Max Frisch, der CIA und Adorno

Eigentlich nichts Neues, dass nach WK 2 die deutschsprachige Hochkultur umfassend vom Geheimdienst CIA gesponsert und damit inhaltlich determiniert wurde. Dieser Satz aus der Sonntagszeitung war mir noch unverdächtiges Allgemeinwissen: „Die Amerikaner pushten die abstrakte Kunst, darunter die Tröpfelbilder eines Jackson Pollock, die politisch so unverdächtig sind, dass sie in einer Grossbank hängen können.“ – doch dieser Satz aus darauf folgenden Telepolis-Artikel zündete mir eine Idee: „Das wohl effizienteste Instrument der CIA war die politische Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Export von Kultur wie Jazz und Spielfilmen, die für ein positives Verhältnis zur atombombenwerfenden Supermacht sorgten.“ (Telepolis).

Marcuse war angeblich der Einzige, der zu Lebzeiten zugegeben hatte, auf der Payroll des CIA zu stehen, und dass Horkheimer sich als CIA-Agent im Interesse der US-militärisch-industriellen Komplexes verstand und pflichtbewusst danach handelte, war eigentlich offensichtlich („es ist im Grunde die Verteidigung der Verfassung, die Verteidigung der Menschenrechte, und Sie können heute sagen: ja, und was passiert denn da in Vietnam? (…) sie verteidigen die Welt, in der es noch ein bißchen so etwas wie Freiheit gibt, gegen das Gegenteil, selbst wenn man dazu auch totalitäre Mächte leider benutzen muß.“, Horkheimer), und warum sonst hätte er die akademische Karriere des durch und durch bürgerlich-konservativen Habermas als „zu links“ verhindern wollen?

Doch der Ausdruck „Atombombe“ ist untrennbar verbunden mit dem Lebenswerk von Günther Anders, dessen akademische Karriere zu verhindern Adorno angeblich ein Anliegen war (zitiert nach Wikipedia): „Es gibt Gerüchte, dass Theodor W. Adorno wegen einer vermeintlichen Heidegger-Nähe Sterns und aus qualitativen Gründen heftigen Einspruch gegen dessen Arbeit erhoben habe und die Habilitation bei Tillich in Frankfurt deshalb gescheitert sei.“, Ofenschlot zitierte die Sachlage konzentriert auf den Punkt: „Günther Anders, das muss man noch erwähnen, war Antimilitarist. Und Adorno doch irgendwie auch, oder?“ – »Einmal habe ich ihn gebeten, auf einer Ostermarsch-Kundgebung zu sprechen. Ich war krank geworden. Da sagte er am Telefon: ’Sie wissen doch, dass ich hinter keiner Fahne herlaufe.‘ – ’Dann laufen Sie doch vor der Fahne‘, entgegnete ich. Er legte auf.«

Nicht zwei, nicht drei, nicht vier, nein eine (1) Fundstelle zum Stichwort „Atombombe“ findet sich in den abertausenden von Seiten der kompletten gesammelten Schriften von Adorno (der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es zu „atom bomb“ immerhin sieben (7) Fundstellen auf 3 Seiten der in den USA entstandenen „Qualitative Studies of Ideology“ gibt): „Man wird weiter die Erwägung nicht von sich abweisen können, daß die Erfindung der Atombombe, die buchstäblich mit einem Schlag Hunderttausende auslöschen kann, in denselben geschichtlichen Zusammenhang hineingehört wie der Völkermord. Die sprunghafte Bevölkerungszunahme heute nennt man gern Bevölkerungsexplosion: es sieht aus, als ob die historische Fatalität für die Bevölkerungsexplosion auch Gegenexplosionen, die Tötung ganzer Bevölkerungen, bereit hätte. Das nur, um anzudeuten, wie sehr die Kräfte, gegen die man angehen muß, solche des Zuges der Weltgeschichte sind.“

Der ohne Rücksicht auf eigene Verluste öffentlich ausgelebten leidenschaftlichen Inbrunst, mit der Adorno unermüdlich und direkt gegen diese „Kräfte“ anging, die öffentlich ganz selbstverständlich mit der atomaren Vernichtung der Menschheit im Ganzen (bei Adorno verniedlichend „auf einen Schlag Hunderttausende auslöschen“) zur Verhinderung des Kommunismus drohten, verdankte er seine ungefährdete Stellung als Medien-Star im öffentlich-rechtlichen Radio. Mensch muss nicht buchhalterisch auf der Payroll des CIA stehen, um dessen imaginierte Pistole an der Schläfe, die doch nur die unsichtbare Hand am Stecker der eigenen Erfolgsmaschine ist, verschämt zur Grundlage des eigenen Handelns zu machen.

