Religiöser Analphabetismus bei Karl-Heinz Ott

„Die westliche Welt kennt nichts Heiliges mehr“ betitelt die NZZ vom 5.8.2016 den Beitrag des Schriftstellers Karl-Heinz Ott und referiert die universitär verbindlich durchgesetzte Einheitslehre der transatlantischen Sozialwissenschaften schon im ersten Satz mit Max Webers Bonmot von der „Entzauberung der Welt“ – und schliesst erwartbar mit dem Abschnitt „Erotik und Kunst“: „Zwei Bereiche bleiben bereits für Max Weber unangetastet von jeder Entzauberung: die Erotik und die Kunst, Auch wenn die Erotik sich durch Kommerzialisierung profaniert und die Kunst in manchen Bereichen ihre eigene Entzauberung betreibt, sind wir hier wie dort mit Erfahrungen konfrontiert, die ihr Faszinosum behalten.“

Sein funktionaler Analphabetismus entblösst sich in der gesellschaftlich erwünschten beliebigen Austauschbarkeit von Begriffen wie „Religion“, „Faszinosum“ und „Zauber“, kulminierend im Satz: „Ein grundlegender Teil der Welt bleibt ohnehin rätselhaft“. Also zunächst ein wenig begriffliche Nachhilfe:

Der Begriff der „Religion“ bezeichnet immer eine ökonomische soziale Organisation, ein Geschäft, ein Business, fundiert auf Spiritualität und Magie. Ob dieses als rein Privatwirtschaftliches betrieben wird (spendenfinanzierte Freikirchen) oder staatsmonopolkapitalistisch (steuerfinanzierte Staatskirchen in Europa) oder als verlogene Mischform (vom Vatikanstaat via Kirchensteuer finanzierte Kirchen in Afrika, von Saudi Arabien via Ölrente finanzierte Moscheen in Europa) ist dabei unerheblich.

Der Begriff der „Spiritualität“ bezeichnet immer eine subjektive Tätigkeit, eine Form von Weltzugewandtheit, die sich nicht aufs offen Sichtbare limitiert. Eine Tätigkeit, welche im Rahmen einer Religion koordiniert und auch beherrscht werden kann, aber mitnichten muss. Wo Religion im Allgemeinen und moderne Staatsreligion im Besonderen als soziale Herrschaft dominiert, tendiert sie zur Korruption und erzeugt so privatistische „Spiritualität“, welche in Europa im Allgemeinen und an europäischen Universitäten im Besonderen die soziale Norm darstellt.

Der Begriff der „Magie“ bezeichnet die Beeinflussung und Manipulation von Sichtbarem mit Sichtbarem, Materiellem mit (meist) Materiellem, ohne dass eine benennbare physikalische oder chemische Kausalität vorliegt.

Die Einschränkung des „Zaubers“, also der Magie, auf „Erotik und Kunst“ dient der sozial erwünschten Verschleierung der tatsächlich herrschenden magischen Verhältnisse. Ein werbetechnisch auch als solcher inszenierte Inbegriff moderner Magie ist das Parfum, wobei dessen Verbindung mit „Erotik“ gesellschaftlich nur eine Randerscheinung darstellt: Mit chemischem Material soll durch Manipulation von Menschen eine materielle Wirkung erzielt werden, sei das nun der Kauf von Waren im Supermarkt, das Unterbleiben von Mobbing oder gar die Beförderung im Betrieb, oder ganz einfach nur das After-Shave-Gefühl morgendlicher Gestähltheit als Auftakt für den täglichen psychischen Überlebenskampf im Büro.
Das soziale Wettrüsten im Lebenslauf zwecks Stellensuche ist reine Magie. Wäre dem anders, wäre die herausgekehrte „hohe interkulturelle Kompetenz“ nach von den Eltern finanziertem dreimonatigem Charity-Business-Aufenthalt als White Saviour im Globalen Süden eine Lachnummer („durchschaut nicht mal das Spiel, das innerhalb der eigenen Kultur gespielt wird“), keine herauszukehrende Qualifikation. Schon der universitäre „Abschluss“ ist im Wesentlicher ein magischer: Der Zusammenhang zwischen diesem und einer angestrebten Anstellung besteht ausserhalb von sehr berufsspezifischen Ausbildungen nicht in einer erwartbaren Befähigung, sondern in einer oft illusionären, aber durch „Professionalisierung“ normierten Projektion von HR-Sachbearbeiter*n. Das beglaubigte Papier des Diploms als Material ist schon das Wesentliche. Die faktische Abschaffung universitärer Bildung im Rahmen der sogenannten „Bologna-Reform“ in Europa war von Anfang an rein magisch begründet: „Wir glauben, dass die HR-Sachbearbeiter* glauben, dass…“ – aus diesem Grunde war und ist die Legitimität und damit die Praxis der Bologna-Reform immun gegen ihr faktisches Scheitern.
Magisches Denken und Handeln ist auf dem Vormarsch im vermeintlich aufgeklärten Westen, und gerade bezogen auf das explizite Primärziel der höchsten Bildungsinstitute gegenwärtig die Norm.

