Zu Sigmund Freuds „Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken“

„Für die meisten Ethnologen indiskutabel“ war laut Wikipedia das Buch „Totem und Tabu“ schon 1920 nach der Kritik von Alfred Kroeber, also formale Triggerwarnung vor kolonialrassistischem Gedankengut – aber so ganz einfach ist m.E. die Sache dann doch nicht, daher noch eine ehrliche Triggerwarnung an PoC mit PTSD in Sachen Magie –
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- wobei in meiner wenigen (mündlichen) Erfahrung die Rücksichtnahme eher umgekehrt verläuft: Sie mauern souverän und versuchen umgekehrt, mich zu schützen vor Dingen, deren Abwesenheit in Form psychischen Terrors gerade die Lebensqualität ausmacht hierzulande (einmal wörtlich: „Wir haben anderes Blut, bei euch wirkt Juju nicht.“) – mässig effektiv, wenn sie mir gleichzeitig zu verstehen geben, da was zu sehen, was da nicht hingehört…

Item: Freud postuliert phylogenetisch eine hierarchische Rangfolge in der Menschheitsentwicklung vom animistischen über das religiöse zum wissenschaftlichen Weltverständnis. Ontogenetisch parallelisiert er diese Rangfolge mit der objektlos-autoerotischen Libido des Kindes, über die narzisstische Libido mit dem Ich als einzigem Objekt, zur erwachsenen, reifen Libido mit dem Alter als Objekt und Person unter rational-vernünftigem Verzicht auf das Lustprinzip.

Weiter parallelisiert Freud anhand des Topos „Allmacht der Gedanken“ die magische Praxis der sogenannten „Primitiven“ mit den pathischen Projektionen des Zwangsneurotikers. Doch während z.B. in der antideutschen Ideologie (siehe Bahamas) diese Parallelisierung unidirektional ausschliesslich der Denunziation ihrer Gegner als geisteskrank und regressiv dient, ist diese Parallelisierung bei Freud durchaus bidirektional angelegt: Aus dem psychoanalytischen Verständnis von Zwangsneurosen als sowohl innerpsychisch-rational wie auch sekundär und objektiv rational erwächst ein Verständnis für die als animistisch bezeichneten Weltauffassungen als prinzipiell vertraute Denksysteme, und er schliesst:

„Wir täuschen uns wohl nicht darüber, dass wir uns durch solche Erklärungsversuche dem Vorwurfe aussetzen, dass wir den heutigen Wilden eine Feinheit der seelischen Tätigkeiten zumuten, die weit über die Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Allein ich meine, es könnte uns mit der Psychologie dieser Völker, die auf der animistischen Stufe stehen geblieben sind, leicht so ergehen wie mit dem Seelenleben des Kindes, das wir Erwachsenen nicht mehr verstehen, und dessen Reichhaltigkeit und Feinfühligkeit wir darum so sehr unterschätzt haben.“ (Freud: 111)

So schreibt Freud wenige Jahre nach dem Genozid der Deutschen an den Herero und Nama im heutigen Namibia (75 – 85′000 geplant und systematisch Ermordete), wenige Jahre nach dem öffentlichen Bewusstwerden der Kongo-Gräuel (8-10′000′000 Ermordete, etwa die Hälfte der damaligen Bevölkerung), zu einer Zeit, als der wissenschaftlich sanktionierte Rassismus als Folge und zur nachträglichen Legitimation der bereits abgeschafften Sklaverei erst recht in Mode kam.

Zu dieser Zeit schrieb Freud: „Man darf nicht annehmen, dass die Menschen sich aus reiner spekulativer Wissbegierde zur Schöpfung ihres ersten Weltsystems aufgeschwungen haben. Das praktische Bedürfnis, sich der Welt zu bemächtigen, muss seinen Anteil an dieser Bemühung haben.“ (Freud: 89) Und: „Die erste Weltauffassung, welche den Menschen gelang, die des Animismus, war also eine psychologische, sie bedurfte noch keiner Wissenschaft zu ihrer Begründung, denn Wissenschaft setzt erst ein, wenn man eingesehen hat, dass man die Welt nicht kennt und darum nach Wegen suchen muss, um sie kennen zu lernen.“ (Freud: 103)

Freuds eigener Weg, sich die unbekannte Seele zugänglich zu machen, war die analytische Trennung der zuvor atomar verstandenen einheitlichen Menschenseele in drei Teile: Ich, Über-Ich und Es. Diese Trennung wird als seine eigentliche wissenschaftliche Leistung anerkannt und – vor allem von ihm selbst – verstanden als die dritte narzisstische Kränkung der Menschheit: Die Erkenntnis, als bürgerliches Subjekt nicht Zentrum der Person, „nicht Herr im eigenen Hause“ zu sein: Das vermeintlich autonome Ich wird bedrängt und überwältigt von Aktionen des unbewussten Es (Libido) im Konflikt mit dem Über-Ich (personifizierte gesellschaftliche Moral).

Die Genese von Gedanken ist dem Denkenden selbst oft schleierhaft, ganz besonders, wenn sie mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt ist. Picasso wird der Ausspruch zugeschrieben: „Gute Künstler kopieren, grosse Künstler stehlen“ – konkret bezogen auf seine offensichtliche und selbsterklärte Praxis, Kunst wie im subsaharischen Afrika zu produzieren. Er erkannte und übernahm die zugrundeliegende Idee, das „Warum?“, nicht die oberflächlich sichtbare Form, das „Wie?“, gab das Ergebnis als sein Eigenes aus und wurde dafür berühmt. Ein Tun, welches als Cultural Appropriation zu bezeichnen ist.

