Archiv für Dezember 2016

Besinnliches zur Doku von Beat Bieri: Das Ende der Mission – Ein Stück Schweizer Weltgeschichte

„Aus der Innerschweiz zogen die Missionare in die entlegensten, ärmsten Winkel der Erde, als Seelenretter und Entwicklungshelfer, christliche Haudegen und ja, auch verwegene Abenteurer.“ (4:25) Die Wirtschaftsflüchtlinge aus den damals ärmsten Winkeln der Schweiz, zugereist in Südrhodesien (heute Zimbabwe) wurden im SRF-Dokfilm „Das Ende der Mission“ kurz vor Weihnachten im Schweizer Fernsehen einfühlsam porträtiert.

Zwei dieser Haudegen sollen hier idealtypisierend herausgegriffen werden: John Burkhart und Gabriel Imstepf. Burkhart „wuchs als uneheliches Kind im Thurgauer Kloster Fischingen auf (…) ein gelernter Schlosser“ (23:47), Imstepf wuchs auf in Lalden, im „Wallis, ein[em] Eipzentrum des Schweizerischen Katholizismus“ (75:09) und fand keine genügend grosse Gemeinde, um seine Berufung auch zu praktizieren: „Es hat mir 1969 der Bischof damals hat mir gesagt, ja, Herr Pater, warum nicht hier bleiben? Es ist einer gewesen vom Grossen St. Bernhard, und er ist Bischof von Sitten gewesen und hat mir dann gesagt, warum nicht hier bleiben, warum wieder gehen? Da habe ich ihm eben gesagt: „Gebt mir Fiesch bis nach Oberwald, [das gibt was her], aber so eine kleine Pfarrei, ich würde wirklich nicht wissen, was machen.“" (76:07)

John Burkhard inszenierte sich mit Spendengeldern als Unternehmer, produzierte mit „gebrauchten Schweizer Gerätschaften in Driefontein“ (24:07) und vier Angestellten („zwei sind Lehrlinge gewesen, und zwei sind Arbeiter gewesen“, 24:34) im eigenen Bäckerei- und Metzgerei-Betrieb die gesamte Palette der in Sachen Haltbarkeit ans Schweizer Klima angepassten Fleisch- und Wurstwaren. Freilich widerspricht er selbst dieser Ökonomie: „Das sei nicht die ganze Wahrheit, wendet Burkhart ein, alle Betriebe seien selbsttragend gewesen, Kapitalspritzen aus der Schweiz seien nur ausnahmsweise eingesetzt worden. „Es ist die Misswirtschaft, das fängt damit an, dass niemand die Buchhaltung macht“, sagt Burkhart.“ (NZZ vom13.8.2013).

„Bruder John beim Aufbau der Mission. Das war vor 60 Jahren. Und stets packte er zuvorderst an, in der Hoffnung, seine Arbeit sei Beispiel genug, damit auch die Afrikaner sich Schweizerische Tugenden aneignen würden. Als Buschpilot brachte Bruder John medizinische Hilfe in die entlegensten Dörfer.“ (26:50) Das Fliegen war in der Schweiz immer nur den Reichen vorbehalten, selbst das Segelfliegen – erst der Gleitschirm brachte heute eine gewisse Demokratisierung. Hätte Burkhart selbst die anderen angemahnte Buchhaltung gemacht, seine abenteuerlichen Flüge wären das Gegenteil von finanzierbar gewesen.

Imstepf hingegen ist frei von den Schuldzuweisungen des gescheiterten Unternehmers. Heute ist er zwar zwar „fast blind“, doch umso offeneren Auges für die tatsächlichen Verhältnisse: Angereist als White Savior landete er zunächst brüsk auf dem Boden der Realität: „Wir haben keine richtige Einführung bekommen. Schnell-Bleiche und „geh arbeiten“!“ „Was war denn das Schwierigste, um hier Fuss zu fassen in Afrika?“ „Die Sprache, ja. Weil, die Sprache hat absolut nichts zu tun mit unserer Sprache. Und dann haben wir Tag und Nacht studiert. Und dann geht man reden und reden und Fehler machen, und das macht nichts, die Leute sehen, du hast sie gerne – und er versucht es ja. Und es ist eine schöne Sprache, schöne Sprache. Viel weicher zu beten, in der Sprache, in dieser Shona-Sprache als in, selbst in meinem Walliser Dialekt. Das ist die Nummer zwei Sprache, ja, Nummer eins ist jetzt das Shona.“ (16:22)

