undenkbar geht in den Untergrund: http://mausniiy366dxw23.onion

Der Blog http://undenkbar.blogsport.de ist zukünftig via Untergrund-Tor-Browser erreichbar unter http://mausniiy366dxw23.onion. Wenn die öffentlichen Tor2Web-Gateways im Übergrund gerade mal nicht verstopft sind, können die jeweiligen Link-Ergänzungen wie http://mausniiy366dxw23.onion.to oder http://mausniiy366dxw23.onion.link benutzt werden.

RSS-Feed

Für den RSS-Feed http://mausniiy366dxw23.onion/feed.xml ist das wohl impraktikabel, dann hilft auf einer Linux-Kiste in einem Cronjob folgender Durchstich in den Untergrund:

torsocks curl http://mausniiy366dxw23.onion/feed.xml > undenkbar.feed.xml

Die erhaltene .xml-Datei in ein für den Feedreader erreichbares www-Verzeichnis kopieren:

sudo cp undenkbar.feed.xml /var/www/html/

Anschliessend diesen Feed abonnieren. Das funktioniert im Prinzip für alle einfachen Onion-Webseiten im Untergrund.

Ergänzung zum toitschen Karneval bei dame.von.welt

Kann den Erörterungen auf https://dvwelt.wordpress.com/2019/03/04/ich-als-unschuldige-frau/ nur beipflichten. Wie eine Antiutopie im Sinn- und Bedeutungssystem des Candomblé kürzlich auf arte die Doku «Alles Karneval» aus Salvador da Bahia:

https://www.arte.tv/de/videos/053916-000-A/alles-karneval/

Arany von der Ilê Aiyê bringt die Sache gleich zu Beginn auf den Punkt: „Als ich jung war, da nahmen farbige Tucada-Gruppen und Samba-Schulen noch nicht am Karneval in Bahia teil, den der, der war Weiss. Wir haben den Karneval in unseren Vierteln gefeiert, aber 1975 wagten sich Ilê Aiyê zum ersten mal ins Zentrum vor und schlossen sich einfach dem Weissen Karneval an. Die Gruppe, ausschliesslich junge Schwarze, stammten aus dem Stadtteil Liberdade, in dem die Bevölkerung hauptsächlich Schwarz ist. Wir wurden ausgepfiffen. Die Polizei ging direkt neben uns. Das war ja noch zu Zeiten der Militärdiktatur. Die Zeitungen der Stadt kritisierten uns scharf. Sie schrieben, im Bundesstaat Bahia herrsche eine grosse Demokratie der sogenannten Rassen, und wir würden den Karneval für eine rassistische Aktion ausnutzen. Aber so war das nicht. Wir wollten einfach unsere Wurzeln feiern. Mutter Afrika und unsere Kultur – sonst nichts.“ Voilà der von Seiten pi-news.net wie redaktion-bahamas.org oder auch dem NZZ-Feuilleton bauernschlau und ad nauseam wiederholte Rassismusvorwurf an alles Nichtweisse im Original.

Die bei dame.von.welt erläuterte Tradition des «Nubbelverbrennens» war mir bis dato unbekannt, nicht aber das vormoderne katholische Original des «Bwile Jwif» (kreol., frz. «brûler juif»), das sich in ländlichen Gegenden von Haiti offenbar ganz unverfroren lebendig gehalten hat: «I looked up and noticed a straw dummy sitting on the roof of the house across the street. It was a “Jew”. He was sitting in a chair in the open air, on top of this one-story tin-roofed house. Made of straw and dressed in blue jeans, a shirt, suit jacket, and sneakers, this “Jew” wore a tie and had a pen sticking out of his shirt pocket. His legs were crossed, and over them sat what looked to be a laptop computer fashioned out of cardboard. A cord seemed to run from the computer down into a briefcase that sat by his chair.» (S. 83) Nach Komplimenten für die schöne Puppe erklärte der «mèt Jwif-la» (der Besitzer): «“Oh yes, we leave it up for the Rara band to pass by. Tomorrow afternoon we’ll burn it,” he said. ”Aha … well … great …” said my research partners an I, flaring our eyes at each other. I guess nobody told the guy that Jean-Claude Duvalier banned the practice in the 1970s, around the time of a rush of tourism and foreign industrial investment. I bet other people still do it, here and there.» (S. 83) Soviel zur nützlichen Fiktion des «christlich-jüdischen Abendlandes» von Seiten der C-Parteien und pi-news.net oder auch der aktuellen Ausgabe der Bahamas.

