Grobschächtige Ignoranz bei Feynsinn: Zur Problematik selbsterklärter Meritokratie bei den Macher*n Freier Software

Zustimmung erheischend polemisiert Feinsynn mit dem identifizierenden Slogan «Idiotäre von rechts bis links» gegen das erst in den Akklamationen verlinkte postmeritokratische Manifest. Den Manifestant*en unterstellt er kontrafaktisch, sie würden die Welt universal in «Gut®» und «Böse®» einteilen, um diese so der Lächerlichkeit preiszugeben: «Eine Aktivistin der Pseudolinken hat jüngst eine ganz schlimme Sache entdeckt, die sie „Meritocracy“ nennt, also die Dominanz der Verdienten und Fähigen, hier im Zusammenhang mit Programmieren. Das Schlimme daran sei, dass diese „Böse Leute dafür belohnt, dass sie guten Code schreiben“.» Ganz manichäisch lokalisiert Feynsinn bei sich und seinem Kommentariat die Intelligenz der «Verdienten und Fähigen», also der «Guten®» (sic), die sich der Pappkameradenarmee der Dummen mit ihrem «verrotteten Denken», welche «beleidigen, mobben und ggf. sogar Gewalt ausüben» darf, also dem «Bösen®» (sic) schlechthin, heldenhaft entgegenstellt.

Das nicht weiter belegte Zitat der «Aktivistin» lässt sich aber entgegen Feinsynns Ansinnen aus dem Manifest eben gerade nicht ableiten: Die Problematisierung des Begriffs der Meritokratie selbst macht nämlich explizit den Kern des Manifests aus: «Falls dir die Kritikpunkte von Meritokratie nicht bekannt sind, mache dich bitte auf dieser Seite mit ihnen vertraut.» Das haben Fenysinn wie auch zustimmendes Kommentariat nachweislich nicht getan und verstossen damit gegen Feynsinn eigenes Impressum: «Wenn du keine Ironie verstehst, den Artikel nicht gelesen hast, Probleme bei sinnentnehmendem Lesen hast oder humorbefreit die Welt über deine Prinzipien belehren willst, bist du hier nicht richtig».

Implizit bedient Feynsinn sich eines akademisch durchaus hegemonialen Vulgärhabermasianismus, welcher die soziale Welt in «System» und «Lebenswelt» einteilt, wobei die habermasianische Lebenswelt die alleinige Domäne von Diskurs im Sinne eines wechselseitigen Anerkennens und Abwägens von Geltungsansprüchen, also von Politik schlechthin darstellt, das «System» als Domäne der Naturwissenschaften dagegen in sich selbst vollständig determiniert sei. Das «Programmieren» wird in diesem Paradigma umstandslos dem «System» zugerechnet, was eine eindimensionale und damit eindeutige Bestimmung von «guten Code» erst möglich machen würde.

Diese Bestimmung ist jedoch auf mehreren Ebenen objektiv falsch und offenbart ganz einfach Unkenntnis der Materie: Das Machen von Software generell besteht längst nicht nur aus dem Schreiben von «Code», sondern ist immer auch ein soziales Unternehmen mit vielfältigen Aushandlungsprozessen, sowohl innerhalb von Konzernen wie Microsoft, IBM oder Google wie auch in Open Source Projekten wie dem Linux-Kernel (welches eng mit solchen Konzernen verbandelt ist), OpenOffice/LibreOffice, der Debian/Ubuntu-Distribution oder dem OwnCloud/Nextcloud-Server. Die Schrägstriche sind als Chiffren für ein jeweiliges Schisma (aus je eigenen Gründen) im entsprechenden Projekt zu verstehen und problemlos im Internet auffindbar.

Doch selbst die analytische Beschränkung auf das Artefakt «Code» im engsten Sinne offenbart eine Indeterminiertheit der Sache selbst: das juristische Konzept der «Freien Software» basiert auf dem Ergebnis eines politischen Aushandlungsprozesses mit dem Resultat, Programmcode nicht dem Patentrecht zu unterstellen wie etwa Konzepte von Maschinen oder chemischen Verbindungen, sondern dem Urheberrecht, also derselben Rechtsprechung, der die materiellen Ergebnisse der Arbeit von «Dichtern und Denkern®» wie Feynsinn und Gefolge unterliegen. Dieser Umstand machte Richard Stallmans GNU General Public License materiell erst möglich: In Schritt 1 wird rechtsverbindlich das eigene Urheberrecht am «Code» objektiv festgestellt, in Schritt 2 auf dieser Basis irreversibel eine Menge an Freiheiten zugesichert, wie Andere mit diesen rechtlich geschützten Arbeitsergebnissen weiter verfahren dürfen.

Es gibt genauso wenig den «guten Code» wie es das «gute Gedicht», das «brillante Essay», den «bedeutenden Roman» gibt. Es gibt ganz unterschiedliche Paradigmen, die koexistieren, einander ablösen, überlagern, sich ergänzen oder sich widersprechen (aktuell etwas die Debatte um «die Symboliker und die Konnektionisten» in der KI), und es gibt ganz unterschiedliche Auffassungen von «Schönheit» im Sinne des «Schönen Wahren, und Guten» im Code selbst.

Tux‘ Frotzelei in seinem Kommentar: «Klar schmieren zwei von drei Installationen dauernd ab, aber wenigstens wurde mit Liebe programmiert.» ist daher ganz und gar unangebracht: Entwickler*-Profis erkennen intuitiv sofort, ob – unabhängig vom zugrundeliegenden Paradigma – «mit Liebe programmiert» oder eben «lieblos programmiert» wurde, auch und gerade an den eigenen Arbeitsergebnissen, die nach Monaten oder Jahren überarbeitet werden müssen. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: «Programmiere immer so, als ob dein* Nachfolger* ein* antisoziale* gewaltbereite* Psychopath* wäre, der/die weiss, wo du wohnst!» – die Erkenntnis, dass diese imaginäre Person höchstwahrscheinlich «Ich selbst!!!» sein wird, ist das Ergebnis jahrelanger Berufserfahrung.

