Archiv für Januar 2016

3. Zur Ästhetik der „Diasporadical Trilogía“

Blitz‘ kinematographische Ästhetik zitiert direkt Maya Deren, eine ukrainisch-“US-amerikanische Avantgarde-Regisseurin, Tänzerin und Filmtheoretikerin der 1940er und 1950er Jahre.“ (Wikipedia):

Maya Deren

In der letztjährigen Ausstellung „Haitian Rushes“ im Johann Jacobs Museum in Zürich wurde exemplarisch „Meditation on Violence“ (1948), gefilmt aus der Ich-Perspektive, im Grossformat projiziert, hier ein Ausschnitt:

Am sichersten fühlte sich die Künstlerin mit der Handkamera ganz nah am Objekt, wird selbst Teil der Tai-Chi Choreographie von Chao-Li Chi zu Haitianischen Trommeln und Chinesischer Flöte, eine Choreographie beider Akteur*e, welche vor allem in Zeitlupe richtig zur Geltung kommt – die Grenze zwischen beobachtendem Subjekt und beobachtetem Objekt verschwimmt. Paradoxerweise am bekanntesten ist heutzutage ihr Dokumentarfilm „Divine Horsemen“ zum Haitianischen Vodou, den sie selbst ihrer eigenen ästhetischen Logik folgend unmöglich vollenden konnte:

„Also among my papers was a carefully conceived plan for a film in which Haitian dance, as purely a dance form, would be combined (in montage principle) with various non-Haitian elements. I recite all these facts because they are evidence of a concrete, defined film project undertaken by one who was acknowledged as a resolute and ecen stubbornly willful individual.“ (Deren: 5) „I had begun as an artist, as one who would manipulate the elements of a reality into a work of art in the image of my creative integrity; I end by recording, as humbly and accurately as I can, the logics of a reality which had forced me to recognize its integrity, and to abandon my manipulations.“ (Deren: 6)

Statt dessen schrieb sie als Initiierte das heutzutage noch grundlegende Standardwerk über Haitianischen Vodou, woraus im posthum veröffentlichten Film-Zusammenschnitt ausführlich zitiert wird. Die streckenweise an Ingeborg Bachmann gemahnende sprachliche Form des Prosagedichts ist ihr die einzig Angemessene, die einzig Mögliche. Als Brücke zum dem westlichen Kulturverständnis Inkommensurablen zunächst eine Feier der Kongo-Nasyon* (nein, nicht einfach „Tribe“ als „Stamm“), die Deren direkt in Bezug setzt zum modernen Jazz – doch wohlverstanden, es handelt sich mitnichten um Weltliche Musik, sondern um genuin Geistliche Musik, näher einer Messfeier denn einer Disco-Tanzparty:

*Nanchon, nasyon: Nation; a grouping, based on ethnic origins of Vodou lwa. Ibo, Rada, Nago, Kongo are examples of nanchon in Vodou. The nanchon also correspond to Vodou rites. In the colonial period, many West African nations were forced into slavery by African handlers, French slave traders, and colonialists in Saint-Domingue. In that context, nation-based Vodou emerged in many parts of Saint-Domingue. Today the term does not have a strong political or geographical meaning, even if some of the names of Vodou nanchon have ethnic and geographical etymologies.(Hebblethwaite: 269)

Und nun zwei Ausschnitte aus „Divine Horsemen“ (1947-1951), aus denen Blitz in „Juju Girl“ praktisch wörtlich zitiert, Ausschnitte, deren stupende Schönheit zugänglich zu machen, ohne die Abgebildeten der Lächerlichkeit und Verachtung preiszugeben, Ziel meiner brückenbauerischen Bemühungen hier war, im Wissen darum, letztlich doch eine ganz spezifische Erfahrung voraussetzen zu müssen, die nicht voraussetzbar ist, um darin nicht das Andere, Fremde, gar Bedrohliche, sondern das permanent präsente Eigene, doch zur akademischen Sozialisation ganz und gar Nichtidentische zu erkennen:

Quellen

Deren, Maya: Divine Horsemen. The Living Gods of Haiti. McPherson & Company, New York 2004

Hebblethwaite, Benjamiin: Vodou Songs in Haitian Creole and English – Chante Vodou an kreyòl aysyen ak angle. Temple University Press, Philadelphia 2012.

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2. Soziokultureller Kontext zur „Diasporadical Trilogía“

Context matters“ schrieb bruja von the girlverse zum Video „I Put Spell On You“ der Dominikanerin Jarina De Marco: „When I pressed play I had no clue that I was going to be deathly offended in less that 20 seconds by the visceral images (…)“. Was daran so beleidigend ist, höre, sehe und lese mensch bitte bei ihr im Original nach, nur so wird verständlich, was Blitz ironisch bricht und so fundamental anders macht.

