Archiv für November 2016

Dona Beatriz Kimpa Vita – ein* Huldrych Zwingli der indigenen Reformation im Kongo

Katholisch: Das Sakrament hat eine vom Wort unabhängige Wirkung. Es wirkt allein durch den Vollzug (opus operatum), ohne Rücksicht auf die innere Verfassung des Nehmenden oder Gebenden.

Luther: Realpräsenz hängt am Wort. Nicht der Empfänger bestimmt den Charakter als Wort Gottes, sondern Gott selbst.

Zwingli: Die Präsenz Christi hängt nicht an den Elementen, aber auch nicht am äußeren Wort, sondern an einer inneren, geistlichen Erfahrung.

Beatriz: Salve nusamba yo kenuzeye ya nki ko. Kusamba kekubhanga mfunu nkutu ko, nsi a moyo kazolele o Nzambi a Mpungu.
(Salve rezitierst du und hast keine Ahnung warum. Gebete dienen zu nichts, es ist einzig die Absicht, die Gott verlangt.)

1theolexamen.de Abendmahlstreit / Thornton: 218/219

Wovon soll hier die Rede sein? Als Einführung der Trailer zum Film „Kimpa Vita: La Mère de la Révolution Africaine“:

Gestützt ist das hier Erzählte auf das Standardwerk von John K. Thornton aus dem Jahre 1998, „The Kongolese Saint Anthony. Dona Beatriz Kimpa Vita and the Antonian Movement, 1684-1706.“ Thornton in der Einführung: „Dona Beatriz Kompa Vita’s religious and political movement is surprisingly little known outside narrow academic circles. (…) Dona Beatriz‘ movement, with its possessed saint and Christian ideology, often seems too embarrassingly bizarre or too atypical of African culture to appeal to American conceptions.“ (S. 1) „A literate elite, dressing partially in European clothes, bearing Portuguese names, and professing Catholicism seems somehow out of place in the popular image of precolonial Africa.“ (S. 2)

Zweihundert Jahre nach dem Zürcher Kirchenreformator Huldrych Zwingli kam Dona Beatriz Kimpa Vita in der Gegend von Sāo Salvador (heute M‘banza Kongo in Angola) zu derselben radikalen Schlussfolgerung zum „opus operatum“, laut duden.de die „vollzogene sakramentale Handlung, deren Gnadenwirksamkeit unabhängig von der sittlichen Disposition des vollziehenden Priesters gilt“.

Von der durch Zwingli reformierten Schweiz aus gesehen galt das in Deutschland hegemoniale Lutheranertum eher als halbe Reformation, also immer noch halb katholisch, und erst Zwingli als deren Vollendung. Im Jahr 1973 wurde der berühmte Abendmahlstreit zwischen Luther und Zwingli mit der Leuenberger Konkordie offiziell beigelegt, offenbar eher im Sinne eines „Schwamm drüber“ mit dem Bekenntnis, sie hätten „gelernt, das grundlegende Zeugnis der reformatorischen Bekenntnisse von ihren geschichtlich bedingten Denkformen zu unterscheiden“. Zwingli hat gewonnen: Das Jahr 1973 steht ja geschichtlich auch für den Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems, wonach die Kopplung des Welt-Währungssystems an eine materielle Realität in Gold endgültig aufgehoben wurde. Das Geld wurde damit zu einem reinen Symbol, das einzig auf sich selbst verweist, und nicht mehr auf ein materielles Äquivalent in Gold. Übersetzt ins Theologische die Zwinglianische Position zum Sakrament des Abendmahls: „Der Wittenberger [Luther] lehrte, dass Christus „in, mit und unter“ Brot und Wein gegenwärtig sei (Konsubstantiation), während der Zürcher Reformator [Zwingli] im Brot und Wein blosse Zeichen sah, die daran erinnerten, dass Christus seinen Leib und sein Blut hingegeben hatte. Während der Abendmahlsfeier sei Christus im Glauben, keineswegs jedoch in den Elementen präsent.“ Linguistisch vorgespurt damit die vollständige Trennung von Syntax (Zeichen) und Semantik (Bedeutung) im Strukturalismus von Ferdinand de Saussure: Das Zeichen an sich ist nichts. Salve nusamba yo kenuzeye ya nki ko.