Ende der 90er schenkte mir Adorno-Schüler Detlev Claussen an diesen immergleichen akademischen Einführungsvorlesungen zur Kritischen Theorie jenen unvergesslichen Blickkontakt, beim Erörtern der Mitarbeit Horkheimers beim OSS (Vorgängerorganisation des CIA), diesen kurzen, herausfordernd prüfenden Blick, der meinerseits nicht auf die vielleicht erhoffte komplizenhaft-hoffnungsvolle Faszination, sondern auf fassungslose Entgeisterung traf. Ein Blick, der endgültig klärte: Nein, ich würde an seinem Institut in Hannover, einer veritablen Brutstätte das antideutschen US-Militarismus, niemals geduldet werden.

Quellen

Max Frisch und die CIA. TagesAnzeiger/Sonntagszeitung, 4.2.2018
https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/max-frisch-und-die-cia/story/21051959

Die Max Frisch-Identität, Telepolis, 7.2.2018
https://www.heise.de/tp/news/Die-Max-Frisch-Identitaet-3962024.html

Zum Horkheimer-Zitat:
http://ofenschlot.blogsport.de/2010/07/26/der-alter-mann-und-der-krieg/
http://undenkbar.blogsport.de/2017/11/26/rene-scheu-und-bassam-tibi-in-der-nzz-die-barbaren-berufen-sich-auf-adorno/

Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. C. H. Beck, München 1956
https://de.wikipedia.org/wiki/Günther_Anders

Ofenschlot: Anders vs. Adorno
http://ofenschlot.blogsport.de/2009/07/11/anders-vs-adorno/

Adorno: Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Erziehung nach Auschwitz. Digitale Bibliothek Band 97: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 8518 (vgl. GS 10.2, S. 675)

Adorno: Band 9: Soziologische Schriften II: Part IV: Qualitative Studies of Ideology. Digitale Bibliothek Band 97: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 6488 (vgl. GS 9.1, S. 419)

Zum autoritären Welt- und Menschenbild (verwertbarer) esoterisch ausgerichteter Heilverfahren

„Das ist unsoziologisch gedacht“ als der „schlimmste Vorwurf“ war vor einiger Zeit an einem Vortrag in der SWR-Tele-Akademie zu hören. Aber der Text hier ist nicht als Vorwurf gedacht, sondern als Ergänzung, denn auf der Ergänzung „verwertbar“ im Sinne von kapitalistischer In-Wert-Setzung zum Originaltitel des Beitrags von Ingrid Tomkowiak im sehr lesenswerten Blog Geschichte der Gegenwart soll hier etwas herumgeritten werden: Tomkowiak selbst beginnt mit: „Esoterische Heilverfahren haben seit den 1980er Jahren Konjunktur. (…) Entsprechende Ratgeberliteratur findet sich in nahezu jeder Buchhandlung, Bildungsträger bieten zahlreiche Therapiekurse an, Messen und Gesundheitsmärkte boomen.“

Richtig bemerkt sie, dass diese Therapien auf eine „Veränderung der Grundanschauungen“ zielen und damit „auch politisch zu beurteilen“ sind. Ungesagt und ungedacht bleibt im Folgenden aber, dass die von ihr treffend beschriebenen Phänomene an (und primär an) derjenigen Spitze des Eisbergs nachgewiesen werden, die in den vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnissen von ungefährdeter öffentlicher Sichtbarkeit profitiert.

Ein Beispiel: „Als Wert an sich wird ‚Natur‘ bestimmt. Dabei erfährt sie eine Reihe positiver Zuschreibungen: Sie gilt als sanft und zugleich als sicher, als harmonisch, rein und – wie selbstverständlich – als gesund.“ Wird das so als Kritik formuliert, wird ungesagt vorausgesetzt, dass diese verabsolutierende Aussage in erster Linie die absoluter Entfremdung dokumentiert, die im bürgerlichen Begriff von „Natur“ als etwas „Anderem“ bzw. gesellschaftlich „Geandertem“ bereits angelegt ist. Wer „Natur“ einfach nur als „sanft und zugleich sicher“ wahrnimmt, nimmt die eigene sinnliche Wahrnehmung der Sanftheit und Sicherheit des Polstersessels in der geheizten Stube vor dem Fernseher während der Naturdoku irrtümlich für das Ganze.

