Archiv für Januar 2017

Identität von Eigennutz und Allgemeinnutzen im Voluntourismus

Der Artikel “Doing good” in an age of parody auf Africa is a Country offenbarte eine Schwäche in der Argumentation im Beitrag zur Immenseer Mission zu den inneren Widersprüchen des Voluntourismus mit dem „Ziel, „etwas Gutes tun“ zu wollen, „der Welt etwas zurückzugeben“ oder „sich selbst zu verwirklichen““ (Wikipedia) – und der eigenen Lebenslaufoptimierung, um sich gegen andere besser durchzusetzen. Den teilnehmenden Subjekten ist nämlich die Farce, an der sie sich aktiv beteiligen, sehr wohl bewusst, wie eine Befragung durch Elsa Gunnarsdottir in Marokko gezeigt hat: „Instead of finding volunteers blind to the multiple and complex ways in which “voluntourism” can be a neocolonial project, the Moroccan Children’s Trust was supported by young volunteers fully aware of the relation between their work and parodies of it, as well as the cultural and political critique of the “white savior complex.”“

Diese „Millenials“ entstammen einer Generation, die durch Schule, Universität und Qualitätsjournalismus nie etwas anderes vermittelt bekommen hat als die Ideologie des Neoliberalismus: „What might appear to be a paradox – that young people volunteer for NGO’s abroad while aware of the critique of such work – is not only built on a long history of such debates in philanthropy but in its contemporary iteration, and is a logical outcome of neoliberal subject-making.“

Gunnarsdottir/Mathers bestätigen ausdrücklich das Getriebensein dieser Subjekte: „Millennials are also encountering an increasingly stressful and limited job market, albeit one that is meant to offer freedom and flexibility not available to their parents. They have experienced waves of financial collapse and economic downturns leading to higher levels of unemployment, student debt and lower levels of income than preceding generations had achieved at a similar age. (…) Their job searches are characterized by employers’ desire for candidates with affective skills such as empathy and sympathy. (…) Volunteering has therefore become a worthwhile investment for millennials in periods of economic stringency and despite increasing criticism.“

Was als Paradox erscheinen könnte, ist im neoliberalen Bewusstsein a priori bereits versöhnt: „If, as neoliberal citizen-, their primary responsibility is towards their own advancement (because that is in itself a social good and globally responsible), there is no contradiction in being both critical of and a participant in voluntourism.“ Das neoliberale Subjekt kann a priori keinen Widerspruch erkennen, da der egoistische Eigennutz wissenschaftlich a priori identisch mit dem Nutzen für die Allgemeinheit ist.

Der Paradigmenwechsel in der akademischen Soziologie zu Beginn des 21. Jh. widerspiegelt diesen gesellschaftlichen Sachverhalt: In der paradigmatischen Moderne des 20. Jh. galt die Physik dank der Überzeugungskraft überirdischer Atombombentests als universale Leitwissenschaft für alle anderen Wissenschaften und brachte die statistikbasierte empirische Sozialforschung hervor, welche später durch die linguistische Wende relativiert wurde. Diese Geistesgeschichte ist heutzutage gründlich vergessen. Die alles übergreifende universale Leitwissenschaft aller Wissenschaften ist heutzutage unangefochten die Betriebswirtschaftslehre: Rational Choice, Gefangenendilemma, Pareto-Optimum sind heutzutage an den Universitäten die wissenschaftlichen Grundbegriffe a priori, womit sich alle nur denkbaren gesellschaftlichen Verhältnisse universal erklären lassen.

Die auf den Ökonomen Adam Smith zurückgeführte und neoliberal universalisierte Identität von Eigennutzen und Allgemeinnutzen ist auch für die heute übliche mobbingbasierte Personalführung grundlegend. Jede* Mitarbeiter* im auf der Firmenwebseite selbsterklärten „tollen Team“ steht in ständiger Konkurrenz zu allen anderen Mitarbeiter*n, Mobbing wird so zur überlebensnotwendigen Routinetätigkeit: Leute werden heutzutage nicht mehr entlassen, sie werden systematisch in den psychischen Zusammenbruch gemobbt. Dank der Universalität der Identität von Eigennutz und Allgemeinnutzen ist dabei für die beteiligten Subjekte a priori kein Problem erkennbar, sondern das Ganze wird stillschweigend als Win-Win-Situation interpretiert: Der Betrieb behält seine weisse Weste („Wir sind wie eine Familie: Hier wird niemand entlassen!“) und das Mobbingopfer profitiert vom Krankentaggeld fürs heitere Nichtstun. Die darauf folgende Langzeitarbeitslosigkeit aufgrund absolut vernichtender Referenz vom letzten Arbeitsplatz bleibt im Konkreten ausserhalb des Radars des weiterhin ach so „tollen Teams“ und fällt im Allgemeinen unter die neoliberalen Erklärungen a priori selbstverschuldeter Langzeitarbeitslosigkeit. Das sind die „affective skills such as empathy and sympathy“, welche die Arbeitgeber suchen und bei Volountouristen – wie hier gezeigt – völlig zu Recht gehäuft vermuten.

Das neoliberale Subjekt zeigt sich so zunächst immun gegen jegliche Einsicht, welche es auf innere Widersprüche hinweisen könnte. Zunächst. Wie in der kurzen Szene in einem Asterix & Obelix, wo die beiden verständnislos einem modernen absurden Theater beiwohnen, welches die Dekadenz der Römer persifliert: Selbstironisches Einverständnisgelächter bei den römischen Zuschauer*n, bis Obelix als Anderer aufsteht und vernehmen lässt: „Die spinnen, die Römer!“ Sofort schlägt die ungezwungene Fröhlichkeit jähzornig um in offene Aggression. Strukturell Gleiches ist von den selbstverwirklichenden Volountouristen im Trikont zu erwarten: Die heutzutage routinemässigen Massenmorde durch Bombenteppiche um Zuge vorgeblich altruistischer „Regime Change“ sind die historisch erwartbare Reaktion auf eine in Wahrheit unvermeidliche kollektive narzisstische Kränkung. Und, oh Wunder: Diese Massenmorde sind für das neoliberale Subjekt im „Kampf gegen den Terrorismus“ a priori von ethisch unanfechtbarem Allgemeinnutzen.

Quelle

Gunnarsdottir, Elsa und Mathers, Kathryn: “Doing good” in an age of parody
http://africasacountry.com/2017/01/doing-good-in-an-age-of-parody/