Diese Radikalität Zwinglis wird auf seine Rezeption des Humanismus von Erasmus von Rotterdam zurückgeführt, bei Ch. Scheidegger wörtlich (Herv.d.Verf.): „In seiner Studienzeit kam Zwingli mit dem Humanismus in Berührung und war von ihm fasziniert. Anstatt die Aussagen der Tradition (Scholastik) für bare Münze zu nehmen, wollte der spätere Reformator zum Kern einer Sache vordringen, und zwar auf verschiedenen Wissensgebieten.“ Wie konnte Dona Beatriz Kimpa Vita im Alter von 20 Jahren so ähnlichen Schlussfolgerung gelangen, in einer Gegend in Zentralafrika, die schon zu Lebzeiten Zwinglis, also seit 1482 durch die Portugiesen katholisch christianisiert wurde?

Der Schlüssel zum Verständnis liegt darin, dass Beatriz das tat, was A. M. Beliso-De Jesús als „draw equally from the ontologies of „spirit possession religions“ rather than only from „Abrahamitic and karmic religions“" (Beliso-De Jesús: 219) bezeichnet. Dies war ihr möglich, weil im vormaligen Königreich Kongo das Christentum den Kongolesen nicht einfach autoritär aufgezwungen wurde, sondern schon König Afonso I, im Amt 1509-1543, aufgrund eines Schlachten-Wunders wirkmächtig zum Christentum sich bekannte (sein Vater Joāo I Nzinga a Nkuwu war der erste getaufte Kongolesische König, S. 34):

„In letters shortly after the event, Afonso had described the miracle – challenged for the throne by his pagan brother, Afonso was left with only a handful of followers to resist the forces of his rival. Battle was joined, as the archers on both sides loosed arrows at their enemies. (…) The hand-to-hand phase, fought with sword and lance, would be the decisive one. Believing they were all but lost, Afonso and his men shouted „Santiago!“ invoking Saint James Major. Much to their surprise, „miraculously we saw them turn their backs and run away in which every way the could.“ (…) They were told that „when we called upon the Apostle Santiago, they all saw a white ross in the sky and a great number of armored horsemen which so frightened them that they could think of nothing else but to flee.“ It was this miraculous event rather than the Iberian saint that Knogolese celebrated on 25 July, which might have been called „Afonso’s Day“ as far they were concerned.“ (S. 33)

Afonso I betrieb „als ein frommer christlicher Herrscher eine Politik selektiver Modernisierung in enger Anlehnung an Portugal. Er verstand die europäischen Großmächte als christliche Bruderstaaten, begann mit dem Aufbau eines einheimischen Klerus, entsandte Studenten nach Europa und versuchte europäische Handwerker und Akademiker in den Kongo zu holen. Seine Hoffnung war, durch eine forcierte Christianisierung und Kooperation von den Portugiesen und seinem königlichen Standesgenossen Manuel dauerhaft als gleichwertig anerkannt zu werden, eine Strategie, die anfangs erfolgreich war.“ (Wikipedia)

Zu Beatriz Zeiten war das Christentum im Kongo weit verbreitet: „The teachers did a good, thorough job. Countless travelers in Kongo commented on the degree to which the basic elements of the faith were known in the country. Everyone could say the prayers, even in rural areas far from the centers of culture, even in sections of the country that had not seen an ordained priest in anyone’s lifetime. (…) Even in the islands and lands of far-off America, across the ocean, where the civil wars had condemned so many Kongolese to serve as slaves, priests who inquired discovered this fund of Christian knowledge. Even there, in such distant exile, one still met Kongolese saying the prayers they had been taught as children.“ (S.29)

Bárbaro Martínez Ruiz beschreibt in einem Interview für Afropop Worldwide die Kosmologie, welche er an Beatriz Wirkungsstätte M‘banza Kongo im heutigen Angola angetroffen hat, so: „That is the way the religion is organized, you have Nzambi Mpungu Tolendo, and that is the power itself, and you have Nzambi Mpungu Deso, is the kind of spiritual guide that is invisible, that doesn’t have any kind of intervention in the life of the people. And after that, you have kalunga, that could be identified as life itself, when life is created. And you have the simbi, the multiple power of god manifest in multiple ways, and below that you have the bakulu, the ancestors, that are always in contact with the simbi. And that is pretty much the order, you have nzambi, you have kalunga, you have isimbi, and you have the bakulu. And humans below the bakulu.“ Diese Strukturierung ist nicht speziell kongolesisch, sondern erstaunlich ähnlich überall im subsaharischen Afrika, auch wenn sie in der Aussensicht je nach historischen Gegebenheiten meist unter den Abrahamitischen Religionspraktiken Christentum und Islam verborgen liegt – respektive umgekehrt aus der Innensicht die epistemologische Grundlage bildet, worin die jeweiligen Abrahamitischen Religionen eingebettet sind.