Bei Schweizer*n meiner Generation als Kontext in die kulturelle DNA eingebrannt ist Polo Hofers Album „Giggerig“ mit „Wudu Lili“ (1985). Er ging damit offenbar nicht hausieren, daher kein Video – vielleicht war der mit Lili sich identifizierende Teil seines Publikums aus dem Hippie-Milieu nicht eben amüsiert. Wie auch immer, das bei the girlverse eingebettete “I Put A Spell On You”-Video (samt Original, von dem De Marco kulturell appropriiert) ist sprichwörtlich dasselbe Lied und demonstriert überzeugend: „Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich“ (Adorno nach metalust) – und so thematisiert Blitz als Einziger die offensichtliche Verständnislosigkeit und bricht sie filmisch in doppelter Ironie. Hier einige Textausschnitte:

Jarina De Marco: „I Put Spell On You“

Now you’re trapped cause I put a spell on you,
you got no control of your thoughts or any thing that you do,
so trapped don’t you ever fuck with me,
put my juju on your voodoo you ain’t badder than me

Polo Hofer: Wudu Lili

Voodo-Voodoo-Voodoo Lilly
Mit Voodoo-Voodoo fängt sie dich ein
Sie hört Stimmen und sieht Gespenster
Sie sagt wir seien alle Irre!
Sie macht Voodoo-Urlaub
In Haiti und Guadeloupe…
Macht Voodoo-Feste in Serie,
Sie plant einen Voodoo-Coup.

Blitz: Juju Girl

Then I step to you like, I never seen a goddess in the flesh till tonight,
the way you put your juju on me oh.
Make me wanna spend forever with you oh.
I conf like Tetteh Quashie traffic, cowry shells,
chicken bones girl its black magic.

Mehr Kontext

Zum Anfang von Blitz „Running“ überblendete mein Musikvideogedächtnis spontan Nightwish‘ „Amaranth“ (2009), seinerseits ein Kurzfilm zum „Verwundeten Engel“ von Hugo Simberg (1903):

The Wounded Angel - Hugo Simberg

Ganz im Gegensatz zur ironischen Distanzierung der Voodoo-Lieder teilt das Video mit Blitz the Ambassador die Ernsthaftigkeit in der Behandlung des Themas: Zwei Jungs (ebenfalls lesbar als Marassa) lesen einen bewusstlosen Engel auf, tragen sie nach Hause und pflegen sie. Doch schon hat das Dorf zum Lynchmob sich formiert – die (nicht nur) in unseren Breitengraden ganz selbstverständlich erwartbare Reaktion auf das Tabu, wovon die Voodoo-Lieder ironisch sich distanzieren, das Tabu, welches in Amaranth eben gerade nicht exotisierend geandert wird („othering“):

Uuiih, nun ist die Sache musikalisch entgleist, zum Trost gehört genau hierher – ich weiss nicht warum – Dobet Gnahoré mit Issa:

Und nun ist die Sache wiederum in Sachen „othering“ entgleist, daher zum Abschluss des Kontexts der Trailer zum Schweizer Dokumentarfilm „Winna“, zumindest für einige Schweizer* was zutiefst Eigenes, nur schon der Dialekt: „In jedem Dorf im Oberwallis kannte man früher den Gratzug, eine Prozession der Seelen von Verstorbenen – Arme Seelen –, die für ihre Sünden abbüssen müssen. Wer sie sah oder ihren Weg kreuzte, musste um sein eigenes Leben bangen – „Du bisch in d‘Winna cho, inu Wäg vo du Armu Seelä.

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1. Blitz the Ambassador: „Diasporadical Trilogía“

„I love making Music but the reason I focused on Film lately is black people lack beautiful images of themselves globally. That is a crime.“ (Blitz the Ambassador)

Als „Diasporadical Trilogía“ richten sich die drei Kunstfilme des „Botschafters“ (wie im Übrigen auch Afropop Worldwide) ausdrücklich an die Globale Subsaharische Diaspora, weitergehende Rezeption ist sekundärer Kollateralgewinn in einer sich kreolisierenden Menschenwelt. Augefnommen wurden sie in Accra (Ghana), New York (USA) und in Salvador, Bahia (Brasilien).