Dieselbe Entfremdung wird sichtbar in der eklektizistischen Aneignung von (u.a.) „Elemente(n) aus der mittelalterlichen Mystik, der Alchemie, der Ur- und Stammeskulturrezeption, exotische medizinische und paramedizinische Techniken, Anleihen aus der Naturheilkunde und Kräutermedizin verschiedener Kulturen und Epochen.“ Damit „liefern VerfasserInnen esoterisch ausgerichteter Gesundheitsratgeber triviale Erklärungsmuster komplexer Zusammenhänge und Sachverhalte“. Ja, das tun sie: aber das ist nur möglich im Modus der enteignenden und anschliessend ökonomisch in-Wert-setzenden „cultural appropriation“.

Denn wenn es einen Konsens unter Ethnolog*en und Anthropolog*n der Gegenwart gibt, dann diesen: Die oben angedeuteten „Elemente“ sind jedes einzeln an und für sich unendlich kompliziert und erfordern jahrelanges ernsthaftes Studium zur Erlangung von Kompetenz in dem Fachgebiet. Und dann der Erkenntnis-Schock: diese Kompetenz lässt sich schon linguistisch gerade nicht einfach in die Sprache der Forscher* übersetzen – im Gegenteil: sie kann die eigene, vermeintlich vertraute Sprache ins Unverständliche verfremden! Diese Tatsache ist aber unter den gegebenen Verhältnissen nur solchen Leuten zugänglich, die sich – weil des Lesens mächtig – angewidert abwenden von Regalmetern von Eso-Literatur, die „sich in nahezu jeder Buchhandlung“ finden – um anschliessend festzustellen, dass der extra aus den USA eingeschiffte Klassiker im Kaufbeleg unter „Esoterik“ einsortiert ist…

Ein Gedankenexperiment: 100 Jahre zurückspulen, und es fallen die Sätze: „Der Vorwurf an die Schulmedizin lautet, sie sei gegen die Natur des Menschen gerichtet. Entsprechend wird ein ‚neues Paradigma‘ im Beziehungsgefüge von Gesundheit, Krankheit und Heilung postuliert.“ Soweit, so selbstverständlich ohne Kontext – aber die Diskussion dreht sich um eine manifest psychisch kranke Person, welche schon dutzende von teuren medikamentösen Therapien gegen die damals wissenschaftlich erwiesene Krankheit der Homosexualität hinter sich hat. Wieder 100 Jahre vorspulen, und die zitierten Sätze leuchten in ganz anderen Farben.

Der rhetorische Trick mit den hundert Jahren vereinfacht das schnelle oberflächliche Verständnis, verschleiert aber (und das ist das Entscheidende), dass damals genau dieselben Regalmeter strukturell derselben Literatur „sich in nahezu jeder Buchhandlung“ fanden, die damals unter den von Tomkowiak selbst zitierten „Denkmuster der Reformbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts“ firmierten. Mensch muss nicht Thomas Manns Zauberberg zitieren, um für die damalige Zeit festzustellen: „Bildungsträger bieten zahlreiche Therapiekurse an, Messen und Gesundheitsmärkte boomen.“ – aber eben: als Spitze des Eisbergs, die in den vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnissen von ungefährdeter öffentlicher Sichtbarkeit profitiert. Dass in derselben Epoche im Unverstandenen und Verborgenen das zu reifen begann, was heute als poststrukturalistische Ethnologie und Anthropologie einer Minderheit langsam verständlich zu werden beginnt, war damals noch nicht abzusehen.

Aber eine solche Argumentationsform wäre doch das titelgebende Programm der Geschichte der Gegenwart?

Ingrid Tomkowiak: Zum autoritären Welt- und Menschenbild esoterisch ausgerichteter Heilverfahren
Geschichte der Gegenwart, 14.1.2018
http://geschichtedergegenwart.ch/sanfte-alternativen-zum-autoritaeren-welt-und-menschenbild-esoterisch-ausgerichteter-heilverfahren/

Rolf Dobelli warnt vor dem Pakt mit dem Teufel

…teasert die aktuelle schmale Weihnachtsausgabe der NZZ vom 23.12.2017 (S.39/S.41, „Der Kreis der Würde III“). Dobelli amtet dort seit Längerem als Ratgeber in Sachen „gutes Leben“, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf seinen einzigen intellektuellen Übervater Warren Buffett sich berufend. Auffällt daher die für seine Verhältnisse innovative Leere in seiner weihnachtlichen Predigt wider den Teufelspakt, wo zum Teufel bleibt denn da der notorische Warren Buffett?

