Ergänzung zu «Oh Broder, where art thou?» auf nichtidentisches.de

Der Beitrag Oh Broder, where art thou? wurde auf nichtidentisches.de postwendend von “Ich” und “Ruth Spicker” niedergemacht. In ihrem pawlowschen Schreibreflex ist den Kommentierenden aber offensichtlich entgangen, dass mit der dort als «Trash» betitelten Konklusion «einfach Verfall in eitlen Altherren-Gestus, ins Bescheidwissertum» Henryk Broder – wider die logisch stringente Argumentation der Analyse selbst – aufgrund früherer Texte (namentlich die «tiefe, materialreiche Kritik an antiisraelischer Medienkultur») gerade in Schutz genommen wird. Broder zeigt für mich aber keinerlei Anzeichen von Senilität, die das «berechnende Kalkül» des «neurechter Agitator(s)» irgendwie entschuldigen könnten, sondern einen hellwachen Geist, der als langjährig erfahrener Polemiker jedes Wort, jede Wendung der Sprachmelodie und jeden Applaus im Hinblick auf die beabsichtigte Wirkung bei ganz genau diesem Publikum, der AfD-Fraktion im Bundestag und gleichzeitig der berichtenden Presse, sorgfältig abgewogen und geplant hat.

Zunächst eine Ergänzung zur Analyse von Broders Satz: «Ich bin für eine Verschärfung des Tatbestands „Kindesmissbrauch“, um auch solche Fälle verfolgen zu können, wie den der bereits erwähnten Greta aus Schweden, die von den Klimarettern zur Ikone ihrer Bewegung erkoren wurde.» Bei nichtidentisches:

«Warum Broder vor der AFD hier eine 16-jährige erst als Gegnerin, dann als Opfer von Kindesmissbrauch inszeniert, ist aus propagandistischer Sicht logisch: Er objektiviert sie zunächst, um ihr für alte Männer und autoritär geprägte Frauen beängstigendes Selbstbewusstsein lächerlich zu machen, und dann die entstandene Aggression auf jene zu lenken, die Greta Thunberg angeblich „missbrauchen“ würden.»

Sehr richtig, es geht darum, «die entstandene Aggression auf jene zu lenken, die Greta Thunberg angeblich „missbrauchen“ würden»: Also erstens die Aggressionen bewusst zu erzeugen und zweitens ins gewünschte Ziel zu lenken, im Wissen darum, dass das Wunschziel mit der ursprünglichen Aggression gar nichts zu tun haben muss. Zu ergänzen ist aus meiner Sicht: Broder wusste bei der Wahl des Ausdrucks «Kindesmissbrauch» haargenau, dass er vor Publikum spricht, welches an einschlägigen Kundegebungen gerne und lautstark die «Todesstrafe für Kinderschänder» fordert. Diese unausgesprochene Bestrafungs-Assoziation nahm er nicht einfach billigend in Kauf («Versehen» gibt es beim Polemiker-Vollprofi Broder nicht), sie war Absicht.

Hier die Rede in Bild und Ton von der Original-Quelle, dem Youtube-Kanal der «AfD-Fraktion Bundestag»: Henryk M. Broder zu Gast bei der AfD-Fraktion! Nebst hunderten von begeisterten Kommentaren von Seiten der AfD-Gefolgschaft darunter hat das Video gegenüber dem veröffentlichten Transkript den Vorteil grösserer Vollständigkeit. Ich greife hier stellvertretend für das Ganze zwei prominente Stellen heraus, Broders «Kritik» an der AfD und sein Schlusswort.

Das «allfällige(m) Schimpfen auf extremistische Auswüchse» (nichtidentisches) zu Handen der bürgerlichen Presse muss mit der Lupe gesucht werden und konkretisiert sich in folgender Erörterung zu Gaulands «Vogelschiss»-These: «Das ist nicht nur aus der Sicht der Nazi-Opfer – der Juden, der Zigeuner, der Homosexuellen, der Widerstandskämpfer, der Deserteure – eine schwere Sünde. Es muss auch ein No-Go für jeden Deutschen sein, der kein Jude, kein Zigeuner, nicht schwul ist und keine Angehörigen hat, die von den Nazis verfolgt wurden.»

Broder kommentiert den geplanten Applaus in der Kunstpause: «Ich merke schon, wie Sie ihren Beifall sorgfältig dosieren» (29:45) und wird dabei von Martin Renner (MdB) wie zum Trost sanft am Oberarm gestreichelt. Dabei hatte Broder doch zwei Sätze zuvor mit dem überbreit betonten Ausdruck «PC-mäßig unverdorbenen Eltern» den Fusstritt en passant gegen die verhasste «political correctness» mit der wiederholten Verwendung des Z-Schimpfwort zur Bezeichnung einer Opfergruppe der Shoa bereits vorgespurt. Ist kaum jemandem aufgefallen (Ausnahme: Leander Sukov in Broder, Zigeuner und die AfD) – auch nicht, dass Broder zur Verteidigung dieser pejorativen Bezeichnungen an sich manipulativ verharmlosend ausschliesslich(!) von Zuckergebäck spricht («Ich will meine Jodenkoeken wiederhaben!»), diese Bezeichnungen aber selbst Zustimmung erheischend als herabsetzenden Bezeichnung von Menschengruppen verwendet.