Ausgebildet wurde Dona Beatriz Kimpa Vita in das indigene theologische System als Nganga: „Nganga derives from a Kikongo root that means „knowledge“ or „skill“, but specifically the kind of skill that applies to religious matters. Catholic priests were called ngangas, as were many people who claimed they could access knowledge and seek assistance from the Other World“ (S. 53) „Ngangas were possessors of kindoki“ (S.54) Kindoki meint allgemein gesprochen Magie, aber wertneutral, vergleichbar der Haitianischen Maji, die sowohl in eigennützig selbstsüchtiger Absicht „mit der linken Hand“ wie auch uneigennützig für die Allgemeinheit „mit der rechten Hand“ angewendet werden kann: „The power to carry out a curse was kindoki, related linguistically both to loka and ndoku. But using this power was not necessarily bad; indeed, it might be good. The power of kindoki was simply the gift of possessing the ability to operate with the assistance of the Other World, and if it was done for good aims, generously, it was a positive virtue indeed, Thus, the power to curse was conversely also a power to protect, and so there could be good and bad kindoki, depending on what ends the power to curse was used.“ (S. 42) In einem Satz: „Nsi a moyo kazolele o Nzambi a Mpungu“ (S. 219) – Es ist einzig die Absicht, die Gott verlangt.

„Ngangas could also be possessed by beings from the Other World. A possessed nganga, such as nganga ngombo, would go into a trance, either through taking special drugs or, more commonly, through various forms of hypnosis induced by drumming, dancing, or simply rhythmic chanting and hand clapping. Once this state was achieved, some being from the Other World would enter the nganga’s head, and then use his or her vocal chords to speak.“ (S.54) Das Phänomen der Besessenheit war auch der damaligen katholischen Kirche geläufig, aber ausschliesslich als Besessenheit von teuflischen Dämonen und damit per se schlecht. Damit waren die Betreffenden Menschen a priori Ndokis, also bösartige Hexen: „In fact, the Capuchins simply charged all ngangas, whatever their practice, if not ordained by the Church, were ndokis, those who worked evil by supernatural means. They called them fattucieri in Italian, that is, „witches“, and in so doing charged that all their work was selfish and greedy and hence the bad sort of kindoki.“ (S. 71) „This, Capuchins argued, was witchcraft, and it could be carried out unwittingly, even if one did not invoke the Devil. Intentions were of no significance. Only the procedure counted.“ (S. 71) Die Absicht ist egal, nur die formale Prozedur zählt vor Gott.

Den italienischen Kapuzinern, welche Portugal in den Kongo entsandte, gereichte umgekehrt ihr praktiziertes Armutsgelübte zunächst zum Vorteil aus Kongolesischer Sicht: „The Capuchins were able to maintain their claims to exercise positive spiritual power and accuse other ngangas of being ndokis largely because they lived lives of personal poverty and lack of concern for the material world. This personal disregard of the power of the world lent credence to their claim to respect for the Church, but it also placed them under constant scrutiny to see if the respect and power were used for personal aggrandizement.“ (S. 88)

Zu Beatriz‘ Zeiten aber versank das ehemalige Königreich Kongo im Elend des andauernden Bürgerkriegs (Kongolesische Innensicht) respektive machte hervorragende Fortschritte der ökonomischen Integration in den sich organisierenden globalisierten Weltmarkt durch den Export von abertausenden von Sklav*en nach Brasilien dank den Bürgerkriegsgefangenen (europäische Aussensicht). Zuvor herrschte im Kongo relativer Wohlstand mit niedrigerer Säuglingssterblichkeit als in Europa: „Kongolese peasants, although they possessed a simple material culture, would not normally have been an impoverished people. (…) Average life expectancy, about thirty-five years at birth, was about the same as in Europe or Asia at that time, while infant mortality, which ran to about a quarter of all the newborns, staggering by today’s standards, was lower than the European average.“ (S. 137) „It was the war that had overwhelmed the Kongolese peasants, ruined them, and left them desperate, not their poverty or even their normal burdens of taxes and the lopsided justice that often characterized premodern societies.“ (S. 138) Anspruch und Wirklichkeit der orthodoxen katholischen Kirche wurden in dieser polit-ökonomischen Situation zunehmend unvereinbar und die Kapuziner mehr und mehr selbst als Ndokis kenntlich, welche eigennütziges und damit böses Kindoki bzw. dämonische schwarze Magie praktizierten. Die orthodoxe Doktrin, dass „die Gnadenwirksamkeit unabhängig von der sittlichen Disposition des vollziehenden Priesters gilt“, sprach der gelebten Wirklichkeit Hohn – insofern vergleichbar der Situation in Deutschland zur Zeit des ökonomisch prosperierenden Ablasshandels, welcher Martin Luther zur Konfrontation mit der Orthodoxie und schliesslich zur Kirchenreformation veranlassten.