Quelle

Elizabeth A. McAlister: The „Jew“ in the Haitian Imagination. Pre-Modern Anti-Judaism in the Post-Modern Caribbean. In:
Claudine Michel, Patrick Bellegarde-Smith (Ed.): Invisible Powers. Vodou in Haitian Life and Culture. Palgrave Macmillan, New York 2006.

Ergänzung zu «Oh Broder, where art thou?» auf nichtidentisches.de

Der Beitrag Oh Broder, where art thou? wurde auf nichtidentisches.de postwendend von “Ich” und “Ruth Spicker” niedergemacht. In ihrem pawlowschen Schreibreflex ist den Kommentierenden aber offensichtlich entgangen, dass mit der dort als «Trash» betitelten Konklusion «einfach Verfall in eitlen Altherren-Gestus, ins Bescheidwissertum» Henryk Broder – wider die logisch stringente Argumentation der Analyse selbst – aufgrund früherer Texte (namentlich die «tiefe, materialreiche Kritik an antiisraelischer Medienkultur») gerade in Schutz genommen wird. Broder zeigt für mich aber keinerlei Anzeichen von Senilität, die das «berechnende Kalkül» des «neurechter Agitator(s)» irgendwie entschuldigen könnten, sondern einen hellwachen Geist, der als langjährig erfahrener Polemiker jedes Wort, jede Wendung der Sprachmelodie und jeden Applaus im Hinblick auf die beabsichtigte Wirkung bei ganz genau diesem Publikum, der AfD-Fraktion im Bundestag und gleichzeitig der berichtenden Presse, sorgfältig abgewogen und geplant hat.

Zunächst eine Ergänzung zur Analyse von Broders Satz: «Ich bin für eine Verschärfung des Tatbestands „Kindesmissbrauch“, um auch solche Fälle verfolgen zu können, wie den der bereits erwähnten Greta aus Schweden, die von den Klimarettern zur Ikone ihrer Bewegung erkoren wurde.» Bei nichtidentisches:

«Warum Broder vor der AFD hier eine 16-jährige erst als Gegnerin, dann als Opfer von Kindesmissbrauch inszeniert, ist aus propagandistischer Sicht logisch: Er objektiviert sie zunächst, um ihr für alte Männer und autoritär geprägte Frauen beängstigendes Selbstbewusstsein lächerlich zu machen, und dann die entstandene Aggression auf jene zu lenken, die Greta Thunberg angeblich „missbrauchen“ würden.»

Sehr richtig, es geht darum, «die entstandene Aggression auf jene zu lenken, die Greta Thunberg angeblich „missbrauchen“ würden»: Also erstens die Aggressionen bewusst zu erzeugen und zweitens ins gewünschte Ziel zu lenken, im Wissen darum, dass das Wunschziel mit der ursprünglichen Aggression gar nichts zu tun haben muss. Zu ergänzen ist aus meiner Sicht: Broder wusste bei der Wahl des Ausdrucks «Kindesmissbrauch» haargenau, dass er vor Publikum spricht, welches an einschlägigen Kundegebungen gerne und lautstark die «Todesstrafe für Kinderschänder» fordert. Diese unausgesprochene Bestrafungs-Assoziation nahm er nicht einfach billigend in Kauf («Versehen» gibt es beim Polemiker-Vollprofi Broder nicht), sie war Absicht.

Hier die Rede in Bild und Ton von der Original-Quelle, dem Youtube-Kanal der «AfD-Fraktion Bundestag»: Henryk M. Broder zu Gast bei der AfD-Fraktion! Nebst hunderten von begeisterten Kommentaren von Seiten der AfD-Gefolgschaft darunter hat das Video gegenüber dem veröffentlichten Transkript den Vorteil grösserer Vollständigkeit. Ich greife hier stellvertretend für das Ganze zwei prominente Stellen heraus, Broders «Kritik» an der AfD und sein Schlusswort.