Vorausahnend, dass diese Doppelbödigkeit kaum verstanden würde, nimmt er seine «Kritik» sofort und explizit zurück: «Meine Damen und Herren, ich bin nicht hierhergekommen, um Ihnen eine Predigt zu halten oder Ihnen zu sagen, was Sie tun oder was Sie lassen sollten.» Mit anderen Worten: Broders «No-Go» gilt erklärtermassen nicht für die AfD und deren Anhänger*, sondern war ausschliesslich als Zitiervorlage für die beschwichtigende Berichterstattung geplant. Dieser gelungenen Doppelbödigkeit galt Renners Streicheln und wohl auch das nur für einen kurzen Augenblick im rechten unteren Bildwinkel sichtbare begeisterte «Daumen hoch» der Person neben ihm.

Als Martin Renner die Veranstaltung beenden will (1:15:10), unterbricht ihn Broder, um seine ihm wichtigste Kernbotschaft loszuwerden: «Ich wollte nur eins klären. Wir haben über Antisemitismus gesprochen, das ist eine üble Geschichte. Ich will das auch gar nicht runterspielen. Aber es ist politisch weitgehend irrelevant. Auch wenn es schrecklich ist, wenn jemand ne Kippa trägt, zusammengeschlagen wird, das ist alles unentschuldbar. Aber im Grossen und Ganzen ist es politisch irrelevant. Das einzige, was heute politisch relevant ist, ist die Existenz Israels.» Es folgt eine personalisierte Breitseite gegen den namentlich ungenannten Heiko Maas/SPD wegen des Handels mit dem Iran. Der hier geplante Applaus seitens der AfD galt selbstverständlich nur dem Angriff gegen die SPD, keineswegs (aus Sicht der AfD) etwaigem Firlefanz mit dem Iran.

Broder schliesst (1:17:48): «Es ist nicht der klassische Antisemitismus, der ist weitgehend ein Polizeiproblem. Egal ober von den Linken oder der Rechten, den Muslimen, den Vegetariern oder den Radfahrern ausgeht, das ist völlig egal. Entscheidend ist die Haltung der Politik gegenüber Israel. Das ist die einzige Art des Antisemitismus, die ich wirklich für gefährlich halte, aktuell wie potentiell. Und deswegen bin ich ihnen dankbar, wenn Sie sich für das Existenzrecht Israels aussprechen. (…) Aber wie gesagt, Sie müssen noch eine Schippe drauflegen.» Herzlicher Schlussapplaus und weihevolle Worte von Martin Renner.

Auf gut Deutsch: Im Wissen um die mittlerweile plakativ vor sich hergetragene Israelsolidarität der politischen Rechten in den USA und Europa, die mitnichten dem Ziel «Israel garantiert die Sicherheit der Juden in der Diaspora» (Broder 1:15:50) geschuldet ist, sondern primär der Bewunderung für den israelischen Militärapparat im Einsatz gegen als solche erklärte «Musels» (Diktion auf pi-news), in diesem Wissen erteilt Broder jeder Manifestation des Antisemitismus in- und ausserhalb der AfD die generelle Absolution, sowohl im mehrfach wiederholten, mittels Handgestik und langsamen Sprechen überbetont ernsten «politisch irrelevant» wie auch im spöttischen von «den Vegetariern oder den Radfahrern», als Inbegriff der Harmlosigkeit ganz bewusst gewählt, um die zuvor in flapsig Silben verschluckendem Ton gefallenen Wörter «schrecklich» «Kippa» «zusammengeschlagen» aus dem Gedächtnis zu verdrängen.

Denselben Gedächtnistilgungs-Mechanismus hat Broder mit dem in diesem Kontext geplanten Schlusssatz «Sie müssen noch eine Schippe drauflegen» bewusst angestrebt: der sollte im Schlussapplaus als psychische Wunscherfüllung so und genau so in Isolation hängenbleiben, dass es dabei eigentlich um das Existenzrechts Israels und mitnichten um das Ziel, die das Bundeskanzler*amt besetzende Regierungspartei zu werden ging, sollte gar nicht wahrgenommen werden, weder von innen noch von aussen.

Und das ist ihm, wie mensch sieht, umfassend gelungen.


1 Antwort auf „Ergänzung zu «Oh Broder, where art thou?» auf nichtidentisches.de“


  1. 1 LOL 22. Februar 2019 um 19:53 Uhr

    Noch so ein deutscher Hobbypsychologe. Süß.

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