Das Konzept der «Meritokratie» ist irreduzibel eingebettet in soziale Kontexte und daher zutiefst problematisch, wie in den bei postmeritocracy verlinkten, aber bei Feynsinn & Co. aktiv ignorierten Texten ausführlich dargelegt wird, vor allem dann, wenn eine soziale Gruppe die «Meritokratie» als Selbstdeklaration verwendet: Damit wird nämlich (ganz mechanistisch gedacht) genau dasjenige Verhalten durch soziale Anerkennung belohnt, welches die soziale Wahrnehmung von «Meriten» optimiert. Diese zweckrational optimierbare Fremdwahrnehmung kann und wird selbst dann den tatsächlichen «Meriten» krass widersprechen, wenn das Wahrheitskriterium dieser Meriten selbst gar nicht zur Diskussion steht.

Doch das zitierte Manifest geht noch weiter: Es ist mitnichten nur das Verhalten einer Person, es ist auch der unabänderliche Teil des Seins einer Person wie Muttersprache, Hautfarbe oder Geschlecht, welches die soziale Wahrnehmung von Meriten determiniert: «Tatsächlich ist die Idee von anerkennenswerter Leistung niemals klar definiert; stattdessen scheint sie eine Form der Bestätigung zu sein, eine Anerkennung, dass “diese Person insofern wertvoll sei, als dass sie so sei wie ich.”» Die weitverbreitete und in der In-Group geradezu sozial erwartete Misogynie in Informatiker-Kreisen ist nur ein Aspekt von vielen.

Wer nur schon das Thematisieren dieser offen darliegenden Probleme als «Idiotär» brandmarkt, verwechselt das Faktische mit dem Normativen, hält das So-Sein von gegenwärtig manifesten Freie-Software-Ökosystemen für den Beleg gegen jedes Hätte-auch-ganz-anders-sein-Können und hat sich damit selbst der Imagination beraubt, welche die Idee von Software zur Zeit ihres Noch-nicht-Seins überhaupt erst möglich gemacht hatte.

Quellen

Feynsinn: Idiotäre von rechts bis links
http://feynsinn.org/?p=10566

Das postmeritokratische Manifest
https://postmeritocracy.org/de/

Stefan Betschon: Die im Dunkeln Pfeifen. NZZ vom 22.9.2018, S.12
https://www.nzz.ch/meinung/die-im-dunkeln-pfeifen-ld.1422140

Das Weltbild des zeitgenössischen Reaktionärs

Der generische Maskulin «des» ist dem Zusammenhang genauso inhaltlich geboten wie etwas beim im Wesentlichen identischen generischen Antideutschen: Vom Artikel «Was Amerikas Einheit untergräbt» (in der Online-Ausgabe nachträglich verschämt umgeändert in «Was Amerikas republikanisches Erbe untergräbt», die permanente URL ist so verräterisch wie Druckerschwärze auf Papier) von Jonathan Haidt in der NZZ-Wochenendausgabe vom 4.8.2018 sei hier die Rede. Der Artikel reiht sich unter Feuilleton-Chefredaktor Rene Scheu ein in die endlose Folge von inhaltlich identischen Hetzartikeln gegen die von ihnen selbst so definierte «Identitätspolitik», die an den Universitäten hegemonial um sich greife und so die Nation zu zerstören drohe. Vielleicht durch die schiere Menge der Wiederholung notwendig geworden ist aber mittlerweile eine Überdeutlichkeit des zugrundeliegenden Weltbilds, das im Narrativ einer einheitlichen, gleichzeitig verleugneten «grossen Erzählung» (Lyotard) aufscheint.

Das Narrativ hebt an mit den die universale physikalische Kosmologie allegorisch widerspiegelnden «Gründervätern Amerikas»: «Es gibt in der Physik ungefähr zwanzig Naturkonstanten (…) Diese Konstanten gelten überall in unserem Universum, aber die Möglichkeit besteht, dass manche von ihnen in anderen Universen andere Werte aufweisen. Und Forscher gewinnen zusehends den Eindruck, dass viele dieser Naturkonstanten in unserem Universum genau so kalibriert sind, dass sie die Verdichtung von Materie und die Entstehung von Leben überhaupt erst möglich machen. Manche sehen darin einen Beweis für die Existenz Gottes. Das wäre ein Gottesbild von der Art, wie Thomas Jefferson, James Madison und anderen Gründervätern Amerikas vorschwebte – ein Gott, der das Universum wie eine gigantische Präzisionsuhr erschaffen hat. Meine Auffassung ist das nicht (…)» – hebt er an und dementiert das später nur insofern, als dass er den idealisierten Gründervater, in dem er sich narzisstisch selbst spiegelt, an Gottes vakante Stelle setzt.

