sektor, in dem er den nationalen Kampf zu führen gedenkt. Sich für die nationale Kultur schlagen, heisst zunächst, sich für die Befreiung der Nation, der materiellen Stammutter schlagen, durch die die Kultur erst möglich wird“. (Fanon: Die verdammten dieser Erde: 178)

Das ist, pervertiert angeeignet von den Deutschnationalen, das politische Programm der Achse des Guten, der Bassam Tibi mit seiner Leitkultur tatkräftig zuarbeitet. Er hat seinen Fanon schon gelesen… Die Kritische Theorie ist mittels der Negation des Negativen in Adornos Negativer Dialektik endgültig in Deutschland bzw. Deutsch-Europa angekommen. Doch ohne Negation bleibt davon nur der klassische Deutschnationale Rechts-Hegelianismus mit den bekannten Folgen.

Der Faschismus in statu nascendi beruft heute auf Adorno sich.

Quellen

Die Angst geht um an der Falkenstrasse, WoZ, 12.10.2017
https://www.woz.ch/1741/nzz/die-angst-geht-um-an-der-falkenstrasse

René Scheu, Die Barbaren, sie lauern überall, NZZ, 28.10.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/die-barbaren-sie-lauern-ueberall-ld.1324642

Dieter Thomä, Was ist das Erbe der Aufklärung?, NZZ, 3.11.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/was-ist-das-erbe-der-aufklaerung-ld.1325909

Bassam Tibi, Aufklärung und Kulturrelativismus vertragen sich nicht, NZZ, 22.11.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/aufklaerung-und-relativismus-vertragen-sich-nicht-ld.1330627

Ofenschlot: Der alte Mann und der Krieg
http://ofenschlot.blogsport.de/2010/07/26/der-alter-mann-und-der-krieg/

Fanon, Frantz: Schwarze Haut, weisse Masken. Tunia + Kant, Wien 2013, 2016.

Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1966, 2008.

]]>
http://undenkbar.blogsport.de/2017/11/26/rene-scheu-und-bassam-tibi-in-der-nzz-die-barbaren-berufen-sich-auf-adorno/feed/
Polyrhythmus im madagassischen Salegy http://undenkbar.blogsport.de/2017/08/21/polyrhythmus-im-madagassischen-salegy/ http://undenkbar.blogsport.de/2017/08/21/polyrhythmus-im-madagassischen-salegy/#comments Mon, 21 Aug 2017 15:30:36 +0000 undenkbar AllgemeinPolyrhythmusWright http://undenkbar.blogsport.de/2017/08/21/polyrhythmus-im-madagassischen-salegy/ Fortsetzung zum Nicht-ganz-so-Selbstverständlichen in Polyrhythmus? Selbstverständlich!

Ist der ternäre 3/4 Takt traditionell und der binäre 4/4 Takt modern, was ist dann beides gleichzeitig? Das Pendant zu Roman Herzogs sprichwörtlicher „Symbiose aus Laptop und Lederhose“-Ideologie zwecks politischer Industriestandort-Förderung? Nein, soll hier gezeigt werden.

Zum Einstieg JAC‘S Gassenhauer DabSalegy, in Musik und Bild durch und durch 21. Jh., die Szenen könnten in jedem urbanen (Vor-)Ort der modernen Welt abspielen sich:

Aus folgendem mit zwei Instrumenten musikalisch aufs Bare-Bones-Minimum reduzierten optischen „Megamix Salegy Kawitry“ kann der Kern der polyrhythmischen Struktur herausgehört werden. Mensch konzentriere sich einmal auf das straighte 4/4 Four-to-the-Floor der Kickdrum in Isolation… …und dann nur auf die Handorgel unter geistiger Ausblendung der Drums – hörbar und vor allem spielbar nur in triolischem 6/8-Takt:

In der tänzerischen Bewegung der schweren, viel Gewicht tragenden Körperteile dominiert tendenziell der 4/4, doch dieser dominiert nie den ganzen Körper – es ist immer ein irreduzibel schwebendes, mäandrierendes Beides, was das Ganze zum geforderten „quelque chose qui bouge“ (etwas, was bewegt) vom Beginn des DabSalegy-Videos macht: ein Kontinuum von binär und ternär.

Und ein solches Kontinuum konstituiert auch den modernen Salegy als Solches: Als Musikstil mit modernen elektronischen Instrumenten entstanden in den 60ern, erforderte er eben gerade keinen radikalen Bruch mit traditioneller Handorgelmusik, ein Bruch, der bei einer hypothetischen Modernisierung des Schweizerischen Pendants, dem traditionellen Hudigääggeler, musikalisch inhärent zwingend wäre.

Im kleinen Rahmen, wie in Madagaskar die Handorgel traditionell gespielt wird – es ist für ungeübte Ohren aus genannten Gründen wenig intuitiv, die Rhythmen mitzugehen und nicht gleich auszuklinken:

Auf globalem Weltmusik-Niveau bot Toko Telo für das Publikum dieselbe Schwierigkeit diesen Sommer in Toulouse, von Afropop Wordlwide charakterisiert als: „It exemplifies the absolute best of polished, acoustic, African roots music—completely of its place, but open to the whole wide world, if only it would listen.“

Was Afropop Wordlwide als „roots music“ bezeichnet, erschliesst sich vielleicht bei allem unüberbrückbaren Kannitverstan ein wenig anhand von Roumbou-Videos wie diesem:

Wenn, dann gibt es im musikalischen Kontinuum von Tradition und Moderne nur eine fundamentale Differenz zum Eingangsvideo: die Absenz von Kommunikation von und mit dem Sakralen in Ersterem, welche bei Zweiterem ganz offensichtlich angestrebt und auch konkret realisiert wird.

Doch eine solche Ausschliesslichkeit offenbart in der Terminologie von W.D.Wright die aus Schwarzem Blickwinkel erkennbare Weisse Kognition am Werk, die von ausserhalb gesehen künstlich und unnötig erscheint – denn es handelt sich irreduzibel um ein Kontinuum:

Was die im Thumbnail abgebildete, outdoor sitzende sympathische Dame von den Umgebenden geschützt und gestützt macht, erinnert an die Besessenheiten im Roumbou-Video und wäre hierzulande nur unauffällig und normal als Headbangen an einem Slayer-Konzert, ausserhalb jedoch im besten Fall ungehörig, aber definitiv undenkbar und schlimmstenfalls wahrgenommen als Teufelsbeschwörung zur Kirchenmusik an einem offiziellen Gottesdienst.

Doch was wäre, wenn dieser von Slayer selbst (durchaus ambivalent) zelebrierte Antagonismus als Solcher nur erscheint aus Weissem Blickwinkel? Was wäre, wenn aus theologischer Sicht Jesus Christus die bei jedem Slayer-Konzert vor dem Eingang die Besucher* abfangenden und zu erretten versuchenden Scharen von frommen Christ*en genau so milde verlacht wie die Fans und Headbanger* selber das tun – weil das Kontinuum als Antagonismus zu sehen objektiv eine tragische Weisse Illusion ist – und der madagassische polyrhythmische Salegy diese Illusion offenbart?

]]>
http://undenkbar.blogsport.de/2017/08/21/polyrhythmus-im-madagassischen-salegy/feed/