Besinnliches zur Doku von Beat Bieri: Das Ende der Mission – Ein Stück Schweizer Weltgeschichte

„Aus der Innerschweiz zogen die Missionare in die entlegensten, ärmsten Winkel der Erde, als Seelenretter und Entwicklungshelfer, christliche Haudegen und ja, auch verwegene Abenteurer.“ (4:25) Die Wirtschaftsflüchtlinge aus den damals ärmsten Winkeln der Schweiz, zugereist in Südrhodesien (heute Zimbabwe) wurden im SRF-Dokfilm „Das Ende der Mission“ kurz vor Weihnachten im Schweizer Fernsehen einfühlsam porträtiert.

Zwei dieser Haudegen sollen hier idealtypisierend herausgegriffen werden: John Burkhart und Gabriel Imstepf. Burkhart „wuchs als uneheliches Kind im Thurgauer Kloster Fischingen auf (…) ein gelernter Schlosser“ (23:47), Imstepf wuchs auf in Lalden, im „Wallis, ein[em] Eipzentrum des Schweizerischen Katholizismus“ (75:09) und fand keine genügend grosse Gemeinde, um seine Berufung auch zu praktizieren: „Es hat mir 1969 der Bischof damals hat mir gesagt, ja, Herr Pater, warum nicht hier bleiben? Es ist einer gewesen vom Grossen St. Bernhard, und er ist Bischof von Sitten gewesen und hat mir dann gesagt, warum nicht hier bleiben, warum wieder gehen? Da habe ich ihm eben gesagt: „Gebt mir Fiesch bis nach Oberwald, [das gibt was her], aber so eine kleine Pfarrei, ich würde wirklich nicht wissen, was machen.“" (76:07)

John Burkhard inszenierte sich mit Spendengeldern als Unternehmer, produzierte mit „gebrauchten Schweizer Gerätschaften in Driefontein“ (24:07) und vier Angestellten („zwei sind Lehrlinge gewesen, und zwei sind Arbeiter gewesen“, 24:34) im eigenen Bäckerei- und Metzgerei-Betrieb die gesamte Palette der in Sachen Haltbarkeit ans Schweizer Klima angepassten Fleisch- und Wurstwaren. Freilich widerspricht er selbst dieser Ökonomie: „Das sei nicht die ganze Wahrheit, wendet Burkhart ein, alle Betriebe seien selbsttragend gewesen, Kapitalspritzen aus der Schweiz seien nur ausnahmsweise eingesetzt worden. „Es ist die Misswirtschaft, das fängt damit an, dass niemand die Buchhaltung macht“, sagt Burkhart.“ (NZZ vom13.8.2013).

„Bruder John beim Aufbau der Mission. Das war vor 60 Jahren. Und stets packte er zuvorderst an, in der Hoffnung, seine Arbeit sei Beispiel genug, damit auch die Afrikaner sich Schweizerische Tugenden aneignen würden. Als Buschpilot brachte Bruder John medizinische Hilfe in die entlegensten Dörfer.“ (26:50) Das Fliegen war in der Schweiz immer nur den Reichen vorbehalten, selbst das Segelfliegen – erst der Gleitschirm brachte heute eine gewisse Demokratisierung. Hätte Burkhart selbst die anderen angemahnte Buchhaltung gemacht, seine abenteuerlichen Flüge wären das Gegenteil von finanzierbar gewesen.

Imstepf hingegen ist frei von den Schuldzuweisungen des gescheiterten Unternehmers. Heute ist er zwar zwar „fast blind“, doch umso offeneren Auges für die tatsächlichen Verhältnisse: Angereist als White Savior landete er zunächst brüsk auf dem Boden der Realität: „Wir haben keine richtige Einführung bekommen. Schnell-Bleiche und „geh arbeiten“!“ „Was war denn das Schwierigste, um hier Fuss zu fassen in Afrika?“ „Die Sprache, ja. Weil, die Sprache hat absolut nichts zu tun mit unserer Sprache. Und dann haben wir Tag und Nacht studiert. Und dann geht man reden und reden und Fehler machen, und das macht nichts, die Leute sehen, du hast sie gerne – und er versucht es ja. Und es ist eine schöne Sprache, schöne Sprache. Viel weicher zu beten, in der Sprache, in dieser Shona-Sprache als in, selbst in meinem Walliser Dialekt. Das ist die Nummer zwei Sprache, ja, Nummer eins ist jetzt das Shona.“ (16:22)