Die grosse Erzählung geht weiter über die Genesis des Menschen als Affe – nicht als allgemeiner Affe oder etwa als Orang Utan, sondern (natürlich ungesagt und biologisch kontrafaktisch) als Pavian mit dessen konkreten Eigenschaften, was schon Murray Bookchin in «Die Ökologie der Freiheit» aufgefallen ist. Dieser Pavian als Inbegriff des Menschen an und für sich muss mit einer von den gottgleichen Gründervätern für «alle Ewigkeit» erschaffenen Maschine im Zaum gehalten werden: «Hier setzt nun die Hypothese der Feinabstimmung an. Als tribale Primaten sind Menschen ungeeignet für ein Leben in grossen, kulturell diversen, säkularen Demokratien – es sei denn, gewisse Dinge liessen sich so präzise justieren, dass die Entwicklung eines stabilen politischen Lebens möglich ist. Genau daran scheinen die Gründerväter geglaubt zu haben. Die Verfassung war für sie jenes gigantische Uhrwerk, das – wenn es denn wirklich perfekt war – bis in alle Ewigkeit funktionieren würde».

Dieses göttliche Uhrwerk kommt in der Gegenwart ins Stottern: «Und wie steht es um die Ausbildung unserer künftigen Uhrmacher? Was würden unsere Vorfahren sagen, wenn sie unsere renommiertesten Universitäten besuchten und dort von Mikroaggressionen, «trigger warnings» und «safe spaces» hörten, wenn sie die von Konflikten, Einschüchterung und Ängsten geschwängerte Luft atmen müssten?» Mensch schaudert mitfühlend fast körperlich beim Gedanken an die kristallklare Bergluft unter dem stahlblauen Himmel der «Gründerväter» und der davon übriggebliebenen «geschwängerten», also verweibten und damit dreckigen Stickluft des gegenwärtigen konkreten Lebens.

Diese wahrgenommene weibische Degeneration wird «mit Bezug auf eine ebenfalls aus der Physik abgeleiteten Metapher dargestellt (…): die zentrifugalen und zentripetalen Kräfte». Wobei das Zentrum recht explizit im stahlblauen Himmel der Gründerväter verortet wird, die Peripherie dagegen ungesagt in der undurchsichtigen, bedrohlichen Welt da draussen (US-Jargon).

Zuallererst wird das kontrafaktisch behauptete Fehlen von aktuellen Weltkriegen bemängelt. «Amerikas Beteiligung an den zwei Weltkriegen und der darauffolgende Kalte Krieg festigten den nationalen Zusammenhalt enorm. Der Vietnamkrieg zeitigte dann andere Wirkungen; aber grundsätzlich ist Krieg die stärkste unter den bekannten zentripetalen Kräften.» Ziemlich unverhohlen werden also Ernst Jüngers «Stahlgewitter» aus dem stahlblauen Himmel herbeigesehnt.

Weiter werden monopolisierte Medien angemahnt, also genau das, was Jürgen Habermas in «Strukturwandel der Öffentlichkeit» noch als existenzielle Gefahr für eine liberale, republikanische Demokratie identifiziert hat: «Aber als Mitte des 20. Jahrhunderts das Fernsehen seinen Siegeszug antrat, erlebte Amerika etwas Aussergewöhnliches: Die Medien wurden zu einer gigantischen zentripetalen Kraft. Die Amerikaner bezogen ein Gutteil ihrer Informationen aus drei Fernseh-Netzwerken, die reguliert und auf eine ausgewogene politische Berichterstattung verpflichtet waren.» Welch schöne heile Welt der 50er-Jahre, also der goldenen McCarthy-Ära aus Donald Trumps «Make America great again»…

Weiter geht es mit dem ungesagten Slogan «Assimilation statt Integration» in Bezug auf Immigration: «Ein politisch heikler und komplizierter Punkt sind Immigration und Diversität. (…) Ökonomen scheinen sich einig zu sein, das Immigration der Wirtschaftsleistung äussert zuträglich ist. Um die Zahl amerikanischer Nobelpreisträger ebenso wie um die Vorrangstellung der USA im kulturellen Bereich und im Technologiesektor wäre es weniger gut bestellt, hätte sich das Land nicht Einwanderern aus aller Welt geöffnet.» Und: «Aber Putnams Befunde machen klar, dass diejenigen, die mehr Diversität wünschen, sich noch wesentlich intensiver darum bemühen sollten, auch die zentripetalen Kräfte zu stärken.» Der universelle Weg zu mehr «zentripetalen Kräften» wurde zuvor mit McCarthy und Stahlgewittern immerhin so eingängig charakterisiert, dass das Problem sogar Haidt selbst auffallen musste, also wird der Joker «Identitätspolitik» aus dem Ärmel gezaubert.

Dabei bedient er sich einer künstlichen Opposition: «(…) können wir zwei Ausprägungen der Identitätspolitik unterscheiden: eine gute, die auf lange Sicht als zentripetale Kraft wirkt, und eine schlechte mit gegenteiligem Effekt.» «Die damalige Bürgerrechtsbewegung war Identitätspolitik, aber ihr Ziel war, einen Fehler zu bereinigen und Amerika zu einer besseren und stärkeren Nation zu machen». Er vergisst dabei, klarzustellen, dass das «Gute» an der «guten Identitätspolitik» für ihn primär darin liegt, dass sie ausschliesslich in der Vergangenheit zu verorten ist, analog zu «toter Indianer = guter Indianer» – und so unwidersprochen auf die Haben-Seite der glorreichen Nation geschlagen werden kann: «Stellen wir nun (Martin Luther) Kings Identitätspolitik diejenige gegenüber, die heute an den Universitäten gelehrt wird – insbesondere in einer neuen Variante, die seit fünf Jahren auf dem Vormarsch ist. Sie heisst Intersektionalität» – zu seinem Leidwesen in der Gegenwart.

