Les Invisibles auch im Hirnscan unsichtbar

In den Erörterungen zu den „Voodoo-Neurowissenschaften“ als versteckte ontologische Grundlage der „Feen, Hexen oder Einhörner“ im „Neuen Realismus“ von Markus Gabriel klaffte eine argumentative Lücke – doch die Frage ist empirisch längst geklärt: Nein, mensch sieht nichts, „les misté et les invisibles“ sind auch im Hirnscan unsichtbar. Der Befund ist scheinbar paradox, jedoch konsistent mit selbstberichteten Erfahrungen der Probanden.
In der Folge „The Nature of Trance“ der Hip Deep Series von Afropoop Worldwide interviewte Brandon Baker den Neurowissenschaftler Andrew Newberg, Mitautor der empirischen Studie „Neuroimaging during Trance State: A Contribution to the Study of Dissociation“ (ab Minute 37:00). Zunächst: Die heute üblicherweise als Grundlage für philosophische Spekulationen verwendete funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) ist dafür gänzlich ungeeignet: Die laute (Trance. 37:18), zwecks Kühlung der Supraleiter mit Flüssighelium gefüllte Höllenmaschine ist geeignet, so ziemlich alle guten und bösen Geister augenblicklich zu vertreiben. Stattdessen kommt die Einzelphotonen-Emissionscomputertomographie (SPECT) zur Anwendung: Für die Beobachtung wird den Probanden ein Schuss Radioaktivität injiziert, gelangt via Blutkreislauf ins Gehirn, und die emittierte Gammastrahlung erlaubt – ähnlich wie bei der fMRT – anhand des Blutflusses Rückschlüsse auf die energetische Aktivität der jeweiligen Hirnregion – wobei der Zeitpunkt der Injektion eine Momentaufnahme in der Zeit erlaubt. (Trance: 41:00)
„Trance isn‘t necessarily one particular state.“ (Trance: 38:40) „And we don‘t really know, whether or not those experiences are all fundamentally the same and just described differently, or whether they are actually fundamentally different types of experiences. But for any given individual there does seem to be this kind of moment, this kind of jump that occurs which helps into identify it as that mystical state, as that trance state.“ (Trance: 38:59) Also ging der Forscher für eine erste empirische Studie in die Kirche, wo die Leute des Zungenredens mächtig sind. Die Versuchsanordnung umfasste zwei Zeitpunkte: Zunächst als Referenz normales englisches Gospel-Singen, dann abwechselnd Gospel und Singsang in Zungen, doch erst wenn nur noch Zungenreden produziert wurde, folgte die zweite Injektion (Trance: 41:23) Die Beobachtung konzentrierte sich auf den Frontallappen, also das „Organ der Zivilisation“ (Wikipedia). Das paradoxe Ergebnis: Zungenreden korrelierte mit einer reduzierten Aktivität des Frontallappens, obwohl doch intensiv Sprache produziert wurde. Das ist jedoch konsistent mit dem Empfinden der Probanden: „It is consistent with the fact that they feel that they‘re not purposely making this vocalization, that it’s something that feels as really as if it’s coming from somewhere else.“ (Trance: 43:04)
Einige Jahre später folge die zitierte Studie „Neuroimaging during Trance State“ (Trance: 43:20), diesmal mit zehn Brasilianischen spirituellen Medien, welche des automatischen Schreibens mächtig sind. Ähnlich der Gospel-Studie wurde die Hirnaktivität vermessen, zusätzlich jedoch auch die Komplexität der produzierten Texte gemessen anhand eines standardisierten Verfahrens, welches auch für die Brasilianischen Universitäts-Eintrittsprüfungen verwendet wird. Die Medien wurden nach Erfahrung und Routine in zwei Gruppen aufgeteilt. Das Ergebnis entsprach für erfahrene Medien der Gospel-Studie (Trance: 43:50): reduzierte Aktivität in den Hirnregionen, die für die Sprache zuständig sind. Für relativ ungeübte Medien trat der umgekehrte Befund zutage: Erhöhte Aktivität im Sprachzentrum (Trance: 44:16). Tun sie also überraschend zwei verschiedene Dinge? Noch paradoxer die Komplexitätsanalyse der Sprache: Gerade bei erfahrenen Medien war die Komplexität der in Trance produzierten Texte höher als diejenige der im Vollbewusstsein kontrolliert geschriebenen Texte – trotz reduzierter Aktivität des Sprachzentrums: „The level of complexity of both types of written content (psychographed and control-task) was individually analyzed for each subject. Content produced during mediumistic and control writing usually involved ethical principles, the importance of spirituality, and bringing together science and spirituality. The average complexity scores for psychographed content were higher than those for control writing, for both the whole sample (…) and for experienced mediums (…). For less expert mediums the difference was near significance.“ (Peres et al: Results)