Eingebettet war das Ganze in die politische Ökonomie des in meiner Elterngeneration gerade auch an den staatlichen Schulen der katholischen Kantone promoteten Nicknegerleins der Missionsgesellschaft Bethlehem. Eingeschobene Übersetzungshilfe: Als in einer Bar ein Schweizer auf dem Gebrauch des N-Worts für eine Süssigkeit beharrte, fragte ich ihn, was für ihn das schlimmste Schimpfwort sei, dass man ihm an den Kopf werfen könne. „Schafseckel.“ Also klärte ich ihn auf: „Schafseckel“ ist das, was ankommt, wenn du das N-Wort in den Mund nimmst. Hier also zu lesen als: „Nickschafseckel“. Ernst Wildi dazu: „Ja ja, das erinnert man sich natürlich, als Kind, als das aufgestellt worden ist.“ „Das kann ich mich also auch erinnern.“ „Und es, die Lehrerin und Katechetin, erzählt hat von diesen armen, armen Heidenkindern, die man erlösen muss. Und wir haben das natürlich voll alles schön geglaubt und so.“ (7:34)

Natürlich wird das heute kritisch gesehen. Wildi: „Jetzt kann man sich auch vorstellen, wie Afrikaner und Afrikanerinnen natürlich das kritisieren. Sie sagen, mit dem Kolonialismus ist das Christentum gekommen, und die haben sich genau gleich aufgeführt. Haben uns als arm und dumm und eben als Heiden bezeichnet. (…) Wenn ich einfach versuche, mich selber zu sein, dann haben sie gesehen, die Missionare sind nicht, sind auch anders geworden. Die sind nicht mehr so wie unsere Grossmütter und Grossväter erzählt haben, die streng gewesen sind mit ihnen und ständig alles verboten haben, und alles was ihre Kultur gewesen ist, ist verboten gewesen, so dass die Leute gesagt haben, wenn ich ein guter Christ sein will, dann muss ich ein schlechter Afrikaner sein, also ein schlechter Bemba oder Ila oder Lala, zu dieser Volksgruppe, wo sie gehört haben. Das hat sich glücklicherweise schon sehr geändert.“ (8:41) Doch dieser gegenwärtig politisch korrekte common sense ist eben immer noch eine halbierte Vernunft.

Das Blatt hat sich gewendet, und Imstepf ist augenscheinlich in der Lage, das auch zu erkennen und zu praktizieren, etwa in der schambefreiten Selbstverständlichkeit, mit welcher er zum Schluss des Films auf dem Friedhof eindringlich und einzeln seine verstorbenen Berufskollegen mit Namen anruft: „Ihr alle, die ihr vorausgegangen seid, betet für uns. Und dann gibt es das Wiedersehen, dann gibt es das Fest wie in Afrika, wo das Leben gefeiert wird, nicht der Tod betrauert. Amen, Amen, Amen.“ (89:26). In Zürich wäre der Typ so einfach nur peinlich, ein Verrückter in Aktion – ist das Kunst oder soll der weg?

Anders als Burkhart zeigt Imstepf sich fähig, den Segen zu spenden (17:18): Ein Jugendlicher kniet vor ihm nur formal nieder in der emblematischen Stellung des Nicknegerleins – Imstepf selbst kniet in derselben Stellung vor Todkranken in der Fürbitte –, tatsächlich fordert der Junge von dem Priester souverän die Dienstleistung, deretwegen dieser überhaupt hierhergekommen ist, wie eine sanfte Dusche für Geist und Seele, im Wissen darum, dass Imstepf dazu auch tatsächlich in der Lage ist – eine seltene Gabe. „Ich kenne ihn nicht beim Namen, aber er kommt immer wieder, hier. Und er will immer wieder beten, oder, wenn er mich sieht, kommt er, auf die Knie, und jetzt ist beten. Das haben wir im katholischen Wallis – macht das niemand auf der Strasse. Niederknien und sagen, tue beten für mich. Und das kann ich dutzende male im Tag machen. Ist doch schön, nicht? Ja.“ (17:46)

