Grobschächtige Ignoranz bei Feynsinn: Zur Problematik selbsterklärter Meritokratie bei den Macher*n Freier Software

Zustimmung erheischend polemisiert Feinsynn mit dem identifizierenden Slogan «Idiotäre von rechts bis links» gegen das erst in den Akklamationen verlinkte postmeritokratische Manifest. Den Manifestant*en unterstellt er kontrafaktisch, sie würden die Welt universal in «Gut®» und «Böse®» einteilen, um diese so der Lächerlichkeit preiszugeben: «Eine Aktivistin der Pseudolinken hat jüngst eine ganz schlimme Sache entdeckt, die sie „Meritocracy“ nennt, also die Dominanz der Verdienten und Fähigen, hier im Zusammenhang mit Programmieren. Das Schlimme daran sei, dass diese „Böse Leute dafür belohnt, dass sie guten Code schreiben“.» Ganz manichäisch lokalisiert Feynsinn bei sich und seinem Kommentariat die Intelligenz der «Verdienten und Fähigen», also der «Guten®» (sic), die sich der Pappkameradenarmee der Dummen mit ihrem «verrotteten Denken», welche «beleidigen, mobben und ggf. sogar Gewalt ausüben» darf, also dem «Bösen®» (sic) schlechthin, heldenhaft entgegenstellt.

Das nicht weiter belegte Zitat der «Aktivistin» lässt sich aber entgegen Feinsynns Ansinnen aus dem Manifest eben gerade nicht ableiten: Die Problematisierung des Begriffs der Meritokratie selbst macht nämlich explizit den Kern des Manifests aus: «Falls dir die Kritikpunkte von Meritokratie nicht bekannt sind, mache dich bitte auf dieser Seite mit ihnen vertraut.» Das haben Fenysinn wie auch zustimmendes Kommentariat nachweislich nicht getan und verstossen damit gegen Feynsinn eigenes Impressum: «Wenn du keine Ironie verstehst, den Artikel nicht gelesen hast, Probleme bei sinnentnehmendem Lesen hast oder humorbefreit die Welt über deine Prinzipien belehren willst, bist du hier nicht richtig».

Implizit bedient Feynsinn sich eines akademisch durchaus hegemonialen Vulgärhabermasianismus, welcher die soziale Welt in «System» und «Lebenswelt» einteilt, wobei die habermasianische Lebenswelt die alleinige Domäne von Diskurs im Sinne eines wechselseitigen Anerkennens und Abwägens von Geltungsansprüchen, also von Politik schlechthin darstellt, das «System» als Domäne der Naturwissenschaften dagegen in sich selbst vollständig determiniert sei. Das «Programmieren» wird in diesem Paradigma umstandslos dem «System» zugerechnet, was eine eindimensionale und damit eindeutige Bestimmung von «guten Code» erst möglich machen würde.

Diese Bestimmung ist jedoch auf mehreren Ebenen objektiv falsch und offenbart ganz einfach Unkenntnis der Materie: Das Machen von Software generell besteht längst nicht nur aus dem Schreiben von «Code», sondern ist immer auch ein soziales Unternehmen mit vielfältigen Aushandlungsprozessen, sowohl innerhalb von Konzernen wie Microsoft, IBM oder Google wie auch in Open Source Projekten wie dem Linux-Kernel (welches eng mit solchen Konzernen verbandelt ist), OpenOffice/LibreOffice, der Debian/Ubuntu-Distribution oder dem OwnCloud/Nextcloud-Server. Die Schrägstriche sind als Chiffren für ein jeweiliges Schisma (aus je eigenen Gründen) im entsprechenden Projekt zu verstehen und problemlos im Internet auffindbar.

Doch selbst die analytische Beschränkung auf das Artefakt «Code» im engsten Sinne offenbart eine Indeterminiertheit der Sache selbst: das juristische Konzept der «Freien Software» basiert auf dem Ergebnis eines politischen Aushandlungsprozesses mit dem Resultat, Programmcode nicht dem Patentrecht zu unterstellen wie etwa Konzepte von Maschinen oder chemischen Verbindungen, sondern dem Urheberrecht, also derselben Rechtsprechung, der die materiellen Ergebnisse der Arbeit von «Dichtern und Denkern®» wie Feynsinn und Gefolge unterliegen. Dieser Umstand machte Richard Stallmans GNU General Public License materiell erst möglich: In Schritt 1 wird rechtsverbindlich das eigene Urheberrecht am «Code» objektiv festgestellt, in Schritt 2 auf dieser Basis irreversibel eine Menge an Freiheiten zugesichert, wie Andere mit diesen rechtlich geschützten Arbeitsergebnissen weiter verfahren dürfen.

