Archiv für November 2017

René Scheu und Bassam Tibi in der NZZ: Die Barbaren berufen sich auf Adorno

„Die Barbaren, sie lauern überall – auch der Antirassismus taugt zum Rassismus“ titelte René Scheu am 28.10.2017, seines Zeichens Chefredaktor des Feuilletons der Zürcher NZZ und in dieser Funktion kausal mitverantwortlich für das „Klima der untergründigen Angst“, welches dort seit einiger Zeit das Arbeitsverhältnis prägt (WoZ vom 12.10.2017). In seinem ummauerten Gärtchen simulierte er kürzlich eine intellektuelle Debatte, welche über die zu dem Zwecke logisch notwendige handzahme Replik von Dieter Thomä, „Was ist das Erbe der Aufklärung?“, in der umfassenden Bestätigung von Scheus Weltanschauung gipfelte durch den notorischen „Adorno-Schüler“ Bassam Tibi, welcher „über das merkwürdige Bündnis von Progressiven und Islamisten“ einmal mehr öffentlich schwadronieren durfte.

Um die Sache von hinten aufzurollen zunächst dieser Satz aus dem WoZ-Artikel zum Hintergrund des gegenwärtigen journalistischen Arbeitsklimas bei der NZZ: „Die Gefahr stand im Raum, dass die rechtspopulistische Medienoffensive der Milliardäre Tito Tettamanti und Christoph Blocher nach der «Weltwoche» und der «Basler Zeitung» auch die «Neue Zürcher Zeitung» erreichen könnte: wenn nicht über die Aktien, dann über die Köpfe.“

Die rechtspopulistische „Basler Zeitung“ ist bazonline.ch – in diesem Kontext die sehr professionell SEO („search engine optimized“) Google-Top-Ergebnisseite zu Bassam Tibi, zumindest in der Schweiz:

Bassam Tibi

…und darüber gleich zum Kulminationspunkt von Tibis Argumentation:

„Die «Progressiven» sind in der Tat kulturrelativistisch und postmodern; sie ersetzen das individuelle «Subjektivitätsprinzip» (Habermas) durch Minderheitenrechte. Setzte sich diese Haltung durch, würde dies das Ende von Europa als Kontinent der Aufklärung und als «Insel der Freiheit in einem Ozean der Gewaltherrschaft» (Horkheimer) bedeuten.“

Tibi gibt die Quelle des Horkheimer zugeschriebenen Zitats nicht an, Ofenschlot hatte vor einiger Zeit in seinem Blog-Beitrag „Der alte Mann und der Krieg“ eindrücklich belegt, auf welchen Horkheimer der hochdekorierte Adorno-Schüler Tibi sich beruft:

„Ganz Asien würde chinesisch werden. Aber die Intellektuellen sehen nur das Grauen dieses Krieges, die unglücklichen Vietnamesen, die scorched earth policy [Verbrannte Erde. Es ist ein pikantes Detail, dass Horkheimer resp. sein Chronist auf den englischen Ausdruck ausweicht, um bloß keine Wehrmachts-Assoziation aufkommen zu lassen? Anm. Ofenschlot] der amerikanischen Kriegsführung. Was sie nicht sehen, ist die Hölle einer chinesischen Weltherrschaft.“ (Gesammelte Schriften Bd.18, Frankfurt 1996, S. 646f.)

„Wenn in Amerika es gilt, einen Krieg zu führen – und nun hören Sie wohl zu – einen Krieg zu führen, so ist es nicht so sehr die Verteidigung des Vaterlandes, sondern es ist im Grunde die Verteidigung der Verfassung, die Verteidigung der Menschenrechte, und Sie können heute sagen: ja, und was passiert denn da in Vietnam? Sie können mit Recht all das Furchtbare darstellen – wenn Sie es können – was in Vietnam sich ereignet. Aber diese jungen Menschen, die da hinausgehen, glauben, sie verteidigen die Welt, in der es noch ein bißchen so etwas wie Freiheit gibt, gegen das Gegenteil, selbst wenn man dazu auch totalitäre Mächte leider benutzen muß.“ (Antwortschreiben Horkheimer vom 18.5. 1967 an den Frankfurter SDS)

