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René Scheu und Bassam Tibi in der NZZ: Die Barbaren berufen sich auf Adorno

„Die Barbaren, sie lauern überall – auch der Antirassismus taugt zum Rassismus“ titelte René Scheu am 28.10.2017, seines Zeichens Chefredaktor des Feuilletons der Zürcher NZZ und in dieser Funktion kausal mitverantwortlich für das „Klima der untergründigen Angst“, welches dort seit einiger Zeit das Arbeitsverhältnis prägt (WoZ vom 12.10.2017). In seinem ummauerten Gärtchen simulierte er kürzlich eine intellektuelle Debatte, welche über die zu dem Zwecke logisch notwendige handzahme Replik von Dieter Thomä, „Was ist das Erbe der Aufklärung?“, in der umfassenden Bestätigung von Scheus Weltanschauung gipfelte durch den notorischen „Adorno-Schüler“ Bassam Tibi, welcher „über das merkwürdige Bündnis von Progressiven und Islamisten“ einmal mehr öffentlich schwadronieren durfte.

Um die Sache von hinten aufzurollen zunächst dieser Satz aus dem WoZ-Artikel zum Hintergrund des gegenwärtigen journalistischen Arbeitsklimas bei der NZZ: „Die Gefahr stand im Raum, dass die rechtspopulistische Medienoffensive der Milliardäre Tito Tettamanti und Christoph Blocher nach der «Weltwoche» und der «Basler Zeitung» auch die «Neue Zürcher Zeitung» erreichen könnte: wenn nicht über die Aktien, dann über die Köpfe.“

Die rechtspopulistische „Basler Zeitung“ ist bazonline.ch – in diesem Kontext die sehr professionell SEO („search engine optimized“) Google-Top-Ergebnisseite zu Bassam Tibi, zumindest in der Schweiz:

Bassam Tibi

…und darüber gleich zum Kulminationspunkt von Tibis Argumentation:

„Die «Progressiven» sind in der Tat kulturrelativistisch und postmodern; sie ersetzen das individuelle «Subjektivitätsprinzip» (Habermas) durch Minderheitenrechte. Setzte sich diese Haltung durch, würde dies das Ende von Europa als Kontinent der Aufklärung und als «Insel der Freiheit in einem Ozean der Gewaltherrschaft» (Horkheimer) bedeuten.“

Tibi gibt die Quelle des Horkheimer zugeschriebenen Zitats nicht an, Ofenschlot hatte vor einiger Zeit in seinem Blog-Beitrag „Der alte Mann und der Krieg“ eindrücklich belegt, auf welchen Horkheimer der hochdekorierte Adorno-Schüler Tibi sich beruft:

„Ganz Asien würde chinesisch werden. Aber die Intellektuellen sehen nur das Grauen dieses Krieges, die unglücklichen Vietnamesen, die scorched earth policy [Verbrannte Erde. Es ist ein pikantes Detail, dass Horkheimer resp. sein Chronist auf den englischen Ausdruck ausweicht, um bloß keine Wehrmachts-Assoziation aufkommen zu lassen? Anm. Ofenschlot] der amerikanischen Kriegsführung. Was sie nicht sehen, ist die Hölle einer chinesischen Weltherrschaft.“ (Gesammelte Schriften Bd.18, Frankfurt 1996, S. 646f.)

„Wenn in Amerika es gilt, einen Krieg zu führen – und nun hören Sie wohl zu – einen Krieg zu führen, so ist es nicht so sehr die Verteidigung des Vaterlandes, sondern es ist im Grunde die Verteidigung der Verfassung, die Verteidigung der Menschenrechte, und Sie können heute sagen: ja, und was passiert denn da in Vietnam? Sie können mit Recht all das Furchtbare darstellen – wenn Sie es können – was in Vietnam sich ereignet. Aber diese jungen Menschen, die da hinausgehen, glauben, sie verteidigen die Welt, in der es noch ein bißchen so etwas wie Freiheit gibt, gegen das Gegenteil, selbst wenn man dazu auch totalitäre Mächte leider benutzen muß.“ (Antwortschreiben Horkheimer vom 18.5. 1967 an den Frankfurter SDS)

Das also ist Bassam Tibis Horkheimer. Natürlich könnte man sich lustig machen über den öffentlich zur Schau gestellten Primitivismus von jemdandem, der sich in symbolischem Ahnenkult vor dem Schrein bzw. säkular „vor dem Schreibtisch von Theodor W. Adorno an der Goethe-Universität in Frankfurt fotografieren“ lässt, in jovial herablassender Pose des hochdekorierten Intellektuellen, laut Wikipedia Träger des „Bundesverdienstkreuz erster Klasse“ und des „Jahrespreis der Stiftung für Abendländische Besinnung“, kurz: Deutscher als Deutsch. Natürlich ist es absolut lächerlich, wenn er sich in dieser objektiv obrigkeitsdeutschen sozialen Position geriert als „ein gelbhäutiger muslimischer Westasiate aus Damaskus“, der sich über irrationale „Dritte-Welt-Propheten“ (sic) mokiert.