Juju Girl

Blitz lacht sich in der Musikbar eine Schöne an, quatscht ihr im Taxi die Ohren voll, bis sie draussen die Geistliche Musik vernimmt, wovon alles herkommt – sie springt aus dem Taxi, schliesst hinter sich die Türe ab, er versucht ihr zu folgen, Traumzeit, schon ist es Morgen, eine traditionelle Zeremonie am atlantischen Ozean, wie ein Fisch im Wasser tanzt sie an dem Ort, wo daheim ist, Ginen* – und nach einer gefühlten Ewigkeit erreicht auch Blitz den Strand, doch alles ist schon vorbei, fast als sei nichts gewesen – doch er findet einen Pwen**, den sie zu seinen Handen liegen liess.

*Ginen: A word with many meanings that can refer to the lwa, the dwelling place of the lwa, the servants of the lwa, and the afterlife paradise where the souls of Vodouists return. It generally refers broadly to Africa. (…) Ginen refers to precolonial African spiritual roots and to people who work to preserve African culture and traditions. (…) (Hebblethwaite: 239)

**Pwen: A point, a tangible or intangible Vodou charm used for good effects. A pwen can also refer to a contract between a human and a lwa. Pwen is a concentration of spiritual power, and it is a spiritual gift. (Hebblethwaite: 281)

Shine

Vater und Töchterchen an der Bushaltestelle, Vater wird von Cops mit der Drohung, gleich beide zu entführen, dazu erpresst, andere zu denunzieren. Das Auto fährt weg, Töchterchen muss ganz allen nach Haus, doch in der U-Bahn ist sie plötzlich in Begleitung, die sie behütet und führt: „…a mèt tet, master of the head. (…) To a certain extent the personality of the individual human being mirrors that of his or her mèt tet. (…) In addition to a mèt tet, each individual has a smaller number of other spirits, usually two or three, from whom he or she receives special protection.“ (McCarthy Brown: 10). Wie ein Spiegelbild tanzt Töchterchen die Choreographie der Begleiter*in aus dem Reich der Unsichtbaren – und bricht vor dem Auto erschöpft zusammen. Vater kann aussteigen, nimmt sie auf und trägt mit ihr die Last der ganzen Welt auf seinen Atlas-Schultern.

Running

Ein Hochzeitstanz, eine Priesterin liest einen verletzten Engel auf, mit sicherer Hand pflegt sie ihn gesund, zwei Abrissbirnen in Sachen Gentrifizierung stehen mit schwerem Gerät an der Tür, erblicken die Zwillinge (ibeji in Yoruba, Marassa in Kreyol) – wir sehen nicht, was die Behelmten gesehen, doch entsetzt rennen sie davon, weg, nur weg – und treffen auf die Hochzeit, werden mit einem Blick fixiert – dieses unerträgliche, nicht enden wollende Stille, worin der Elefant realisiert, dass er eben das Porzellangestell hat umgeschmissen:

Quellen

Hebblethwaite, Benjamin: Vodou Songs in Haitian Creole and English – Chante Vodou an kreyòl aysyen ak angle. Temple University Press, Philadelphia 2012.

McCarthy Brown, Karen: Afro-Caribbean Spirituality: A Haitian Case Study.
In: Claudine, Michel, Bellegarde-Smith Patrick: Invisible Powers, Vodou in Haitian Life and Culture. Palgrive/MacMillan, New York 2006

Teil 2: Kontext >>

Bahamas und Achille Mbembe – wie Kuh und klettern

Versuch einer angemessenen Antwort auf die von Hass und Verachtung getragene Polemik von Paulette Gensler in Bahamas Nr. 71 gegen Achille Mbembes „Kritik der Schwarzen Vernunft“:

Immerhin kann Gensler zugute gehalten werden, dass sie nicht von Mbembe schreibt, sondern in antideutscher Tradition vom idealisierten Deutschen Gesamtrezipienten Mbembes, den sie als vermeintlich negatives Ebenbild emphatisch verkörpert – daher soll es hier auch nicht primär um Mbembe gehen. Ausschliesslich das zu sehen, „was einfach unglaublich leer ist und eine reine Projektionsfläche für die Leser“ (49-3) – und damit auch für sich selbst – bildet, ist ihr politisches Programm. Auf dieser Grundlage imaginiert sie diesen ideellen Leser als „der ichlose „orale Typ“, wie er in der Pathologie genannt wird“ (51-3), der sich „mit der Gewalt selbst bzw. ihrem Produkt, dem Opfer identifiziert“ (51-2), ein Primitiver, dessen „Charakteristikum (dieser oral-rezeptiven Stufe) ist, keinen Unterschied zwischen Sexual- und Selbsterhaltungstrieben zu kennen sowie kein spezifisches Verlangen auszubilden.“ (51-2) Es ist die konkrete politische Praxis der Vernichtung, die mit dieser wissenschaftlich und universal vernünftig sich gebenden Rhetorik von Seiten autochthon Deutscher vorgespurt wurde und wird.