Also wird erneut der Pavian in Haidt herbeizitiert: «Wenn man den tribalen Primaten in uns mit solchen binären Vorstellungen füttert, wo immer eine Seite gut und die andere böse ist, dann versetzt man ihn fast automatisch in Kampfmodus». Dass die «binäre Vorstellung» der «Intersektionalität» eine dreiste Lüge ist, sieht er wenigstens gleich selbst und ergänzt in Kriegsrhetorik: «Dazu kommt der strategisch brillante Schachzug der Intersektionalität: All diese binären Unterdrückungsszenarien, so heisst es, hängen zusammen und überlappen sich.» Also: «Die Identitätspolitik von heute ist damit völlig anders als diejenige, für die Martin Luther King stand. Sie verwirft Amerika und amerikanische Werte. Sie spricht nicht von Vergebung und Versöhnung. Sie ist eine massive zentrifugale Kraft, die mittlerweile auch Mittelschulen affiziert, insbesondere die progressiven Privatschulen.»

Reaktionär glorifiziert er die dagegen guten alten Zeiten der Reaganomics: «Als ich in den 1980er Jahren in Yale studierte, wurden mir die unterschiedlichsten Instrumente an die Hand gegeben, um die Welt zu verstehen. Ich konnte sie als Utilitarier oder als Kantianer betrachten, als Freudianer oder als Behaviorist, als Informatiker oder als Humanwissenschaftler. Jeden Sachverhalt konnte ich durch vielerlei Linsen in den Blick nehmen.» So harmonisch können die «vielerlei Linsen» (US-Jargon «lenses» i.S.v. Kameraobjektive) nur zusammenwirken, wenn das betrachtende Subjekt sich als überlegener neutraler Beobachter halluziniert, der sich dieser im fototechnischen Sinne austauschbaren Objektive rein instrumentell bedient. In diesem homogenen technizistischen Weltbild können keine Aporien existieren, keine Antagonismen, ist keine Erkenntnis möglich, welche das Subjekt selbst verändert, und schon gar nicht die politische Verfasstheit der Gesellschaft, die ja explizit und im engen Wortsinne reaktionär als ein von den Gründervätern-Göttern perfekt und für alle Ewigkeit geschaffenes Uhrwerk halluziniert wird. Selbstredend, dass in seinem als umfangreich präsentierten Objektiv-Patronengürtel «als Marxist sehen» logisch zwingend fehlten muss – und er schliesst folgerichtig: «Noch haben wir die Chance, eine Generation aufzuziehen, die mit dem kostbaren Uhrwerk umzugehen weiss».

Quelle:

Jonathan Haidt: Was Amerikas Einheit untergräbt. NZZ vom 4. August 2018, S.42:
https://www.nzz.ch/feuilleton/was-amerikas-einheit-untergraebt-ld.1407532

Antideutscher «Privilegiencheck»

Folgendes hier in Gänze wiedergegebenes Zitat stammt vom ansonsten immer wieder positiv überraschenden Textsnippet-Scout s((i))ghts Blog für relevante Sichtweisen zum Zeitgeschehen:

«Suchte die Mikropolitik noch die Aneignung eines, und die Verbindung mit einem Außen, eben dem, was man nun mal nicht ist (Arthur Rimbauds „Ich ist ein Anderer“ könnte als der Wahlspruch des Minoritär-Werdens gelten), lautet der Appell der Selbst-Kritisch Weißen: „Bleibe der, der du nun einmal bist und trage schwer an deinem Privilegien-Päckchen!“. Zu diesem Zweck findet eine narzisstische Nabelschau statt, die in eine anti-politische, individualistische Sackgasse führt, die sich ideal mit der neoliberal atomisierenden Gesellschaft verträgt. (…) Hinter der Kritik am status quo verbirgt sich dessen Affirmation. Es ist darin kein großes „NEIN! Schluss damit! So soll es nicht länger sein!“ enthalten – vielleicht DIE Voraussetzung aller Emanzipation.»
ad calendas graecas Blog, 02.08.2018
Privilegiencheck als unendliches Gerichtsverfahren. Über die Rückkehr der Bürde des weißen Mannes in der Postmoderne

Anhand der zitierenden Quelle könnte vermutet werden, es handle sich dabei um im Grunde genommen solidarische Kritik. Stutzig machen müsste aber allein schon das an erster Stelle platzierte Schlüsselwort «Privilegiencheck», wird es doch von den Schreiber*n immer im pejorativ-abwertenden Sinne verwendet, der eine Begriffsbestimmung selbstredend überflüssig macht. Die im Text zustimmend verlinkte Vortragsankündigung Die feine Gesellschaft und ihre Freunde von Bahamas-Autor Clemens Nachtmann, als wortgewaltiger «Antideutscher» ebenso selbstredend sicher verankert im akademischen Mittelbau einer staatlichen deutschsprachigen Universität (Graz), stellt die Sache klar: Die Vortragsankündigung hebt schon kontrafaktisch an mit «Antirassismus, früher ein Steckenpferd linker Kleingruppen, ist längst deutsche Staatsraison geworden: moralische Empörung gegen vermeintliche Rassisten und die Solidarisierung mit Flüchtlingen gehören zum guten Ton der Berliner Republik.» und endet ebenso kontrafaktisch mit «Die als „Willkommenskultur“ vermarktete Massenmobilisierung von 2015/16 war in dieser Perspektive eine Mischung aus islamophilem Kindergeburtstag und antirassistischer Volksfront, bei der es natürlich nicht um Flüchtlinge ging, sondern um die Selbstdarstellung der guten Deutschen und um einen weiteren Anlauf im endlosen Bemühen, die postnazistische Gesellschaft zum multikulturellen Stammesverband umzurüsten.»