Es gibt genauso wenig den «guten Code» wie es das «gute Gedicht», das «brillante Essay», den «bedeutenden Roman» gibt. Es gibt ganz unterschiedliche Paradigmen, die koexistieren, einander ablösen, überlagern, sich ergänzen oder sich widersprechen (aktuell etwas die Debatte um «die Symboliker und die Konnektionisten» in der KI), und es gibt ganz unterschiedliche Auffassungen von «Schönheit» im Sinne des «Schönen Wahren, und Guten» im Code selbst.

Tux‘ Frotzelei in seinem Kommentar: «Klar schmieren zwei von drei Installationen dauernd ab, aber wenigstens wurde mit Liebe programmiert.» ist daher ganz und gar unangebracht: Entwickler*-Profis erkennen intuitiv sofort, ob – unabhängig vom zugrundeliegenden Paradigma – «mit Liebe programmiert» oder eben «lieblos programmiert» wurde, auch und gerade an den eigenen Arbeitsergebnissen, die nach Monaten oder Jahren überarbeitet werden müssen. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: «Programmiere immer so, als ob dein* Nachfolger* ein* antisoziale* gewaltbereite* Psychopath* wäre, der/die weiss, wo du wohnst!» – die Erkenntnis, dass diese imaginäre Person höchstwahrscheinlich «Ich selbst!!!» sein wird, ist das Ergebnis jahrelanger Berufserfahrung.

Das Konzept der «Meritokratie» ist irreduzibel eingebettet in soziale Kontexte und daher zutiefst problematisch, wie in den bei postmeritocracy verlinkten, aber bei Feynsinn & Co. aktiv ignorierten Texten ausführlich dargelegt wird, vor allem dann, wenn eine soziale Gruppe die «Meritokratie» als Selbstdeklaration verwendet: Damit wird nämlich (ganz mechanistisch gedacht) genau dasjenige Verhalten durch soziale Anerkennung belohnt, welches die soziale Wahrnehmung von «Meriten» optimiert. Diese zweckrational optimierbare Fremdwahrnehmung kann und wird selbst dann den tatsächlichen «Meriten» krass widersprechen, wenn das Wahrheitskriterium dieser Meriten selbst gar nicht zur Diskussion steht.

Doch das zitierte Manifest geht noch weiter: Es ist mitnichten nur das Verhalten einer Person, es ist auch der unabänderliche Teil des Seins einer Person wie Muttersprache, Hautfarbe oder Geschlecht, welches die soziale Wahrnehmung von Meriten determiniert: «Tatsächlich ist die Idee von anerkennenswerter Leistung niemals klar definiert; stattdessen scheint sie eine Form der Bestätigung zu sein, eine Anerkennung, dass “diese Person insofern wertvoll sei, als dass sie so sei wie ich.”» Die weitverbreitete und in der In-Group geradezu sozial erwartete Misogynie in Informatiker-Kreisen ist nur ein Aspekt von vielen.

Wer nur schon das Thematisieren dieser offen darliegenden Probleme als «Idiotär» brandmarkt, verwechselt das Faktische mit dem Normativen, hält das So-Sein von gegenwärtig manifesten Freie-Software-Ökosystemen für den Beleg gegen jedes Hätte-auch-ganz-anders-sein-Können und hat sich damit selbst der Imagination beraubt, welche die Idee von Software zur Zeit ihres Noch-nicht-Seins überhaupt erst möglich gemacht hatte.

Quellen

Feynsinn: Idiotäre von rechts bis links
http://feynsinn.org/?p=10566

Das postmeritokratische Manifest
https://postmeritocracy.org/de/

Stefan Betschon: Die im Dunkeln Pfeifen. NZZ vom 22.9.2018, S.12
https://www.nzz.ch/meinung/die-im-dunkeln-pfeifen-ld.1422140


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