Nur Rhetorik? Soweit schon, bei Dobelli lautet ein ähnlicher Kalauer zu Johann Georg Faust: „Goethe hat ihn in den Rang eines Klassikers gehoben und damit auf die Liste der Schulpflichtlektüren. Seither wünschen ihn die Schüler zur Hölle. Seine Seele verkaufen – was bedeutet das?“

Dobelli antwortet: „Zu einem guten Leben gehört (…) ein kleiner, aber klar definierter Kreis der Würde. (…) Wir müssen diesen Kreis vor drei Arten von Angriffen schützen: a) vor dem besseren Argument, b) vor der Gefahr für Ihr physisches Leben und c) vor dem Deal. (…) Wer seinen Kreis der Würde nicht klar genug abzirkelt, wird bei jedem verlockenden Angebot, jedem Deal neu überlegen müssen. Das ist nicht nur eine grosse Zeitverschwendung. Es erodiert auch Ihren Selbstrespekt und Ihre Reputation – was Sie anfälliger macht für zukünftige Angebote. Ein wahrer Teufelskreis also.“

Et voilà – c) ist von Rolf Dobelli auf den Punkt gebracht seine Kernthese nach Warren Buffett, das Einzige, was er hat, der Fels, auf den seine gesamte Serie zur „Kunst des guten Lebens“ gebaut ist: Eine als „Würde“ getarnte wöchentliche Lüge, die mittels der Methode der endlosen Wiederholung „vor dem besseren Argument“ zu „schützen“ er besinnungslos verurteilt ist. Welcome to hell.

Eingeführt hat Dubelli das Thema freilich – ganz der rechtspopulistischen Partei SVP verpflichtet – mit dem schweizerischen Nationalmythos der Teufelsbrücke über die Schöllenenschlucht am Gotthardpass: „Immer wieder waren die Urner am Bau einer Brücke gescheitert. (…) Die Urner hatten ihre Seele verkauft und kamen mit einem blauen Auge und einer verkehrstechnisch revolutionären Brücke davon.“

Anlässlich der TV-Übertragung der Eröffnungsfeier zum neuen Gotthard-Basistunnel fragte mich eine Kenyanerin – in Unkenntnis des Teufelsbrücken-Mythos, aber natürlich sehr wohl in Kenntnis von Sachen wie Schwarzgeld auf Schweizer Banken – das für sie Offensichtliche (in meiner Erinnerung sinngemäss so verallgemeinernd): „Haben die Schweizer mit dem Teufel gedealt für diesen Tunnel – und feiern das auch noch öffentlich?“ Mit diesem (Miss-)Verständnis hatte sie in fragender Verständnislosigkeit mehr verstanden, als Dobelli jemals denkbar sein wird.

Zum Einen: Der Mythos transzendiert Raum und Zeit: „Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“ schliessen die klassischen Märchen. Bei Dobelli: „Der Brocken donnerte die Schöllenenschlucht hinab, verfehlte die neue Brücke nur knapp und blieb erst unterhalb des Dorfes Göschenen liegen. Dort sieht man ihn heute noch – man nennt ihn seither den Teufelsstein.“

Zum Anderen: Der Mythos transzendiert psychische Innen- und Aussenwelt und ist irreduzibel Bestandteil des kollektiven Unbewussten, dermassen omnipräsent und gleichzeitig verborgen, dass er beispielsweise für eine in der Schweiz lebende Kenyanerin unverschämt offensichtlich ist, nicht aber für die Sujbekte selbst.

Und auch nicht für Dobelli und den zustimmenden Teil seiner Leser*schaft: „Der Deal infiltriert unser Leben. Vermeiden Sie auf jeden Fall den Teufelspakt.“ – so der Untertitel. Und das individualisierende Fazit: „Hunderte solche Beispiele zeigen, dass die Geldwirtschaft ihre Angriffe auf ehemals heilige Gebiete ausdehnt. Sie können nicht erwarten, dass der Gesetzgeber diesen Teufelsritt der wirtschaftlichen Logik stoppt. Es liegt an Ihnen, (…) Definieren Sie Ihren Kreis der Würde scharf. Lassen Sie sich nicht infizieren, wenn das ökonomische Virus versucht, in Ihr Werteimmunsystem einzudringen. Die Dinge innerhalb ihres Würdekreises sind nicht verhandelbar – egal, wie viel Geld dafür geboten wird.“ – schreibt ein unermüdlicher Warren Buffett-Bewunderer ohne Geldsorgen, der exakt aus diesem Grunde dazu verurteilt ist, in einer erklärtermassen bürgerlich-liberalen, gemäss Selbstdeklaration der Aufklärung verpflichteten Traditionszeitung, an erster Stelle(!) das „bessere Argument“ als „Angriff“ auf seine „Würde“ zu bezeichnen, von dem ihn vorgeblich sein persönliches „Werteimmunsystem“ schütze.