Das «allfällige(m) Schimpfen auf extremistische Auswüchse» (nichtidentisches) zu Handen der bürgerlichen Presse muss mit der Lupe gesucht werden und konkretisiert sich in folgender Erörterung zu Gaulands «Vogelschiss»-These: «Das ist nicht nur aus der Sicht der Nazi-Opfer – der Juden, der Zigeuner, der Homosexuellen, der Widerstandskämpfer, der Deserteure – eine schwere Sünde. Es muss auch ein No-Go für jeden Deutschen sein, der kein Jude, kein Zigeuner, nicht schwul ist und keine Angehörigen hat, die von den Nazis verfolgt wurden.»

Broder kommentiert den geplanten Applaus in der Kunstpause: «Ich merke schon, wie Sie ihren Beifall sorgfältig dosieren» (29:45) und wird dabei von Martin Renner (MdB) wie zum Trost sanft am Oberarm gestreichelt. Dabei hatte Broder doch zwei Sätze zuvor mit dem überbreit betonten Ausdruck «PC-mäßig unverdorbenen Eltern» den Fusstritt en passant gegen die verhasste «political correctness» mit der wiederholten Verwendung des Z-Schimpfwort zur Bezeichnung einer Opfergruppe der Shoa bereits vorgespurt. Ist kaum jemandem aufgefallen (Ausnahme: Leander Sukov in Broder, Zigeuner und die AfD) – auch nicht, dass Broder zur Verteidigung dieser pejorativen Bezeichnungen an sich manipulativ verharmlosend ausschliesslich(!) von Zuckergebäck spricht («Ich will meine Jodenkoeken wiederhaben!»), diese Bezeichnungen aber selbst Zustimmung erheischend als herabsetzenden Bezeichnung von Menschengruppen verwendet.

Vorausahnend, dass diese Doppelbödigkeit kaum verstanden würde, nimmt er seine «Kritik» sofort und explizit zurück: «Meine Damen und Herren, ich bin nicht hierhergekommen, um Ihnen eine Predigt zu halten oder Ihnen zu sagen, was Sie tun oder was Sie lassen sollten.» Mit anderen Worten: Broders «No-Go» gilt erklärtermassen nicht für die AfD und deren Anhänger*, sondern war ausschliesslich als Zitiervorlage für die beschwichtigende Berichterstattung geplant. Dieser gelungenen Doppelbödigkeit galt Renners Streicheln und wohl auch das nur für einen kurzen Augenblick im rechten unteren Bildwinkel sichtbare begeisterte «Daumen hoch» der Person neben ihm.

Als Martin Renner die Veranstaltung beenden will (1:15:10), unterbricht ihn Broder, um seine ihm wichtigste Kernbotschaft loszuwerden: «Ich wollte nur eins klären. Wir haben über Antisemitismus gesprochen, das ist eine üble Geschichte. Ich will das auch gar nicht runterspielen. Aber es ist politisch weitgehend irrelevant. Auch wenn es schrecklich ist, wenn jemand ne Kippa trägt, zusammengeschlagen wird, das ist alles unentschuldbar. Aber im Grossen und Ganzen ist es politisch irrelevant. Das einzige, was heute politisch relevant ist, ist die Existenz Israels.» Es folgt eine personalisierte Breitseite gegen den namentlich ungenannten Heiko Maas/SPD wegen des Handels mit dem Iran. Der hier geplante Applaus seitens der AfD galt selbstverständlich nur dem Angriff gegen die SPD, keineswegs (aus Sicht der AfD) etwaigem Firlefanz mit dem Iran.

Broder schliesst (1:17:48): «Es ist nicht der klassische Antisemitismus, der ist weitgehend ein Polizeiproblem. Egal ober von den Linken oder der Rechten, den Muslimen, den Vegetariern oder den Radfahrern ausgeht, das ist völlig egal. Entscheidend ist die Haltung der Politik gegenüber Israel. Das ist die einzige Art des Antisemitismus, die ich wirklich für gefährlich halte, aktuell wie potentiell. Und deswegen bin ich ihnen dankbar, wenn Sie sich für das Existenzrecht Israels aussprechen. (…) Aber wie gesagt, Sie müssen noch eine Schippe drauflegen.» Herzlicher Schlussapplaus und weihevolle Worte von Martin Renner.