Abgesehen von der akademisierenden Sprache und geringfügigen Patzern wie «postnazisitische Gesellschaft» ist die gesamte Ankündigung so gehalten, dass sie so und genau so auch in einem Parteiorgan der AfD erscheinen könnte. Auf nichtidentisches.de wurde bereits gesagt, was dazu zu sagen ist: «Die Solidarisierung mit der AFD hatte eine Vorgeschichte, die an anderer Stelle diskutiert wird. Wer Thomas Maul (oder auch Justus Wertmüller, Clemens Nachtmann, Magnus Klaue, Sören Pünjer, Felix Perrefort) 2018 noch einlädt und sich überrascht gibt über AFD-positive Äußerungen vor dem Vortrag, dem kann man zumindest Naivität oder Lesefaulheit vorwerfen. Nichts, was Maul zur AFD von sich gab, steht in Widerspruch zu den Ausgaben der Zeitschrift „Bahamas“ der letzten Jahre.»

Doch vom Kontext (also sinnbildlich der AfD) zum Text: Vordergründig inszeniert snoozinsontag sowas wie eine solidarische Kritik an sozialen Phänomenen der «Critical Whiteness» am Beispiel einer polemischen Twitter-Äusserung der US-Schauspielerin Anne Hathaway: «White people – including me, including you – must take into the marrow of our privileged bones the truth that ALL black people fear for their lives DAILY in America and have done so for GENERATIONS. White people DO NOT have equivalence for this fear of violence.»

Diese Polemik wird als wissenschaftliche Tatsachenfeststellung genommen und als Pappkameraden-Argument mit einer statistischen Manipulation umgekehrt: «Die Schau auf den weißen Nabel ist so durch und durch narzisstisch, dass die so Schauenden nicht bemerken, dass sie den Afro-Amerikanern die Angst nicht nimmt, sondern eher im Gegenteil: Dazu beiträgt, dass sich diese wie ein Alpdruck auf die Gehirne legt.» Er beschuldigt also die Proponenten der Critical Whiteness, eine nicht so bezeichnete Todesangstneurose bei «Afro-Amerikanern» kausal zu verursachen, anstatt sie im Sinne einer fernpsychiatrischen Therapie wegzunehmen, im Text: «Laut eines Berichts der Washington Post, der Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, wurden 2017 von der US-Polizei 958 Menschen erschossen, davon waren 68 Personen unbewaffnet. Der Anteil an Afro-Amerikanern betrug dabei 22 Prozent, davon 19 Prozent unbewaffnet. Beide Werte sind zwar hoch, wenn man bedenkt, dass Afro-Amerikaner nur 6% der Gesamtbevölkerung ausmachen, aber die Behauptung Hathaways, dass lediglich Afro-Amerikaner um ihr Leben, und sei es lediglich im Falle einer Polizeikontrolle, fürchten müssten, ist schlicht unhaltbar.»

Die statistische Manipulation besteht nur schon darin, den vielen «68 Menschen» die unbewaffnet erschossen wurden, nur wenige «19% Schwarze» (also nur 13 Personen) gegenüberzustellen. Kein Grund zur Besorgnis, alles nur Neurose, und es ist «White Man’s Burden» (sic), diese Angstneurose beim Schwarzen Mann mit antideutscher Indoktrination zu therapieren? Ein kurzer Gegencheck mit den Originaldaten und hier nur mit der einen Zeile für «unbewaffnet» (gerechnet mit GNU R):

dat < - read.csv(file="fatal-police-shootings-data.csv",head=TRUE,sep=",")
ar <- table(dat$armed, dat$race)
                              A   B   H   N   O   W
unarmed                   2   1  20  13   1   1  30

Von 987 Getöteten waren 68 unbewaffnet (also die Fälle irgendwo zwischen Mord und fahrlässiger Tötung), darunter waren 20 Schwarze und 30 Weisse. 20 von 68 sind nach Adam Riese 29% und nicht 19% – wenn es zahlenmässig nicht so gelegen käme, könnte das als Abschreibfehler durchgehen. Aber in der vom Antideutschen natürlich bevorzugten Deutschen Quelle (Die Zeit) stand wörtlich: «Dem Bericht zufolge waren 22 Prozent der Erschossenen männliche Afroamerikaner, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung der USA nur sechs Prozent ausmacht. 19 von ihnen waren demnach unbewaffnet, als sie von der Polizei getötet wurden. Dies waren zwei mehr als 2016, aber deutlich weniger als 2015.» 19 Personen – und eben nicht 19% bzw. 13 Personen!

Bei Gleichbehandlung wären 6% Schwarze Ermordete zu erwarten, tatsächlich waren es 2017 aber 29% – die Wahrscheinlichkeit, in den von den Antideutschen heissgeliebten USA von den Agenten des staatlichen Gewaltmonopols unbewaffnet erschossen zu werden, war also für Schwarze fast fünf mal höher als für Nichtschwarze. Das «deutlich weniger als 2015» gibt einen Hinweis, hier die Zahlen über den gesamten Datensatz (2015 – 2018):

                                A   B   H   N   O   W
unarmed                     4   1  89  45   3   5  99

Von gesamthaft 246 unbewaffnet Getöteten waren 89 Schwarze, was einen Anteil von gut 36% ergibt, also sechs mal höher. Diese 6x höhere Wahrscheinlichkeit veranlasst snoozinsontag, gegen Hathaway zu höhnen: «die Behauptung Hathaways, dass lediglich Afro-Amerikaner um ihr Leben, und sei es lediglich im Falle einer Polizeikontrolle, fürchten müssten, ist schlicht unhaltbar.» Mensch stelle sich diese Zahlen (Faktor 6) und derartige Behauptungen im Zusammenhang mit eventuell krebserregenden Medikamenten vor…