Doch das trifft den Kern der Sache nicht. Tibi dekliniert den Kalauer „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“ folgendermassen: „In meinen jungen Jahren als linker Student in Frankfurt und aktiver 68er habe ich selbst den «tiers-mondisme» von Frantz Fanon vertreten und sass als «Progressiver» im Beirat der damals einflussreichsten marxistischen Berliner Zeitschrift «Das Argument». Schon damals wehrte ich mich allerdings gegen die im Gedeihen befindliche Verherrlichung des Fremden, die auf der Umkehrung der Verteufelung des Fremden, nicht aber auf deren Überwindung basiert.“ (NZZ a.a.O.)

Die grammatische Vergangenheitsform in Sachen Frantz Fanon ist nämlich nicht nur intellektuell unredlich, sie ist eine glatte Lüge, liefert Frantz Fanon doch den Schlüssel zum Verständnis von Tibis gegenwärtigem Wirken: Er hat sowohl „Scharze Haut, weisse Masken“ wie auch „die Verdammten dieser Erde“ grundsätzlich nicht verstanden und gleichzeitig zutiefst verinnerlicht. Seine idiomatische Deutsche Farbenlehre zu Syrer*n, mit der er kokettiert, liest sich bei Fanon so:

„Im Übrigen, fügen sie hinzu, sprechen wir den Schwarzen keineswegs jeden Wert ab, aber wissen Sie, es ist besser, wenn man weiss ist. Kürzlich unterhielten wir uns mit einer von ihnen. Als ihr die Puste ausging, warf sie uns an den Kopf: «Übrigens pocht Césaire nur deshalb so auf seine schwarze Hautfarbe, weil er sie wirklich als Fluch empfindet. Pochen etwa die Weissen auf die ihre? In jedem von uns steckt ein weisses Potential, manche wolle nichts davon wissen oder kehren es einfach um. Ich persönlich würde im keinen Preis der Welt einen Neger heiraten.»“ (Fanon: Schwarze Haut, weisse Masken: 42).

„Es liegt auf der Hand – und ich werde nicht müde, es zu wiederholen – dass der Anstrengung des Arztes aus Guadeloupe, seine Entfremdung aufzuheben, wesentlich andere Motive zugrunde liegen als der des Negers, der am Bau des Hafens von Abidjan mitarbeitet. Beim Ersteren ist die Entfremdung fast intellektueller Art. Insofern er die europäische Kultur als ein Mittel begreift, sich von seiner Rasse zu lösen, setzt er sich als Entfremdeter. Der Letztere tut dies, insofern ein Opfer eines Regimes ist, das auf der Ausbeutung einer bestimmten Rasse durch eine andere beruht, auf der Verachtung einer bestimmten Menschheit durch eine Form der Zivilisation, die als überlegen gilt.“ (Fanon: Schwarze Haut, weisse Masken: 169).

Bassam Tibi hat in seinem Leben in der durch und durch rassistischen bürgerlichen Deutschen Bildungselite daraus die doppelte Konsequenz gezogen, dass er sich zunächst die Deutsch-“europäische Kultur“ karikaturesk über-aneignen muss, das aber bei weitem nicht genügt: Zusätzlich muss er sich öffentlichkeitswirksam zum Komplizen eines Regimes machen, das auf der gewaltsamen Ausbeutung einer bestimmten Rasse (Horkheimers „Ozean der Gewaltherrschaft“) durch eine andere beruht (Horkheimers „Insel der Freiheit“).

Darin gründet sein tatkräftiges Engagement für den europäischen nationalistischen Rechtspopulismus bei Zeitungen wie BaZ, NZZ oder auch online beim Rechtsaussen-Blog „Achse des Guten“, daher ist ihm die unter Historikern unbestrittene Wahrheit undenkbar, dass Horkheimers „Ozean der Gewaltherrschaft“ seine kausale Ursache grossteils in der selbstproklamierten „Insel der Freiheit“ hat, von den Kolonialkriegen des 19. Jh. über die beiden von Deutschland und dessen Leitkultur kausal verursachten Weltkriege, den Algerienkrieg, den Vietnamkrieg, die Golfkriege, der Libyenkrieg, usw. usf. Bei Fanon liest sich das von Tibi im Sinne der „cultural appropriation“ enteignete und ins Europäisch-Deutschnationale umgekehrte Argument für die Nation so:

„Die Verantwortung des kolonisierten Intellektuellen ist keine Verantwortung gegenüber der nationalen Kultur, sondern eine allgemeine Verantwortung gegenüber der ganzen Nation, von der die Kultur letztlich nur ein Aspekt ist. Der kolonisierte Intellektuelle darf sich nicht damit beschäftigen, sich die Ebene seines Kampfes auszusuchen, den Sektor, in dem er den nationalen Kampf zu führen gedenkt. Sich für die nationale Kultur schlagen, heisst zunächst, sich für die Befreiung der Nation, der materiellen Stammutter schlagen, durch die die Kultur erst möglich wird“. (Fanon: Die verdammten dieser Erde: 178)

Das ist, pervertiert angeeignet von den Deutschnationalen, das politische Programm der Achse des Guten, der Bassam Tibi mit seiner Leitkultur tatkräftig zuarbeitet. Er hat seinen Fanon schon gelesen… Die Kritische Theorie ist mittels der Negation des Negativen in Adornos Negativer Dialektik endgültig in Deutschland bzw. Deutsch-Europa angekommen. Doch ohne Negation bleibt davon nur der klassische Deutschnationale Rechts-Hegelianismus mit den bekannten Folgen.

