Antideutscher «Privilegiencheck»

Folgendes hier in Gänze wiedergegebenes Zitat stammt vom ansonsten immer wieder positiv überraschenden Textsnippet-Scout s((i))ghts Blog für relevante Sichtweisen zum Zeitgeschehen:

«Suchte die Mikropolitik noch die Aneignung eines, und die Verbindung mit einem Außen, eben dem, was man nun mal nicht ist (Arthur Rimbauds „Ich ist ein Anderer“ könnte als der Wahlspruch des Minoritär-Werdens gelten), lautet der Appell der Selbst-Kritisch Weißen: „Bleibe der, der du nun einmal bist und trage schwer an deinem Privilegien-Päckchen!“. Zu diesem Zweck findet eine narzisstische Nabelschau statt, die in eine anti-politische, individualistische Sackgasse führt, die sich ideal mit der neoliberal atomisierenden Gesellschaft verträgt. (…) Hinter der Kritik am status quo verbirgt sich dessen Affirmation. Es ist darin kein großes „NEIN! Schluss damit! So soll es nicht länger sein!“ enthalten – vielleicht DIE Voraussetzung aller Emanzipation.»
ad calendas graecas Blog, 02.08.2018
Privilegiencheck als unendliches Gerichtsverfahren. Über die Rückkehr der Bürde des weißen Mannes in der Postmoderne

Anhand der zitierenden Quelle könnte vermutet werden, es handle sich dabei um im Grunde genommen solidarische Kritik. Stutzig machen müsste aber allein schon das an erster Stelle platzierte Schlüsselwort «Privilegiencheck», wird es doch von den Schreiber*n immer im pejorativ-abwertenden Sinne verwendet, der eine Begriffsbestimmung selbstredend überflüssig macht. Die im Text zustimmend verlinkte Vortragsankündigung Die feine Gesellschaft und ihre Freunde von Bahamas-Autor Clemens Nachtmann, als wortgewaltiger «Antideutscher» ebenso selbstredend sicher verankert im akademischen Mittelbau einer staatlichen deutschsprachigen Universität (Graz), stellt die Sache klar: Die Vortragsankündigung hebt schon kontrafaktisch an mit «Antirassismus, früher ein Steckenpferd linker Kleingruppen, ist längst deutsche Staatsraison geworden: moralische Empörung gegen vermeintliche Rassisten und die Solidarisierung mit Flüchtlingen gehören zum guten Ton der Berliner Republik.» und endet ebenso kontrafaktisch mit «Die als „Willkommenskultur“ vermarktete Massenmobilisierung von 2015/16 war in dieser Perspektive eine Mischung aus islamophilem Kindergeburtstag und antirassistischer Volksfront, bei der es natürlich nicht um Flüchtlinge ging, sondern um die Selbstdarstellung der guten Deutschen und um einen weiteren Anlauf im endlosen Bemühen, die postnazistische Gesellschaft zum multikulturellen Stammesverband umzurüsten.»

Abgesehen von der akademisierenden Sprache und geringfügigen Patzern wie «postnazisitische Gesellschaft» ist die gesamte Ankündigung so gehalten, dass sie so und genau so auch in einem Parteiorgan der AfD erscheinen könnte. Auf nichtidentisches.de wurde bereits gesagt, was dazu zu sagen ist: «Die Solidarisierung mit der AFD hatte eine Vorgeschichte, die an anderer Stelle diskutiert wird. Wer Thomas Maul (oder auch Justus Wertmüller, Clemens Nachtmann, Magnus Klaue, Sören Pünjer, Felix Perrefort) 2018 noch einlädt und sich überrascht gibt über AFD-positive Äußerungen vor dem Vortrag, dem kann man zumindest Naivität oder Lesefaulheit vorwerfen. Nichts, was Maul zur AFD von sich gab, steht in Widerspruch zu den Ausgaben der Zeitschrift „Bahamas“ der letzten Jahre.»

Doch vom Kontext (also sinnbildlich der AfD) zum Text: Vordergründig inszeniert snoozinsontag sowas wie eine solidarische Kritik an sozialen Phänomenen der «Critical Whiteness» am Beispiel einer polemischen Twitter-Äusserung der US-Schauspielerin Anne Hathaway: «White people – including me, including you – must take into the marrow of our privileged bones the truth that ALL black people fear for their lives DAILY in America and have done so for GENERATIONS. White people DO NOT have equivalence for this fear of violence.»

