Zum autoritären Welt- und Menschenbild (verwertbarer) esoterisch ausgerichteter Heilverfahren

„Das ist unsoziologisch gedacht“ als der „schlimmste Vorwurf“ war vor einiger Zeit an einem Vortrag in der SWR-Tele-Akademie zu hören. Aber der Text hier ist nicht als Vorwurf gedacht, sondern als Ergänzung, denn auf der Ergänzung „verwertbar“ im Sinne von kapitalistischer In-Wert-Setzung zum Originaltitel des Beitrags von Ingrid Tomkowiak im sehr lesenswerten Blog Geschichte der Gegenwart soll hier etwas herumgeritten werden: Tomkowiak selbst beginnt mit: „Esoterische Heilverfahren haben seit den 1980er Jahren Konjunktur. (…) Entsprechende Ratgeberliteratur findet sich in nahezu jeder Buchhandlung, Bildungsträger bieten zahlreiche Therapiekurse an, Messen und Gesundheitsmärkte boomen.“

Richtig bemerkt sie, dass diese Therapien auf eine „Veränderung der Grundanschauungen“ zielen und damit „auch politisch zu beurteilen“ sind. Ungesagt und ungedacht bleibt im Folgenden aber, dass die von ihr treffend beschriebenen Phänomene an (und primär an) derjenigen Spitze des Eisbergs nachgewiesen werden, die in den vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnissen von ungefährdeter öffentlicher Sichtbarkeit profitiert.

Ein Beispiel: „Als Wert an sich wird ‚Natur‘ bestimmt. Dabei erfährt sie eine Reihe positiver Zuschreibungen: Sie gilt als sanft und zugleich als sicher, als harmonisch, rein und – wie selbstverständlich – als gesund.“ Wird das so als Kritik formuliert, wird ungesagt vorausgesetzt, dass diese verabsolutierende Aussage in erster Linie die absoluter Entfremdung dokumentiert, die im bürgerlichen Begriff von „Natur“ als etwas „Anderem“ bzw. gesellschaftlich „Geandertem“ bereits angelegt ist. Wer „Natur“ einfach nur als „sanft und zugleich sicher“ wahrnimmt, nimmt die eigene sinnliche Wahrnehmung der Sanftheit und Sicherheit des Polstersessels in der geheizten Stube vor dem Fernseher während der Naturdoku irrtümlich für das Ganze.

Dieselbe Entfremdung wird sichtbar in der eklektizistischen Aneignung von (u.a.) „Elemente(n) aus der mittelalterlichen Mystik, der Alchemie, der Ur- und Stammeskulturrezeption, exotische medizinische und paramedizinische Techniken, Anleihen aus der Naturheilkunde und Kräutermedizin verschiedener Kulturen und Epochen.“ Damit „liefern VerfasserInnen esoterisch ausgerichteter Gesundheitsratgeber triviale Erklärungsmuster komplexer Zusammenhänge und Sachverhalte“. Ja, das tun sie: aber das ist nur möglich im Modus der enteignenden und anschliessend ökonomisch in-Wert-setzenden „cultural appropriation“.

Denn wenn es einen Konsens unter Ethnolog*en und Anthropolog*n der Gegenwart gibt, dann diesen: Die oben angedeuteten „Elemente“ sind jedes einzeln an und für sich unendlich kompliziert und erfordern jahrelanges ernsthaftes Studium zur Erlangung von Kompetenz in dem Fachgebiet. Und dann der Erkenntnis-Schock: diese Kompetenz lässt sich schon linguistisch gerade nicht einfach in die Sprache der Forscher* übersetzen – im Gegenteil: sie kann die eigene, vermeintlich vertraute Sprache ins Unverständliche verfremden! Diese Tatsache ist aber unter den gegebenen Verhältnissen nur solchen Leuten zugänglich, die sich – weil des Lesens mächtig – angewidert abwenden von Regalmetern von Eso-Literatur, die „sich in nahezu jeder Buchhandlung“ finden – um anschliessend festzustellen, dass der extra aus den USA eingeschiffte Klassiker im Kaufbeleg unter „Esoterik“ einsortiert ist…

Ein Gedankenexperiment: 100 Jahre zurückspulen, und es fallen die Sätze: „Der Vorwurf an die Schulmedizin lautet, sie sei gegen die Natur des Menschen gerichtet. Entsprechend wird ein ‚neues Paradigma‘ im Beziehungsgefüge von Gesundheit, Krankheit und Heilung postuliert.“ Soweit, so selbstverständlich ohne Kontext – aber die Diskussion dreht sich um eine manifest psychisch kranke Person, welche schon dutzende von teuren medikamentösen Therapien gegen die damals wissenschaftlich erwiesene Krankheit der Homosexualität hinter sich hat. Wieder 100 Jahre vorspulen, und die zitierten Sätze leuchten in ganz anderen Farben.

Der rhetorische Trick mit den hundert Jahren vereinfacht das schnelle oberflächliche Verständnis, verschleiert aber (und das ist das Entscheidende), dass damals genau dieselben Regalmeter strukturell derselben Literatur „sich in nahezu jeder Buchhandlung“ fanden, die damals unter den von Tomkowiak selbst zitierten „Denkmuster der Reformbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts“ firmierten. Mensch muss nicht Thomas Manns Zauberberg zitieren, um für die damalige Zeit festzustellen: „Bildungsträger bieten zahlreiche Therapiekurse an, Messen und Gesundheitsmärkte boomen.“ – aber eben: als Spitze des Eisbergs, die in den vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnissen von ungefährdeter öffentlicher Sichtbarkeit profitiert. Dass in derselben Epoche im Unverstandenen und Verborgenen das zu reifen begann, was heute als poststrukturalistische Ethnologie und Anthropologie einer Minderheit langsam verständlich zu werden beginnt, war damals noch nicht abzusehen.

Aber eine solche Argumentationsform wäre doch das titelgebende Programm der Geschichte der Gegenwart?

Ingrid Tomkowiak: Zum autoritären Welt- und Menschenbild esoterisch ausgerichteter Heilverfahren
Geschichte der Gegenwart, 14.1.2018
http://geschichtedergegenwart.ch/sanfte-alternativen-zum-autoritaeren-welt-und-menschenbild-esoterisch-ausgerichteter-heilverfahren/


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