Alafia Stewart von ORISHAconnect.com bringt die Doppelbödigkeit der Situation im Kontext der traditionellen Unterwerfungs-Rituale zirkumatlantischer Religionen der Moderne im typisch US-amerikanisch-selbstsicheren Habitus der Unternehmerin auf den Punkt: „The reason why we salute is to pay honor to our orisha.“ (0:39) „It’s like when you‘re being saluted, you‘re being saluted because of how long the orisha has been in your head. It’s not saluting you, it’s not saluting your ego, it’s not about you.“ (2:20) „I‘m very uncomfortable with elderly folks saluting me. I remember a woman three times my age, you know, trying to get down to salute me and I was on the ground with her, looking her eye in the eye. Because I cannot fathomably say to myself that you‘re saluting the orisha in me, and I‘m disregarding the years that you‘ve had in this life, on this earth. So, we were looking like this, because I was very uncomfortable with an elderly woman saluting me. So I was like: if we‘re going down, we‘re going down together.“ (3:02)

Begeistert feiert Imstepf auch den Kontrollverlust: „Wenn es so sieben, acht Monate trocken ist, oder, und alles geht kaputt, alles was sie gepflanzt haben geht kaputt durch die Sonne, verbrennt. Und dann kommt der Regen, und du bist da mit dem Blechdach. Und dann ist das ja wie eine Orgel ist das, zum Beispiel wenn in der Kirche drinnen, eine grosse Kirche mit Blechdach und du predigst, und dann sagt der Herrgott, jetzt hör mal auf zu predigen, jetzt predige ich. Und dann regnet es, und dann verstehst du kein Wort mehr. Und da sind tausend Leute sind da, und du solltest predigen, dann sagst du nach oben danke, danke, danke, und jetzt vorwärts mit dem Gottesdienst, und es wird gejubelt und gemacht. Das ist noch viel schöner als jetzt diese schöne Morgenstimmung.“ (18:19)

Zuerst in „Die Strukturen des Bösen“ präsentiert der psychoanalytische, streitbare und daher exkommunizierte Theologe Eugen Drewermann Himmel und Hölle als ausserweltliche Projektionen innerweltlicher psychischer Realitäten lebendiger Menschen. Erschreckend entfaltet sich die Tragödie, als der Journalist John Burkhart in seinem ehemaligen Betrieb vor den rostenden Maschinen fragt: „Ist nicht die Gefahr, dass man ein wenig verbittert, wenn man das sieht?“ „Nein, ich werde nicht, nur traurig, nur traurig, und sogar, Vorsicht sogar, ja, wie könnte man es besser machen. Nein, wenn jemand richtig verbittert wäre, dann müsste er heimgehen.“ (25:35) – und lässt sich prompt zu einer objektiv bösen Handlung hinreissen: „Der 89jährige ist verärgert darüber, wie das Vieh vernachlässigt wird.“ (28:39) – und öffnet doch tatsächlich das Gatter, auf dass das faktische Bankkonto der Eigentümer* sich leere: „Jetzt können sie [die Kühe] wenigstens ein bisschen was fressen, wo auch immer sie hingehen, oder.“ (28:51) Natürlich weiss er ganz genau, was er tut, und rechtfertigt sich sogar: „Siehst du jetzt, ich konnte das nicht mehr mit ansehen. Ich bin eben ein Tierfreund. Ich kann das nicht sehen. Die Kühe, wo eben die jetzt hingehen, die müssen die halt wieder finden.“ (28:59) Auf diese Art verbrämt nimmt er Rache für das eigene Scheitern.