Das so sich äussernde Subjekt kann textimmanent nachkonstruiert werden: Auf den breiten Schultern Kants stehend, ist es positiv im Besitz von „Aufklärung und Vernunft“ in „Selbstreflexion“ (47-1). Diese „historische Errungenschaft“ personifiziert das „subjektivierte Individuum, die polit-ökonomische Charaktermaske, die ihrer Grundbestimmung nach weder schwarz noch weiss bestimmt, sondern kapitalistisch konstituiert ist.“ (49-1) Die Bedingung der Möglichkeit dieser Errungenschaft ist „die Entwicklung der Produktivkraft, welche durchaus Resultat des Kolonialismus ist.“ (48-1) Dieser leistete positiv „die durchweg gewaltsame Herausbildung des modernen Subjekts“ (49-1), ein Status als „Rechtsperson, (der) den Menschen förmlich eingeprügelt werden musste.“ (49-1) Soweit in Kürze das, was in postkolonialer Terminologie eben gerade nicht objektivierend als engl. history, sondern als „his story“, als partikularer geistiger Überbau realer rassistischer Herrschaftsverhältnisse begriffen wird, dem ourstory, „our story“ antagonistisch entgegenzusetzen ist.

Vorgezogen hätte Gensler das N-Wort zur Übersetzung des Originaltitels „Critique de la raison nègre“, dieses könne „als das gelten, was einem zwischensprachlichen Synonym am nächsten kommt: Der einzige Unterschied bestünde darin, dass es in Deutschland keine der Négritude ähnliche oder zumindest keine vergleichbar erfolgreiche Bewegung gab, die den Begriff den üblichen Aneignungen und Neubesetzungen unterzogen hat. Die afrodeutsche Bewegung steckt verhältnismässig noch in den Kinderschuhen.“ (46-3) Der immanente Widerspruch besteht darin, dass Gensler rein linguistische Umdeutungen des N-Worts ohne materielle Grundlage (wie sie in Haiti oder Zimbabwe besteht) logisch zwingend als „infantile Allmachtsphantasien“ denunzieren würde: „Auch wer ernsthaft glaubt, durch die Grossschreibung eines Adjektivs die ihn umgebende Welt zu verändern, ist wahrlich nicht weit entfernt von den Wünschen, die sich in den realitätsfernen Proportionen auf Kinderzeichnungen artikulieren.“ (50-1) Gensler lässt in ihrer Begriffsbildung dem ideellen N* die Wahl zwischen „Kinderschuhen“ und „infantilen Allmachtsphantasien“ – tertium non datur. Genau diese immanent eliminatorische logische Form ist das, was Mbembe als historisch wirkmächtige „schwarze Vernunft“ begreift, deren „Hauptfunktion die Kodifizierung der Voraussetzungen [sei], unter denen ein Rassensubjekt entstehen und erscheinen kann“ (Mbembe: 62 nach 47-1)

Endgültig den Boden historischer Tatsachen verlässt Gensler mit der als längst verwirklicht behaupteten vernünftigen politischen Utopie des ideellen Gesamtkapitals: „Sklaverei wird ökonomisch obsolet und politisch bekämpft, wo die Produktion des Tauschwerts auf dem Weltmarkt wohlgenährte und zahlungskräftige Kunden statt verarmter und entkräfteter Sklaven erheischt. Denn der Arbeiter des Einen ist immer der Kunde des Anderen, jedes Einzelkapital hätte zwar seine Arbeiter gern auf einem nahezu sklavenähnlichen Lohn- und Rechtsniveau, gleichzeitig aber die Arbeiter aller anderen als gut verdienende Lohnarbeiter, also als zahlungskräftige Kunden; (…) Tatsächliche Sklaverei innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise ist aber bestenfalls ein Relikt der ursprünglichen Akkumulation, jedoch nicht deren immanentes Prinzip.“ (47-3)