Bekanntlich sind MINT-Fächer die Sache des Antideutschen nicht, also weiter zum geisteswissenschaftlichen Teil von snoozinsontags Polemik: «Hinter der Kritik am status quo verbirgt sich dessen Affirmation. Es ist darin kein großes „NEIN! Schluss damit! So soll es nicht länger sein!“ enthalten – vielleicht DIE Voraussetzung aller Emanzipation.» Diese dreiste Lüge unter Auslassung von «Black Lives Matter» bedürfte eigentlich keines Kommentars, sprechen für Nicht-Antideutsche die Zahlen doch für sich, ganz im Sinne von Frantz Fanon: «Diese Dinge werde ich sagen, nicht schreien. Denn schon lange ist der Schrei aus meinem Leben gewichen.» (Schwarze Haut, weisse Masken, Einleitung) Aber wir haben es bei Antideutschen eben mit autochthon Deutschen zu tun, mit authochthon Deutschem Umgang mit Bevölkerungsstatistik und damit autochthon Deutscher Banalität des Bösen.

Aus dem zitierten Zeit-Artikel: «Das große öffentliche Bewusstsein habe dafür gesorgt, dass die Beamten bei ihren Einsätzen vorsichtiger auf unbewaffnete Personen reagierten, sagte der Polizei-Experte Chuck Wexler der Washington Post.» Dieses gewachsene Bewusstsein mit allen rhetorischen Mitteln zu torpedieren, ist das offensichtliche unerklärt-erklärte Ziel snoozinsontags, indem er hinsichtlich der empirisch leicht gesunkenen Bedrohung kontrafaktisch psychologisierend schwadroniert: «Die Behauptung, Schwarze müssten immer und überall Todesangst haben, verstärkt die Bedrohung nur noch und steht damit jedem aufklärerischen, antifaschistischem, antirassistischem Empowerment entgegen. Freiheit von Angst müsste das Ideal sein, nicht ihre Beschwörung.» Was um Himmels Willen tut denn snoozinsontags anderes, als mit den gezeigten statistischen Manipulationen, also neudeutsch «alternativen Fakten», eine heile Welt zu beschwören?

Der auf die «Critival Whiteness» laienpsychoanalysierend gemünzte Schlusssatz: «Machen wir den Titel zum Programm: SCHLUSS MIT DEM GERICHT!» ist in dem gezeigten Antideutschen Zusammenhang leider autochthon Deutsch zu verstehen, denn die Schlussstrich-Metaphorik zieht sich durch den ganzen universalhistorisierenden Teil des Textes: «Die Narben, die 500+ Jahre Kolonialismus hinterlassen haben, reichen offenbar immer noch tief in die Gefühlshaushalte hinein.» (Was denn sonst?) «Allemal ist es begrüßenswert, dass eine wachsende Zahl von Menschen ein Bewusstsein für die Verwerfungen entwickelt, die das imperiale Zeitalter produziert hat, und welches Leid die westlichen Nationen einst über den Rest der Welt brachten.» («einst», also im märchenhaften «es war einmal», irgendwann in grauer Vorzeit, es gibt keinen Neokolonialismus, es gibt keine für den Trikont ökonomisch selbstmörderische «Freihandelsverträge», keine Militärinterventionen, nichts). «Die historische Schuld kann nicht im Individuellen abgetragen werden, da der Kolonialismus als historische Phase in der weltweiten Expansion des Kapitalverhältnisses ein gesellschaftliches Phänomen ist, das zu gesellschaftlichen Verwerfungen führte, die bis heute nachwirken und die nach gesellschaftlichen, politischen Lösungen verlangen.» (immerhin doch schwammig «nachwirken») «Dabei ist daran zu erinnern, dass im Schatten dieser Verwerfungen zugleich auch erstmals in der Geschichte der Menschheit die Möglichkeit am Horizont aufschien, dass der Mensch sich endgültig von den Fesseln des Naturzwangs löse.» (Die vielen positiven Seiten des Kolonialismus nicht zu vergessen, wie war das noch mit den Autobahnen in Deutschland?):

Also: Schlussstrich unter die fortdauernde mörderische Geschichte das Rassismus in den USA, damit (noch!) unsagbar mit Gauland und der AfD: Schlussstrich unter den «Vogelschiss der Deutschen Geschichte»!

Max Frisch, der CIA und Adorno

Eigentlich nichts Neues, dass nach WK 2 die deutschsprachige Hochkultur umfassend vom Geheimdienst CIA gesponsert und damit inhaltlich determiniert wurde. Dieser Satz aus der Sonntagszeitung war mir noch unverdächtiges Allgemeinwissen: „Die Amerikaner pushten die abstrakte Kunst, darunter die Tröpfelbilder eines Jackson Pollock, die politisch so unverdächtig sind, dass sie in einer Grossbank hängen können.“ – doch dieser Satz aus darauf folgenden Telepolis-Artikel zündete mir eine Idee: „Das wohl effizienteste Instrument der CIA war die politische Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Export von Kultur wie Jazz und Spielfilmen, die für ein positives Verhältnis zur atombombenwerfenden Supermacht sorgten.“ (Telepolis).

Marcuse war angeblich der Einzige, der zu Lebzeiten zugegeben hatte, auf der Payroll des CIA zu stehen, und dass Horkheimer sich als CIA-Agent im Interesse der US-militärisch-industriellen Komplexes verstand und pflichtbewusst danach handelte, war eigentlich offensichtlich („es ist im Grunde die Verteidigung der Verfassung, die Verteidigung der Menschenrechte, und Sie können heute sagen: ja, und was passiert denn da in Vietnam? (…) sie verteidigen die Welt, in der es noch ein bißchen so etwas wie Freiheit gibt, gegen das Gegenteil, selbst wenn man dazu auch totalitäre Mächte leider benutzen muß.“, Horkheimer), und warum sonst hätte er die akademische Karriere des durch und durch bürgerlich-konservativen Habermas als „zu links“ verhindern wollen?