Auf gut Deutsch: Im Wissen um die mittlerweile plakativ vor sich hergetragene Israelsolidarität der politischen Rechten in den USA und Europa, die mitnichten dem Ziel «Israel garantiert die Sicherheit der Juden in der Diaspora» (Broder 1:15:50) geschuldet ist, sondern primär der Bewunderung für den israelischen Militärapparat im Einsatz gegen als solche erklärte «Musels» (Diktion auf pi-news), in diesem Wissen erteilt Broder jeder Manifestation des Antisemitismus in- und ausserhalb der AfD die generelle Absolution, sowohl im mehrfach wiederholten, mittels Handgestik und langsamen Sprechen überbetont ernsten «politisch irrelevant» wie auch im spöttischen von «den Vegetariern oder den Radfahrern», als Inbegriff der Harmlosigkeit ganz bewusst gewählt, um die zuvor in flapsig Silben verschluckendem Ton gefallenen Wörter «schrecklich» «Kippa» «zusammengeschlagen» aus dem Gedächtnis zu verdrängen.

Denselben Gedächtnistilgungs-Mechanismus hat Broder mit dem in diesem Kontext geplanten Schlusssatz «Sie müssen noch eine Schippe drauflegen» bewusst angestrebt: der sollte im Schlussapplaus als psychische Wunscherfüllung so und genau so in Isolation hängenbleiben, dass es dabei eigentlich um das Existenzrechts Israels und mitnichten um das Ziel, die das Bundeskanzler*amt besetzende Regierungspartei zu werden ging, sollte gar nicht wahrgenommen werden, weder von innen noch von aussen.

Und das ist ihm, wie mensch sieht, umfassend gelungen.

Grobschächtige Ignoranz bei Feynsinn: Zur Problematik selbsterklärter Meritokratie bei den Macher*n Freier Software

Zustimmung erheischend polemisiert Feinsynn mit dem identifizierenden Slogan «Idiotäre von rechts bis links» gegen das erst in den Akklamationen verlinkte postmeritokratische Manifest. Den Manifestant*en unterstellt er kontrafaktisch, sie würden die Welt universal in «Gut®» und «Böse®» einteilen, um diese so der Lächerlichkeit preiszugeben: «Eine Aktivistin der Pseudolinken hat jüngst eine ganz schlimme Sache entdeckt, die sie „Meritocracy“ nennt, also die Dominanz der Verdienten und Fähigen, hier im Zusammenhang mit Programmieren. Das Schlimme daran sei, dass diese „Böse Leute dafür belohnt, dass sie guten Code schreiben“.» Ganz manichäisch lokalisiert Feynsinn bei sich und seinem Kommentariat die Intelligenz der «Verdienten und Fähigen», also der «Guten®» (sic), die sich der Pappkameradenarmee der Dummen mit ihrem «verrotteten Denken», welche «beleidigen, mobben und ggf. sogar Gewalt ausüben» darf, also dem «Bösen®» (sic) schlechthin, heldenhaft entgegenstellt.

Das nicht weiter belegte Zitat der «Aktivistin» lässt sich aber entgegen Feinsynns Ansinnen aus dem Manifest eben gerade nicht ableiten: Die Problematisierung des Begriffs der Meritokratie selbst macht nämlich explizit den Kern des Manifests aus: «Falls dir die Kritikpunkte von Meritokratie nicht bekannt sind, mache dich bitte auf dieser Seite mit ihnen vertraut.» Das haben Fenysinn wie auch zustimmendes Kommentariat nachweislich nicht getan und verstossen damit gegen Feynsinn eigenes Impressum: «Wenn du keine Ironie verstehst, den Artikel nicht gelesen hast, Probleme bei sinnentnehmendem Lesen hast oder humorbefreit die Welt über deine Prinzipien belehren willst, bist du hier nicht richtig».

Implizit bedient Feynsinn sich eines akademisch durchaus hegemonialen Vulgärhabermasianismus, welcher die soziale Welt in «System» und «Lebenswelt» einteilt, wobei die habermasianische Lebenswelt die alleinige Domäne von Diskurs im Sinne eines wechselseitigen Anerkennens und Abwägens von Geltungsansprüchen, also von Politik schlechthin darstellt, das «System» als Domäne der Naturwissenschaften dagegen in sich selbst vollständig determiniert sei. Das «Programmieren» wird in diesem Paradigma umstandslos dem «System» zugerechnet, was eine eindimensionale und damit eindeutige Bestimmung von «guten Code» erst möglich machen würde.