Dem gegenüber stehen die in vielen Städten architektonisch manifestierten Tatsachen, die Hans Fässler in seiner „Reise in Schwarz-Weiss“ für die ach so rückständige Schweiz dokumentiert hat, eine „Reise, deren Stationen eine Adresse und eine Postleitzahl haben: Neunzehn Ortstermine zwischen Boden- und Genfersee kreisen die Beziehungen von Schweizer Kaufleuten, Offizieren, Auswanderern, Bankiers, Familienunternehmenden, Reisenden und Philosophen zu jener Institution ein, die 2001 – endlich – zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt wurde.“ (Fässler: Klappentext) „Der zeitliche Rahmen der Schweizer Beteiligung ist mit der Geschichte der transatlantischen Sklaverei im engeren Sinn definiert, das heisst mit der Periode zwischen dem 17. Jahrhundert (erste Schweizer in kolonialen Diensten, erste Schweizer Reiseberichte) und der letzten „offiziellen“ Abschaffung der Sklaverei durch einen Atlantikstaat (Brasilien 1888).“ (Fässler: 19) „Im engeren Sinn geht es dabei um Beteiligungen an Dreieckshandelsexpeditionen, Versicherungsgeschäfte, Investitionen in Kolonialgesellschaften und Sklavenhandel, Handel und Spekulation mit sklavereiproduzierten Gütern, Handel mit Gütern für den Sklavenhandel, Sklavenhandel im eigentlichen Sinn, Besitz von Plantagen mit den dazugehörigen versklavten Arbeitskräften, Teilnahme an militärischen Unternehmungen zum Aufbau oder zur Sicherung von sklavereirelevanten Kolonien, Verwaltung von Kolonialgebieten, Teilname an militärischen Einsätzen zur Erhaltung oder Absicherung der Sklaverei, „wissenschaftliche“ oder publizistische Tätigkeiten zur Rechtfertigung der Sklaverei und des auf Sklaverei gestützten Kolonialsystems sowie publizistische Tätigkeiten zur Ausbildung, Aufrechterhaltung oder Verbreitung des mit der Sklaverei verbundenen anti-schwarzen Rassismus.“ (Fässler: 21)

Das alles also bloss ein marginales „Relikt“ aus längst vergangenen Zeiten, das nichts mit der eigentlichen „kapitalistischen Produktionsweise“ der Moderne zu tun hat? Das wird die Familie Pourtalès gerne hören, denn: „In den vergangenen Monaten ist eine Serie von Einsichtsgesuchen an uns gelangt: vom Fernsehen, von verschiedenen Historikern an Universitäten und von Herrn Fässler. Wenn der Nationalfonds es gescheit findet, eine Recherche über die durch die Schweiz praktizierte Sklaverei zu finanzieren und so die Namen von achtbaren Familien, die heute noch in diesem Land leben, in Misskredit zu bringen, dann ist das sehr bedauerlich. Die Familie kennt den genauen Inhalt ihrer gesamten Archive noch nicht, das ist der Grund, weshalb der Zugang zu diesen derzeit für Dritte verboten bleibt.“ (Fässler: 295). So, genau so wird „his story“ konkret gemacht, so kommt Gensler zu Behauptungen wie: „Die moderne Sklaverei war bis zu ihrer schliesslichen Abschaffung immer eher formelle als reelle Subsumtion unter das Kapital und keineswegs dessen Erfindung“ (47-2) – um nachher von historisch verschiedenen Formen von Sklaverei zu schwadronieren unter Ausblendung des spezifisch „Modernen“ an der transatlantischen Sklaverei. „Das beliebige und willkürliche Schwanken (…) zwischen absoluter Geschichtsvergessenheit auf der einen Seite und gleichsam energischer Gegenwarts- und Realitätsverleugnung auf der anderen ist die zur Methode vergegenständlichte Ignoranz und damit der sicherste Weg, um diesen Sachverhalt eben nicht wahrzunehmen.“ (47-2). Wer im Glashaus sitzt…

Auf die schulmeisterliche Besserwisserei in den Anmerkungen – „dass die Idee des politischen Schwarzseins keineswegs so neu ist, wie die beteiligten Linken denken. Schon die Verfassung Ayitis aus dem Jahre 1805 verkündet in Artikel 14, dass ungeachtet ihrer Hautfarbe „the Haytians shall hence forward be known only by the generic appellation of Blacks.“ (52-3) – kann und soll mit dem „Vorschlaghammer“ (47-2 über Robert Kurz) von Bayyinah Bello geantwortet werden:

„Aytis mission is to create a land, a space, where all black people who are in trouble anywhere in the world can come in and find refuge. (…) If we take a little look at the constitution of this country, the first constitution. The first constitution, the only valid constitution, constitution of 1805, states clearly: This land is the land for all black folks. States clearly: Any black person landing here becomes automatically free and a citizen. States clearly: No white man has the right to buy property here or walk as master on this land. (…) But if you understand the mission of this country, and also understand why this constitution cannot be this readily available: With every constitution, they removed the mission of the country little by little. And the very last thing to fall out was the article on white man cannot buy land or walk as master on this land. And it was removed in 1915, during US occupation. And the marines encircled the parliament at that time when they wanted to have this law removed from the books. They had already been manipulating all several weeks already, several new laws came in, removing this one, removing that one. When they got to this law about white men, even this parliament which agreed with almost anything the US says, you ask us to „turn left“, everybody turn left, „turn right“, everybody turn right, but when they said „we must remove this article“, every parliamentary person said: „Not me! I don‘t wanna be involved with this. I‘m not here.“ So the US marines encircled the parliament house, arrested all the parliament folks, wrote the new decree to remove this law from the books and passed it. Democratically, thank you.(…) So, we‘re looking at a country, that has set a model for Black countries, the only country who had a constitution which was in accord with the purpose of the people, we cannot have black people enslaved or colonized.“ (Bello: 19m45)

Ich ersetze nun „Ayti“ durch „Israel“, „black“ durch „jüdisch“ – und fasse zusammen: „Es ist Israels Mission, ein Land zu schaffen, einen Raum, wo alle jüdischen Menschen, die irgendwo in der Welt bedroht werden, herkommen können und Asyl erhalten. Jeder jüdische Mensch, der in dieses Land kommt, ist automatisch frei und Bürger.“ Soweit, so plausibel.

Und nun dasselbe mit einem Ausschnitt aus dem besprochenen Text (49-2): „Jene Philosemiten, die sich nun aufgrund der enttäuschten Hoffnungen, die mit der Gründung des Staates Israel einhergingen oder aus welchen Gründen auch immer ideologisch von ihrem Judesein nicht trennen konnten, fanden sich in der Bewegung des Zionismus zusammen. Dort hing man gemeinschaftlich an dem schlecht Vergangenen und manifestierte es in literarisch-philosophischen Zwitterprodukten. Weil der Jude im Zionismus (…) sich nicht durch einen Mangel oder eine Leere definiert wissen wollte, der Mangel aber durchaus reell war, da der Begriff seine „Substanz“ (Nationalsozialismus, Holocaust) verlor, musste er nun ideologisch gefüllt werden. Dieses gemeinsame Dritte, die „jüdische Währung“, war das Trauma oder die Wunde, die alle gleichermassen als Blutsbande und Leidensgemeinschaft verband. In diesem Zuge bezog man sich durchaus und diesmal im positiven Sinne auf alle möglichen vorher kritisierten antisemitischen Projektionen, die natürlich nur negativ Wahrheit beinhalten können. Dass sich der „strategische Essentialismus“ in einem neuen Rassenkampf verselbständigte, kann nicht ernsthaft überraschen, denn um sein zionistisch-jüdisches Subjekt zu behaupten, muss man daran auch glauben, vor allem wenn man damit energisch Politik machen will.“

Es heisst, man solle nicht böse Absicht unterstellen, wo bloss Dummheit am Werk ist. Doch die antideutsche Ideologie reproduziert in ihrer anti-postkolonialen, anti-poststrukturalistischen Rhetorik und in deren logischen Form exakt das, was sie als universalen Antisemitismus zu bekämpfen vorgibt. Hinter der „weissen Maske“ des Antideutschen lauert eben immer noch der modernisierte autochthon Deutsche intellektuelle Nazi.

Quellen

Bello, Bayyinah: Completing The Haitian Revolution Pt 1 Of 2, 1997

Fässler, Hans: Reise in Schwarz-Weiss. Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei. Rotpunktverlag, Zürich 2005.
www.louverture.ch

Mbembe, Achille: Kritik der schwarzen Vernunft. Suhrkamp, Berlin 2014

Zu Sigmund Freuds „Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken“

„Für die meisten Ethnologen indiskutabel“ war laut Wikipedia das Buch „Totem und Tabu“ schon 1920 nach der Kritik von Alfred Kroeber, also formale Triggerwarnung vor kolonialrassistischem Gedankengut – aber so ganz einfach ist m.E. die Sache dann doch nicht, daher noch eine ehrliche Triggerwarnung an PoC mit PTSD in Sachen Magie –
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- wobei in meiner wenigen (mündlichen) Erfahrung die Rücksichtnahme eher umgekehrt verläuft: Sie mauern souverän und versuchen umgekehrt, mich zu schützen vor Dingen, deren Abwesenheit in Form psychischen Terrors gerade die Lebensqualität ausmacht hierzulande (einmal wörtlich: „Wir haben anderes Blut, bei euch wirkt Juju nicht.“) – mässig effektiv, wenn sie mir gleichzeitig zu verstehen geben, da was zu sehen, was da nicht hingehört…

Item: Freud postuliert phylogenetisch eine hierarchische Rangfolge in der Menschheitsentwicklung vom animistischen über das religiöse zum wissenschaftlichen Weltverständnis. Ontogenetisch parallelisiert er diese Rangfolge mit der objektlos-autoerotischen Libido des Kindes, über die narzisstische Libido mit dem Ich als einzigem Objekt, zur erwachsenen, reifen Libido mit dem Alter als Objekt und Person unter rational-vernünftigem Verzicht auf das Lustprinzip.