Der Faschismus in statu nascendi beruft heute auf Adorno sich.

Quellen

Die Angst geht um an der Falkenstrasse, WoZ, 12.10.2017
https://www.woz.ch/1741/nzz/die-angst-geht-um-an-der-falkenstrasse

René Scheu, Die Barbaren, sie lauern überall, NZZ, 28.10.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/die-barbaren-sie-lauern-ueberall-ld.1324642

Dieter Thomä, Was ist das Erbe der Aufklärung?, NZZ, 3.11.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/was-ist-das-erbe-der-aufklaerung-ld.1325909

Bassam Tibi, Aufklärung und Kulturrelativismus vertragen sich nicht, NZZ, 22.11.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/aufklaerung-und-relativismus-vertragen-sich-nicht-ld.1330627

Ofenschlot: Der alte Mann und der Krieg
http://ofenschlot.blogsport.de/2010/07/26/der-alter-mann-und-der-krieg/

Fanon, Frantz: Schwarze Haut, weisse Masken. Tunia + Kant, Wien 2013, 2016.

Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1966, 2008.

Polyrhythmus im madagassischen Salegy

Fortsetzung zum Nicht-ganz-so-Selbstverständlichen in Polyrhythmus? Selbstverständlich!

Ist der ternäre 3/4 Takt traditionell und der binäre 4/4 Takt modern, was ist dann beides gleichzeitig? Das Pendant zu Roman Herzogs sprichwörtlicher „Symbiose aus Laptop und Lederhose“-Ideologie zwecks politischer Industriestandort-Förderung? Nein, soll hier gezeigt werden.

Zum Einstieg JAC‘S Gassenhauer DabSalegy, in Musik und Bild durch und durch 21. Jh., die Szenen könnten in jedem urbanen (Vor-)Ort der modernen Welt abspielen sich:

Aus folgendem mit zwei Instrumenten musikalisch aufs Bare-Bones-Minimum reduzierten optischen „Megamix Salegy Kawitry“ kann der Kern der polyrhythmischen Struktur herausgehört werden. Mensch konzentriere sich einmal auf das straighte 4/4 Four-to-the-Floor der Kickdrum in Isolation… …und dann nur auf die Handorgel unter geistiger Ausblendung der Drums – hörbar und vor allem spielbar nur in triolischem 6/8-Takt:

In der tänzerischen Bewegung der schweren, viel Gewicht tragenden Körperteile dominiert tendenziell der 4/4, doch dieser dominiert nie den ganzen Körper – es ist immer ein irreduzibel schwebendes, mäandrierendes Beides, was das Ganze zum geforderten „quelque chose qui bouge“ (etwas, was bewegt) vom Beginn des DabSalegy-Videos macht: ein Kontinuum von binär und ternär.

Und ein solches Kontinuum konstituiert auch den modernen Salegy als Solches: Als Musikstil mit modernen elektronischen Instrumenten entstanden in den 60ern, erforderte er eben gerade keinen radikalen Bruch mit traditioneller Handorgelmusik, ein Bruch, der bei einer hypothetischen Modernisierung des Schweizerischen Pendants, dem traditionellen Hudigääggeler, musikalisch inhärent zwingend wäre.

Im kleinen Rahmen, wie in Madagaskar die Handorgel traditionell gespielt wird – es ist für ungeübte Ohren aus genannten Gründen wenig intuitiv, die Rhythmen mitzugehen und nicht gleich auszuklinken:

Auf globalem Weltmusik-Niveau bot Toko Telo für das Publikum dieselbe Schwierigkeit diesen Sommer in Toulouse, von Afropop Wordlwide charakterisiert als: „It exemplifies the absolute best of polished, acoustic, African roots music—completely of its place, but open to the whole wide world, if only it would listen.“

Was Afropop Wordlwide als „roots music“ bezeichnet, erschliesst sich vielleicht bei allem unüberbrückbaren Kannitverstan ein wenig anhand von Roumbou-Videos wie diesem:

Wenn, dann gibt es im musikalischen Kontinuum von Tradition und Moderne nur eine fundamentale Differenz zum Eingangsvideo: die Absenz von Kommunikation von und mit dem Sakralen in Ersterem, welche bei Zweiterem ganz offensichtlich angestrebt und auch konkret realisiert wird.

Doch eine solche Ausschliesslichkeit offenbart in der Terminologie von W.D.Wright die aus Schwarzem Blickwinkel erkennbare Weisse Kognition am Werk, die von ausserhalb gesehen künstlich und unnötig erscheint – denn es handelt sich irreduzibel um ein Kontinuum:

Was die im Thumbnail abgebildete, outdoor sitzende sympathische Dame von den Umgebenden geschützt und gestützt macht, erinnert an die Besessenheiten im Roumbou-Video und wäre hierzulande nur unauffällig und normal als Headbangen an einem Slayer-Konzert, ausserhalb jedoch im besten Fall ungehörig, aber definitiv undenkbar und schlimmstenfalls wahrgenommen als Teufelsbeschwörung zur Kirchenmusik an einem offiziellen Gottesdienst.

