Atheistische Kirchliche Traumdeutung

Kürzlich publizierte „reformiert.“, die Zeitung der evangelisch-reformierten Schweizer Staatskirche, ein Dossier zum Thema „Träume“ mit einem Interview mit drei Leuten: einem Theologieprofessor, einem Liedermacher und Spieleerfinder und einer Medizinstudentin, die „die Kunst des luziden Träumens beherrscht“ (S. 6).

Womit bei letzterem schon das Stichwort gegeben ist: Die Kritische Theorie interpretiert Modernisierung als permanente Ausweitung menschlicher Naturbeherrschung, und zwar sowohl der äusseren Natur wie auch (vor allem bei Marcuse), notwendig damit einhergehend der inneren Natur des Menschen. War noch bei Freud der Traum ein „Königsweg zum Unbewussten“ (S. 8 ), welcher sich instrumenteller Beherrschung gerade entzieht und damit auf die verdrängte innere Natur verweist, planiert das modernistische luzide bzw. Klarträumen auch noch dieses Refugium: „Mit Training und gezielten Übungen kann man lernen, diesen Zustand gezielt auszulösen. Es wird möglich, die Umgebung, die Personen, die Handlung und den eigenen Körper direkt zu beeinflussen.“ (S. 6) – und damit der Herrschaft der instrumentellen Vernunft zu unterwerfen. Das kann einerseits als „das kulturelle und wissenschaftliche Bewusstsein der Moderne“ (S. 6) bezeichnet werden, andererseits kommt damit in Negativer Dialektik der Psychoanalyse und -Therapie ihr wichtigstes Instrument abhanden: Man denke an den Patienten mit unbestimmtem Juckreiz, der dem Dermatologen sein Mikroskop sabotiert. Die in natürlicher Umgebung putzmunter prosperierende Krätzekolonie wird das sein, was Freud als die „Wiederkehr des Verdrängten“ bezeichnete.

Theologisch und also wissenschaftlich dasselbe in Grün: Biblische Träume werden umdeklariert als „literarischer Kunstgriff, um Geschichten in der Geschichte zu erzählen“ (S, 7), welche der Theologe abgrenzt von „religiösen Träumen, die wir alle haben können: Träume mit religiösen Motiven wie etwa Kirchen, Licht oder Engel.“ (S. 7) In der Tradition antiautoritärer bürgerlicher Aufklärung bezeichnet der Liedermacher religiöse Träume als „unendlich gefährlich. Zum Beispiel Abrahams Traum, den er als eindeutige Aufforderung genommen hat, seinen Sohn Isaak zu opfern, sprich: ihn umzubringen.“ (S. 7) Der Theologe entgegnet: „Aber das ist doch eben gerade kein Traum. Was hat Abrahams Geschichte mit unserem Thema zu tun?“

Eugen Drewermann bringt in der ORF-Doku „Geister“ von Peter Beringer die Sache druckreif auf den Punkt: „Auf dem Boden der pharisäischen Glaubensbewegung, der auch Jesus angehört und auch Paulus im alten Testament, ist man davon überzeugt, dass solche Geister auch Besitz ergreifen können von der Seele der Menschen. Es ist sehr wichtig, dass wir die Wunderheilungen im neuen Testament, die von Jesus historisch glaubwürdig berichtet werden, von Teufelsaustreibungen, die dort erzählt werden, übersetzen in die Sprachebene der heutigen Psychoanalyse und Psychosomatik. Die psychoanalytische Erklärungsebene dürfte nicht verlassen werden. Sie bewahrt uns davor, dass wir Phänomene, die in unserer Seele sich ereignen, für etwas interpretieren, das von draussen auf uns zu kommt. Das ist psychologisch im Erleben sogar korrekt, es ist das Unbewusste, das Ich-Fremde, das hineindrängt in die Persönlichkeitsmitte.“ (ca. Min. 14)

Ideengeschichtlich ist die Aporie erklärlich: „Potentaten – gerade auch christliche – verkündeten immer wieder: Mein Volk muss in den Krieg, Gott hat es mir befohlen. Und Gott wird dafür sorgen, dass wir siegen.“ (S. 7) Also radikalisierten die Reformatoren den christlichen Monotheismus und dessen Bilderverbot: Gott west einzig und allein im geschriebenen Wort der Bibel. Keine Altäre, keine Heiligen, kein Weihrauch, nicht mal Kerzen mehr. Undenkbar in dieser Konstellation, dass der ewig Abwesende dadurch aktiv aus der Menschenwelt ausgeschlossen worden sein könnte, als nicht intendierte Nebenfolge universaler Modernisierung, als atheistische Theologie.