Weiter parallelisiert Freud anhand des Topos „Allmacht der Gedanken“ die magische Praxis der sogenannten „Primitiven“ mit den pathischen Projektionen des Zwangsneurotikers. Doch während z.B. in der antideutschen Ideologie (siehe Bahamas) diese Parallelisierung unidirektional ausschliesslich der Denunziation ihrer Gegner als geisteskrank und regressiv dient, ist diese Parallelisierung bei Freud durchaus bidirektional angelegt: Aus dem psychoanalytischen Verständnis von Zwangsneurosen als sowohl innerpsychisch-rational wie auch sekundär und objektiv rational erwächst ein Verständnis für die als animistisch bezeichneten Weltauffassungen als prinzipiell vertraute Denksysteme, und er schliesst:

„Wir täuschen uns wohl nicht darüber, dass wir uns durch solche Erklärungsversuche dem Vorwurfe aussetzen, dass wir den heutigen Wilden eine Feinheit der seelischen Tätigkeiten zumuten, die weit über die Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Allein ich meine, es könnte uns mit der Psychologie dieser Völker, die auf der animistischen Stufe stehen geblieben sind, leicht so ergehen wie mit dem Seelenleben des Kindes, das wir Erwachsenen nicht mehr verstehen, und dessen Reichhaltigkeit und Feinfühligkeit wir darum so sehr unterschätzt haben.“ (Freud: 111)

So schreibt Freud wenige Jahre nach dem Genozid der Deutschen an den Herero und Nama im heutigen Namibia (75 – 85′000 geplant und systematisch Ermordete), wenige Jahre nach dem öffentlichen Bewusstwerden der Kongo-Gräuel (8-10′000′000 Ermordete, etwa die Hälfte der damaligen Bevölkerung), zu einer Zeit, als der wissenschaftlich sanktionierte Rassismus als Folge und zur nachträglichen Legitimation der bereits abgeschafften Sklaverei erst recht in Mode kam.

Zu dieser Zeit schrieb Freud: „Man darf nicht annehmen, dass die Menschen sich aus reiner spekulativer Wissbegierde zur Schöpfung ihres ersten Weltsystems aufgeschwungen haben. Das praktische Bedürfnis, sich der Welt zu bemächtigen, muss seinen Anteil an dieser Bemühung haben.“ (Freud: 89) Und: „Die erste Weltauffassung, welche den Menschen gelang, die des Animismus, war also eine psychologische, sie bedurfte noch keiner Wissenschaft zu ihrer Begründung, denn Wissenschaft setzt erst ein, wenn man eingesehen hat, dass man die Welt nicht kennt und darum nach Wegen suchen muss, um sie kennen zu lernen.“ (Freud: 103)

Freuds eigener Weg, sich die unbekannte Seele zugänglich zu machen, war die analytische Trennung der zuvor atomar verstandenen einheitlichen Menschenseele in drei Teile: Ich, Über-Ich und Es. Diese Trennung wird als seine eigentliche wissenschaftliche Leistung anerkannt und – vor allem von ihm selbst – verstanden als die dritte narzisstische Kränkung der Menschheit: Die Erkenntnis, als bürgerliches Subjekt nicht Zentrum der Person, „nicht Herr im eigenen Hause“ zu sein: Das vermeintlich autonome Ich wird bedrängt und überwältigt von Aktionen des unbewussten Es (Libido) im Konflikt mit dem Über-Ich (personifizierte gesellschaftliche Moral).

Die Genese von Gedanken ist dem Denkenden selbst oft schleierhaft, ganz besonders, wenn sie mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt ist. Picasso wird der Ausspruch zugeschrieben: „Gute Künstler kopieren, grosse Künstler stehlen“ – konkret bezogen auf seine offensichtliche und selbsterklärte Praxis, Kunst wie im subsaharischen Afrika zu produzieren. Er erkannte und übernahm die zugrundeliegende Idee, das „Warum?“, nicht die oberflächlich sichtbare Form, das „Wie?“, gab das Ergebnis als sein Eigenes aus und wurde dafür berühmt. Ein Tun, welches als Cultural Appropriation zu bezeichnen ist.