Diese Polemik wird als wissenschaftliche Tatsachenfeststellung genommen und als Pappkameraden-Argument mit einer statistischen Manipulation umgekehrt: «Die Schau auf den weißen Nabel ist so durch und durch narzisstisch, dass die so Schauenden nicht bemerken, dass sie den Afro-Amerikanern die Angst nicht nimmt, sondern eher im Gegenteil: Dazu beiträgt, dass sich diese wie ein Alpdruck auf die Gehirne legt.» Er beschuldigt also die Proponenten der Critical Whiteness, eine nicht so bezeichnete Todesangstneurose bei «Afro-Amerikanern» kausal zu verursachen, anstatt sie im Sinne einer fernpsychiatrischen Therapie wegzunehmen, im Text: «Laut eines Berichts der Washington Post, der Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, wurden 2017 von der US-Polizei 958 Menschen erschossen, davon waren 68 Personen unbewaffnet. Der Anteil an Afro-Amerikanern betrug dabei 22 Prozent, davon 19 Prozent unbewaffnet. Beide Werte sind zwar hoch, wenn man bedenkt, dass Afro-Amerikaner nur 6% der Gesamtbevölkerung ausmachen, aber die Behauptung Hathaways, dass lediglich Afro-Amerikaner um ihr Leben, und sei es lediglich im Falle einer Polizeikontrolle, fürchten müssten, ist schlicht unhaltbar.»

Die statistische Manipulation besteht nur schon darin, den vielen «68 Menschen» die unbewaffnet erschossen wurden, nur wenige «19% Schwarze» (also nur 13 Personen) gegenüberzustellen. Kein Grund zur Besorgnis, alles nur Neurose, und es ist «White Man’s Burden» (sic), diese Angstneurose beim Schwarzen Mann mit antideutscher Indoktrination zu therapieren? Ein kurzer Gegencheck mit den Originaldaten und hier nur mit der einen Zeile für «unbewaffnet» (gerechnet mit GNU R):

dat < - read.csv(file="fatal-police-shootings-data.csv",head=TRUE,sep=",")
ar <- table(dat$armed, dat$race)
                              A   B   H   N   O   W
unarmed                   2   1  20  13   1   1  30

Von 987 Getöteten waren 68 unbewaffnet (also die Fälle irgendwo zwischen Mord und fahrlässiger Tötung), darunter waren 20 Schwarze und 30 Weisse. 20 von 68 sind nach Adam Riese 29% und nicht 19% – wenn es zahlenmässig nicht so gelegen käme, könnte das als Abschreibfehler durchgehen. Aber in der vom Antideutschen natürlich bevorzugten Deutschen Quelle (Die Zeit) stand wörtlich: «Dem Bericht zufolge waren 22 Prozent der Erschossenen männliche Afroamerikaner, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung der USA nur sechs Prozent ausmacht. 19 von ihnen waren demnach unbewaffnet, als sie von der Polizei getötet wurden. Dies waren zwei mehr als 2016, aber deutlich weniger als 2015.» 19 Personen – und eben nicht 19% bzw. 13 Personen!

Bei Gleichbehandlung wären 6% Schwarze Ermordete zu erwarten, tatsächlich waren es 2017 aber 29% – die Wahrscheinlichkeit, in den von den Antideutschen heissgeliebten USA von den Agenten des staatlichen Gewaltmonopols unbewaffnet erschossen zu werden, war also für Schwarze fast fünf mal höher als für Nichtschwarze. Das «deutlich weniger als 2015» gibt einen Hinweis, hier die Zahlen über den gesamten Datensatz (2015 – 2018):

                                A   B   H   N   O   W
unarmed                     4   1  89  45   3   5  99

Von gesamthaft 246 unbewaffnet Getöteten waren 89 Schwarze, was einen Anteil von gut 36% ergibt, also sechs mal höher. Diese 6x höhere Wahrscheinlichkeit veranlasst snoozinsontag, gegen Hathaway zu höhnen: «die Behauptung Hathaways, dass lediglich Afro-Amerikaner um ihr Leben, und sei es lediglich im Falle einer Polizeikontrolle, fürchten müssten, ist schlicht unhaltbar.» Mensch stelle sich diese Zahlen (Faktor 6) und derartige Behauptungen im Zusammenhang mit eventuell krebserregenden Medikamenten vor…