Eingebettet war das Ganze in die politische Ökonomie des in meiner Elterngeneration gerade auch an den staatlichen Schulen der katholischen Kantone promoteten Nicknegerleins der Missionsgesellschaft Bethlehem. Eingeschobene Übersetzungshilfe: Als in einer Bar ein Schweizer auf dem Gebrauch des N-Worts für eine Süssigkeit beharrte, fragte ich ihn, was für ihn das schlimmste Schimpfwort sei, dass man ihm an den Kopf werfen könne. „Schafseckel.“ Also klärte ich ihn auf: „Schafseckel“ ist das, was ankommt, wenn du das N-Wort in den Mund nimmst. Hier also zu lesen als: „Nickschafseckel“. Ernst Wildi dazu: „Ja ja, das erinnert man sich natürlich, als Kind, als das aufgestellt worden ist.“ „Das kann ich mich also auch erinnern.“ „Und es, die Lehrerin und Katechetin, erzählt hat von diesen armen, armen Heidenkindern, die man erlösen muss. Und wir haben das natürlich voll alles schön geglaubt und so.“ (7:34)

Natürlich wird das heute kritisch gesehen. Wildi: „Jetzt kann man sich auch vorstellen, wie Afrikaner und Afrikanerinnen natürlich das kritisieren. Sie sagen, mit dem Kolonialismus ist das Christentum gekommen, und die haben sich genau gleich aufgeführt. Haben uns als arm und dumm und eben als Heiden bezeichnet. (…) Wenn ich einfach versuche, mich selber zu sein, dann haben sie gesehen, die Missionare sind nicht, sind auch anders geworden. Die sind nicht mehr so wie unsere Grossmütter und Grossväter erzählt haben, die streng gewesen sind mit ihnen und ständig alles verboten haben, und alles was ihre Kultur gewesen ist, ist verboten gewesen, so dass die Leute gesagt haben, wenn ich ein guter Christ sein will, dann muss ich ein schlechter Afrikaner sein, also ein schlechter Bemba oder Ila oder Lala, zu dieser Volksgruppe, wo sie gehört haben. Das hat sich glücklicherweise schon sehr geändert.“ (8:41) Doch dieser gegenwärtig politisch korrekte common sense ist eben immer noch eine halbierte Vernunft.

Das Blatt hat sich gewendet, und Imstepf ist augenscheinlich in der Lage, das auch zu erkennen und zu praktizieren, etwa in der schambefreiten Selbstverständlichkeit, mit welcher er zum Schluss des Films auf dem Friedhof eindringlich und einzeln seine verstorbenen Berufskollegen mit Namen anruft: „Ihr alle, die ihr vorausgegangen seid, betet für uns. Und dann gibt es das Wiedersehen, dann gibt es das Fest wie in Afrika, wo das Leben gefeiert wird, nicht der Tod betrauert. Amen, Amen, Amen.“ (89:26). In Zürich wäre der Typ so einfach nur peinlich, ein Verrückter in Aktion – ist das Kunst oder soll der weg?

Anders als Burkhart zeigt Imstepf sich fähig, den Segen zu spenden (17:18): Ein Jugendlicher kniet vor ihm nur formal nieder in der emblematischen Stellung des Nicknegerleins – Imstepf selbst kniet in derselben Stellung vor Todkranken in der Fürbitte –, tatsächlich fordert der Junge von dem Priester souverän die Dienstleistung, deretwegen dieser überhaupt hierhergekommen ist, wie eine sanfte Dusche für Geist und Seele, im Wissen darum, dass Imstepf dazu auch tatsächlich in der Lage ist – eine seltene Gabe. „Ich kenne ihn nicht beim Namen, aber er kommt immer wieder, hier. Und er will immer wieder beten, oder, wenn er mich sieht, kommt er, auf die Knie, und jetzt ist beten. Das haben wir im katholischen Wallis – macht das niemand auf der Strasse. Niederknien und sagen, tue beten für mich. Und das kann ich dutzende male im Tag machen. Ist doch schön, nicht? Ja.“ (17:46)