Doch der Ausdruck „Atombombe“ ist untrennbar verbunden mit dem Lebenswerk von Günther Anders, dessen akademische Karriere zu verhindern Adorno angeblich ein Anliegen war (zitiert nach Wikipedia): „Es gibt Gerüchte, dass Theodor W. Adorno wegen einer vermeintlichen Heidegger-Nähe Sterns und aus qualitativen Gründen heftigen Einspruch gegen dessen Arbeit erhoben habe und die Habilitation bei Tillich in Frankfurt deshalb gescheitert sei.“, Ofenschlot zitierte die Sachlage konzentriert auf den Punkt: „Günther Anders, das muss man noch erwähnen, war Antimilitarist. Und Adorno doch irgendwie auch, oder?“ – »Einmal habe ich ihn gebeten, auf einer Ostermarsch-Kundgebung zu sprechen. Ich war krank geworden. Da sagte er am Telefon: ’Sie wissen doch, dass ich hinter keiner Fahne herlaufe.‘ – ’Dann laufen Sie doch vor der Fahne‘, entgegnete ich. Er legte auf.«

Nicht zwei, nicht drei, nicht vier, nein eine (1) Fundstelle zum Stichwort „Atombombe“ findet sich in den abertausenden von Seiten der kompletten gesammelten Schriften von Adorno (der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es zu „atom bomb“ immerhin sieben (7) Fundstellen auf 3 Seiten der in den USA entstandenen „Qualitative Studies of Ideology“ gibt): „Man wird weiter die Erwägung nicht von sich abweisen können, daß die Erfindung der Atombombe, die buchstäblich mit einem Schlag Hunderttausende auslöschen kann, in denselben geschichtlichen Zusammenhang hineingehört wie der Völkermord. Die sprunghafte Bevölkerungszunahme heute nennt man gern Bevölkerungsexplosion: es sieht aus, als ob die historische Fatalität für die Bevölkerungsexplosion auch Gegenexplosionen, die Tötung ganzer Bevölkerungen, bereit hätte. Das nur, um anzudeuten, wie sehr die Kräfte, gegen die man angehen muß, solche des Zuges der Weltgeschichte sind.“

Der ohne Rücksicht auf eigene Verluste öffentlich ausgelebten leidenschaftlichen Inbrunst, mit der Adorno unermüdlich und direkt gegen diese „Kräfte“ anging, die öffentlich ganz selbstverständlich mit der atomaren Vernichtung der Menschheit im Ganzen (bei Adorno verniedlichend „auf einen Schlag Hunderttausende auslöschen“) zur Verhinderung des Kommunismus drohten, verdankte er seine ungefährdete Stellung als Medien-Star im öffentlich-rechtlichen Radio. Mensch muss nicht buchhalterisch auf der Payroll des CIA stehen, um dessen imaginierte Pistole an der Schläfe, die doch nur die unsichtbare Hand am Stecker der eigenen Erfolgsmaschine ist, verschämt zur Grundlage des eigenen Handelns zu machen.

Ende der 90er schenkte mir Adorno-Schüler Detlev Claussen an diesen immergleichen akademischen Einführungsvorlesungen zur Kritischen Theorie jenen unvergesslichen Blickkontakt, beim Erörtern der Mitarbeit Horkheimers beim OSS (Vorgängerorganisation des CIA), diesen kurzen, herausfordernd prüfenden Blick, der meinerseits nicht auf die vielleicht erhoffte komplizenhaft-hoffnungsvolle Faszination, sondern auf fassungslose Entgeisterung traf. Ein Blick, der endgültig klärte: Nein, ich würde an seinem Institut in Hannover, einer veritablen Brutstätte das antideutschen US-Militarismus, niemals geduldet werden.

Quellen

Max Frisch und die CIA. TagesAnzeiger/Sonntagszeitung, 4.2.2018
https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/max-frisch-und-die-cia/story/21051959

Die Max Frisch-Identität, Telepolis, 7.2.2018
https://www.heise.de/tp/news/Die-Max-Frisch-Identitaet-3962024.html

Zum Horkheimer-Zitat:
http://ofenschlot.blogsport.de/2010/07/26/der-alter-mann-und-der-krieg/
http://undenkbar.blogsport.de/2017/11/26/rene-scheu-und-bassam-tibi-in-der-nzz-die-barbaren-berufen-sich-auf-adorno/

Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. C. H. Beck, München 1956
https://de.wikipedia.org/wiki/Günther_Anders

Ofenschlot: Anders vs. Adorno
http://ofenschlot.blogsport.de/2009/07/11/anders-vs-adorno/

Adorno: Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Erziehung nach Auschwitz. Digitale Bibliothek Band 97: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 8518 (vgl. GS 10.2, S. 675)

Adorno: Band 9: Soziologische Schriften II: Part IV: Qualitative Studies of Ideology. Digitale Bibliothek Band 97: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 6488 (vgl. GS 9.1, S. 419)

Zum autoritären Welt- und Menschenbild (verwertbarer) esoterisch ausgerichteter Heilverfahren

„Das ist unsoziologisch gedacht“ als der „schlimmste Vorwurf“ war vor einiger Zeit an einem Vortrag in der SWR-Tele-Akademie zu hören. Aber der Text hier ist nicht als Vorwurf gedacht, sondern als Ergänzung, denn auf der Ergänzung „verwertbar“ im Sinne von kapitalistischer In-Wert-Setzung zum Originaltitel des Beitrags von Ingrid Tomkowiak im sehr lesenswerten Blog Geschichte der Gegenwart soll hier etwas herumgeritten werden: Tomkowiak selbst beginnt mit: „Esoterische Heilverfahren haben seit den 1980er Jahren Konjunktur. (…) Entsprechende Ratgeberliteratur findet sich in nahezu jeder Buchhandlung, Bildungsträger bieten zahlreiche Therapiekurse an, Messen und Gesundheitsmärkte boomen.“

Richtig bemerkt sie, dass diese Therapien auf eine „Veränderung der Grundanschauungen“ zielen und damit „auch politisch zu beurteilen“ sind. Ungesagt und ungedacht bleibt im Folgenden aber, dass die von ihr treffend beschriebenen Phänomene an (und primär an) derjenigen Spitze des Eisbergs nachgewiesen werden, die in den vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnissen von ungefährdeter öffentlicher Sichtbarkeit profitiert.