Aus heutiger ethnologischer Sicht wirkt Freuds Psychoanalyse erstaunlich unoriginell: „In Vodou, persons are said to possess several „souls.“ In fact, there is no generic term in the Haitian Creole language that includes all of these spiritual entities or energies, even though each possesses some of the characteristics of what Westerners call soul.“ (McCarthy Brown: 8 ) „The nam, the gwo bonanj, the ti bonanj, and the zetwal are the constitutive parts of a Haitian view of personhood that is clearly derivative of what ethnographers call the „multiple soul complex“ in West Africa. The fact that Vodou contains European elements as well as African is also hinted at in this formulation.“ (McCarthy Brown: 9) „What complicates the understanding of personhood is the realization that individuals are not comprehensible apart from the Vodou spirits associated with them. It is easiest to discuss this in the urban setting, which I know best. Here, each person is said to have a mèt tet, master of the head. This is the main spirit served by that person, and if the person is one who serves as a „horse“ of the spirits, it will be the mèt tet who most often possesses that person. To a certain extent the personality of the individual human being mirrors that of his or her mèt tet. (…) In addition to a mèt tet, each individual has a smaller number of other spirits, usually two or three, from whom he or she receives special protection. This complex of spirits, which may consist of some that are known only in that family and others that are recognized throughout Haiti, differs from individual to individual. It is because of this that Vodou, though centrally concerned with morality, could never produce a codified moral law that would apply equally to all persons.“ (McCarthy Brown: 10).

Den Teilen ti bonanj/gro bonanj/mèt tet entsprechen nur vage Freuds Trinität Es/Ich/Über-Ich: einerseits sind die Haitianischen Begriffe universaler, d.h. weniger direkt auf bestimmte soziale Verhältnisse wie die autoritäre, sexuell repressive bürgerliche Kleinfamilie bezogen (es gibt sehr verschiedene mèt tet), andererseits sind sie dediziert nicht (neukantianisch gesprochen) analytische Kategorien a priori, sondern sie bezeichnen eher real existierende Wesenheiten, die einen einzelnen Menschenkörper (kòr kadav) konkret bewohnen und so als Menschen animieren.

Freud stellte seine Psychoanalyse in eine genealogische Folge grosser narzisstischer Kränkungen der Menschheit im Zuge fortschreitender wissenschaftlicher Erkenntnis: Das heliozentrische Weltbild als kosmologische 1. Kränkung degradierte die Erde vom Zentrum des Kosmos zu einem Trabanten unter vielen; die Evolutionstheorie als biologische 2. Kränkung degradierte den Menschen von Gottes physischem Ebenbild zu einer Variante von Säugetieren; die Psychoanalyse als psychologische 3. Kränkung degradierte das vernünftige Ich zu einem Getriebenen, das „nicht Herr im eigenen Hause“ ist.

Wenn auch (wie hier gezeigt) nicht völlig undenkbar, so doch in seinem sozialen Kontext gänzlich unkommunizierbar war ihm der Gedanke einer epistemologischen 4. Kränkung des narzisstischen Subjekts durch die Tatsache, dass es schon immer multidirektionale Diffusion von Ideen und Weltanschauungen gab (auch und gerade mit Haiti, dem zweiten unabhängigen Staat in den Amerikas nach den USA), die Kränkung, dass die Weisse mitteleuropäische Hochkultur keineswegs das Zentrum der Welt war und ist, von dem die narzisstischen Kränkungen für alle anderen auszugehen haben, der Schock, dass die N* schon immer gewusst haben könnten, was hier als neu und revolutionär erschien – letztlich mit der Konsequenz, dass es in einer globalen Perspektive seine 3. psychologische Kränkung gar nicht geben kann, da im so bezeichneten Animismus im Allgemeinen und dem Haitianischen Vodou der Moderne im Besonderen die narzisstische Vorstellung, dass das vernünftige „Ich“ (der gro bonanj) Alleinherrscher im „eigenen Haus“ (im kòr kadav) sei, gar nie existierte – und individuell im Sinne einer seelischen Gleichgewichtsstörung als professionell behandelbar galt und gilt, ganz ähnlich wie in der psychoanalytischen Therapie.

Literatur

Freud, Sigmund: Totem und Tabu. Fischer Bücherei 1956

McCarthy Brown, Karen: Afro-Caribbean Spirituality: A Haitian Case Study.
In: Claudine, Michel, Bellegarde-Smith Patrick: Invisible Powers, Vodou in Haitian Life and Culture. Palgrive/MacMillan, New York 2006


2 Antworten auf „Zu Sigmund Freuds „Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken““


  1. 1 LOL 24. August 2016 um 13:40 Uhr

    Unglaublich dumm. Bist Du als Kinder vom Wickeltisch gefallen?

  2. 2 LOL 24. August 2016 um 13:46 Uhr

    LOL

    „daher noch eine ehrliche Triggerwarnung an PoC mit PTSD in Sachen Magie“

    Zum Glück pfeifen die „People of Colour“, egal ob traumatisiert oder nicht,auf irres Geschwätz wie es in diesem Blog zu finden ist.

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