Newberg bringt als Analogie zum Paradox vergleichbare Ergebnisse mit Musikinstrumenten (Trance: 44:32): Während Anfänger* sich auf jede einzelne Klaviertaste konzentrieren müssen (erhöhte Gehirnaktivität im „Organ der Zivilisation“), zeigen die Messungen bei professionellen Musikern eine erniedrigte Gehirnaktivität beim Spiel (Trance: 44:51).
Newberg fasst im Interview den Befund folgendermassen zusammen: „One of the main things that we‘ve learned is that these spiritual practices appear to involve a very specific type of altered states of consciousness where the person’s frontal lobes are really taken offline and they don‘t feel that they are purposely doing this kind of practice, that it’s almost happening to them, and it tells us something about just the overall nature of spirituality I think, because part of the process of spirituality that there is something out there, whatever it is, that kind of speaks through us, or speaks to us from somewhere outside of ourselves.“ (Trance 45:45)
In einem Satz: Les Invisibles sind auch im Hirnscan unsichtbar. Sowohl die funktionelle Magnetresonanztomographie wie auch die Einzelphotonen-Emissionscomputertomographie sind als Maschinenkult im Sinne von Lewis Mumfords „Mythos der Maschine“ zur Dingbarmachung von „Feen, Hexen oder Einhörnern“ genauso Kargo-Cult wie die sprichwörtlichen Holz-Kopfhörer zur Anlockung von Frachtflugzeugen: „Sie schnitzten Kopfhörer aus Holz und trugen sie, als würden sie im Flughafentower sitzen. (…) In einer Art der sympathetischen Magie bauten sie zum Beispiel lebensgroße Flugzeugmodelle aus Stroh oder schufen Anlagen, die den militärischen Landebahnen nachempfunden waren, in der Hoffnung, neue Flugzeuge anzuziehen.“ (Wikipedia)
Die Expertise zum Thema hockt nun mal nicht im Lande der Dichter und Denker. In den Worten von Maya Deren: „Instead of regarding primitive religion as a falsification of the true nature of matter, as compensation for and even as antagonistic to a true understanding of the physical universe, it might be useful to assume, as a hypothesis at least, that such religious systems propose ideas which are essentially correct and in harmony with the true nature of the physical universe.“ (Deren: 88) „An event which, to the serviteur, does not seem logical is not accepted with good grace as the „will of God“; on the contrary, the serviteur is aggressive in calling the loa to account and in exacting the explanation to which he feels entitled and which would indicate the corrective procedure he should follow. This belief that all phenomena must contain some logical principle, this concept of a pervasive logical causation is, as a matter of fact, identical with the premise underlying scientific investigation“. (S. 99)
„The Nature of Trance“ endet mit einem längeren Interview mit der US-Haitianerin Val Jeanty (Trance: 47:37) „My culture is Vodou, I grew up in this kind of culture, my family is a vodou family, so everyone gets involved. (…) My grandmother is what you would consider like a priestess, but we call it mambo.“ (48:19) In den USA entdeckte Val Jeanty den MPC-Sampler und begann damit zu produzieren, was hierzulande etwa als „Trance Techno“ bekannt ist – siehe auch das letzte Video der Playlist zur Sendung. Georges Collinet schliesst mit den Worten: „Today we‘ve explored trance, from many different angles, but are we really closer to knowing the true nature of trance? Maybe just a little more now. In the end, trance is something best understood through participation and experience. I like the way Val puts it: It takes over, you feel it. You can move, it hasn‘t to be super-drastic – something that moves you, that goes through you, when you just feel it: Oh wow, I don‘t know what that was, but it sure felt like something.“ (Trance: 56:14)