Doch was wäre, wenn dieser von Slayer selbst (durchaus ambivalent) zelebrierte Antagonismus als Solcher nur erscheint aus Weissem Blickwinkel? Was wäre, wenn aus theologischer Sicht Jesus Christus die bei jedem Slayer-Konzert vor dem Eingang die Besucher* abfangenden und zu erretten versuchenden Scharen von frommen Christ*en genau so milde verlacht wie die Fans und Headbanger* selber das tun – weil das Kontinuum als Antagonismus zu sehen objektiv eine tragische Weisse Illusion ist – und der madagassische polyrhythmische Salegy diese Illusion offenbart?

Reniss: La Sauce und Manamüh

„Die Männer lieben die Frauen wegen der Sauce. Ich lege ihn in die Sauce und umrrrühre die Sauce. (…) Die Situation hat sich geändert.“ Rauschhaft, orgiastisch, mensch wird fast besoffen nur schon vom zusehen. „Du redest auf mich ein – ich schreie. Noch einmal: schrei, schrei, schrei!“ Die über die missratene Tochter dauerempörte Mutter verfolgt die Sängerin bis ins Konzert, diese flüchtet noch rechtzeitig…

…und dann die Fortsetzung: Manamüh, zu buchstabieren als „Mon amour“ – ein zuckersüsses Liebeslied, „Bin ich krank, pflegst du mich wie ein Bébé, Bébé, nimm meine Hand, Bébé, gehe mit mir.“ Doch das Unglück braut sich schon zu Beginn zusammen, und dann am Schluss, welch schreckliches Erwachen! Hätte sie eventuell erwähnen sollen, dass es nötig werden würde, dem von der im Umgang etwas schwierigen prospektiven Schwiegermutter angeführten Hexenjagd-Lynchmob entgegenzustellen sich?

Alles doppelbödig und mehrdeutig, meinem Schulfranzösisch nur in Sprachfetzen zugänglich, das kulinarisch unangepasste Kameruner Restaurant hat wegen exorbitanter Miete bei eher subalternisiertem Publikum schon lange geschlossen, kann niemanden fragen mehr – doch die Leute in Kamerun haben Spass daran, einfach nur Spass:

Reniss – Tendon

http://newbellmusic.com/discography/reniss-tendon/

La Sauce : 5 choses à savoir sur le hit de la Camerounaise Reniss

http://fr.trace.tv/musique/la-sauce-5-choses-a-savoir-sur-le-hit-de-la-camerounaise-reniss/

Identität von Eigennutz und Allgemeinnutzen im Voluntourismus

Der Artikel “Doing good” in an age of parody auf Africa is a Country offenbarte eine Schwäche in der Argumentation im Beitrag zur Immenseer Mission zu den inneren Widersprüchen des Voluntourismus mit dem „Ziel, „etwas Gutes tun“ zu wollen, „der Welt etwas zurückzugeben“ oder „sich selbst zu verwirklichen““ (Wikipedia) – und der eigenen Lebenslaufoptimierung, um sich gegen andere besser durchzusetzen. Den teilnehmenden Subjekten ist nämlich die Farce, an der sie sich aktiv beteiligen, sehr wohl bewusst, wie eine Befragung durch Elsa Gunnarsdottir in Marokko gezeigt hat: „Instead of finding volunteers blind to the multiple and complex ways in which “voluntourism” can be a neocolonial project, the Moroccan Children’s Trust was supported by young volunteers fully aware of the relation between their work and parodies of it, as well as the cultural and political critique of the “white savior complex.”“

Diese „Millenials“ entstammen einer Generation, die durch Schule, Universität und Qualitätsjournalismus nie etwas anderes vermittelt bekommen hat als die Ideologie des Neoliberalismus: „What might appear to be a paradox – that young people volunteer for NGO’s abroad while aware of the critique of such work – is not only built on a long history of such debates in philanthropy but in its contemporary iteration, and is a logical outcome of neoliberal subject-making.“

Gunnarsdottir/Mathers bestätigen ausdrücklich das Getriebensein dieser Subjekte: „Millennials are also encountering an increasingly stressful and limited job market, albeit one that is meant to offer freedom and flexibility not available to their parents. They have experienced waves of financial collapse and economic downturns leading to higher levels of unemployment, student debt and lower levels of income than preceding generations had achieved at a similar age. (…) Their job searches are characterized by employers’ desire for candidates with affective skills such as empathy and sympathy. (…) Volunteering has therefore become a worthwhile investment for millennials in periods of economic stringency and despite increasing criticism.“

Was als Paradox erscheinen könnte, ist im neoliberalen Bewusstsein a priori bereits versöhnt: „If, as neoliberal citizen-, their primary responsibility is towards their own advancement (because that is in itself a social good and globally responsible), there is no contradiction in being both critical of and a participant in voluntourism.“ Das neoliberale Subjekt kann a priori keinen Widerspruch erkennen, da der egoistische Eigennutz wissenschaftlich a priori identisch mit dem Nutzen für die Allgemeinheit ist.