Notwendig undenkbar muss ihm bleiben, dass es mitnichten sein öffentlich vor sich her getragenes, von Warren Buffett inspiriertes individualisiertes „Werteimmunsystem“ ist, welches ihn vor „Angriffen“ auf seine „Würde“ durch das „bessere Argument“ schützt, sondern primär die Blocher- und Tettamanti-Milliarden, welche bei der NZZ auch im Feuilleton via Chefredaktor René Scheu ein „Klima der untergründigen Angst“ geschaffen haben, welches sukzessive alle guten Geister mit vorhandenem bürgerlichem Restverstand zugunsten von Leuten wie Rolf Dobelli aus der NZZ vertreibt.

q.e.d.

Quellen

Rold Dobelli: Der Kreis der Würde III. NZZ, 23.12.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/der-kreis-der-wuerde-iii-ld.1342080

Daniel Gerni: Allah am Gotthard. NZZ, 7.6.2016
https://www.nzz.ch/schweiz/gotthardtunnel-eroeffnung-allah-am-gotthard-ld.87196

Spektakel am Gotthard: „Die merkwürdigste Zeremonie der Welt“
https://www.srf.ch/kultur/buehne/spektakel-am-gotthard-die-merkwuerdigste-zeremonie-der-welt

Kaspar Surber: Die Angst geht um an der Falkenstrasse, WoZ, 12.10.2017
https://www.woz.ch/1741/nzz/die-angst-geht-um-an-der-falkenstrasse

René Scheu und Bassam Tibi in der NZZ: Die Barbaren berufen sich auf Adorno

„Die Barbaren, sie lauern überall – auch der Antirassismus taugt zum Rassismus“ titelte René Scheu am 28.10.2017, seines Zeichens Chefredaktor des Feuilletons der Zürcher NZZ und in dieser Funktion kausal mitverantwortlich für das „Klima der untergründigen Angst“, welches dort seit einiger Zeit das Arbeitsverhältnis prägt (WoZ vom 12.10.2017). In seinem ummauerten Gärtchen simulierte er kürzlich eine intellektuelle Debatte, welche über die zu dem Zwecke logisch notwendige handzahme Replik von Dieter Thomä, „Was ist das Erbe der Aufklärung?“, in der umfassenden Bestätigung von Scheus Weltanschauung gipfelte durch den notorischen „Adorno-Schüler“ Bassam Tibi, welcher „über das merkwürdige Bündnis von Progressiven und Islamisten“ einmal mehr öffentlich schwadronieren durfte.

Um die Sache von hinten aufzurollen zunächst dieser Satz aus dem WoZ-Artikel zum Hintergrund des gegenwärtigen journalistischen Arbeitsklimas bei der NZZ: „Die Gefahr stand im Raum, dass die rechtspopulistische Medienoffensive der Milliardäre Tito Tettamanti und Christoph Blocher nach der «Weltwoche» und der «Basler Zeitung» auch die «Neue Zürcher Zeitung» erreichen könnte: wenn nicht über die Aktien, dann über die Köpfe.“

Die rechtspopulistische „Basler Zeitung“ ist bazonline.ch – in diesem Kontext die sehr professionell SEO („search engine optimized“) Google-Top-Ergebnisseite zu Bassam Tibi, zumindest in der Schweiz:

Bassam Tibi

…und darüber gleich zum Kulminationspunkt von Tibis Argumentation:

„Die «Progressiven» sind in der Tat kulturrelativistisch und postmodern; sie ersetzen das individuelle «Subjektivitätsprinzip» (Habermas) durch Minderheitenrechte. Setzte sich diese Haltung durch, würde dies das Ende von Europa als Kontinent der Aufklärung und als «Insel der Freiheit in einem Ozean der Gewaltherrschaft» (Horkheimer) bedeuten.“

Tibi gibt die Quelle des Horkheimer zugeschriebenen Zitats nicht an, Ofenschlot hatte vor einiger Zeit in seinem Blog-Beitrag „Der alte Mann und der Krieg“ eindrücklich belegt, auf welchen Horkheimer der hochdekorierte Adorno-Schüler Tibi sich beruft:

„Ganz Asien würde chinesisch werden. Aber die Intellektuellen sehen nur das Grauen dieses Krieges, die unglücklichen Vietnamesen, die scorched earth policy [Verbrannte Erde. Es ist ein pikantes Detail, dass Horkheimer resp. sein Chronist auf den englischen Ausdruck ausweicht, um bloß keine Wehrmachts-Assoziation aufkommen zu lassen? Anm. Ofenschlot] der amerikanischen Kriegsführung. Was sie nicht sehen, ist die Hölle einer chinesischen Weltherrschaft.“ (Gesammelte Schriften Bd.18, Frankfurt 1996, S. 646f.)