Zunächst trat Ende 1703 Apollonia Mafutu, eine damals bereits ältere Frau, als spirituelle Reformatorin und Wegbereiterin für Beatriz auf: „Following the pattern that priests had long established, she denounced as witchcraft all nkisis, which she believed to be polluted with negative kindoki. Since the term nkisi was used for objects of Christian devotion (a church was nzo a nkisi; the Bible, nkanda nkisi), as well as for various charms used to embody spirits that were not approved by the Church, she included crosses and religious medals in her bonfires.“ (S. 108) – in Absicht und Praxis durchaus vergleichbar mit dem Bildersturm im Gefolge der Reformation durch Huldrych Zwingli, dessen Folgen in Form von „nackten“ Kircheninnenräumen bis heute augenfällig sind: Sämtliche Altäre und Gemälde wurden entfernt und verbrannt, sogar das Singen wurde zunächst verboten, aber nicht als gegen das Christentum a priori gerichtete Aktion, sondern als Reinigung des Christentums von betrügerischem Blendwerk: „Seen in this light, her actions were not anti-Christian, but represented a purificatin of Christianity of the involvement that people had with negative kindoki as a result of greed, jealously, cival war, and treachery. (…) For Mafuta, and for her followers in the Mbizi valley, the religious movement was profoundly Christian, although it relied on Kongolese concepts of kindoki and not the witchcraft lore of the priests.“ (S. 109)

Zu dieser Zeit wurde Beatriz übernatürlich krank, starb, und wiederauferstand im August 1704 als Mann, besessen vom Heiligen Antonius von Padua. „No sooner had Saint Anthony entered her head and revived her dying body, than she rose from her sickbed and informed her relatives of the events that had taken place. She told them she had received a divine commandment to go and preach, and she had no choice. (…) Following the example of the Capuchin missionaries she immediately began to distribute her small store of personal property, freeing herself of the encumbrances and the potential for greed implied by possessions. (…) They took her to the palace, where her preaching rapidly drew attention, and like Mafuta before her, she was carried before the king. She entered the throne room gracefully, walking on the tips of her toes so that she almost seemed to float. Smiling broadly as if filled with great joy, she circled the king. Then, using the authority that her possession gave her, she rebuked him for not immediately occupying Sāo Salvador and bringing the wars to a close.“ (S. 110)

Sie – bzw. er(!), denn „She herself crowned her most favored male supporters with this cloth; she was the only woman who wore one, probably because as Saint Anthony she as a man, in spite of her appearance.“ (S. 161) – betätigte sich fortan als Wanderprediger* im Kongo, rekrutierte „kleine Antonius‘“ als Lehrpersonen und fand bald eine zahlreiche Anhängerschaft. Noch heute werden archäologisch zu der Zeit gegossene „Toni Malau“-Statuetten des Heiligen Antonius von Padua gefunden – und lokal bis heute produziert, als Nkisi für die neue, reformierte Interpretation und Praxis des Christentums im Kongo. Sie/er verlegte die neutestamentarische Heilsgeschichte, namentlich Bethlehem, in den Kongo und änderte den Text des Salve Regina, woraus das rückübersetzte Zitat „Salve nusamba yo kenuzeye ya nki ko“ stammt, denn: „The Salve Antoniana, as Dona Beatriz‘ new prayer was called, was more like a conmentary on the original prayer than a modification of it. Father Bernardo, who recorded the prayer, unfortunately only in his own Italian translation, felt unable to comment on it.“ (S. 115)

