3. Zur Ästhetik der „Diasporadical Trilogía“

Blitz‘ kinematographische Ästhetik zitiert direkt Maya Deren, eine ukrainisch-“US-amerikanische Avantgarde-Regisseurin, Tänzerin und Filmtheoretikerin der 1940er und 1950er Jahre.“ (Wikipedia):

Maya Deren

In der letztjährigen Ausstellung „Haitian Rushes“ im Johann Jacobs Museum in Zürich wurde exemplarisch „Meditation on Violence“ (1948), gefilmt aus der Ich-Perspektive, im Grossformat projiziert, hier ein Ausschnitt:

Am sichersten fühlte sich die Künstlerin mit der Handkamera ganz nah am Objekt, wird selbst Teil der Tai-Chi Choreographie von Chao-Li Chi zu Haitianischen Trommeln und Chinesischer Flöte, eine Choreographie beider Akteur*e, welche vor allem in Zeitlupe richtig zur Geltung kommt – die Grenze zwischen beobachtendem Subjekt und beobachtetem Objekt verschwimmt. Paradoxerweise am bekanntesten ist heutzutage ihr Dokumentarfilm „Divine Horsemen“ zum Haitianischen Vodou, den sie selbst ihrer eigenen ästhetischen Logik folgend unmöglich vollenden konnte:

„Also among my papers was a carefully conceived plan for a film in which Haitian dance, as purely a dance form, would be combined (in montage principle) with various non-Haitian elements. I recite all these facts because they are evidence of a concrete, defined film project undertaken by one who was acknowledged as a resolute and ecen stubbornly willful individual.“ (Deren: 5) „I had begun as an artist, as one who would manipulate the elements of a reality into a work of art in the image of my creative integrity; I end by recording, as humbly and accurately as I can, the logics of a reality which had forced me to recognize its integrity, and to abandon my manipulations.“ (Deren: 6)

Statt dessen schrieb sie als Initiierte das heutzutage noch grundlegende Standardwerk über Haitianischen Vodou, woraus im posthum veröffentlichten Film-Zusammenschnitt ausführlich zitiert wird. Die streckenweise an Ingeborg Bachmann gemahnende sprachliche Form des Prosagedichts ist ihr die einzig Angemessene, die einzig Mögliche. Als Brücke zum dem westlichen Kulturverständnis Inkommensurablen zunächst eine Feier der Kongo-Nasyon* (nein, nicht einfach „Tribe“ als „Stamm“), die Deren direkt in Bezug setzt zum modernen Jazz – doch wohlverstanden, es handelt sich mitnichten um Weltliche Musik, sondern um genuin Geistliche Musik, näher einer Messfeier denn einer Disco-Tanzparty:

*Nanchon, nasyon: Nation; a grouping, based on ethnic origins of Vodou lwa. Ibo, Rada, Nago, Kongo are examples of nanchon in Vodou. The nanchon also correspond to Vodou rites. In the colonial period, many West African nations were forced into slavery by African handlers, French slave traders, and colonialists in Saint-Domingue. In that context, nation-based Vodou emerged in many parts of Saint-Domingue. Today the term does not have a strong political or geographical meaning, even if some of the names of Vodou nanchon have ethnic and geographical etymologies.(Hebblethwaite: 269)

Und nun zwei Ausschnitte aus „Divine Horsemen“ (1947-1951), aus denen Blitz in „Juju Girl“ praktisch wörtlich zitiert, Ausschnitte, deren stupende Schönheit zugänglich zu machen, ohne die Abgebildeten der Lächerlichkeit und Verachtung preiszugeben, Ziel meiner brückenbauerischen Bemühungen hier war, im Wissen darum, letztlich doch eine ganz spezifische Erfahrung voraussetzen zu müssen, die nicht voraussetzbar ist, um darin nicht das Andere, Fremde, gar Bedrohliche, sondern das permanent präsente Eigene, doch zur akademischen Sozialisation ganz und gar Nichtidentische zu erkennen:

Quellen

Deren, Maya: Divine Horsemen. The Living Gods of Haiti. McPherson & Company, New York 2004

Hebblethwaite, Benjamiin: Vodou Songs in Haitian Creole and English – Chante Vodou an kreyòl aysyen ak angle. Temple University Press, Philadelphia 2012.

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