Aus heutiger ethnologischer Sicht wirkt Freuds Psychoanalyse erstaunlich unoriginell: „In Vodou, persons are said to possess several „souls.“ In fact, there is no generic term in the Haitian Creole language that includes all of these spiritual entities or energies, even though each possesses some of the characteristics of what Westerners call soul.“ (McCarthy Brown: 8 ) „The nam, the gwo bonanj, the ti bonanj, and the zetwal are the constitutive parts of a Haitian view of personhood that is clearly derivative of what ethnographers call the „multiple soul complex“ in West Africa. The fact that Vodou contains European elements as well as African is also hinted at in this formulation.“ (McCarthy Brown: 9) „What complicates the understanding of personhood is the realization that individuals are not comprehensible apart from the Vodou spirits associated with them. It is easiest to discuss this in the urban setting, which I know best. Here, each person is said to have a mèt tet, master of the head. This is the main spirit served by that person, and if the person is one who serves as a „horse“ of the spirits, it will be the mèt tet who most often possesses that person. To a certain extent the personality of the individual human being mirrors that of his or her mèt tet. (…) In addition to a mèt tet, each individual has a smaller number of other spirits, usually two or three, from whom he or she receives special protection. This complex of spirits, which may consist of some that are known only in that family and others that are recognized throughout Haiti, differs from individual to individual. It is because of this that Vodou, though centrally concerned with morality, could never produce a codified moral law that would apply equally to all persons.“ (McCarthy Brown: 10).

Den Teilen ti bonanj/gro bonanj/mèt tet entsprechen nur vage Freuds Trinität Es/Ich/Über-Ich: einerseits sind die Haitianischen Begriffe universaler, d.h. weniger direkt auf bestimmte soziale Verhältnisse wie die autoritäre, sexuell repressive bürgerliche Kleinfamilie bezogen (es gibt sehr verschiedene mèt tet), andererseits sind sie dediziert nicht (neukantianisch gesprochen) analytische Kategorien a priori, sondern sie bezeichnen eher real existierende Wesenheiten, die einen einzelnen Menschenkörper (kòr kadav) konkret bewohnen und so als Menschen animieren.

Freud stellte seine Psychoanalyse in eine genealogische Folge grosser narzisstischer Kränkungen der Menschheit im Zuge fortschreitender wissenschaftlicher Erkenntnis: Das heliozentrische Weltbild als kosmologische 1. Kränkung degradierte die Erde vom Zentrum des Kosmos zu einem Trabanten unter vielen; die Evolutionstheorie als biologische 2. Kränkung degradierte den Menschen von Gottes physischem Ebenbild zu einer Variante von Säugetieren; die Psychoanalyse als psychologische 3. Kränkung degradierte das vernünftige Ich zu einem Getriebenen, das „nicht Herr im eigenen Hause“ ist.

Wenn auch (wie hier gezeigt) nicht völlig undenkbar, so doch in seinem sozialen Kontext gänzlich unkommunizierbar war ihm der Gedanke einer epistemologischen 4. Kränkung des narzisstischen Subjekts durch die Tatsache, dass es schon immer multidirektionale Diffusion von Ideen und Weltanschauungen gab (auch und gerade mit Haiti, dem zweiten unabhängigen Staat in den Amerikas nach den USA), die Kränkung, dass die Weisse mitteleuropäische Hochkultur keineswegs das Zentrum der Welt war und ist, von dem die narzisstischen Kränkungen für alle anderen auszugehen haben, der Schock, dass die N* schon immer gewusst haben könnten, was hier als neu und revolutionär erschien – letztlich mit der Konsequenz, dass es in einer globalen Perspektive seine 3. psychologische Kränkung gar nicht geben kann, da im so bezeichneten Animismus im Allgemeinen und dem Haitianischen Vodou der Moderne im Besonderen die narzisstische Vorstellung, dass das vernünftige „Ich“ (der gro bonanj) Alleinherrscher im „eigenen Haus“ (im kòr kadav) sei, gar nie existierte – und individuell im Sinne einer seelischen Gleichgewichtsstörung als professionell behandelbar galt und gilt, ganz ähnlich wie in der psychoanalytischen Therapie.

Literatur

Freud, Sigmund: Totem und Tabu. Fischer Bücherei 1956

McCarthy Brown, Karen: Afro-Caribbean Spirituality: A Haitian Case Study.
In: Claudine, Michel, Bellegarde-Smith Patrick: Invisible Powers, Vodou in Haitian Life and Culture. Palgrive/MacMillan, New York 2006