„Wenn in Amerika es gilt, einen Krieg zu führen – und nun hören Sie wohl zu – einen Krieg zu führen, so ist es nicht so sehr die Verteidigung des Vaterlandes, sondern es ist im Grunde die Verteidigung der Verfassung, die Verteidigung der Menschenrechte, und Sie können heute sagen: ja, und was passiert denn da in Vietnam? Sie können mit Recht all das Furchtbare darstellen – wenn Sie es können – was in Vietnam sich ereignet. Aber diese jungen Menschen, die da hinausgehen, glauben, sie verteidigen die Welt, in der es noch ein bißchen so etwas wie Freiheit gibt, gegen das Gegenteil, selbst wenn man dazu auch totalitäre Mächte leider benutzen muß.“ (Antwortschreiben Horkheimer vom 18.5. 1967 an den Frankfurter SDS)

Das also ist Bassam Tibis Horkheimer. Natürlich könnte man sich lustig machen über den öffentlich zur Schau gestellten Primitivismus von jemdandem, der sich in symbolischem Ahnenkult vor dem Schrein bzw. säkular „vor dem Schreibtisch von Theodor W. Adorno an der Goethe-Universität in Frankfurt fotografieren“ lässt, in jovial herablassender Pose des hochdekorierten Intellektuellen, laut Wikipedia Träger des „Bundesverdienstkreuz erster Klasse“ und des „Jahrespreis der Stiftung für Abendländische Besinnung“, kurz: Deutscher als Deutsch. Natürlich ist es absolut lächerlich, wenn er sich in dieser objektiv obrigkeitsdeutschen sozialen Position geriert als „ein gelbhäutiger muslimischer Westasiate aus Damaskus“, der sich über irrationale „Dritte-Welt-Propheten“ (sic) mokiert.

Doch das trifft den Kern der Sache nicht. Tibi dekliniert den Kalauer „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“ folgendermassen: „In meinen jungen Jahren als linker Student in Frankfurt und aktiver 68er habe ich selbst den «tiers-mondisme» von Frantz Fanon vertreten und sass als «Progressiver» im Beirat der damals einflussreichsten marxistischen Berliner Zeitschrift «Das Argument». Schon damals wehrte ich mich allerdings gegen die im Gedeihen befindliche Verherrlichung des Fremden, die auf der Umkehrung der Verteufelung des Fremden, nicht aber auf deren Überwindung basiert.“ (NZZ a.a.O.)

Die grammatische Vergangenheitsform in Sachen Frantz Fanon ist nämlich nicht nur intellektuell unredlich, sie ist eine glatte Lüge, liefert Frantz Fanon doch den Schlüssel zum Verständnis von Tibis gegenwärtigem Wirken: Er hat sowohl „Scharze Haut, weisse Masken“ wie auch „die Verdammten dieser Erde“ grundsätzlich nicht verstanden und gleichzeitig zutiefst verinnerlicht. Seine idiomatische Deutsche Farbenlehre zu Syrer*n, mit der er kokettiert, liest sich bei Fanon so:

„Im Übrigen, fügen sie hinzu, sprechen wir den Schwarzen keineswegs jeden Wert ab, aber wissen Sie, es ist besser, wenn man weiss ist. Kürzlich unterhielten wir uns mit einer von ihnen. Als ihr die Puste ausging, warf sie uns an den Kopf: «Übrigens pocht Césaire nur deshalb so auf seine schwarze Hautfarbe, weil er sie wirklich als Fluch empfindet. Pochen etwa die Weissen auf die ihre? In jedem von uns steckt ein weisses Potential, manche wolle nichts davon wissen oder kehren es einfach um. Ich persönlich würde im keinen Preis der Welt einen Neger heiraten.»“ (Fanon: Schwarze Haut, weisse Masken: 42).