Gibt’s nur entfernt ähnlich und ganz säkular auch in autochthonem Deutsch, entfernt, aber immerhin ähnlich genug, um einen sachlichen Bezug herstellen zu können. Collinet: „As we‘ll see, electronic dance music like rave does have a distant connection back to African spiritual traditions.“ (Trance 0:49)
Aus der Dokumentation „Zeitgeist Stammheim“ zunächst die Aussensicht der Anwohner: „Aber wenn man da stundenlang irgendwie einen Rhythmus, äähm, tanzt, das äähm, ja irgendwie ein bisschen blöd, ja.“ (Stammheim: 2:08) – dann die Innensicht: „Bei den Techno-Liebhabern ist es so, es ist nicht das einzelne Lied, was entscheidend ist, sondern es ist ein Zustand über mehrere Stunden, der einem was ganz besonderes gibt, der einem was gibt, wo man mal hinreisen kann, wo man sonst nie hinreisen könnte mit normaler Musik. – Also ich find, wenn man wirklich in die Musik reinfällt, und wirklich auch der ganze Körper einfach nur noch im Beat vibriert, das ist schon irgendwo etwas zwischen einer spirituellen Erfahrung und Sex, einfach. – Ich am Anfang auch mal erst dachte, Alter, wir krass ist denn das eigentlich, das waren einfach so Momente, wo ich selber schon so tief in diese Musik eingedrungen war, und auch das eigentlich schon fast unglaubwürdig war, wie krass ich eigentlich gefühlt hab, wie jeder einzelne Ton in mir gewisse Bewegungen ausübt, aber wenn ich mich dann umgeguckt habe und gesehen hab, wie das alle um mich herum auch hatten. – Dass ich teilweise auf der Tanzfläche war, und dann kamen irgendwie längere Breaks, und ich hab gemerkt, whoah, jetzt kannst du mal stehen, whoah, du kannst mal durchatmen, und dann merkst du, dass du eigentlich total am Ende bist, dass deine Beine am zittern sind, dass du eigentlich einen totalen Durst hast und, und du denkst, hey, wie lange warst du jetzt hier, und dann willst du rausgehen und denkst, ok, schnell aufs Klo, was zu trinken holen, in dem Moment fängt die Musik wieder an, und du bist wieder eine Stunde am tanzen, das war, ja, so habe ich manchmal versucht, drei Stunden lang mir etwas zu trinken zu besorgen, aber es ging einfach nicht, weil die Musik dich einfach festgehalten hat. Die hat dich in dem Raum festgehalten. Das war… Geil. Hähä. – Es spült halt auch die Woche raus, aus dem Kopf, irgendwie, weil das Denken hört irgendwann auf, und das ist auch etwas, was ich sehr begrüsst hab da dran. Dass das Denken mal zwischendurch ne kleine Pause bekommt.“ (Stammheim: 18:48)
Die Respektierung der Differenz von Aussen- und Innensicht ist auch Voraussetzung, um die Video-Playlist zur Radiosendung zu sehen, ohne die gefilmten Menschen der verachtenden Lächerlichkeit preiszugeben. Das konkrete spezifische Nicht-Wissen ist respektvoll auszuhalten. Mick Jagger liess irgendwo mal verlauten, das Schwierige sei nicht, auf der Bühne in Ekstase zu kommen, das Schwierige sei, dabei nicht absolut bekloppt auszusehen. Übertragen auf die zeitgenössische Philosophie: Was Markus Gabriel und Konsorten öffentlichkeitswirksam als den Stand der Erkenntnis präsentieren, klingt oberflächlich mutig und klug, ist aber im Kern völlig bekloppter Cargo-Kult-Voodoo. Und was immer strebend um Wahrheit sich bemüht, erscheint unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen äusserlich als bekloppt – aber diese Aporie liegt in der objektiven Beklopptheit der Verhältnisse selbst, mitnichten in der Beklopptheit ihrer Betrachtung.

Quellen

Afropop Worldwide: The Nature of Trance.
http://www.afropop.org/22092/the-nature-of-trance
http://www.afropop.org/22120/trance-video-playlist

Deren, Maya: Divine Horsemen. The Living Gods of Haiti. McPherson & Company, New York 2004

Mumford, Lewis: Mythos der Maschine. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main, 1977

Peres JF, Moreira-Almeida A, Caixeta L, Leao F, Newberg A (2012) Neuroimaging during Trance State: A Contribution to the Study of Dissociation. PLoS ONE 7(11): e49360. doi:10.1371/journal.pone.0049360
http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0049360

Zeitgeist Stammheim – Dokumentation Techno Club Stammheim
https://www.youtube.com/watch?v=D8JxGUR5iqk


0 Antworten auf „Les Invisibles auch im Hirnscan unsichtbar“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


− vier = eins