„Es ist einzig die Absicht, die Gott verlangt“ predigte vor über 300 Jahren Dona Beatritz Kimpa Vita im heutigen M‘banza Kongo angesichts der Tätigkeit der damaligen italienischen Berufskollegen der Immenseer Missionare, ebenfalls Kapuziner. Tragisch, wie Burkhart über andere doziert, tatsächlich aber wohl sich selber meint: „Eben im Alter, bei den alten Kläusen da, kann man nicht mehr viel mehr erwarten, oder? Sie sind ja selber schon krank, oder? Und es ist nicht so leicht mit denen, mit denen, dass sie sich mit den Schwarzen mehr abgeben, oder? Ihre Zeit ist abgelaufen für das.“ (44:29)

Die White Supremacist Mission ist wirklich zu Ende – und das ist auch gut so. Doch das ist mitnichten das universale Ende, im Gegenteil: Das Blatt hat sich gewendet. Die Holschuld liegt nun in Europa, die Zukunft ist wieder offen.

Aber die heute offenbar sehr populäre Variante einer dystopischen Version manifestierte sich vor einiger Zeit im Lebenslauf einer neuen Mitarbeiterin im Büro: „Hohe interkulturelle Kompetenz“ attestierte die Dame sich, verdient in einigen Wochen Kambodscha auf Kosten der Eltern. „Keinerlei interkulturelle Kompetenz“ las ich statt dessen, sie durchschaut das Spiel nicht, dass sie getrieben treibt. „Es ist einzig die Absicht, die Gott verlangt“: Einerseits ist das Motiv der persönlichen Lebenslaufoptimierung auf dem Rücken anderer im Trikont eigensüchtig, andererseits wird es der jugendlichen „Generation Praktikum“ durch die allgemeine „Professionalisierung“ der HR sogar in Kleinstunternehmen als omnipräsentes Lebenslaufwettrüsten auch existenziell aufgezwungen.

Charlott hat die Sachlage im Beitrag „In Afrika kann jede_r helfen (und was für den CV tun)“ auf dem Afrika Wissen Schaft-Blog anhand des ARD-Panorama-Beitrags „Abiturienten als Entwicklungshelfer: sinnlose Kurztrips ins Elend“ ausführlich beschrieben. Die Tragödie der Immenseer wiederholt sich im heutigen Entwicklungshilfe-Business nur noch als Farce. Doch dieser Gegensatz lässt erahnen, von welcher Tragödie die Bethlehem-Mission die Farce sein könnte: Vielleicht von der Tragödie der Maafa, die Kimpa Vita auch gegen die damaligen italienischen Kapuzinermönche kurz, nur ganz, ganz kurz aufzuhalten vermochte?

Quellen

Bieri, Beat: Das Ende der Mission – Ein Stück Schweizer Weltgeschichte. Dokumentarfilm.
http://www.srf.ch/play/tv/dok/video/das-ende-der-mission---ein-stueck-schweizer-weltgeschichte?id=e533ae21-cf14-48ec-93eb-a2d0f8540504
http://www.smb-immensee.ch/srf-doc-das-ende-der-mission/

Charlott: In Afrika kann jede_r helfen (und was für den CV tun)
https://afrikawissenschaft.wordpress.com/2013/12/21/in-afrika-kann-jede_r-helfen-und-was-fur-den-cv-tun/
http://www.ardmediathek.de/tv/Panorama/Abiturienten-als-Entwicklungshelfer-sin/Das-Erste/Video?bcastId=310918&documentId=18751184

Haefliger, Markus: Wir gehören den Simbabwern auch im Tod. NZZ vom 13.8.2013
http://www.nzz.ch/wir-gehoeren-den-simbabwern-auch-im-tod-1.18131781

Meier, Wolfgang: 20.06.1940 – Geburtstag von Eugen Drewermann. WDR Zeitzeichen.
http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/eugen-drewermann-theologe-104.html

Platón Lázaro, Lydia: Defiant Itineraries. Caribbean Paradigms in American Dance and Film. Palgrave Macmillan, New York 2015
http://undenkbar.blogsport.de/2016/09/14/lydia-platon-lazaro-defiant-itineraries-zu-katherine-dunham-und-maya-deren/

Stewart, Alafia:Receipts: How many years do you have?
https://www.facebook.com/0vivaalafia0/videos/234045980311714

Thornton, John K.: The Kongolese Saint Anthony. Dona Beatriz Kimpa Vita and the Antonian Movement, 1684 – 1706. Cambridge University Press, New York 1998
http://undenkbar.blogsport.de/2016/11/30/dona-beatriz-kimpa-vita-ein-huldrych-zwingli-der-indigenen-reformation-im-kongo/