„Es liegt auf der Hand – und ich werde nicht müde, es zu wiederholen – dass der Anstrengung des Arztes aus Guadeloupe, seine Entfremdung aufzuheben, wesentlich andere Motive zugrunde liegen als der des Negers, der am Bau des Hafens von Abidjan mitarbeitet. Beim Ersteren ist die Entfremdung fast intellektueller Art. Insofern er die europäische Kultur als ein Mittel begreift, sich von seiner Rasse zu lösen, setzt er sich als Entfremdeter. Der Letztere tut dies, insofern ein Opfer eines Regimes ist, das auf der Ausbeutung einer bestimmten Rasse durch eine andere beruht, auf der Verachtung einer bestimmten Menschheit durch eine Form der Zivilisation, die als überlegen gilt.“ (Fanon: Schwarze Haut, weisse Masken: 169).

Bassam Tibi hat in seinem Leben in der durch und durch rassistischen bürgerlichen Deutschen Bildungselite daraus die doppelte Konsequenz gezogen, dass er sich zunächst die Deutsch-“europäische Kultur“ karikaturesk über-aneignen muss, das aber bei weitem nicht genügt: Zusätzlich muss er sich öffentlichkeitswirksam zum Komplizen eines Regimes machen, das auf der gewaltsamen Ausbeutung einer bestimmten Rasse (Horkheimers „Ozean der Gewaltherrschaft“) durch eine andere beruht (Horkheimers „Insel der Freiheit“).

Darin gründet sein tatkräftiges Engagement für den europäischen nationalistischen Rechtspopulismus bei Zeitungen wie BaZ, NZZ oder auch online beim Rechtsaussen-Blog „Achse des Guten“, daher ist ihm die unter Historikern unbestrittene Wahrheit undenkbar, dass Horkheimers „Ozean der Gewaltherrschaft“ seine kausale Ursache grossteils in der selbstproklamierten „Insel der Freiheit“ hat, von den Kolonialkriegen des 19. Jh. über die beiden von Deutschland und dessen Leitkultur kausal verursachten Weltkriege, den Algerienkrieg, den Vietnamkrieg, die Golfkriege, der Libyenkrieg, usw. usf. Bei Fanon liest sich das von Tibi im Sinne der „cultural appropriation“ enteignete und ins Europäisch-Deutschnationale umgekehrte Argument für die Nation so:

„Die Verantwortung des kolonisierten Intellektuellen ist keine Verantwortung gegenüber der nationalen Kultur, sondern eine allgemeine Verantwortung gegenüber der ganzen Nation, von der die Kultur letztlich nur ein Aspekt ist. Der kolonisierte Intellektuelle darf sich nicht damit beschäftigen, sich die Ebene seines Kampfes auszusuchen, den Sektor, in dem er den nationalen Kampf zu führen gedenkt. Sich für die nationale Kultur schlagen, heisst zunächst, sich für die Befreiung der Nation, der materiellen Stammutter schlagen, durch die die Kultur erst möglich wird“. (Fanon: Die verdammten dieser Erde: 178)

Das ist, pervertiert angeeignet von den Deutschnationalen, das politische Programm der Achse des Guten, der Bassam Tibi mit seiner Leitkultur tatkräftig zuarbeitet. Er hat seinen Fanon schon gelesen… Die Kritische Theorie ist mittels der Negation des Negativen in Adornos Negativer Dialektik endgültig in Deutschland bzw. Deutsch-Europa angekommen. Doch ohne Negation bleibt davon nur der klassische Deutschnationale Rechts-Hegelianismus mit den bekannten Folgen.

Der Faschismus in statu nascendi beruft heute auf Adorno sich.

Quellen

Die Angst geht um an der Falkenstrasse, WoZ, 12.10.2017
https://www.woz.ch/1741/nzz/die-angst-geht-um-an-der-falkenstrasse

René Scheu, Die Barbaren, sie lauern überall, NZZ, 28.10.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/die-barbaren-sie-lauern-ueberall-ld.1324642

Dieter Thomä, Was ist das Erbe der Aufklärung?, NZZ, 3.11.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/was-ist-das-erbe-der-aufklaerung-ld.1325909

Bassam Tibi, Aufklärung und Kulturrelativismus vertragen sich nicht, NZZ, 22.11.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/aufklaerung-und-relativismus-vertragen-sich-nicht-ld.1330627

Ofenschlot: Der alte Mann und der Krieg
http://ofenschlot.blogsport.de/2010/07/26/der-alter-mann-und-der-krieg/

Fanon, Frantz: Schwarze Haut, weisse Masken. Tunia + Kant, Wien 2013, 2016.

Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1966, 2008.

Polyrhythmus im madagassischen Salegy

Fortsetzung zum Nicht-ganz-so-Selbstverständlichen in Polyrhythmus? Selbstverständlich!