Gleiches gilt für die atomisierte Schrumpfform von „Spiritualität“, welche als Gefühl der „Verbundenheit mit dem Universum“ mehr geraunt als kommuniziert wird, je nach Solvenz erlebt im Tauchurlaub vor Mosambik oder ganz einfach im Heimaturlaub in den Bergen: Auch hier wird nicht durchschaut, dass der konsumierte Erlebnisurlaub als solcher hergestellt wurde und rational den Zweck erfüllt, die Arbeitsfähigkeit zu reproduzieren. Diese Schrumpfform ist tatsächlich auf dem Vormarsch, erbittert bekämpft jedoch wird spiegelbildlich eine umfassendere, weniger atomisierte Form: Ein Bekannter einer Bekannten hätte angeblich nach einem längeren Aufenthalt in Westafrika völlig „den Boden unter den Füssen verloren“ und bedurfte aufwändiger psychiatrischer Rehabilitation zur Wiederherstellung ebendieser Arbeitsfähigkeit. Undenkbar, dass das pathologisierte Nicht-mehr-Verbundensein mit der Trinität aus Universum, Gesellschaft und Kapital mehr objektive Wahrheit bergen könnte als die Wiedereingliederung als Unterwerfung unter dieses Ganze, das heute zwar nur noch rechtshegelianisch, aber genau deswegen hegemonial „das Wahre“ sei.

Dass Otts Widerspruch zu „Feuerbach, Marx und Freud mit ihren Prognosen, die Religion werde verschwinden“ spezifisch nur auf den „radikalen Islam“ bezogen wird, der „wie jeder politische Manichäismus seine Faszination gerade daher [bezieht], dass er die Welt von allem Bösen befreien will, sofort und mit allen Mitteln“ verschleiert die politische Bindung an das militärische Transatlantikertum zum Preis der intellektuellen Redlichkeit. Dazu Susan Buck-Morss in ihrer Universalgeschichte zu Haiti: „Gehen wir einmal davon aus, dass Boukman wirklich den Dschihad predigte. Schlagen wir diesen Weg ein, so wird das altehrwührtige kritische Narrativ der radikalen Freiheit in eine heikle Richtung erweitert: Wenn die Verteidiger Haitis, lodernd vor moralischem Enthusiasmus, die Worte zitieren, mit denen Dessalines das Gemetzel der Rassen rechtfertigte – „Ich habe Amerika gerächt“–, wenn Intellektuelle die Sklaven von aller Schuld freisprechen und darauf hinweisen, Dessalines habe es seinen Feinden „mit gleicher Münze heimgezahlt“, dann müssen wir ehrlicherweise zugeben, dass es keinen nachvollziehbaren Grund gibt, die „Auge um Auge, Zahn um Zahn“-Logik des politischen Dschihad von der grossen Erzählung der Freiheit auszunehmen.“ (S. 195)
„Wie kann es sein, dass das altehrwürdige Motto euro-amerikanischer Revolutionen – „Freiheit oder Tod“ – im Denken und Handeln des Westens zu etwas werde konnte, das die vorgeblich ehrlose Tradition des islamischen Dschihad auf keinen Fall für sich reklamieren darf? In Namen der universellen Menschlichkeit rechtfertigen Avantgarden ihre Gewalttätigkeit häufig unter Berufung auf eine höhere Wahrheit. An genau dieser Kreuzung treffen sich Osama bin Laden und Jean-Jacques Dessalines, Wladimier Iljitsch Lenin und George W. Bush. Wenn wir nicht ebenfalls diesen Weg einschlagen wollen – und ich will das nicht – dann ist es höchste Zeit, die Instrumente, die wir zur Vermessung der Geschichte benutzen, radikal neu zu justieren.“ (S. 196)