Wippersperg, Walter: Der ethnologische Blick: „Das Fest des Huhnes“ und „Dunkles rätselhafte Österreich“, via ISD Giessen:
http://isdgiessen.blogsport.de/2016/12/29/der-ethnologische-blick-das-fest-des-huhnes-und-dunkles-raetselhafte-oesterreich/

Blitz The Ambassador: Diasporadical Trilogia als Kurzfilm und Album

Die hier vor knapp einem Jahr als Einzelvideos vorgestellten drei Teile hat Samuel Bazawule alias Blitz the Ambassador nun zu einem Kurzfilm geremixt und auf seinem Youtube-Kanal publiziert. Das gleichnamige Album wurde am 16. Dezember beim Berliner/Kölner Label Jakarta Records veröffentlicht. Der Remix verschiebt etwas die durch Untertitel unterstrichene Bedeutung der nun ausdrücklich Yemaya, den Egun und Ibeji gewidmeten Teile, welche zirkumatlantisch in Accra/Ghana, Brooklyn/USA und Salvador/Brasilien spielen:
„I know the story I am about to tell you is hard to believe. Even me, sometimes, I‘m not sure if it was a dream, or it happened just like I am telling it. See, I met a woman who said, she had lived three different lives on three different continents. All at the same time. So I asked her, how can someone do that? This is the story she told me.“

Bahamas: Mit christlichem Fundamentalismus gegen Critical Whiteness

Alter Ego und Geanderte*

Jurek Molnar (in der Vorversion auf dieweltohneuns.wordpress.com als Alleinautor) und Sabine Schulzendorf in der aktuellen Bahamas 74, „Der postmoderne Systemabsturz. Über die „Critical Whiteness“ und ihre Folgen“: „Es war das Christentum mit seiner Mehrsprachigkeit, das diesen Universalismus ermöglichte, und, anders als der Islam, von einem „Anderen“ ganz prinzipiell auch ausging.“ (75-2) „Nun ist der Rassismus zwar tatsächlich eine bestimmte Dimension des „Othering“, aber viel grundlegender ist „Othering“ schlicht eine Grundbedingung menschlichen Sozialverhaltens: Ohne das Konzept des „Anderen“ ist es gar nicht denkbar, Menschen überhaupt sinnvoll wahrzunehmen.“ (75-3)

Frantz Fanon zu diesem begrifflichen Konzept des „Anderen“: „Dr. H.-L. Gordon, Arzt an der psychiatrischen Klinik von Nairobi, schreibt in einem Aufsatz in der Presse médicale von Ostafrika: „Exakte Forschungen an einer Reihe von hundert normalen Eingeborenen-Gehirnen zeigen dem blossen Auge das Fehlen von Teilen der Grosshirnrinde, die bekanntlich durch Zellen des jüngsten Entwicklungsstadiums charakterisiert sind.“ Und er fügt hinzu: „Die Inferiorität beträgt quantitativ 14.8%.“ (Zitiert von Alan Burns, [Le préjugé de race et de couleur …, Paris 1949])“ (Fanon: 27)

Ihr nach eigenen Angaben christlich eingehauchter Superioritätskomplex verunmöglicht Molnar/Schulzendorf epistemologisch a priori, die simple begriffliche Unterscheidung zwischen dem prinzipiell gleichen Andern als Alter Ego und dem im obigen Sinne von Gordon subaltern „“Geanderten“, wie der scheussliche Neologismus lautet“ (75-2). Im Kern ihres Begriffsapparats liegt offensichtlich das vor, was sie in ihren eigenen Worten als „pauschales Dagegensein ohne jedes begriffliche Unterscheidungsvermögen“ (72-3) bezeichnen, das vorsätzliche Unvermögen, den von ihnen selbst wiederholt angemahnten „Unterschied ums Ganze“ auch nur erkennen zu wollen.

