Selbstkultivierter Analphabetismus bei Hans Ulrich Gumbrecht

War der Befund Religiöser Analphabetismus bei Karl-Heinz Ott noch eine Fremddiagnose, kultiviert der im Dunstkreis der „Wirklichkeitsdämmerung“ (NZZ vom 25 August 2016) der Neuen Deutschen Behaglichkeit bei Markus Gabriel traumwandelnde transatlantische Stanford-Elitephilosoph Hans Ulrich Gumbrecht seinen funktionalen Analphabetismus gleich selbst:

„Vor einem halben Jahrhundert gehörte der Wetterbericht zu den emblematischen Sendungen der frühen Fernsehprogramme. Er war inszeniert wie ein akademisches Meteorologie-Kolleg aus atlantischen «Tiefs» und alpinen «Hochs», das Millionen von Laien umso mehr beeindruckte, je weniger sie seine Inhalte verstanden. Allerdings zogen Zuschauer damals kaum praktische Schlüsse aus dem Wetterbericht (…)“ – unfreiwillig gelungen diese akademische Selbstpositionierung schon im Auftakt: Laut Wikipedia aufgewachsen „als Kind zweier promovierter Urologen in Würzburg“ biedert er sich jovial kokettierend den imaginierten „Millionen von Laien“ an, welche das bereits in der Primarschule geübte Lesen von Isobarenkarten wieder vergessen haben. Dass es laut Statistik noch 1975 in Deutschland knapp eine Million von zuverlässigen Wetterprognosen ökonomisch abhängige Bauernbetriebe gab, die keineswegs deswegen mehrheitlich aufgegeben wurden, weil erst heute „die Brauchbarkeit der von überall und für jeden Ort des Planeten abrufbaren Wetterprognosen alle Fragen hinter sich gelassen“ hätte, liegt fern seiner Lebensrealität. Wäre dem anders, wäre ihm wie vielen andern der „Millionen von Laien“ längst aufgefallen, dass die von Apple aus dem fernen Kalifornien analphabetenfest aufs iPhone gelieferten Wetterbildchen „praktische Schlüsse“ nur für diejenigen zulassen, deren Kontakt mit dem Wetter sich auf den informellen Abgleich von Windschutzscheibe und Armaturenbrett-Anzeige auf dem Weg von Tiefgarage zu Tiefgarage beschränkt.

Tatsächlich gab es eine Entwicklung in der Meteorologie hin zu dem, was Gumbrecht als „elektronische Technologie und ihrer Fähigkeit, einst im wörtlichen Sinn unvorstellbar komplexe Datenmengen zu verarbeiten“ beschreibt. Vor Jahren wurde die Pixel-Auflösung von Wettersimulationen mit einem Kubikkilometer angegeben, die betriebswirtschaftlich rechnenden staatlichen Meteo-Anstalten waren von den sich bewegenden bunten Bildchen (und der Aussicht auf schöne teure Grosscomputer) sehr beeindruckt und dünnten das weiland dichte Netz von Laien-Wetterbeobachter*n aus Geldmangel radikal aus. Diese übermittelten damals gegen Entgelt mehrmals täglich per Telefon die lokalen Daten an die Zentrale, welche die Erstellung der genannten, schon für Primarschüler* lesbaren Isobarenkarten erst ermöglichten. Ergebnis: Die Prognosen wurden für längere Zeiträume markant zuverlässiger, aber aufgrund des Brain Drains der Laienbeobachter* lokal und kurzfristig markant unzuverlässiger, vor allem in den Bergen, wo das Wetter in wenigen Kilometern Abstand sehr unterschiedlich sein kann. Diejenigen „Millionen von Laien“, die auf zuverlässige Wetterprognosen angewiesen waren und sind, namentlich Bauer*n und Bergführer*, hatten das Nachsehen – aber die zählen in Gumbrechts Lebenswelt ja nicht. Das, genau das ist der von Gumbrecht bejubelte „Umschlag von analysierter Quantität in Lebensqualität“.

Und gleichzeitig der springende Punkt seiner Argumentation: „Die Philosophie hat in einer Zeit, da die Wetterberichte zuverlässig geworden sind, allen Anlass, zu einem realistischen Weltverständnis zurückzukehren.“ – und schliesst nach dieser auf einer kontrafaktischen Prämisse basierenden Schlussfolgerung den Artikel mit dem Satz: „Dass unsere durch immer potentere Rechner ermöglichte Weltbeherrschung – strenggenommen – auf Simulationen beruht, interessiert derzeit kaum jemanden.“ – jedenfalls nicht den hochbezahlten Multi-Dr. h. c.-Elitephilosophen Hans Ulrich Gumbrecht. Philosophie als Liebe zur Weisheit der partikularen Klasse der transatlantischen Bourgeoisie an und für sich.