Bekanntlich sind MINT-Fächer die Sache des Antideutschen nicht, also weiter zum geisteswissenschaftlichen Teil von snoozinsontags Polemik: «Hinter der Kritik am status quo verbirgt sich dessen Affirmation. Es ist darin kein großes „NEIN! Schluss damit! So soll es nicht länger sein!“ enthalten – vielleicht DIE Voraussetzung aller Emanzipation.» Diese dreiste Lüge unter Auslassung von «Black Lives Matter» bedürfte eigentlich keines Kommentars, sprechen für Nicht-Antideutsche die Zahlen doch für sich, ganz im Sinne von Frantz Fanon: «Diese Dinge werde ich sagen, nicht schreien. Denn schon lange ist der Schrei aus meinem Leben gewichen.» (Schwarze Haut, weisse Masken, Einleitung) Aber wir haben es bei Antideutschen eben mit autochthon Deutschen zu tun, mit authochthon Deutschem Umgang mit Bevölkerungsstatistik und damit autochthon Deutscher Banalität des Bösen.

Aus dem zitierten Zeit-Artikel: «Das große öffentliche Bewusstsein habe dafür gesorgt, dass die Beamten bei ihren Einsätzen vorsichtiger auf unbewaffnete Personen reagierten, sagte der Polizei-Experte Chuck Wexler der Washington Post.» Dieses gewachsene Bewusstsein mit allen rhetorischen Mitteln zu torpedieren, ist das offensichtliche unerklärt-erklärte Ziel snoozinsontags, indem er hinsichtlich der empirisch leicht gesunkenen Bedrohung kontrafaktisch psychologisierend schwadroniert: «Die Behauptung, Schwarze müssten immer und überall Todesangst haben, verstärkt die Bedrohung nur noch und steht damit jedem aufklärerischen, antifaschistischem, antirassistischem Empowerment entgegen. Freiheit von Angst müsste das Ideal sein, nicht ihre Beschwörung.» Was um Himmels Willen tut denn snoozinsontags anderes, als mit den gezeigten statistischen Manipulationen, also neudeutsch «alternativen Fakten», eine heile Welt zu beschwören?

Der auf die «Critival Whiteness» laienpsychoanalysierend gemünzte Schlusssatz: «Machen wir den Titel zum Programm: SCHLUSS MIT DEM GERICHT!» ist in dem gezeigten Antideutschen Zusammenhang leider autochthon Deutsch zu verstehen, denn die Schlussstrich-Metaphorik zieht sich durch den ganzen universalhistorisierenden Teil des Textes: «Die Narben, die 500+ Jahre Kolonialismus hinterlassen haben, reichen offenbar immer noch tief in die Gefühlshaushalte hinein.» (Was denn sonst?) «Allemal ist es begrüßenswert, dass eine wachsende Zahl von Menschen ein Bewusstsein für die Verwerfungen entwickelt, die das imperiale Zeitalter produziert hat, und welches Leid die westlichen Nationen einst über den Rest der Welt brachten.» («einst», also im märchenhaften «es war einmal», irgendwann in grauer Vorzeit, es gibt keinen Neokolonialismus, es gibt keine für den Trikont ökonomisch selbstmörderische «Freihandelsverträge», keine Militärinterventionen, nichts). «Die historische Schuld kann nicht im Individuellen abgetragen werden, da der Kolonialismus als historische Phase in der weltweiten Expansion des Kapitalverhältnisses ein gesellschaftliches Phänomen ist, das zu gesellschaftlichen Verwerfungen führte, die bis heute nachwirken und die nach gesellschaftlichen, politischen Lösungen verlangen.» (immerhin doch schwammig «nachwirken») «Dabei ist daran zu erinnern, dass im Schatten dieser Verwerfungen zugleich auch erstmals in der Geschichte der Menschheit die Möglichkeit am Horizont aufschien, dass der Mensch sich endgültig von den Fesseln des Naturzwangs löse.» (Die vielen positiven Seiten des Kolonialismus nicht zu vergessen, wie war das noch mit den Autobahnen in Deutschland?):

Also: Schlussstrich unter die fortdauernde mörderische Geschichte das Rassismus in den USA, damit (noch!) unsagbar mit Gauland und der AfD: Schlussstrich unter den «Vogelschiss der Deutschen Geschichte»!


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