Dieses begriffliche Unvermögen ist nicht akzidentiell, sondern in aufklärerischem Sinne in voller Verantwortlichkeit selbstverschuldet, die abwehrreflexhafte Denunziation des Begriffs des Geanderten als „scheusslicher Neologismus“ hat die objektive gesellschaftliche Funktion, letztlich die so Geanderten selbst als „scheusslich“ zu denunzieren und zu entmenschlichen zum Zwecke, sich selbst als intellektuelle Retter des „christlichen Abendlands“ (75-1) zu überhöhen, das „seit dem Auftauchen des Islam im 7. Jahrhundert mit dem Orient höchst real in Kriege, aber auch in kulturellen Austausch verstrickt war, und der Islam bis ins 17. Jahrhundert eine veritable kriegerische Bedrohung darstellte.“ (75-2) Die Türken stehen wieder vor Wien – auf zum letzten Gefecht. Die völlig entgrenzte Gewaltbereitschaft der Transatlantiker nicht bitter ernst zu nehmen, ist nur denkbar in „schlichter Unkenntnis der historischen Fakten“ (75-2).

Rassistischer Universalismus

Die programmatische Gleichsetzung von Alter Ego und Geanderte* setzt sich fort in der programmatischen Gleichsetzung von vermeintlich universalem „wisssenschaftlichem Interesse“ und dem in der angestrebten lukrativen Symbiose von Wissenschaft und Krieg historisch sich herausbildenden Orientalismus: „Die Tatsache, dass es im arabisch-muslimischen Raum keinen „Okzidentalismus“ gibt, liegt nicht daran, dass der „Orientalismus“ sich einen „Anderen“ konstruiert, sondern daran, dass es im arabisch-muslimischen Raum niemals einen säkularen Wissenschaftsbegriff gab, der es ermöglicht hätte, einen „Anderen“ überhaupt als solchen wahrzunehmen.“ (75-2) Zu ergänzen wäre hier, dass es auch im Subsaharischen Afrika, unabhängig davon, ob christianisiert oder islamisiert, niemals eine mit dem Militär amalgamierte Wissenschaft gab, welche die Inferiorität von Weissen universalistisch zu objektivieren und damit deren Vernichtung ideologisch zu legitimieren zum Ziel sich gesetzt hätte.

Ein Hohn, dass Molnar/Schulzendorf denselben Okzidentalismus in Abgrenzung zum Islam auf ihre christlich-abendländischen Fahnen sich schreiben, den sie doch entschieden bekämpfen: Röggla führt im von ihnen selbst zitierten Texte den Begriff des Okzidentalismus ein als Generalisierung der Critical Whiteness: „Rassismus in Deutschland orientiert sich nicht allein an rassifizierten Merkmalen wie z.B. Hautfarbe, sondern hängt mit Nationalität, Herkunft und kulturellen Praktiken, wie etwa Sprache, Religion oder Traditionen zusammen.“ (Röggla: 38) „Der Okzidentalismus bietet damit eine Figur hegemonialer Selbstreflexion, die analog zu der der Whiteness besteht, und die sich auf Europa bezieht.“ (Röggla: 40) Der Modus Operandi der intellektuellen Unredlichkeit von Molnar/Schulzendorf ist hier die Cultural Appropriation, zu übersetzen als kulturelle Enteignung: Eine Denkfigur wird einer geanderten kulturellen Praxis (hier einfach die der Critical Whiteness bei Röggla) entnommen, sich im Modus des transformierenden sich Anverwandelns angeeignet, die so entfremdete Quelle verleugnet und schliesslich in feindlicher Absicht gegen die geanderten Subjekte gerichtet. „Nsi a moyo kazolele o Nzambi a Mpungu“ – Es ist einzig die Absicht, die Gott verlangt. (Dona Beatriz Kimpa Vita, Kongo, 1684-1706).

