Das Private ist politisch

Kants analytische Kategorien a priori von privatem versus öffentlichem Gebrauch der Vernunft sind bis heute politisch prägend: „Der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muss jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter den Menschen zustande bringen; der Privatgebrauch derselben aber darf öfters sehr enge eingeschränkt sein, ohne doch darum den Fortschritt der Aufklärung sonderlich zu hindern.“ (Kant: 6)
Er entfaltet die Unterscheidung am Beispiel des Geistlichen, der als Angestellter der Organisation Kirche Privatgebrauch betreibt vor seiner Gemeinde, die „immer nur eine häusliche, obzwar noch so grosse Versammlung ist.“ (Kant: 7) Das TV-Millionenpublikum beim urbi et orbi ist also analytisch ein Häusliches.
Habermas hatte in seiner Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ das Problem erkannt: Kants öffentlicher Gebrauch der Vernunft, wo allein Freiheit und Aufklärung möglich sei, findet faktisch als Privatgebrauch der Medienkonzerne statt. Mit dem Take Off seiner Karriere als Deutscher Vorzeigeintellektueller nahm er folgerichtig alles zurück: „Damit will ich sagen, dass ich, wenn ich heute noch einmal an eine Untersuchung des Strukturwandels der Öffentlichkeit herangehen würde, nicht wüsste, welches Ergebnis sie für eine Demokratietheorie haben würde – vielleicht eines, das Anlass wäre für eine weniger pessimistische Einschätzung und für einen weniger trotzigen, bloss postulierenden Ausblick als seinerzeit.“ (Habermas: 50)
Was er wortreich verschweigt: Er spricht dabei entgegen dem selbstinszenierten Anschein nicht „als Gelehrter“ (Kant), sondern er betreibt Privatgebrauch der Vernunft in Diensten des neoliberalen Deutschen Staatsbetriebs vor der imaginären und auch realen „Versammlung“ dessen zukünftigen Middle Managements: der Studierendenschaft. Nicht anders als Kants Geistlicher vor seiner Gemeinde, nicht anders als die Angestellten, die per Weisung dem Betrieb auf kununu.com öffentlich Bestnoten ausstellen.

Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Suhrkamp 1990.

Kant, Immanuel: Was ist Aufklärung, 1784
http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/159_kant.pdf


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