Das also ist Bassam Tibis Horkheimer. Natürlich könnte man sich lustig machen über den öffentlich zur Schau gestellten Primitivismus von jemdandem, der sich in symbolischem Ahnenkult vor dem Schrein bzw. säkular „vor dem Schreibtisch von Theodor W. Adorno an der Goethe-Universität in Frankfurt fotografieren“ lässt, in jovial herablassender Pose des hochdekorierten Intellektuellen, laut Wikipedia Träger des „Bundesverdienstkreuz erster Klasse“ und des „Jahrespreis der Stiftung für Abendländische Besinnung“, kurz: Deutscher als Deutsch. Natürlich ist es absolut lächerlich, wenn er sich in dieser objektiv obrigkeitsdeutschen sozialen Position geriert als „ein gelbhäutiger muslimischer Westasiate aus Damaskus“, der sich über irrationale „Dritte-Welt-Propheten“ (sic) mokiert.

Doch das trifft den Kern der Sache nicht. Tibi dekliniert den Kalauer „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“ folgendermassen: „In meinen jungen Jahren als linker Student in Frankfurt und aktiver 68er habe ich selbst den «tiers-mondisme» von Frantz Fanon vertreten und sass als «Progressiver» im Beirat der damals einflussreichsten marxistischen Berliner Zeitschrift «Das Argument». Schon damals wehrte ich mich allerdings gegen die im Gedeihen befindliche Verherrlichung des Fremden, die auf der Umkehrung der Verteufelung des Fremden, nicht aber auf deren Überwindung basiert.“ (NZZ a.a.O.)

Die grammatische Vergangenheitsform in Sachen Frantz Fanon ist nämlich nicht nur intellektuell unredlich, sie ist eine glatte Lüge, liefert Frantz Fanon doch den Schlüssel zum Verständnis von Tibis gegenwärtigem Wirken: Er hat sowohl „Scharze Haut, weisse Masken“ wie auch „die Verdammten dieser Erde“ grundsätzlich nicht verstanden und gleichzeitig zutiefst verinnerlicht. Seine idiomatische Deutsche Farbenlehre zu Syrer*n, mit der er kokettiert, liest sich bei Fanon so:

„Im Übrigen, fügen sie hinzu, sprechen wir den Schwarzen keineswegs jeden Wert ab, aber wissen Sie, es ist besser, wenn man weiss ist. Kürzlich unterhielten wir uns mit einer von ihnen. Als ihr die Puste ausging, warf sie uns an den Kopf: «Übrigens pocht Césaire nur deshalb so auf seine schwarze Hautfarbe, weil er sie wirklich als Fluch empfindet. Pochen etwa die Weissen auf die ihre? In jedem von uns steckt ein weisses Potential, manche wolle nichts davon wissen oder kehren es einfach um. Ich persönlich würde im keinen Preis der Welt einen Neger heiraten.»“ (Fanon: Schwarze Haut, weisse Masken: 42).

„Es liegt auf der Hand – und ich werde nicht müde, es zu wiederholen – dass der Anstrengung des Arztes aus Guadeloupe, seine Entfremdung aufzuheben, wesentlich andere Motive zugrunde liegen als der des Negers, der am Bau des Hafens von Abidjan mitarbeitet. Beim Ersteren ist die Entfremdung fast intellektueller Art. Insofern er die europäische Kultur als ein Mittel begreift, sich von seiner Rasse zu lösen, setzt er sich als Entfremdeter. Der Letztere tut dies, insofern ein Opfer eines Regimes ist, das auf der Ausbeutung einer bestimmten Rasse durch eine andere beruht, auf der Verachtung einer bestimmten Menschheit durch eine Form der Zivilisation, die als überlegen gilt.“ (Fanon: Schwarze Haut, weisse Masken: 169).