Weniger naive und damit auch brachiale ideengeschichtliche Traditionen, wie etwa die Globale Subsaharische, betrachten Gott schon immer als den Grossen Abwesenden. Als universaler CEO ist er zu beschäftigt, um sich um kleinliche menschliche Belange zu kümmern, es wäre reine Hybris, zu glauben, Er*Sie hätte Zeit, Post persönlich zu beantworten. Aus diesem Grund beschäftigt Sie*Er Heerscharen von Mittelsleuten, die am virtuellen Schalter der spirituellen Gemeindeverwaltung unter Einhaltung der Öffnungszeiten direkt ansprechbar sind – oder ab und zu auch mal an der Wohnungstüre unangemeldet vorstellig werden.

Ein solches Empfangszimmer ist der Traum, und kultiviert werden ein anderes „Training und gezielte Übungen“, um überhaupt fähig zu werden, eine* Orisha (Brasilien) bzw. Lwa (Haiti) überhaupt als solche* zu erkennen und nach Möglichkeit das Kommunizierte auch zu entschlüsseln. Die erscheinen nämlich genauso in „präzisen Metaphern in den Traumbildern“ (S. 7), doch abverlangt wird den Menschen die zusätzliche analytische Trennung von Nicht-Ich in das freudianische „Es“ als das eigene, persönliche Unbewusste, und eine tatsächliche Begegnung mit etwas Ausserpersönlichem. In den Worten von Aunt Tansia zur Erklärung des Träumens, wobei der „Gwo Bonnanj“ (Kreyol, frz. „gros bon ange“, „grosser guter Engel“) sehr genau dem freudianischen „Ich“ entspricht, der „Ti Bonnanj“ (frz. „petit bon ange, „kleiner guter Engel“) jedoch umfassender gedacht ist als das unbewusste „Es“:

„Due to a whim of Ginen, we are made of two compartments separated by a line, which is the will. This line of separation is itself controlled by Intention. In order for the will to be able to impose its orders, it requires the support of Intention, which itself obeys the orders of Perception. Will and Intention go together and are indistinguishable. The compartment placed on the left side is set in reverse. It is summoned and directed by Ti Bonnanj, Lanvè, or Selidò (the spiritual body, a portion of God). It cannot be described; you know it, that is all. The other compartment, the one on the right side, is called Gwo Bonnanj, Landwat, or Sèmèdò. It is there where we find the mental world and the intellect with all their compartments. It is our Gwo Bonnanj who teaches us all the things in the known world and helps us to distinguish among them by means of Bon-konprann (reason). When you are in a dream state, you are automatically under the control of Ti Bonnanj. He it is who rules the unknown world. he is the master there. That is because he has his own rules. Entering into the unknown world is not without danger, just as a child cannot set out alone on a highway. We are on the brink of madness in the unknown world. Madness is the unforgiving, unforeseen event.“ (Beaubrun: 42)

„Seeing is being in a trance, and it brings joy. It must be said that there are different kinds of trances. There are some that are very deep, in which the initiate could spend a month and even more outside himself. This is the trance that the medium or chwal experiences. There is a trance conductive to inspiration familiar to writers, poets, painters and artists in general. There is the trance of dreamers enabling the seeing and hearing of spirits in which the initiate acts lucidly while at the same time his spirit is communicating with other spirits. The trance of ecstasy is one in which one travels to faraway lands, but in a state of consciousness. (…) His voyages resemble dreams, but dreams experienced in a wakened state. To enter Nan Dòmi is to have the capacity to see what others do not perceive. The joy felt be the seer is a gentle emotion. It brings peace. It is like a mail service. It sends the news to Sèmèdò while the chosen one is in Nan Dòmi. The joy of the seer does not come from the discovery of two parallel worlds – one where the individual I expresses itself and where the other, his integral being, begins to vibrate. Rather, it comes from the pleasure of having found the point of conjunction between the two worlds and of having been able to maintain itself there. (…) Seeing constitutes an extraordinary power, but there is another, still more extraordinary power – which is that of seeing the risks of Seeing.“ (Beaubrun: 227)

Das ist nicht „primitiv“, das ist hochkomplexe Analyse. Nur schon die Möglichkeit der Kommunikation mit Ausserpersönlichem wird bei Freud im kantianischen Sinne a priori ausgeschlossen, obwohl er angeblich z.B. persönlich an Telepathie glaubte, aber den freundschaftlichen Rat befolgte, das unter dem Deckel zu halten, um seine wissenschaftliche Reputation nicht zu beschädigen. Augenscheinlich existieren dieselben Zwänge wider die intellektuelle Redlichkeit auch in der modernen (staats-)kirchlichen Theologie. Mensch imaginiere Kants „Geistlichen“, der im „Privatgebrauch der Vernunft“ vor seiner Gemeinde in der Kirchenzeitung Sigmund Freud predigt und sich im „öffentlichen Gebrach der Vernunft“ als Primitiver outet. Salopp gesagt: Wem als Theolog* öffentlich an Gott glaubt, blüht Hartz IV.

Weiterführendes

Afropow Worldwide: After the Quake: Music, Politics, and Spirituality in Haiti

Beaubrun, Mimerose Manzé: Nan Dòmi. An Initiate’s Journey into Haitian Vodou. Translated by D.J. Walker. City Lights Books, San Francisco, 2013.


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