Diese Bestimmung ist jedoch auf mehreren Ebenen objektiv falsch und offenbart ganz einfach Unkenntnis der Materie: Das Machen von Software generell besteht längst nicht nur aus dem Schreiben von «Code», sondern ist immer auch ein soziales Unternehmen mit vielfältigen Aushandlungsprozessen, sowohl innerhalb von Konzernen wie Microsoft, IBM oder Google wie auch in Open Source Projekten wie dem Linux-Kernel (welches eng mit solchen Konzernen verbandelt ist), OpenOffice/LibreOffice, der Debian/Ubuntu-Distribution oder dem OwnCloud/Nextcloud-Server. Die Schrägstriche sind als Chiffren für ein jeweiliges Schisma (aus je eigenen Gründen) im entsprechenden Projekt zu verstehen und problemlos im Internet auffindbar.

Doch selbst die analytische Beschränkung auf das Artefakt «Code» im engsten Sinne offenbart eine Indeterminiertheit der Sache selbst: das juristische Konzept der «Freien Software» basiert auf dem Ergebnis eines politischen Aushandlungsprozesses mit dem Resultat, Programmcode nicht dem Patentrecht zu unterstellen wie etwa Konzepte von Maschinen oder chemischen Verbindungen, sondern dem Urheberrecht, also derselben Rechtsprechung, der die materiellen Ergebnisse der Arbeit von «Dichtern und Denkern®» wie Feynsinn und Gefolge unterliegen. Dieser Umstand machte Richard Stallmans GNU General Public License materiell erst möglich: In Schritt 1 wird rechtsverbindlich das eigene Urheberrecht am «Code» objektiv festgestellt, in Schritt 2 auf dieser Basis irreversibel eine Menge an Freiheiten zugesichert, wie Andere mit diesen rechtlich geschützten Arbeitsergebnissen weiter verfahren dürfen.

Es gibt genauso wenig den «guten Code» wie es das «gute Gedicht», das «brillante Essay», den «bedeutenden Roman» gibt. Es gibt ganz unterschiedliche Paradigmen, die koexistieren, einander ablösen, überlagern, sich ergänzen oder sich widersprechen (aktuell etwas die Debatte um «die Symboliker und die Konnektionisten» in der KI), und es gibt ganz unterschiedliche Auffassungen von «Schönheit» im Sinne des «Schönen Wahren, und Guten» im Code selbst.

Tux‘ Frotzelei in seinem Kommentar: «Klar schmieren zwei von drei Installationen dauernd ab, aber wenigstens wurde mit Liebe programmiert.» ist daher ganz und gar unangebracht: Entwickler*-Profis erkennen intuitiv sofort, ob – unabhängig vom zugrundeliegenden Paradigma – «mit Liebe programmiert» oder eben «lieblos programmiert» wurde, auch und gerade an den eigenen Arbeitsergebnissen, die nach Monaten oder Jahren überarbeitet werden müssen. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: «Programmiere immer so, als ob dein* Nachfolger* ein* antisoziale* gewaltbereite* Psychopath* wäre, der/die weiss, wo du wohnst!» – die Erkenntnis, dass diese imaginäre Person höchstwahrscheinlich «Ich selbst!!!» sein wird, ist das Ergebnis jahrelanger Berufserfahrung.

Das Konzept der «Meritokratie» ist irreduzibel eingebettet in soziale Kontexte und daher zutiefst problematisch, wie in den bei postmeritocracy verlinkten, aber bei Feynsinn & Co. aktiv ignorierten Texten ausführlich dargelegt wird, vor allem dann, wenn eine soziale Gruppe die «Meritokratie» als Selbstdeklaration verwendet: Damit wird nämlich (ganz mechanistisch gedacht) genau dasjenige Verhalten durch soziale Anerkennung belohnt, welches die soziale Wahrnehmung von «Meriten» optimiert. Diese zweckrational optimierbare Fremdwahrnehmung kann und wird selbst dann den tatsächlichen «Meriten» krass widersprechen, wenn das Wahrheitskriterium dieser Meriten selbst gar nicht zur Diskussion steht.