Doch der Erfolg währte nur zwei Jahre, da ihr mächtige Gegner erwuchsen: Die orthodoxe katholische Kirche sah ihre monopolistische Deutungshoheit in Gefahr, die von ihr abhängigen sich gegenseitig bekriegenden lokalen Könige ihre Autorität und polit-ökonomische Macht, da der auf den Bürgerkrieg gebaute transatlantische Freihandel mit Sklav*en und damit die ökonomische Modernisierung zugunsten eines rückständigem Protektionismus von Menschenleben zum Erliegen zu kommen drohte. Dass der Heilige Antonius zuletzt auch noch schwanger wurde und ein Kind gebar, gab ihr/ihm den Rest: „The events had an important impact on Dona Beatriz‘ ideas about hear teaching and mission. There is no reason to believe that from the time of her possession until she came to reside in Sāo Salvador, Dona Beatriz did not fully and firmly believe she was possessed by Saint Anthony and that he spoke through her. She was probably not literally possessed for the entire period, but mediums are capable of being possessed for fairly long times, interspersed with periods of normal consciousness. She was therefore aware that she was still Dona Beatriz as well as Saint Anthony, but that even when she was not possessed her knowledge came directly from the saint.“ (S. 167) Zuletzt: „She was now thoroughly convinced that she had committed grave sins, not about her mission but about her pregnancy and her subsequent flight from Sāo Salvador. She had decided that this betrayal warranted death, and was prepared to die.“ (S. 177) Und so wurde sie lebendig auf dem Scheiterhaufen verbrannt, eine erst im Zuge der europäischen Modernisierung eingeführte politische Massnahme, welche zuvor im Kongo unbekannt war.

Dass diese Geschichte hier überhaupt erzählt werden kann, verdankt sich dem Umstand, dass sie für Subsaharische Verhältnisse ungewöhnlich gut dokumentiert ist – und das wiederum verdankt sich dem Umstand, dass der theologische Dissens zwischen Dona Beatriz Kimpa Vita und Vater Bernardo, dem italienischen Missionar und Dokumentar, letztlich ein Dissens auf Augenhöhe war. Die Tatsache der Besessenheit war unstrittig, Dissens bestand nur hinsichtlich der Identität des (un)heiligen Geistes, der da offensichtlich in Erscheinung trat: „But European traditions did not accept the idea that divine revelations came in the form of possession. (…) With this background, Father Bernardo never considered the possibility that Dona Beatriz was actually possessed by Saint Anthony; at best it was a minor demon.“ (S.124) Aber: „Kongolese did not share the European priests‘ ideas about possession and were quite willing to admit the possibility that she was indeed possessed by Saint Anthony. If that were so, she must be carefully attended to.“ (S. 125). Das Verdikt von Vater Bernardo: „Rather, he argued strongly that Dona Beatriz was a witch, possessed by the Devil. God had permitted this to take place, he suggested, because [König] Pedro had been too hard on the people, and had not been sufficiently responsive to their will.“ (S. 125)

Es handelte sich auch um einen Theolog*enstreit um das, was heute als „White Supremacy“ bekannt ist: „She [Beatriz] also denounced Father Bernardo, accusing him of being a jealous and envious person, both important characteristics of ndokis, and adding to this a new accusation, that he did not want there to be black saints in Kongo.“ (S. 111) Und in einem Streitgespräch mit Vater Bernardo argumentierte sie logisch schlüssig: „“Tell me, in Heaven are there blacks from Kongo, and if there are, do they still have their black color in Heaven?“ „There are black Kongolese up in Heaven,“ she replied without hesitation, „little ones who have been baptized, and adults who had observed the laws of God on earth. But,“ she continued, „they are not black in color nor white, because in Heaven no one has any color.“ The last statement was too much for Father Bernardo, whose temper was short anyway, and he launched into a tirade.“ (S. 121)

Aus heutiger Sicht war für Vater Bernardo wohl ungefähr das eingetroffen, was Sigmund Freud in „Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken“ öffentlich befürchtet hat: „Allein ich meine, es könnte uns mit der Psychologie dieser Völker, die auf der animistischen Stufe stehen geblieben sind, leicht so ergehen wie mit dem Seelenleben des Kindes, das wir Erwachsenen nicht mehr verstehen, und dessen Reichhaltigkeit und Feinfühligkeit wir darum so sehr unterschätzt haben.“ (Freud: 111)