Ist der ternäre 3/4 Takt traditionell und der binäre 4/4 Takt modern, was ist dann beides gleichzeitig? Das Pendant zu Roman Herzogs sprichwörtlicher „Symbiose aus Laptop und Lederhose“-Ideologie zwecks politischer Industriestandort-Förderung? Nein, soll hier gezeigt werden.

Zum Einstieg JAC‘S Gassenhauer DabSalegy, in Musik und Bild durch und durch 21. Jh., die Szenen könnten in jedem urbanen (Vor-)Ort der modernen Welt abspielen sich:

Aus folgendem mit zwei Instrumenten musikalisch aufs Bare-Bones-Minimum reduzierten optischen „Megamix Salegy Kawitry“ kann der Kern der polyrhythmischen Struktur herausgehört werden. Mensch konzentriere sich einmal auf das straighte 4/4 Four-to-the-Floor der Kickdrum in Isolation… …und dann nur auf die Handorgel unter geistiger Ausblendung der Drums – hörbar und vor allem spielbar nur in triolischem 6/8-Takt:

In der tänzerischen Bewegung der schweren, viel Gewicht tragenden Körperteile dominiert tendenziell der 4/4, doch dieser dominiert nie den ganzen Körper – es ist immer ein irreduzibel schwebendes, mäandrierendes Beides, was das Ganze zum geforderten „quelque chose qui bouge“ (etwas, was bewegt) vom Beginn des DabSalegy-Videos macht: ein Kontinuum von binär und ternär.

Und ein solches Kontinuum konstituiert auch den modernen Salegy als Solches: Als Musikstil mit modernen elektronischen Instrumenten entstanden in den 60ern, erforderte er eben gerade keinen radikalen Bruch mit traditioneller Handorgelmusik, ein Bruch, der bei einer hypothetischen Modernisierung des Schweizerischen Pendants, dem traditionellen Hudigääggeler, musikalisch inhärent zwingend wäre.

Im kleinen Rahmen, wie in Madagaskar die Handorgel traditionell gespielt wird – es ist für ungeübte Ohren aus genannten Gründen wenig intuitiv, die Rhythmen mitzugehen und nicht gleich auszuklinken:

Auf globalem Weltmusik-Niveau bot Toko Telo für das Publikum dieselbe Schwierigkeit diesen Sommer in Toulouse, von Afropop Wordlwide charakterisiert als: „It exemplifies the absolute best of polished, acoustic, African roots music—completely of its place, but open to the whole wide world, if only it would listen.“

Was Afropop Wordlwide als „roots music“ bezeichnet, erschliesst sich vielleicht bei allem unüberbrückbaren Kannitverstan ein wenig anhand von Roumbou-Videos wie diesem:

Wenn, dann gibt es im musikalischen Kontinuum von Tradition und Moderne nur eine fundamentale Differenz zum Eingangsvideo: die Absenz von Kommunikation von und mit dem Sakralen in Ersterem, welche bei Zweiterem ganz offensichtlich angestrebt und auch konkret realisiert wird.

Doch eine solche Ausschliesslichkeit offenbart in der Terminologie von W.D.Wright die aus Schwarzem Blickwinkel erkennbare Weisse Kognition am Werk, die von ausserhalb gesehen künstlich und unnötig erscheint – denn es handelt sich irreduzibel um ein Kontinuum:

Was die im Thumbnail abgebildete, outdoor sitzende sympathische Dame von den Umgebenden geschützt und gestützt macht, erinnert an die Besessenheiten im Roumbou-Video und wäre hierzulande nur unauffällig und normal als Headbangen an einem Slayer-Konzert, ausserhalb jedoch im besten Fall ungehörig, aber definitiv undenkbar und schlimmstenfalls wahrgenommen als Teufelsbeschwörung zur Kirchenmusik an einem offiziellen Gottesdienst.

Doch was wäre, wenn dieser von Slayer selbst (durchaus ambivalent) zelebrierte Antagonismus als Solcher nur erscheint aus Weissem Blickwinkel? Was wäre, wenn aus theologischer Sicht Jesus Christus die bei jedem Slayer-Konzert vor dem Eingang die Besucher* abfangenden und zu erretten versuchenden Scharen von frommen Christ*en genau so milde verlacht wie die Fans und Headbanger* selber das tun – weil das Kontinuum als Antagonismus zu sehen objektiv eine tragische Weisse Illusion ist – und der madagassische polyrhythmische Salegy diese Illusion offenbart?



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