Ein Anfang dazu wäre die rationale Erkenntnis, dass die es mitnichten nur „Erotik und Kunst“ sind, die sich der „Verwissenschaftlichung“ und „Entzauberung“ entziehen, sondern dass westlich-aufgeklärte Subjekte sich weit umfassender „nicht in rein rational tickende Wesen [verwandeln]“ – im Gegenteil. Schon angelegt wäre diese Erkenntnis bei allen von Ott herbeizitierten, aber anscheinend unverstandenen Koryphäen deutscher Geistesgeschichte: Max Webers pessimistische Theorie vom Geist des Kapitalismus als eben gerade irrationalem Produkt eines Amok gelaufenen religiösen Protestantismus, Marx‘ Einsicht in den eben gerade irrationalen Fetischcharakter der Ware, Freuds Einsicht in die eben gerade irrationale Konstitution des vermeintlich rationalen Ich, das sich um den Preis der leidvollen Neurose über die Natur der menschlichen Seele selbst betrügt – alles schon da.

Die Bedingung der Möglichkeit, nur schon diese Klassiker zu lesen und zu verstehen, wäre augenscheinlich eine religiöse Re-Alphabetisierung in einem Meer von intellektuellem Analphabetismus. Insofern behielten „die grossen Entzauberer Feuerbach, Marx und Freud mit ihren Prognosen, die Religion werde verschwinden“ eben doch recht: Offensichtlich kann in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verfassung keine Institution existieren, die diese Alphabetisierung zu leisten imstande wäre.

Quellen

Buck-Morss, Susan: Hegel und Haiti. Für eine neue Universalgeschichte. Suhrkamp, Berlin 2011.

Ott, Karl-Heinz: Die westliche Welt kennt nichts Heiliges mehr
http://www.nzz.ch/feuilleton/zeitgeschehen/karl-heinz-ott-ueber-entzauberung-die-unvernunft-der-vernuenftigen-welt-ld.109166


1 Antwort auf „Religiöser Analphabetismus bei Karl-Heinz Ott“


  1. 1 Reinhard Baden 15. November 2016 um 0:15 Uhr

    Guter Beitrag! Habe ihn 3x gelesen und immer wieder etwas entdeckt bzw. wiederentdeckt,- und das mit 70zig! Didaktisch gut und für jedes kulturwissenschaftliche Stadium als Pflichtlektüre bzw. als Proseminar angeraten! Und, wenn ich recht verstehe, ist die Essenz des Textes nicht nihilistisch, auch nicht atheistisch; die Entzauberung der „Religion“ selbst ist doch essentiell und wohl allein dort, in der christl. jüdisch Erscheinungsform, insofern sie die Magie kritisierte und zur fortschreitenden „Entsetzung“ des Glaubens führte und führte. Die Gefahr des Maßverstehens dieses Prozesses, den Glauben in scholastische Vernünftele oder in einen kantische Vernunftmetaphysik zu transformieren,.-käme einer neuen Vergötzung gleich. Die Chimären-Gorgo aus „instrumenteller Vernunft“ und Utopie gilt es zum entzaubern, deren parareligöse Magie in Gestalt der neuscholastischen „System-Glaubens“ vergrünter oder/und komplementärfarbener Hirnwindungen . Die Götzen der Moderne , Rousseau bis Lenin, gilt es zu „entzaubern“ . Durch die Kantische Vernunft oder die Hegelache Logo-Maschine gelingt dies freilich nicht. Entsetzend ist allein der Glaube an den Mensch gewordenen und gekreuzigten Gott. Alles andere bleibt Atavismus und Revitalisierung versunkener Bestiarien.

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


vier + fünf =