Und dieser hegemonialen White Supremacy ist es auch zuzuschreiben, dass im kollektiven Bewusstsein nicht nur diese kurze Periode der Reformation im Kongo selbst völlig unbekannt ist, sondern auch deren Spuren in der Geschichte des Widerstands gegen die Weisse Barbarei der Sklaverei in den Amerikas, am Folgenreichsten der Stono-Aufstand in South Carolina 1739 in der heutigen USA: „The revolt, news of which was widely published in North America, led to a strong reaction against the importation of workers from central Africa, or „Angolans“. (…) the great era of Kongolese importation to North America drew to a close, although still as many as one in eight Africans arriving in the British colonies of the continent were central Africans. Kongolese returned to North America in great numbers only in the 1790s, when renewed British involvement in the trade brought them once again to South Carolina.“ (S. 214)

Auch in der Haitinischen Revolution spielten die Antonier aus Kongo bzw. Angola eine Rolle: „Playing on the verb kanga, which ironically means also to bind or tie up, had been a characteristic of the Antonian movement, and the untranslated word for salvation in the Salve Regina had inspired the first lines of the Salve Antoniana. Later, too, revolutionary Haitians from Kongo would play on the same verb in their famous chant, „Kanga bafiote, Kanga mundele, Kanga ndoki la, Kanga Li“ (meaning „Tie up [or free, save] the black men, tie up/free/save the white man, tie up/free/save the witch, tie them up!“)“ (S. 213) Benjamin Hebblethwaite katalogisierte ein Haitianisches Lied in Kreyol als Teil einer Vodou-Zeremonie für den Lwa Legba (Hebblethwaite: 55), welches als kollektive zirkumatlantische historische Erinnerung im Sinne von Lydia Platón Lázaro direkt auf das Wirken von Dona Beatriz Kimpa Vita bzw. Antonius von Padua als „Toni“ im Kongo verweist (Hebblethwaite: 59):

Holy Mary of Grace,
you need to call on the Kongo.
Oh Holy Mary,
oh Toni, call on the Kongo.
Toni, call on the Kongo,
Holy Mary of Grace.

Santa Maria Gratia,
Toni, rele Kongo.
O Santa Marya,
o Toni, rele Kongo.
Toni, rele Kongo,
Santa Maria Gratia.

Quellen

Thornton, John K.: The Kongolese Saint Anthony. Dona Beatriz Kimpa Vita and the Antonian Movement, 1684 – 1706. Cambridge University Press, New York 1998

Der Abendmahlstreit der Reformatoren
http://www.1theolexamen.de/kg/kg3/abendmahl.pdf

Beliso-De Jesús, A. M.: Electric Santería. Columbia University Press, New York, 2015
http://undenkbar.blogsport.de/2016/06/05/a-m-beliso-de-jesus-electric-santeria/

Freud, Sigmund: Totem und Tabu. Fischer Bücherei 1956
http://undenkbar.blogsport.de/2016/01/11/zu-sigmund-freuds-animismus-magie-und-allmacht-der-gedanken/

Hebblethwaite, Benjamin: Vodou Songs in Haitian Creole and English – Chante Vodou an kreyòl aysyen ak angle. Temple University Press, Philadelphia 2012.

Kimpa Vita: La Mère de la Révolution Africaine / The Mother of African Revolution
http://kimpavitafilm.com/

Leuenberger Konkordie
http://leuenberg.eu/leuenberger-konkordie

Martínez Ruiz, Bárbaro: Interview
http://www.afropop.org/6186/hip-deep-interview-barbaro-martinez-ruiz/
https://soundcloud.com/afropop-worldwide/hip-deep-angola-part-3-a

Platón Lázaro:, Lydia: Defiant Itineraries. Caribbean Paradigms in American Dance and Film. Palgrave Macmillan, New York 2015
http://undenkbar.blogsport.de/2016/09/14/lydia-platon-lazaro-defiant-itineraries-zu-katherine-dunham-und-maya-deren/

Reformierte Kirche Kanton Zürich, Ch. Scheidegger: Luther & Zwingli
http://www.zh.ref.ch/a-z/zwingli/lexikon-l/luther-zwingli

Reformierte Kirche Kanton Zürich, Ch. Scheidegger: Motivation
http://www.zh.ref.ch/a-z/zwingli/lexikon-m/motivation