Ein Beispiel: „Als Wert an sich wird ‚Natur‘ bestimmt. Dabei erfährt sie eine Reihe positiver Zuschreibungen: Sie gilt als sanft und zugleich als sicher, als harmonisch, rein und – wie selbstverständlich – als gesund.“ Wird das so als Kritik formuliert, wird ungesagt vorausgesetzt, dass diese verabsolutierende Aussage in erster Linie die absoluter Entfremdung dokumentiert, die im bürgerlichen Begriff von „Natur“ als etwas „Anderem“ bzw. gesellschaftlich „Geandertem“ bereits angelegt ist. Wer „Natur“ einfach nur als „sanft und zugleich sicher“ wahrnimmt, nimmt die eigene sinnliche Wahrnehmung der Sanftheit und Sicherheit des Polstersessels in der geheizten Stube vor dem Fernseher während der Naturdoku irrtümlich für das Ganze.

Dieselbe Entfremdung wird sichtbar in der eklektizistischen Aneignung von (u.a.) „Elemente(n) aus der mittelalterlichen Mystik, der Alchemie, der Ur- und Stammeskulturrezeption, exotische medizinische und paramedizinische Techniken, Anleihen aus der Naturheilkunde und Kräutermedizin verschiedener Kulturen und Epochen.“ Damit „liefern VerfasserInnen esoterisch ausgerichteter Gesundheitsratgeber triviale Erklärungsmuster komplexer Zusammenhänge und Sachverhalte“. Ja, das tun sie: aber das ist nur möglich im Modus der enteignenden und anschliessend ökonomisch in-Wert-setzenden „cultural appropriation“.

Denn wenn es einen Konsens unter Ethnolog*en und Anthropolog*n der Gegenwart gibt, dann diesen: Die oben angedeuteten „Elemente“ sind jedes einzeln an und für sich unendlich kompliziert und erfordern jahrelanges ernsthaftes Studium zur Erlangung von Kompetenz in dem Fachgebiet. Und dann der Erkenntnis-Schock: diese Kompetenz lässt sich schon linguistisch gerade nicht einfach in die Sprache der Forscher* übersetzen – im Gegenteil: sie kann die eigene, vermeintlich vertraute Sprache ins Unverständliche verfremden! Diese Tatsache ist aber unter den gegebenen Verhältnissen nur solchen Leuten zugänglich, die sich – weil des Lesens mächtig – angewidert abwenden von Regalmetern von Eso-Literatur, die „sich in nahezu jeder Buchhandlung“ finden – um anschliessend festzustellen, dass der extra aus den USA eingeschiffte Klassiker im Kaufbeleg unter „Esoterik“ einsortiert ist…

Ein Gedankenexperiment: 100 Jahre zurückspulen, und es fallen die Sätze: „Der Vorwurf an die Schulmedizin lautet, sie sei gegen die Natur des Menschen gerichtet. Entsprechend wird ein ‚neues Paradigma‘ im Beziehungsgefüge von Gesundheit, Krankheit und Heilung postuliert.“ Soweit, so selbstverständlich ohne Kontext – aber die Diskussion dreht sich um eine manifest psychisch kranke Person, welche schon dutzende von teuren medikamentösen Therapien gegen die damals wissenschaftlich erwiesene Krankheit der Homosexualität hinter sich hat. Wieder 100 Jahre vorspulen, und die zitierten Sätze leuchten in ganz anderen Farben.

Der rhetorische Trick mit den hundert Jahren vereinfacht das schnelle oberflächliche Verständnis, verschleiert aber (und das ist das Entscheidende), dass damals genau dieselben Regalmeter strukturell derselben Literatur „sich in nahezu jeder Buchhandlung“ fanden, die damals unter den von Tomkowiak selbst zitierten „Denkmuster der Reformbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts“ firmierten. Mensch muss nicht Thomas Manns Zauberberg zitieren, um für die damalige Zeit festzustellen: „Bildungsträger bieten zahlreiche Therapiekurse an, Messen und Gesundheitsmärkte boomen.“ – aber eben: als Spitze des Eisbergs, die in den vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnissen von ungefährdeter öffentlicher Sichtbarkeit profitiert. Dass in derselben Epoche im Unverstandenen und Verborgenen das zu reifen begann, was heute als poststrukturalistische Ethnologie und Anthropologie einer Minderheit langsam verständlich zu werden beginnt, war damals noch nicht abzusehen.

Aber eine solche Argumentationsform wäre doch das titelgebende Programm der Geschichte der Gegenwart?

Ingrid Tomkowiak: Zum autoritären Welt- und Menschenbild esoterisch ausgerichteter Heilverfahren
Geschichte der Gegenwart, 14.1.2018
http://geschichtedergegenwart.ch/sanfte-alternativen-zum-autoritaeren-welt-und-menschenbild-esoterisch-ausgerichteter-heilverfahren/



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