Doch das zitierte Manifest geht noch weiter: Es ist mitnichten nur das Verhalten einer Person, es ist auch der unabänderliche Teil des Seins einer Person wie Muttersprache, Hautfarbe oder Geschlecht, welches die soziale Wahrnehmung von Meriten determiniert: «Tatsächlich ist die Idee von anerkennenswerter Leistung niemals klar definiert; stattdessen scheint sie eine Form der Bestätigung zu sein, eine Anerkennung, dass “diese Person insofern wertvoll sei, als dass sie so sei wie ich.”» Die weitverbreitete und in der In-Group geradezu sozial erwartete Misogynie in Informatiker-Kreisen ist nur ein Aspekt von vielen.

Wer nur schon das Thematisieren dieser offen darliegenden Probleme als «Idiotär» brandmarkt, verwechselt das Faktische mit dem Normativen, hält das So-Sein von gegenwärtig manifesten Freie-Software-Ökosystemen für den Beleg gegen jedes Hätte-auch-ganz-anders-sein-Können und hat sich damit selbst der Imagination beraubt, welche die Idee von Software zur Zeit ihres Noch-nicht-Seins überhaupt erst möglich gemacht hatte.

Quellen

Feynsinn: Idiotäre von rechts bis links
http://feynsinn.org/?p=10566

Das postmeritokratische Manifest
https://postmeritocracy.org/de/

Stefan Betschon: Die im Dunkeln Pfeifen. NZZ vom 22.9.2018, S.12
https://www.nzz.ch/meinung/die-im-dunkeln-pfeifen-ld.1422140

Das Weltbild des zeitgenössischen Reaktionärs

Der generische Maskulin «des» ist dem Zusammenhang genauso inhaltlich geboten wie etwas beim im Wesentlichen identischen generischen Antideutschen: Vom Artikel «Was Amerikas Einheit untergräbt» (in der Online-Ausgabe nachträglich verschämt umgeändert in «Was Amerikas republikanisches Erbe untergräbt», die permanente URL ist so verräterisch wie Druckerschwärze auf Papier) von Jonathan Haidt in der NZZ-Wochenendausgabe vom 4.8.2018 sei hier die Rede. Der Artikel reiht sich unter Feuilleton-Chefredaktor Rene Scheu ein in die endlose Folge von inhaltlich identischen Hetzartikeln gegen die von ihnen selbst so definierte «Identitätspolitik», die an den Universitäten hegemonial um sich greife und so die Nation zu zerstören drohe. Vielleicht durch die schiere Menge der Wiederholung notwendig geworden ist aber mittlerweile eine Überdeutlichkeit des zugrundeliegenden Weltbilds, das im Narrativ einer einheitlichen, gleichzeitig verleugneten «grossen Erzählung» (Lyotard) aufscheint.

Das Narrativ hebt an mit den die universale physikalische Kosmologie allegorisch widerspiegelnden «Gründervätern Amerikas»: «Es gibt in der Physik ungefähr zwanzig Naturkonstanten (…) Diese Konstanten gelten überall in unserem Universum, aber die Möglichkeit besteht, dass manche von ihnen in anderen Universen andere Werte aufweisen. Und Forscher gewinnen zusehends den Eindruck, dass viele dieser Naturkonstanten in unserem Universum genau so kalibriert sind, dass sie die Verdichtung von Materie und die Entstehung von Leben überhaupt erst möglich machen. Manche sehen darin einen Beweis für die Existenz Gottes. Das wäre ein Gottesbild von der Art, wie Thomas Jefferson, James Madison und anderen Gründervätern Amerikas vorschwebte – ein Gott, der das Universum wie eine gigantische Präzisionsuhr erschaffen hat. Meine Auffassung ist das nicht (…)» – hebt er an und dementiert das später nur insofern, als dass er den idealisierten Gründervater, in dem er sich narzisstisch selbst spiegelt, an Gottes vakante Stelle setzt.

