Bahamas und Achille Mbembe – wie Kuh und klettern

Versuch einer angemessenen Antwort auf die von Hass und Verachtung getragene Polemik von Paulette Gensler in Bahamas Nr. 71 gegen Achille Mbembes „Kritik der Schwarzen Vernunft“:

Immerhin kann Gensler zugute gehalten werden, dass sie nicht von Mbembe schreibt, sondern in antideutscher Tradition vom idealisierten Deutschen Gesamtrezipienten Mbembes, den sie als vermeintlich negatives Ebenbild emphatisch verkörpert – daher soll es hier auch nicht primär um Mbembe gehen. Ausschliesslich das zu sehen, „was einfach unglaublich leer ist und eine reine Projektionsfläche für die Leser“ (49-3) – und damit auch für sich selbst – bildet, ist ihr politisches Programm. Auf dieser Grundlage imaginiert sie diesen ideellen Leser als „der ichlose „orale Typ“, wie er in der Pathologie genannt wird“ (51-3), der sich „mit der Gewalt selbst bzw. ihrem Produkt, dem Opfer identifiziert“ (51-2), ein Primitiver, dessen „Charakteristikum (dieser oral-rezeptiven Stufe) ist, keinen Unterschied zwischen Sexual- und Selbsterhaltungstrieben zu kennen sowie kein spezifisches Verlangen auszubilden.“ (51-2) Es ist die konkrete politische Praxis der Vernichtung, die mit dieser wissenschaftlich und universal vernünftig sich gebenden Rhetorik von Seiten autochthon Deutscher vorgespurt wurde und wird.

Das so sich äussernde Subjekt kann textimmanent nachkonstruiert werden: Auf den breiten Schultern Kants stehend, ist es positiv im Besitz von „Aufklärung und Vernunft“ in „Selbstreflexion“ (47-1). Diese „historische Errungenschaft“ personifiziert das „subjektivierte Individuum, die polit-ökonomische Charaktermaske, die ihrer Grundbestimmung nach weder schwarz noch weiss bestimmt, sondern kapitalistisch konstituiert ist.“ (49-1) Die Bedingung der Möglichkeit dieser Errungenschaft ist „die Entwicklung der Produktivkraft, welche durchaus Resultat des Kolonialismus ist.“ (48-1) Dieser leistete positiv „die durchweg gewaltsame Herausbildung des modernen Subjekts“ (49-1), ein Status als „Rechtsperson, (der) den Menschen förmlich eingeprügelt werden musste.“ (49-1) Soweit in Kürze das, was in postkolonialer Terminologie eben gerade nicht objektivierend als engl. history, sondern als „his story“, als partikularer geistiger Überbau realer rassistischer Herrschaftsverhältnisse begriffen wird, dem ourstory, „our story“ antagonistisch entgegenzusetzen ist.

Vorgezogen hätte Gensler das N-Wort zur Übersetzung des Originaltitels „Critique de la raison nègre“, dieses könne „als das gelten, was einem zwischensprachlichen Synonym am nächsten kommt: Der einzige Unterschied bestünde darin, dass es in Deutschland keine der Négritude ähnliche oder zumindest keine vergleichbar erfolgreiche Bewegung gab, die den Begriff den üblichen Aneignungen und Neubesetzungen unterzogen hat. Die afrodeutsche Bewegung steckt verhältnismässig noch in den Kinderschuhen.“ (46-3) Der immanente Widerspruch besteht darin, dass Gensler rein linguistische Umdeutungen des N-Worts ohne materielle Grundlage (wie sie in Haiti oder Zimbabwe besteht) logisch zwingend als „infantile Allmachtsphantasien“ denunzieren würde: „Auch wer ernsthaft glaubt, durch die Grossschreibung eines Adjektivs die ihn umgebende Welt zu verändern, ist wahrlich nicht weit entfernt von den Wünschen, die sich in den realitätsfernen Proportionen auf Kinderzeichnungen artikulieren.“ (50-1) Gensler lässt in ihrer Begriffsbildung dem ideellen N* die Wahl zwischen „Kinderschuhen“ und „infantilen Allmachtsphantasien“ – tertium non datur. Genau diese immanent eliminatorische logische Form ist das, was Mbembe als historisch wirkmächtige „schwarze Vernunft“ begreift, deren „Hauptfunktion die Kodifizierung der Voraussetzungen [sei], unter denen ein Rassensubjekt entstehen und erscheinen kann“ (Mbembe: 62 nach 47-1)