Der Paradigmenwechsel in der akademischen Soziologie zu Beginn des 21. Jh. widerspiegelt diesen gesellschaftlichen Sachverhalt: In der paradigmatischen Moderne des 20. Jh. galt die Physik dank der Überzeugungskraft überirdischer Atombombentests als universale Leitwissenschaft für alle anderen Wissenschaften und brachte die statistikbasierte empirische Sozialforschung hervor, welche später durch die linguistische Wende relativiert wurde. Diese Geistesgeschichte ist heutzutage gründlich vergessen. Die alles übergreifende universale Leitwissenschaft aller Wissenschaften ist heutzutage unangefochten die Betriebswirtschaftslehre: Rational Choice, Gefangenendilemma, Pareto-Optimum sind heutzutage an den Universitäten die wissenschaftlichen Grundbegriffe a priori, womit sich alle nur denkbaren gesellschaftlichen Verhältnisse universal erklären lassen.

Die auf den Ökonomen Adam Smith zurückgeführte und neoliberal universalisierte Identität von Eigennutzen und Allgemeinnutzen ist auch für die heute übliche mobbingbasierte Personalführung grundlegend. Jede* Mitarbeiter* im auf der Firmenwebseite selbsterklärten „tollen Team“ steht in ständiger Konkurrenz zu allen anderen Mitarbeiter*n, Mobbing wird so zur überlebensnotwendigen Routinetätigkeit: Leute werden heutzutage nicht mehr entlassen, sie werden systematisch in den psychischen Zusammenbruch gemobbt. Dank der Universalität der Identität von Eigennutz und Allgemeinnutzen ist dabei für die beteiligten Subjekte a priori kein Problem erkennbar, sondern das Ganze wird stillschweigend als Win-Win-Situation interpretiert: Der Betrieb behält seine weisse Weste („Wir sind wie eine Familie: Hier wird niemand entlassen!“) und das Mobbingopfer profitiert vom Krankentaggeld fürs heitere Nichtstun. Die darauf folgende Langzeitarbeitslosigkeit aufgrund absolut vernichtender Referenz vom letzten Arbeitsplatz bleibt im Konkreten ausserhalb des Radars des weiterhin ach so „tollen Teams“ und fällt im Allgemeinen unter die neoliberalen Erklärungen a priori selbstverschuldeter Langzeitarbeitslosigkeit. Das sind die „affective skills such as empathy and sympathy“, welche die Arbeitgeber suchen und bei Volountouristen – wie hier gezeigt – völlig zu Recht gehäuft vermuten.

Das neoliberale Subjekt zeigt sich so zunächst immun gegen jegliche Einsicht, welche es auf innere Widersprüche hinweisen könnte. Zunächst. Wie in der kurzen Szene in einem Asterix & Obelix, wo die beiden verständnislos einem modernen absurden Theater beiwohnen, welches die Dekadenz der Römer persifliert: Selbstironisches Einverständnisgelächter bei den römischen Zuschauer*n, bis Obelix als Anderer aufsteht und vernehmen lässt: „Die spinnen, die Römer!“ Sofort schlägt die ungezwungene Fröhlichkeit jähzornig um in offene Aggression. Strukturell Gleiches ist von den selbstverwirklichenden Volountouristen im Trikont zu erwarten: Die heutzutage routinemässigen Massenmorde durch Bombenteppiche um Zuge vorgeblich altruistischer „Regime Change“ sind die historisch erwartbare Reaktion auf eine in Wahrheit unvermeidliche kollektive narzisstische Kränkung. Und, oh Wunder: Diese Massenmorde sind für das neoliberale Subjekt im „Kampf gegen den Terrorismus“ a priori von ethisch unanfechtbarem Allgemeinnutzen.

Quelle

Gunnarsdottir, Elsa und Mathers, Kathryn: “Doing good” in an age of parody
http://africasacountry.com/2017/01/doing-good-in-an-age-of-parody/

Besinnliches zur Doku von Beat Bieri: Das Ende der Mission – Ein Stück Schweizer Weltgeschichte

„Aus der Innerschweiz zogen die Missionare in die entlegensten, ärmsten Winkel der Erde, als Seelenretter und Entwicklungshelfer, christliche Haudegen und ja, auch verwegene Abenteurer.“ (4:25) Die Wirtschaftsflüchtlinge aus den damals ärmsten Winkeln der Schweiz, zugereist in Südrhodesien (heute Zimbabwe) wurden im SRF-Dokfilm „Das Ende der Mission“ kurz vor Weihnachten im Schweizer Fernsehen einfühlsam porträtiert.