Bassam Tibi hat in seinem Leben in der durch und durch rassistischen bürgerlichen Deutschen Bildungselite daraus die doppelte Konsequenz gezogen, dass er sich zunächst die Deutsch-“europäische Kultur“ karikaturesk über-aneignen muss, das aber bei weitem nicht genügt: Zusätzlich muss er sich öffentlichkeitswirksam zum Komplizen eines Regimes machen, das auf der gewaltsamen Ausbeutung einer bestimmten Rasse (Horkheimers „Ozean der Gewaltherrschaft“) durch eine andere beruht (Horkheimers „Insel der Freiheit“).

Darin gründet sein tatkräftiges Engagement für den europäischen nationalistischen Rechtspopulismus bei Zeitungen wie BaZ, NZZ oder auch online beim Rechtsaussen-Blog „Achse des Guten“, daher ist ihm die unter Historikern unbestrittene Wahrheit undenkbar, dass Horkheimers „Ozean der Gewaltherrschaft“ seine kausale Ursache grossteils in der selbstproklamierten „Insel der Freiheit“ hat, von den Kolonialkriegen des 19. Jh. über die beiden von Deutschland und dessen Leitkultur kausal verursachten Weltkriege, den Algerienkrieg, den Vietnamkrieg, die Golfkriege, der Libyenkrieg, usw. usf. Bei Fanon liest sich das von Tibi im Sinne der „cultural appropriation“ enteignete und ins Europäisch-Deutschnationale umgekehrte Argument für die Nation so:

„Die Verantwortung des kolonisierten Intellektuellen ist keine Verantwortung gegenüber der nationalen Kultur, sondern eine allgemeine Verantwortung gegenüber der ganzen Nation, von der die Kultur letztlich nur ein Aspekt ist. Der kolonisierte Intellektuelle darf sich nicht damit beschäftigen, sich die Ebene seines Kampfes auszusuchen, den Sektor, in dem er den nationalen Kampf zu führen gedenkt. Sich für die nationale Kultur schlagen, heisst zunächst, sich für die Befreiung der Nation, der materiellen Stammutter schlagen, durch die die Kultur erst möglich wird“. (Fanon: Die verdammten dieser Erde: 178)

Das ist, pervertiert angeeignet von den Deutschnationalen, das politische Programm der Achse des Guten, der Bassam Tibi mit seiner Leitkultur tatkräftig zuarbeitet. Er hat seinen Fanon schon gelesen… Die Kritische Theorie ist mittels der Negation des Negativen in Adornos Negativer Dialektik endgültig in Deutschland bzw. Deutsch-Europa angekommen. Doch ohne Negation bleibt davon nur der klassische Deutschnationale Rechts-Hegelianismus mit den bekannten Folgen.

Der Faschismus in statu nascendi beruft heute auf Adorno sich.

Quellen

Die Angst geht um an der Falkenstrasse, WoZ, 12.10.2017
https://www.woz.ch/1741/nzz/die-angst-geht-um-an-der-falkenstrasse

René Scheu, Die Barbaren, sie lauern überall, NZZ, 28.10.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/die-barbaren-sie-lauern-ueberall-ld.1324642

Dieter Thomä, Was ist das Erbe der Aufklärung?, NZZ, 3.11.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/was-ist-das-erbe-der-aufklaerung-ld.1325909

Bassam Tibi, Aufklärung und Kulturrelativismus vertragen sich nicht, NZZ, 22.11.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/aufklaerung-und-relativismus-vertragen-sich-nicht-ld.1330627

Ofenschlot: Der alte Mann und der Krieg
http://ofenschlot.blogsport.de/2010/07/26/der-alter-mann-und-der-krieg/

Fanon, Frantz: Schwarze Haut, weisse Masken. Tunia + Kant, Wien 2013, 2016.

Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1966, 2008.