Endgültig den Boden historischer Tatsachen verlässt Gensler mit der als längst verwirklicht behaupteten vernünftigen politischen Utopie des ideellen Gesamtkapitals: „Sklaverei wird ökonomisch obsolet und politisch bekämpft, wo die Produktion des Tauschwerts auf dem Weltmarkt wohlgenährte und zahlungskräftige Kunden statt verarmter und entkräfteter Sklaven erheischt. Denn der Arbeiter des Einen ist immer der Kunde des Anderen, jedes Einzelkapital hätte zwar seine Arbeiter gern auf einem nahezu sklavenähnlichen Lohn- und Rechtsniveau, gleichzeitig aber die Arbeiter aller anderen als gut verdienende Lohnarbeiter, also als zahlungskräftige Kunden; (…) Tatsächliche Sklaverei innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise ist aber bestenfalls ein Relikt der ursprünglichen Akkumulation, jedoch nicht deren immanentes Prinzip.“ (47-3)

Dem gegenüber stehen die in vielen Städten architektonisch manifestierten Tatsachen, die Hans Fässler in seiner „Reise in Schwarz-Weiss“ für die ach so rückständige Schweiz dokumentiert hat, eine „Reise, deren Stationen eine Adresse und eine Postleitzahl haben: Neunzehn Ortstermine zwischen Boden- und Genfersee kreisen die Beziehungen von Schweizer Kaufleuten, Offizieren, Auswanderern, Bankiers, Familienunternehmenden, Reisenden und Philosophen zu jener Institution ein, die 2001 – endlich – zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt wurde.“ (Fässler: Klappentext) „Der zeitliche Rahmen der Schweizer Beteiligung ist mit der Geschichte der transatlantischen Sklaverei im engeren Sinn definiert, das heisst mit der Periode zwischen dem 17. Jahrhundert (erste Schweizer in kolonialen Diensten, erste Schweizer Reiseberichte) und der letzten „offiziellen“ Abschaffung der Sklaverei durch einen Atlantikstaat (Brasilien 1888).“ (Fässler: 19) „Im engeren Sinn geht es dabei um Beteiligungen an Dreieckshandelsexpeditionen, Versicherungsgeschäfte, Investitionen in Kolonialgesellschaften und Sklavenhandel, Handel und Spekulation mit sklavereiproduzierten Gütern, Handel mit Gütern für den Sklavenhandel, Sklavenhandel im eigentlichen Sinn, Besitz von Plantagen mit den dazugehörigen versklavten Arbeitskräften, Teilnahme an militärischen Unternehmungen zum Aufbau oder zur Sicherung von sklavereirelevanten Kolonien, Verwaltung von Kolonialgebieten, Teilname an militärischen Einsätzen zur Erhaltung oder Absicherung der Sklaverei, „wissenschaftliche“ oder publizistische Tätigkeiten zur Rechtfertigung der Sklaverei und des auf Sklaverei gestützten Kolonialsystems sowie publizistische Tätigkeiten zur Ausbildung, Aufrechterhaltung oder Verbreitung des mit der Sklaverei verbundenen anti-schwarzen Rassismus.“ (Fässler: 21)

Das alles also bloss ein marginales „Relikt“ aus längst vergangenen Zeiten, das nichts mit der eigentlichen „kapitalistischen Produktionsweise“ der Moderne zu tun hat? Das wird die Familie Pourtalès gerne hören, denn: „In den vergangenen Monaten ist eine Serie von Einsichtsgesuchen an uns gelangt: vom Fernsehen, von verschiedenen Historikern an Universitäten und von Herrn Fässler. Wenn der Nationalfonds es gescheit findet, eine Recherche über die durch die Schweiz praktizierte Sklaverei zu finanzieren und so die Namen von achtbaren Familien, die heute noch in diesem Land leben, in Misskredit zu bringen, dann ist das sehr bedauerlich. Die Familie kennt den genauen Inhalt ihrer gesamten Archive noch nicht, das ist der Grund, weshalb der Zugang zu diesen derzeit für Dritte verboten bleibt.“ (Fässler: 295). So, genau so wird „his story“ konkret gemacht, so kommt Gensler zu Behauptungen wie: „Die moderne Sklaverei war bis zu ihrer schliesslichen Abschaffung immer eher formelle als reelle Subsumtion unter das Kapital und keineswegs dessen Erfindung“ (47-2) – um nachher von historisch verschiedenen Formen von Sklaverei zu schwadronieren unter Ausblendung des spezifisch „Modernen“ an der transatlantischen Sklaverei. „Das beliebige und willkürliche Schwanken (…) zwischen absoluter Geschichtsvergessenheit auf der einen Seite und gleichsam energischer Gegenwarts- und Realitätsverleugnung auf der anderen ist die zur Methode vergegenständlichte Ignoranz und damit der sicherste Weg, um diesen Sachverhalt eben nicht wahrzunehmen.“ (47-2). Wer im Glashaus sitzt…

Auf die schulmeisterliche Besserwisserei in den Anmerkungen – „dass die Idee des politischen Schwarzseins keineswegs so neu ist, wie die beteiligten Linken denken. Schon die Verfassung Ayitis aus dem Jahre 1805 verkündet in Artikel 14, dass ungeachtet ihrer Hautfarbe „the Haytians shall hence forward be known only by the generic appellation of Blacks.“ (52-3) – kann und soll mit dem „Vorschlaghammer“ (47-2 über Robert Kurz) von Bayyinah Bello geantwortet werden:

„Aytis mission is to create a land, a space, where all black people who are in trouble anywhere in the world can come in and find refuge. (…) If we take a little look at the constitution of this country, the first constitution. The first constitution, the only valid constitution, constitution of 1805, states clearly: This land is the land for all black folks. States clearly: Any black person landing here becomes automatically free and a citizen. States clearly: No white man has the right to buy property here or walk as master on this land. (…) But if you understand the mission of this country, and also understand why this constitution cannot be this readily available: With every constitution, they removed the mission of the country little by little. And the very last thing to fall out was the article on white man cannot buy land or walk as master on this land. And it was removed in 1915, during US occupation. And the marines encircled the parliament at that time when they wanted to have this law removed from the books. They had already been manipulating all several weeks already, several new laws came in, removing this one, removing that one. When they got to this law about white men, even this parliament which agreed with almost anything the US says, you ask us to „turn left“, everybody turn left, „turn right“, everybody turn right, but when they said „we must remove this article“, every parliamentary person said: „Not me! I don‘t wanna be involved with this. I‘m not here.“ So the US marines encircled the parliament house, arrested all the parliament folks, wrote the new decree to remove this law from the books and passed it. Democratically, thank you.(…) So, we‘re looking at a country, that has set a model for Black countries, the only country who had a constitution which was in accord with the purpose of the people, we cannot have black people enslaved or colonized.“ (Bello: 19m45)

Ich ersetze nun „Ayti“ durch „Israel“, „black“ durch „jüdisch“ – und fasse zusammen: „Es ist Israels Mission, ein Land zu schaffen, einen Raum, wo alle jüdischen Menschen, die irgendwo in der Welt bedroht werden, herkommen können und Asyl erhalten. Jeder jüdische Mensch, der in dieses Land kommt, ist automatisch frei und Bürger.“ Soweit, so plausibel.

Und nun dasselbe mit einem Ausschnitt aus dem besprochenen Text (49-2): „Jene Philosemiten, die sich nun aufgrund der enttäuschten Hoffnungen, die mit der Gründung des Staates Israel einhergingen oder aus welchen Gründen auch immer ideologisch von ihrem Judesein nicht trennen konnten, fanden sich in der Bewegung des Zionismus zusammen. Dort hing man gemeinschaftlich an dem schlecht Vergangenen und manifestierte es in literarisch-philosophischen Zwitterprodukten. Weil der Jude im Zionismus (…) sich nicht durch einen Mangel oder eine Leere definiert wissen wollte, der Mangel aber durchaus reell war, da der Begriff seine „Substanz“ (Nationalsozialismus, Holocaust) verlor, musste er nun ideologisch gefüllt werden. Dieses gemeinsame Dritte, die „jüdische Währung“, war das Trauma oder die Wunde, die alle gleichermassen als Blutsbande und Leidensgemeinschaft verband. In diesem Zuge bezog man sich durchaus und diesmal im positiven Sinne auf alle möglichen vorher kritisierten antisemitischen Projektionen, die natürlich nur negativ Wahrheit beinhalten können. Dass sich der „strategische Essentialismus“ in einem neuen Rassenkampf verselbständigte, kann nicht ernsthaft überraschen, denn um sein zionistisch-jüdisches Subjekt zu behaupten, muss man daran auch glauben, vor allem wenn man damit energisch Politik machen will.“

Es heisst, man solle nicht böse Absicht unterstellen, wo bloss Dummheit am Werk ist. Doch die antideutsche Ideologie reproduziert in ihrer anti-postkolonialen, anti-poststrukturalistischen Rhetorik und in deren logischen Form exakt das, was sie als universalen Antisemitismus zu bekämpfen vorgibt. Hinter der „weissen Maske“ des Antideutschen lauert eben immer noch der modernisierte autochthon Deutsche intellektuelle Nazi.

Quellen

Bello, Bayyinah: Completing The Haitian Revolution Pt 1 Of 2, 1997

Fässler, Hans: Reise in Schwarz-Weiss. Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei. Rotpunktverlag, Zürich 2005.
www.louverture.ch

Mbembe, Achille: Kritik der schwarzen Vernunft. Suhrkamp, Berlin 2014


1 Antwort auf „Bahamas und Achille Mbembe – wie Kuh und klettern“


  1. 1 LOL 23. August 2016 um 23:09 Uhr

    „Hinter der „weissen Maske“ des Antideutschen lauert eben immer noch der modernisierte autochthon Deutsche intellektuelle Nazi.“

    Welche Drogen nimmt man um derlei Schwachsinn in die Tastatur zu klappern?

    Der Schwachsinn auf diesem Blog ist übrigens in der Wirklichkeit tatsächlich „undenkbar“, weil man dort dafür ausgelacht wird. Lustig, nicht?

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