Zwei dieser Haudegen sollen hier idealtypisierend herausgegriffen werden: John Burkhart und Gabriel Imstepf. Burkhart „wuchs als uneheliches Kind im Thurgauer Kloster Fischingen auf (…) ein gelernter Schlosser“ (23:47), Imstepf wuchs auf in Lalden, im „Wallis, ein[em] Eipzentrum des Schweizerischen Katholizismus“ (75:09) und fand keine genügend grosse Gemeinde, um seine Berufung auch zu praktizieren: „Es hat mir 1969 der Bischof damals hat mir gesagt, ja, Herr Pater, warum nicht hier bleiben? Es ist einer gewesen vom Grossen St. Bernhard, und er ist Bischof von Sitten gewesen und hat mir dann gesagt, warum nicht hier bleiben, warum wieder gehen? Da habe ich ihm eben gesagt: „Gebt mir Fiesch bis nach Oberwald, [das gibt was her], aber so eine kleine Pfarrei, ich würde wirklich nicht wissen, was machen.“" (76:07)

John Burkhard inszenierte sich mit Spendengeldern als Unternehmer, produzierte mit „gebrauchten Schweizer Gerätschaften in Driefontein“ (24:07) und vier Angestellten („zwei sind Lehrlinge gewesen, und zwei sind Arbeiter gewesen“, 24:34) im eigenen Bäckerei- und Metzgerei-Betrieb die gesamte Palette der in Sachen Haltbarkeit ans Schweizer Klima angepassten Fleisch- und Wurstwaren. Freilich widerspricht er selbst dieser Ökonomie: „Das sei nicht die ganze Wahrheit, wendet Burkhart ein, alle Betriebe seien selbsttragend gewesen, Kapitalspritzen aus der Schweiz seien nur ausnahmsweise eingesetzt worden. „Es ist die Misswirtschaft, das fängt damit an, dass niemand die Buchhaltung macht“, sagt Burkhart.“ (NZZ vom13.8.2013).

„Bruder John beim Aufbau der Mission. Das war vor 60 Jahren. Und stets packte er zuvorderst an, in der Hoffnung, seine Arbeit sei Beispiel genug, damit auch die Afrikaner sich Schweizerische Tugenden aneignen würden. Als Buschpilot brachte Bruder John medizinische Hilfe in die entlegensten Dörfer.“ (26:50) Das Fliegen war in der Schweiz immer nur den Reichen vorbehalten, selbst das Segelfliegen – erst der Gleitschirm brachte heute eine gewisse Demokratisierung. Hätte Burkhart selbst die anderen angemahnte Buchhaltung gemacht, seine abenteuerlichen Flüge wären das Gegenteil von finanzierbar gewesen.

Imstepf hingegen ist frei von den Schuldzuweisungen des gescheiterten Unternehmers. Heute ist er zwar zwar „fast blind“, doch umso offeneren Auges für die tatsächlichen Verhältnisse: Angereist als White Savior landete er zunächst brüsk auf dem Boden der Realität: „Wir haben keine richtige Einführung bekommen. Schnell-Bleiche und „geh arbeiten“!“ „Was war denn das Schwierigste, um hier Fuss zu fassen in Afrika?“ „Die Sprache, ja. Weil, die Sprache hat absolut nichts zu tun mit unserer Sprache. Und dann haben wir Tag und Nacht studiert. Und dann geht man reden und reden und Fehler machen, und das macht nichts, die Leute sehen, du hast sie gerne – und er versucht es ja. Und es ist eine schöne Sprache, schöne Sprache. Viel weicher zu beten, in der Sprache, in dieser Shona-Sprache als in, selbst in meinem Walliser Dialekt. Das ist die Nummer zwei Sprache, ja, Nummer eins ist jetzt das Shona.“ (16:22)

Eingebettet war das Ganze in die politische Ökonomie des in meiner Elterngeneration gerade auch an den staatlichen Schulen der katholischen Kantone promoteten Nicknegerleins der Missionsgesellschaft Bethlehem. Eingeschobene Übersetzungshilfe: Als in einer Bar ein Schweizer auf dem Gebrauch des N-Worts für eine Süssigkeit beharrte, fragte ich ihn, was für ihn das schlimmste Schimpfwort sei, dass man ihm an den Kopf werfen könne. „Schafseckel.“ Also klärte ich ihn auf: „Schafseckel“ ist das, was ankommt, wenn du das N-Wort in den Mund nimmst. Hier also zu lesen als: „Nickschafseckel“. Ernst Wildi dazu: „Ja ja, das erinnert man sich natürlich, als Kind, als das aufgestellt worden ist.“ „Das kann ich mich also auch erinnern.“ „Und es, die Lehrerin und Katechetin, erzählt hat von diesen armen, armen Heidenkindern, die man erlösen muss. Und wir haben das natürlich voll alles schön geglaubt und so.“ (7:34)

Natürlich wird das heute kritisch gesehen. Wildi: „Jetzt kann man sich auch vorstellen, wie Afrikaner und Afrikanerinnen natürlich das kritisieren. Sie sagen, mit dem Kolonialismus ist das Christentum gekommen, und die haben sich genau gleich aufgeführt. Haben uns als arm und dumm und eben als Heiden bezeichnet. (…) Wenn ich einfach versuche, mich selber zu sein, dann haben sie gesehen, die Missionare sind nicht, sind auch anders geworden. Die sind nicht mehr so wie unsere Grossmütter und Grossväter erzählt haben, die streng gewesen sind mit ihnen und ständig alles verboten haben, und alles was ihre Kultur gewesen ist, ist verboten gewesen, so dass die Leute gesagt haben, wenn ich ein guter Christ sein will, dann muss ich ein schlechter Afrikaner sein, also ein schlechter Bemba oder Ila oder Lala, zu dieser Volksgruppe, wo sie gehört haben. Das hat sich glücklicherweise schon sehr geändert.“ (8:41) Doch dieser gegenwärtig politisch korrekte common sense ist eben immer noch eine halbierte Vernunft.