Die grosse Erzählung geht weiter über die Genesis des Menschen als Affe – nicht als allgemeiner Affe oder etwa als Orang Utan, sondern (natürlich ungesagt und biologisch kontrafaktisch) als Pavian mit dessen konkreten Eigenschaften, was schon Murray Bookchin in «Die Ökologie der Freiheit» aufgefallen ist. Dieser Pavian als Inbegriff des Menschen an und für sich muss mit einer von den gottgleichen Gründervätern für «alle Ewigkeit» erschaffenen Maschine im Zaum gehalten werden: «Hier setzt nun die Hypothese der Feinabstimmung an. Als tribale Primaten sind Menschen ungeeignet für ein Leben in grossen, kulturell diversen, säkularen Demokratien – es sei denn, gewisse Dinge liessen sich so präzise justieren, dass die Entwicklung eines stabilen politischen Lebens möglich ist. Genau daran scheinen die Gründerväter geglaubt zu haben. Die Verfassung war für sie jenes gigantische Uhrwerk, das – wenn es denn wirklich perfekt war – bis in alle Ewigkeit funktionieren würde».

Dieses göttliche Uhrwerk kommt in der Gegenwart ins Stottern: «Und wie steht es um die Ausbildung unserer künftigen Uhrmacher? Was würden unsere Vorfahren sagen, wenn sie unsere renommiertesten Universitäten besuchten und dort von Mikroaggressionen, «trigger warnings» und «safe spaces» hörten, wenn sie die von Konflikten, Einschüchterung und Ängsten geschwängerte Luft atmen müssten?» Mensch schaudert mitfühlend fast körperlich beim Gedanken an die kristallklare Bergluft unter dem stahlblauen Himmel der «Gründerväter» und der davon übriggebliebenen «geschwängerten», also verweibten und damit dreckigen Stickluft des gegenwärtigen konkreten Lebens.

Diese wahrgenommene weibische Degeneration wird «mit Bezug auf eine ebenfalls aus der Physik abgeleiteten Metapher dargestellt (…): die zentrifugalen und zentripetalen Kräfte». Wobei das Zentrum recht explizit im stahlblauen Himmel der Gründerväter verortet wird, die Peripherie dagegen ungesagt in der undurchsichtigen, bedrohlichen Welt da draussen (US-Jargon).

Zuallererst wird das kontrafaktisch behauptete Fehlen von aktuellen Weltkriegen bemängelt. «Amerikas Beteiligung an den zwei Weltkriegen und der darauffolgende Kalte Krieg festigten den nationalen Zusammenhalt enorm. Der Vietnamkrieg zeitigte dann andere Wirkungen; aber grundsätzlich ist Krieg die stärkste unter den bekannten zentripetalen Kräften.» Ziemlich unverhohlen werden also Ernst Jüngers «Stahlgewitter» aus dem stahlblauen Himmel herbeigesehnt.

Weiter werden monopolisierte Medien angemahnt, also genau das, was Jürgen Habermas in «Strukturwandel der Öffentlichkeit» noch als existenzielle Gefahr für eine liberale, republikanische Demokratie identifiziert hat: «Aber als Mitte des 20. Jahrhunderts das Fernsehen seinen Siegeszug antrat, erlebte Amerika etwas Aussergewöhnliches: Die Medien wurden zu einer gigantischen zentripetalen Kraft. Die Amerikaner bezogen ein Gutteil ihrer Informationen aus drei Fernseh-Netzwerken, die reguliert und auf eine ausgewogene politische Berichterstattung verpflichtet waren.» Welch schöne heile Welt der 50er-Jahre, also der goldenen McCarthy-Ära aus Donald Trumps «Make America great again»…

Weiter geht es mit dem ungesagten Slogan «Assimilation statt Integration» in Bezug auf Immigration: «Ein politisch heikler und komplizierter Punkt sind Immigration und Diversität. (…) Ökonomen scheinen sich einig zu sein, das Immigration der Wirtschaftsleistung äussert zuträglich ist. Um die Zahl amerikanischer Nobelpreisträger ebenso wie um die Vorrangstellung der USA im kulturellen Bereich und im Technologiesektor wäre es weniger gut bestellt, hätte sich das Land nicht Einwanderern aus aller Welt geöffnet.» Und: «Aber Putnams Befunde machen klar, dass diejenigen, die mehr Diversität wünschen, sich noch wesentlich intensiver darum bemühen sollten, auch die zentripetalen Kräfte zu stärken.» Der universelle Weg zu mehr «zentripetalen Kräften» wurde zuvor mit McCarthy und Stahlgewittern immerhin so eingängig charakterisiert, dass das Problem sogar Haidt selbst auffallen musste, also wird der Joker «Identitätspolitik» aus dem Ärmel gezaubert.