Die infame Volte des ideellen Gesamt-Antideutschen besteht darin, für sich selbst etwas in Anspruch zu nehmen und gleichzeitig universalisierend von Anderen einzufordern, was ihm bei Erfüllung der Forderung erst die ideologische Legitimation zu deren Vernichtung liefern würde: Erstens wird der behauptete Universalismus letztlich religiös und für sich selbst exklusiv in Abgrenzung vom Geanderten und eben nicht dem Alter Ego begründet („Es war das Christentum mit seiner Mehrsprachigkeit, das diesen Universalismus ermöglichte, und, anders als der Islam…“, 75-2), und zweitens wird dessen Negativ Dialektisches Umschlagen in Barbarei (Orientalismus in Symbiose mit militärischem Kolonialismus) von den dadurch Geanderten auch noch schnöde eingefordert: sollen sie doch mit einem konkurrierend religiös fundierten „säkularen Wissenschaftsbegriff“ einen den Orientalismus imitierenden Okzidentalismus betreiben – gefordert im höhnisch lachenden zweckrationalen Wissen darum, dass die so in die Enge Getriebenen gar nicht über die militärische Macht verfügen, diesen Okzidentalismus mit den erprobten und bewährten technisch-wissenschaftlichen Mitteln der Massenvernichtung, die gegen sie in Anschlag gebracht werden, auch tatsächlich in Europa und den USA hegemonial durchzusetzen.

Antideutscher Antisemitismus

Notwendig unterschlagen wird in dieser antideutschen Forderung nach einer faktisch christlich-abendländischen Leitkultur für Deutschland und die ganze Welt auch die Kriege, die um die beiden konkurrierenden Universalismen des Katholizismus versus des technisch-wissenschaftlichen Weltbilds innerhalb Europas ausgefochten wurden. Bezogen auf die Schweiz: Natürlich hat die „Christliche Volkspartei“ CVP das „C“ gegenwärtig nur noch aus marketingtechnischen Gründen im Namen und ist ansonsten auf nationaler Ebene eine rein neoliberale Fortschrittspartei, aber die Gründung des bürgerlichen Bundesstaates 1848 nach dem Vorbild der USA beinhaltete eben gerade den historischen Kompromiss, dass der Staat zwar liberal verfasst und zunächst auf Bundesebene rein ein Staat der Freisinnigen war (heute FDP, „Freisinnig-Demokratische Partei“) – das erste katholisch-konservative Bundesratsmitglied wurde erst 1892 gewählt – aber viele Teilstaaten („Stände“) blieben die ganze Zeit katholisch-konservativ und beharrten auf ihrem dem Freisinn widersprechenden Universalismus.

Ideologisch (wenn auch nicht strukturell) vergleichbar die Integrationsleistung, welche der ideale Vorzeigestaat des ideellen Gesamt-Antideutschen, Israel, zu leisten hat: Einerseits handelt es sich um einen modernen, den europäischen Idealen der Aufklärung verpflichteten modernen bürgerlich-demokratischen Staat, gleichzeitig definiert er sich aber selbst religiös als den Staat der Juden. Der bürgerliche Universalismus ist aber nicht identisch mit dem viel älteren jüdischen Universalismus, und auch nicht einfach eine lineare Ableitung davon. An der Fremdbezeichnung der „Ultraorthodoxen“ kristallisiert sich der Widerspruch, in den diese beiden Universalismen notwendig geraten, und der immer wieder nach politischen Kompromissen verlangt, etwas in Fragen von Militärdienstzwang oder dem Zwang zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft in kapitalistischer Erwerbsarbeit. Diese a priori unauflöslichen Aporien durch akademisch ansozialisierte atheistische Negation des orthodoxen Universalismus (und damit auch dessen Träger*n) zu negieren und kontrafaktisch die Alleinherrschaft eines demokratischen bürgerlich-aufgeklärten Liberalismus in Israel zu postulieren, ist ein Element des spezifisch antideutschen Antisemitismus, worin dieser immerhin dem traditionellen Deutschen Antisemitismus widerspricht, welcher das mit ihm Nichtidentische zwar ontologisch anerkennt, aber auf spezifisch christliche Weise dämonisiert und so universal andert.

