2. Soziokultureller Kontext zur „Diasporadical Trilogía“

Context matters“ schrieb bruja von the girlverse zum Video „I Put Spell On You“ der Dominikanerin Jarina De Marco: „When I pressed play I had no clue that I was going to be deathly offended in less that 20 seconds by the visceral images (…)“. Was daran so beleidigend ist, höre, sehe und lese mensch bitte bei ihr im Original nach, nur so wird verständlich, was Blitz ironisch bricht und so fundamental anders macht.

Bei Schweizer*n meiner Generation als Kontext in die kulturelle DNA eingebrannt ist Polo Hofers Album „Giggerig“ mit „Wudu Lili“ (1985). Er ging damit offenbar nicht hausieren, daher kein Video – vielleicht war der mit Lili sich identifizierende Teil seines Publikums aus dem Hippie-Milieu nicht eben amüsiert. Wie auch immer, das bei the girlverse eingebettete “I Put A Spell On You”-Video (samt Original, von dem De Marco kulturell appropriiert) ist sprichwörtlich dasselbe Lied und demonstriert überzeugend: „Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich“ (Adorno nach metalust) – und so thematisiert Blitz als Einziger die offensichtliche Verständnislosigkeit und bricht sie filmisch in doppelter Ironie. Hier einige Textausschnitte:

Jarina De Marco: „I Put Spell On You“

Now you’re trapped cause I put a spell on you,
you got no control of your thoughts or any thing that you do,
so trapped don’t you ever fuck with me,
put my juju on your voodoo you ain’t badder than me

Polo Hofer: Wudu Lili

Voodo-Voodoo-Voodoo Lilly
Mit Voodoo-Voodoo fängt sie dich ein
Sie hört Stimmen und sieht Gespenster
Sie sagt wir seien alle Irre!
Sie macht Voodoo-Urlaub
In Haiti und Guadeloupe…
Macht Voodoo-Feste in Serie,
Sie plant einen Voodoo-Coup.

Blitz: Juju Girl

Then I step to you like, I never seen a goddess in the flesh till tonight,
the way you put your juju on me oh.
Make me wanna spend forever with you oh.
I conf like Tetteh Quashie traffic, cowry shells,
chicken bones girl its black magic.

Mehr Kontext

Zum Anfang von Blitz „Running“ überblendete mein Musikvideogedächtnis spontan Nightwish‘ „Amaranth“ (2009), seinerseits ein Kurzfilm zum „Verwundeten Engel“ von Hugo Simberg (1903):

The Wounded Angel - Hugo Simberg

Ganz im Gegensatz zur ironischen Distanzierung der Voodoo-Lieder teilt das Video mit Blitz the Ambassador die Ernsthaftigkeit in der Behandlung des Themas: Zwei Jungs (ebenfalls lesbar als Marassa) lesen einen bewusstlosen Engel auf, tragen sie nach Hause und pflegen sie. Doch schon hat das Dorf zum Lynchmob sich formiert – die (nicht nur) in unseren Breitengraden ganz selbstverständlich erwartbare Reaktion auf das Tabu, wovon die Voodoo-Lieder ironisch sich distanzieren, das Tabu, welches in Amaranth eben gerade nicht exotisierend geandert wird („othering“):

Uuiih, nun ist die Sache musikalisch entgleist, zum Trost gehört genau hierher – ich weiss nicht warum – Dobet Gnahoré mit Issa:

Und nun ist die Sache wiederum in Sachen „othering“ entgleist, daher zum Abschluss des Kontexts der Trailer zum Schweizer Dokumentarfilm „Winna“, zumindest für einige Schweizer* was zutiefst Eigenes, nur schon der Dialekt: „In jedem Dorf im Oberwallis kannte man früher den Gratzug, eine Prozession der Seelen von Verstorbenen – Arme Seelen –, die für ihre Sünden abbüssen müssen. Wer sie sah oder ihren Weg kreuzte, musste um sein eigenes Leben bangen – „Du bisch in d‘Winna cho, inu Wäg vo du Armu Seelä.

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