Das Blatt hat sich gewendet, und Imstepf ist augenscheinlich in der Lage, das auch zu erkennen und zu praktizieren, etwa in der schambefreiten Selbstverständlichkeit, mit welcher er zum Schluss des Films auf dem Friedhof eindringlich und einzeln seine verstorbenen Berufskollegen mit Namen anruft: „Ihr alle, die ihr vorausgegangen seid, betet für uns. Und dann gibt es das Wiedersehen, dann gibt es das Fest wie in Afrika, wo das Leben gefeiert wird, nicht der Tod betrauert. Amen, Amen, Amen.“ (89:26). In Zürich wäre der Typ so einfach nur peinlich, ein Verrückter in Aktion – ist das Kunst oder soll der weg?

Anders als Burkhart zeigt Imstepf sich fähig, den Segen zu spenden (17:18): Ein Jugendlicher kniet vor ihm nur formal nieder in der emblematischen Stellung des Nicknegerleins – Imstepf selbst kniet in derselben Stellung vor Todkranken in der Fürbitte –, tatsächlich fordert der Junge von dem Priester souverän die Dienstleistung, deretwegen dieser überhaupt hierhergekommen ist, wie eine sanfte Dusche für Geist und Seele, im Wissen darum, dass Imstepf dazu auch tatsächlich in der Lage ist – eine seltene Gabe. „Ich kenne ihn nicht beim Namen, aber er kommt immer wieder, hier. Und er will immer wieder beten, oder, wenn er mich sieht, kommt er, auf die Knie, und jetzt ist beten. Das haben wir im katholischen Wallis – macht das niemand auf der Strasse. Niederknien und sagen, tue beten für mich. Und das kann ich dutzende male im Tag machen. Ist doch schön, nicht? Ja.“ (17:46)

Alafia Stewart von ORISHAconnect.com bringt die Doppelbödigkeit der Situation im Kontext der traditionellen Unterwerfungs-Rituale zirkumatlantischer Religionen der Moderne im typisch US-amerikanisch-selbstsicheren Habitus der Unternehmerin auf den Punkt: „The reason why we salute is to pay honor to our orisha.“ (0:39) „It’s like when you‘re being saluted, you‘re being saluted because of how long the orisha has been in your head. It’s not saluting you, it’s not saluting your ego, it’s not about you.“ (2:20) „I‘m very uncomfortable with elderly folks saluting me. I remember a woman three times my age, you know, trying to get down to salute me and I was on the ground with her, looking her eye in the eye. Because I cannot fathomably say to myself that you‘re saluting the orisha in me, and I‘m disregarding the years that you‘ve had in this life, on this earth. So, we were looking like this, because I was very uncomfortable with an elderly woman saluting me. So I was like: if we‘re going down, we‘re going down together.“ (3:02)

Begeistert feiert Imstepf auch den Kontrollverlust: „Wenn es so sieben, acht Monate trocken ist, oder, und alles geht kaputt, alles was sie gepflanzt haben geht kaputt durch die Sonne, verbrennt. Und dann kommt der Regen, und du bist da mit dem Blechdach. Und dann ist das ja wie eine Orgel ist das, zum Beispiel wenn in der Kirche drinnen, eine grosse Kirche mit Blechdach und du predigst, und dann sagt der Herrgott, jetzt hör mal auf zu predigen, jetzt predige ich. Und dann regnet es, und dann verstehst du kein Wort mehr. Und da sind tausend Leute sind da, und du solltest predigen, dann sagst du nach oben danke, danke, danke, und jetzt vorwärts mit dem Gottesdienst, und es wird gejubelt und gemacht. Das ist noch viel schöner als jetzt diese schöne Morgenstimmung.“ (18:19)

Zuerst in „Die Strukturen des Bösen“ präsentiert der psychoanalytische, streitbare und daher exkommunizierte Theologe Eugen Drewermann Himmel und Hölle als ausserweltliche Projektionen innerweltlicher psychischer Realitäten lebendiger Menschen. Erschreckend entfaltet sich die Tragödie, als der Journalist John Burkhart in seinem ehemaligen Betrieb vor den rostenden Maschinen fragt: „Ist nicht die Gefahr, dass man ein wenig verbittert, wenn man das sieht?“ „Nein, ich werde nicht, nur traurig, nur traurig, und sogar, Vorsicht sogar, ja, wie könnte man es besser machen. Nein, wenn jemand richtig verbittert wäre, dann müsste er heimgehen.“ (25:35) – und lässt sich prompt zu einer objektiv bösen Handlung hinreissen: „Der 89jährige ist verärgert darüber, wie das Vieh vernachlässigt wird.“ (28:39) – und öffnet doch tatsächlich das Gatter, auf dass das faktische Bankkonto der Eigentümer* sich leere: „Jetzt können sie [die Kühe] wenigstens ein bisschen was fressen, wo auch immer sie hingehen, oder.“ (28:51) Natürlich weiss er ganz genau, was er tut, und rechtfertigt sich sogar: „Siehst du jetzt, ich konnte das nicht mehr mit ansehen. Ich bin eben ein Tierfreund. Ich kann das nicht sehen. Die Kühe, wo eben die jetzt hingehen, die müssen die halt wieder finden.“ (28:59) Auf diese Art verbrämt nimmt er Rache für das eigene Scheitern.