Alafia Stewart von ORISHAconnect.com bringt die Doppelbödigkeit der Situation im Kontext der traditionellen Unterwerfungs-Rituale zirkumatlantischer Religionen der Moderne im typisch US-amerikanisch-selbstsicheren Habitus der Unternehmerin auf den Punkt: „The reason why we salute is to pay honor to our orisha.“ (0:39) „It’s like when you‘re being saluted, you‘re being saluted because of how long the orisha has been in your head. It’s not saluting you, it’s not saluting your ego, it’s not about you.“ (2:20) „I‘m very uncomfortable with elderly folks saluting me. I remember a woman three times my age, you know, trying to get down to salute me and I was on the ground with her, looking her eye in the eye. Because I cannot fathomably say to myself that you‘re saluting the orisha in me, and I‘m disregarding the years that you‘ve had in this life, on this earth. So, we were looking like this, because I was very uncomfortable with an elderly woman saluting me. So I was like: if we‘re going down, we‘re going down together.“ (3:02)

Begeistert feiert Imstepf auch den Kontrollverlust: „Wenn es so sieben, acht Monate trocken ist, oder, und alles geht kaputt, alles was sie gepflanzt haben geht kaputt durch die Sonne, verbrennt. Und dann kommt der Regen, und du bist da mit dem Blechdach. Und dann ist das ja wie eine Orgel ist das, zum Beispiel wenn in der Kirche drinnen, eine grosse Kirche mit Blechdach und du predigst, und dann sagt der Herrgott, jetzt hör mal auf zu predigen, jetzt predige ich. Und dann regnet es, und dann verstehst du kein Wort mehr. Und da sind tausend Leute sind da, und du solltest predigen, dann sagst du nach oben danke, danke, danke, und jetzt vorwärts mit dem Gottesdienst, und es wird gejubelt und gemacht. Das ist noch viel schöner als jetzt diese schöne Morgenstimmung.“ (18:19)

Zuerst in „Die Strukturen des Bösen“ präsentiert der psychoanalytische, streitbare und daher exkommunizierte Theologe Eugen Drewermann Himmel und Hölle als ausserweltliche Projektionen innerweltlicher psychischer Realitäten lebendiger Menschen. Erschreckend entfaltet sich die Tragödie, als der Journalist John Burkhart in seinem ehemaligen Betrieb vor den rostenden Maschinen fragt: „Ist nicht die Gefahr, dass man ein wenig verbittert, wenn man das sieht?“ „Nein, ich werde nicht, nur traurig, nur traurig, und sogar, Vorsicht sogar, ja, wie könnte man es besser machen. Nein, wenn jemand richtig verbittert wäre, dann müsste er heimgehen.“ (25:35) – und lässt sich prompt zu einer objektiv bösen Handlung hinreissen: „Der 89jährige ist verärgert darüber, wie das Vieh vernachlässigt wird.“ (28:39) – und öffnet doch tatsächlich das Gatter, auf dass das faktische Bankkonto der Eigentümer* sich leere: „Jetzt können sie [die Kühe] wenigstens ein bisschen was fressen, wo auch immer sie hingehen, oder.“ (28:51) Natürlich weiss er ganz genau, was er tut, und rechtfertigt sich sogar: „Siehst du jetzt, ich konnte das nicht mehr mit ansehen. Ich bin eben ein Tierfreund. Ich kann das nicht sehen. Die Kühe, wo eben die jetzt hingehen, die müssen die halt wieder finden.“ (28:59) Auf diese Art verbrämt nimmt er Rache für das eigene Scheitern.

„Es ist einzig die Absicht, die Gott verlangt“ predigte vor über 300 Jahren Dona Beatritz Kimpa Vita im heutigen M‘banza Kongo angesichts der Tätigkeit der damaligen italienischen Berufskollegen der Immenseer Missionare, ebenfalls Kapuziner. Tragisch, wie Burkhart über andere doziert, tatsächlich aber wohl sich selber meint: „Eben im Alter, bei den alten Kläusen da, kann man nicht mehr viel mehr erwarten, oder? Sie sind ja selber schon krank, oder? Und es ist nicht so leicht mit denen, mit denen, dass sie sich mit den Schwarzen mehr abgeben, oder? Ihre Zeit ist abgelaufen für das.“ (44:29)

Die White Supremacist Mission ist wirklich zu Ende – und das ist auch gut so. Doch das ist mitnichten das universale Ende, im Gegenteil: Das Blatt hat sich gewendet. Die Holschuld liegt nun in Europa, die Zukunft ist wieder offen.