Die positive Leistung dieser partikularen Weltanschauung besteht darin, „den Gläubigen einen anscheinend permanenten Rahmen und einen sicheren Innenraum der Existenz“ (Gumbrecht über das „christliche Mittelalter“) zu bieten. Dieser behagliche Innenraum des kolonialen Bewusstseins wurde namentlich in Frankreich durch die Erfahrung des verlorenen Algerienkriegs brüchig. Die von Gumbrecht ausdrücklich bekämpfte „Dekonstruktion“ Jacques Derridas steht mitnichten im luftleeren Raum, wurde „ausserhalb der akademischen Welt“ mitnichten nur „als eine – in ihrem Selbstwertgefühl absurde – Bankrotterklärung der Philosophie wahrgenommen“, war weit mehr, als das, was Gumbrecht als „weihevolle Pietät“ verhöhnt: Sie war historisch die Bankrotterklärung des kolonialen Bewusstseins als Folge des unabwendbaren militärischen Bankrotts der massenmörderischen kolonialen Herrschaftspraxis nach dem zweiten Weltkrieg. Das Denken dieses Bankrotts war und ist das Denken des Bankrotts des plötzlich nicht mehr Wahren, Schönen und Guten angesichts der Wahrnehmung des Anderen Wahren, Schönen und Guten aus dem nun nicht mehr nur militärisch, sondern auch als der Sprache mächtig wahrgenommenen Munde des kolonisierten Subjekts als universalhistorische Wirklichkeitsdämmerung.

Die von Gumbrecht beschworene sekundäre „Wirklichkeitsdämmerung“ des neuen philosophischen Realismus ist demgegenüber nichts weiter als politische Reaktion, nicht von ungefähr philosophisch fundiert auf der Computersimulation am harmlosen und sachlich falschen Beispiel des Wetters, welches tatsächlich „unsere durch immer potentere Rechner ermöglichte Weltbeherrschung“ nicht nur wegen des Klimawandels verhöhnt. Der von den USA auch unter Atombomben-Friedensnobelpreisträger Obama nicht ratifizierte Kernwaffenteststopp-Vertrag (CTBT) wurde von den Atommächten nur deshalb überhaupt in Betracht gezogen, weil schon in den Neunzigerjahren die damaligen Computersimulationen von Atombombenexplosionen die realen Atombombentests überflüssig machten. Das, genau das ist die „durch immer potentere Rechner ermöglichte Weltbeherrschung“, von der Hans Urlich Gumbrecht wortreich schweigt. Sein selbstkultivierter Analphabetismus ist nicht einfach Dummheit, sondern durchschaubare Anbiederung an die der universalen Vernichtungsdrohung Unterworfenen, deren selbstverschuldete Unmündigkeit er ihnen als letzten Schrei der selbstredend überlegenen „westlichen Philosophie“ verkauft.

Nochmals sein Schlusssatz: „Dass unsere durch immer potentere Rechner ermöglichte Weltbeherrschung – strenggenommen – auf Simulation beruht, interessiert derzeit kaum jemanden“ – mag so sein, aber es interessiert die selbsternannten Weltbeherrscher* selbst sehr wohl, nur schon der flüchtige Gedanke an die Möglichkeit, dass die dank Atombomben-Friedensnobelpreisträger Obama gegenwärtig „modernisierten“ Atombomben vielleicht, nur vielleicht, nur ganz, ganz vielleicht eventuell gar nicht explodieren könnten, weil die Simulation, ja diese verfluchte Simulation, diese dummen Informatiker… Impotenz! Unerträglich!! Heiliger Schauer und Zähneklappern!!! Das, genau das ist universalhistorisch die unaussprechliche existenzielle Angst der französischen Sklavenhalter* in Saint-Domingue (eben heute Haiti, eigentlich Ayiti), welche Susan Buck-Morss in „Hegel und Haiti“ beschreibt, die existenzielle Angst, die in der im Widerspruch zu Gumbrechts ganzer Argumentation eben zukunftsoffenen Formulierung „interessiert derzeit kaum jemanden“ wie ein Echo von Gryphius‘ „Noch wil was ewig ist kein einig Mensch betrachten!“ freudianisch widerhallt. Sein am Wetterbericht zur Schau gestellter funktionaler Analphabetismus mag für sein bewusstes Ich authentisch sein, doch sein Unbewusstes ist klüger…

Quellen

Buck-Morss, Susan: Hegel und Haiti. Für eine neue Universalgeschichte. Suhrkamp, Berlin 2011.

Gumbrecht, Hans Ulrich: Wirklichkeitsdämmerung. Warum die westliche Philosophie zum Realismus zurückkehrt. NZZ vom 25. August 2016, S.35
http://www.nzz.ch/feuilleton/zeitgeschehen/rueckkehr-zum-philosophischen-realismus-wirklichkeitsdaemmerung-ld.112795


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