„Es ist einzig die Absicht, die Gott verlangt“ predigte vor über 300 Jahren Dona Beatritz Kimpa Vita im heutigen M‘banza Kongo angesichts der Tätigkeit der damaligen italienischen Berufskollegen der Immenseer Missionare, ebenfalls Kapuziner. Tragisch, wie Burkhart über andere doziert, tatsächlich aber wohl sich selber meint: „Eben im Alter, bei den alten Kläusen da, kann man nicht mehr viel mehr erwarten, oder? Sie sind ja selber schon krank, oder? Und es ist nicht so leicht mit denen, mit denen, dass sie sich mit den Schwarzen mehr abgeben, oder? Ihre Zeit ist abgelaufen für das.“ (44:29)

Die White Supremacist Mission ist wirklich zu Ende – und das ist auch gut so. Doch das ist mitnichten das universale Ende, im Gegenteil: Das Blatt hat sich gewendet. Die Holschuld liegt nun in Europa, die Zukunft ist wieder offen.

Aber die heute offenbar sehr populäre Variante einer dystopischen Version manifestierte sich vor einiger Zeit im Lebenslauf einer neuen Mitarbeiterin im Büro: „Hohe interkulturelle Kompetenz“ attestierte die Dame sich, verdient in einigen Wochen Kambodscha auf Kosten der Eltern. „Keinerlei interkulturelle Kompetenz“ las ich statt dessen, sie durchschaut das Spiel nicht, dass sie getrieben treibt. „Es ist einzig die Absicht, die Gott verlangt“: Einerseits ist das Motiv der persönlichen Lebenslaufoptimierung auf dem Rücken anderer im Trikont eigensüchtig, andererseits wird es der jugendlichen „Generation Praktikum“ durch die allgemeine „Professionalisierung“ der HR sogar in Kleinstunternehmen als omnipräsentes Lebenslaufwettrüsten auch existenziell aufgezwungen.

Charlott hat die Sachlage im Beitrag „In Afrika kann jede_r helfen (und was für den CV tun)“ auf dem Afrika Wissen Schaft-Blog anhand des ARD-Panorama-Beitrags „Abiturienten als Entwicklungshelfer: sinnlose Kurztrips ins Elend“ ausführlich beschrieben. Die Tragödie der Immenseer wiederholt sich im heutigen Entwicklungshilfe-Business nur noch als Farce. Doch dieser Gegensatz lässt erahnen, von welcher Tragödie die Bethlehem-Mission die Farce sein könnte: Vielleicht von der Tragödie der Maafa, die Kimpa Vita auch gegen die damaligen italienischen Kapuzinermönche kurz, nur ganz, ganz kurz aufzuhalten vermochte?

Quellen

Bieri, Beat: Das Ende der Mission – Ein Stück Schweizer Weltgeschichte. Dokumentarfilm.
http://www.srf.ch/play/tv/dok/video/das-ende-der-mission---ein-stueck-schweizer-weltgeschichte?id=e533ae21-cf14-48ec-93eb-a2d0f8540504
http://www.smb-immensee.ch/srf-doc-das-ende-der-mission/

Charlott: In Afrika kann jede_r helfen (und was für den CV tun)
https://afrikawissenschaft.wordpress.com/2013/12/21/in-afrika-kann-jede_r-helfen-und-was-fur-den-cv-tun/
http://www.ardmediathek.de/tv/Panorama/Abiturienten-als-Entwicklungshelfer-sin/Das-Erste/Video?bcastId=310918&documentId=18751184

Haefliger, Markus: Wir gehören den Simbabwern auch im Tod. NZZ vom 13.8.2013
http://www.nzz.ch/wir-gehoeren-den-simbabwern-auch-im-tod-1.18131781

Meier, Wolfgang: 20.06.1940 – Geburtstag von Eugen Drewermann. WDR Zeitzeichen.
http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/eugen-drewermann-theologe-104.html

Platón Lázaro, Lydia: Defiant Itineraries. Caribbean Paradigms in American Dance and Film. Palgrave Macmillan, New York 2015
http://undenkbar.blogsport.de/2016/09/14/lydia-platon-lazaro-defiant-itineraries-zu-katherine-dunham-und-maya-deren/

Stewart, Alafia:Receipts: How many years do you have?
https://www.facebook.com/0vivaalafia0/videos/234045980311714

Thornton, John K.: The Kongolese Saint Anthony. Dona Beatriz Kimpa Vita and the Antonian Movement, 1684 – 1706. Cambridge University Press, New York 1998
http://undenkbar.blogsport.de/2016/11/30/dona-beatriz-kimpa-vita-ein-huldrych-zwingli-der-indigenen-reformation-im-kongo/

Wippersperg, Walter: Der ethnologische Blick: „Das Fest des Huhnes“ und „Dunkles rätselhafte Österreich“, via ISD Giessen:
http://isdgiessen.blogsport.de/2016/12/29/der-ethnologische-blick-das-fest-des-huhnes-und-dunkles-raetselhafte-oesterreich/