Aber die heute offenbar sehr populäre Variante einer dystopischen Version manifestierte sich vor einiger Zeit im Lebenslauf einer neuen Mitarbeiterin im Büro: „Hohe interkulturelle Kompetenz“ attestierte die Dame sich, verdient in einigen Wochen Kambodscha auf Kosten der Eltern. „Keinerlei interkulturelle Kompetenz“ las ich statt dessen, sie durchschaut das Spiel nicht, dass sie getrieben treibt. „Es ist einzig die Absicht, die Gott verlangt“: Einerseits ist das Motiv der persönlichen Lebenslaufoptimierung auf dem Rücken anderer im Trikont eigensüchtig, andererseits wird es der jugendlichen „Generation Praktikum“ durch die allgemeine „Professionalisierung“ der HR sogar in Kleinstunternehmen als omnipräsentes Lebenslaufwettrüsten auch existenziell aufgezwungen.

Charlott hat die Sachlage im Beitrag „In Afrika kann jede_r helfen (und was für den CV tun)“ auf dem Afrika Wissen Schaft-Blog anhand des ARD-Panorama-Beitrags „Abiturienten als Entwicklungshelfer: sinnlose Kurztrips ins Elend“ ausführlich beschrieben. Die Tragödie der Immenseer wiederholt sich im heutigen Entwicklungshilfe-Business nur noch als Farce. Doch dieser Gegensatz lässt erahnen, von welcher Tragödie die Bethlehem-Mission die Farce sein könnte: Vielleicht von der Tragödie der Maafa, die Kimpa Vita auch gegen die damaligen italienischen Kapuzinermönche kurz, nur ganz, ganz kurz aufzuhalten vermochte?

Quellen

Bieri, Beat: Das Ende der Mission – Ein Stück Schweizer Weltgeschichte. Dokumentarfilm.
http://www.srf.ch/play/tv/dok/video/das-ende-der-mission---ein-stueck-schweizer-weltgeschichte?id=e533ae21-cf14-48ec-93eb-a2d0f8540504
http://www.smb-immensee.ch/srf-doc-das-ende-der-mission/

Charlott: In Afrika kann jede_r helfen (und was für den CV tun)
https://afrikawissenschaft.wordpress.com/2013/12/21/in-afrika-kann-jede_r-helfen-und-was-fur-den-cv-tun/
http://www.ardmediathek.de/tv/Panorama/Abiturienten-als-Entwicklungshelfer-sin/Das-Erste/Video?bcastId=310918&documentId=18751184

Haefliger, Markus: Wir gehören den Simbabwern auch im Tod. NZZ vom 13.8.2013
http://www.nzz.ch/wir-gehoeren-den-simbabwern-auch-im-tod-1.18131781

Meier, Wolfgang: 20.06.1940 – Geburtstag von Eugen Drewermann. WDR Zeitzeichen.
http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/eugen-drewermann-theologe-104.html

Platón Lázaro, Lydia: Defiant Itineraries. Caribbean Paradigms in American Dance and Film. Palgrave Macmillan, New York 2015
http://undenkbar.blogsport.de/2016/09/14/lydia-platon-lazaro-defiant-itineraries-zu-katherine-dunham-und-maya-deren/

Stewart, Alafia:Receipts: How many years do you have?
https://www.facebook.com/0vivaalafia0/videos/234045980311714

Thornton, John K.: The Kongolese Saint Anthony. Dona Beatriz Kimpa Vita and the Antonian Movement, 1684 – 1706. Cambridge University Press, New York 1998
http://undenkbar.blogsport.de/2016/11/30/dona-beatriz-kimpa-vita-ein-huldrych-zwingli-der-indigenen-reformation-im-kongo/

Wippersperg, Walter: Der ethnologische Blick: „Das Fest des Huhnes“ und „Dunkles rätselhafte Österreich“, via ISD Giessen:
http://isdgiessen.blogsport.de/2016/12/29/der-ethnologische-blick-das-fest-des-huhnes-und-dunkles-raetselhafte-oesterreich/


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