Dabei bedient er sich einer künstlichen Opposition: «(…) können wir zwei Ausprägungen der Identitätspolitik unterscheiden: eine gute, die auf lange Sicht als zentripetale Kraft wirkt, und eine schlechte mit gegenteiligem Effekt.» «Die damalige Bürgerrechtsbewegung war Identitätspolitik, aber ihr Ziel war, einen Fehler zu bereinigen und Amerika zu einer besseren und stärkeren Nation zu machen». Er vergisst dabei, klarzustellen, dass das «Gute» an der «guten Identitätspolitik» für ihn primär darin liegt, dass sie ausschliesslich in der Vergangenheit zu verorten ist, analog zu «toter Indianer = guter Indianer» – und so unwidersprochen auf die Haben-Seite der glorreichen Nation geschlagen werden kann: «Stellen wir nun (Martin Luther) Kings Identitätspolitik diejenige gegenüber, die heute an den Universitäten gelehrt wird – insbesondere in einer neuen Variante, die seit fünf Jahren auf dem Vormarsch ist. Sie heisst Intersektionalität» – zu seinem Leidwesen in der Gegenwart.

Also wird erneut der Pavian in Haidt herbeizitiert: «Wenn man den tribalen Primaten in uns mit solchen binären Vorstellungen füttert, wo immer eine Seite gut und die andere böse ist, dann versetzt man ihn fast automatisch in Kampfmodus». Dass die «binäre Vorstellung» der «Intersektionalität» eine dreiste Lüge ist, sieht er wenigstens gleich selbst und ergänzt in Kriegsrhetorik: «Dazu kommt der strategisch brillante Schachzug der Intersektionalität: All diese binären Unterdrückungsszenarien, so heisst es, hängen zusammen und überlappen sich.» Also: «Die Identitätspolitik von heute ist damit völlig anders als diejenige, für die Martin Luther King stand. Sie verwirft Amerika und amerikanische Werte. Sie spricht nicht von Vergebung und Versöhnung. Sie ist eine massive zentrifugale Kraft, die mittlerweile auch Mittelschulen affiziert, insbesondere die progressiven Privatschulen.»

Reaktionär glorifiziert er die dagegen guten alten Zeiten der Reaganomics: «Als ich in den 1980er Jahren in Yale studierte, wurden mir die unterschiedlichsten Instrumente an die Hand gegeben, um die Welt zu verstehen. Ich konnte sie als Utilitarier oder als Kantianer betrachten, als Freudianer oder als Behaviorist, als Informatiker oder als Humanwissenschaftler. Jeden Sachverhalt konnte ich durch vielerlei Linsen in den Blick nehmen.» So harmonisch können die «vielerlei Linsen» (US-Jargon «lenses» i.S.v. Kameraobjektive) nur zusammenwirken, wenn das betrachtende Subjekt sich als überlegener neutraler Beobachter halluziniert, der sich dieser im fototechnischen Sinne austauschbaren Objektive rein instrumentell bedient. In diesem homogenen technizistischen Weltbild können keine Aporien existieren, keine Antagonismen, ist keine Erkenntnis möglich, welche das Subjekt selbst verändert, und schon gar nicht die politische Verfasstheit der Gesellschaft, die ja explizit und im engen Wortsinne reaktionär als ein von den Gründervätern-Göttern perfekt und für alle Ewigkeit geschaffenes Uhrwerk halluziniert wird. Selbstredend, dass in seinem als umfangreich präsentierten Objektiv-Patronengürtel «als Marxist sehen» logisch zwingend fehlten muss – und er schliesst folgerichtig: «Noch haben wir die Chance, eine Generation aufzuziehen, die mit dem kostbaren Uhrwerk umzugehen weiss».

Quelle:

Jonathan Haidt: Was Amerikas Einheit untergräbt. NZZ vom 4. August 2018, S.42:
https://www.nzz.ch/feuilleton/was-amerikas-einheit-untergraebt-ld.1407532



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