Schwarze Kognition

Röggla selbst deutet die Problematik, die mit der Generalisierung der Critical Whitness als Okzidentialismus verbunden ist, nur an: „Sich aber anzusehen, welche Folgen sich aus dem Bezug auf den Kritischen Okzidentalismus für die europäischen Whiteness Studies ergeben könnten/müssten wäre Thema einer eigenen Arbeit und würde meinen Rahmen bei weitem sprengen. Ohne diese Auseinandersetzung ist es mir aber nicht möglich, das Konzept auf die Frage nach Weißen Privilegien anzuwenden. Ich denke nicht, dass alle diesbezüglichen Fragen bereits geklärt sind.“ (Röggla: 42) Sie benennt zwar die genealogische Herkunft der Critical Whiteness: „Ursprünglich sind die Critical Whiteness Studies in den USA entstanden. In diesem Kapitel gehe ich den Wurzeln der Critical Whiteness nach, die ich mit der Kulturwissenschaftlerin Gabriele Dietze in afroamerikanischer und in feministischer Theorie verorte (vgl. Dietze 2006:224).“ (Röggla: 18).

In solidarischer Kritik mit Röggla muss hier ergänzt werden, dass sie – wohl dem „angestrebten Grad Magistra der Philosophie“ (Röggla: 1) geschuldet – mit dem Begriff der Critical Whiteness eben doch spezifisch Deutsche Terminologie verwendet: „Bemerkenswert ist, dass dieser akademische Begriff der erste war, der nach Deutschland gelangte, um die Kritik des Weißseins zu fassen – und nicht Bezeichnungen, die in der antirassistischen Praxis der USA üblicher sind (wie etwa white privilege, white supremacy oder accountability) und die zugleich die Rolle von Weißen in antirassistischen Kämpfen beschreiben.“ (Bee, Melanie).

Den intellektuellen Modus Operandi, der in den Bahamas aufs Entschiedenste negiert wird, bezeichnet Williams D. Wright synonym als Diunitale Kognition wie auch als spezifisch Schwarze Kognition in den USA. Diunital, zwei-einig im Sinne eines Sowohl-als-auch a priori. Bezogen auf das politische Selbstverständnis der Bahamas: Einerseits ist die liberale Verfassung der USA als universale Errungenschaft der Menschheit zu verteidigen, gleichzeitig garantierte dieselbe Verfassung erst die universale Gültigkeit der positiv rassendiskriminierenden Jim-Crow-Gesetze nach dem formalistisch liberalen „Separate but equal“-Prinzip. Beides gleichzeitig.

Schwarze Kognition in Wrights Worten: „Western civilization had run out of useful cognitive methods. But not totally. There was the Black Cognitive method of Western civilization. It had been forged, nourished, and developed in great complexity, and over a period of centuries. It lay at the center of Black ethnicity and Black intellectual and analytical activity. This was cognition that reached for wholeness, which accepted and related to realities that were similar or oppositional, which were different but not necessarily antagonistic, which insisted that aspects of reality interact with each other whether they were similar to each other, in opposition to each other, or different from each other but not oppositional, on a horizontal basis, so that they could interact individually and equally to each other.“ (Wright: 163) „[Robert] Franklin was saying what other Black intellectuals have said over the years, that the universality of human experience can be located in an analysis of Black history and in artistic portrayal of Black life. (…) The Black historical and social experience in America is the basis for constructing various kinds of social theories with universal implications and applications.“ (Wright: 169)

Und so ist der seitens Molnar/Schulzendorf unterstellte Vorwurf des Anti-Universalismus und Anti-Intellektualismus an die Critical Whiteness längst implodiert, sie wollen davon einfach nur nichts wissen…

Quellen

Molnar, Jurek; Schulzendorf, Sabine: Der postmoderne Systemabsturz. Über die Critical Whiteness und ihr Folgen. Bahamas 74
https://dieweltohneuns.wordpress.com/2016/03/02/der-postmoderne-systemabsturz-ueber-die-critical-whiteness-und-ihre-folgen/

Bee, Melanie: Das Problem mit „Critical Whiteness“
http://www.migrazine.at/artikel/das-problem-mit-critical-whiteness

Fanon, Frantz: Schwarze Haut, Weisse Masken. Turia + Kant, Wien 2013, 2016

Röggla, Katharina: Eine unsichtbare Kategorie zum Verschwinden bringen? Diplomarbeit, Wien 2011
http://othes.univie.ac.at/14962/1/2011-05-24_0101864.pdf

Wright, W D.: Black intellectuals, Black cognition, and a Black aesthetic. Praeger Publishers, Westport CT, 1997
http://undenkbar.blogsport.de/2016/02/28/w-d-wright-diunitale-kognition/